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Politikerfrauen

Der raue Charme Russlands

Lenin war verheiratet? Stalins Frau beging Selbstmord? Und wer war noch mal Frau Putin? Über sowjetische First Ladies weiß die Welt herzlich wenig - kein Wunder, sie waren keine Carla Brunis oder Jacky Kennedys. Mit ein paar bemerkenswerten Ausnahmen.

CORBIS
Von
Montag, 16.02.2009   07:50 Uhr

Die Leser des "Kommersant" staunten nicht schlecht, als sie Anfang Dezember 2008 die Hochglanzbeilage der russischen Tageszeitung betrachteten: Auf der Titelseite lächelte ihnen eine elegant frisierte Präsidentengattin Swetlana Medwedewa entgegen, am Handgelenk - farblich hervorgehoben - eine Uhr der schweizerischen Edelmarke Breguet. War das die gleiche Politikergattin, die der russische Fernsehzuschauer sonst nur mit Kopftuch beim Beten in der Kirche sieht? In russischen Blogs wurde sofort wild über das "Covergirl Swetlana" spekuliert: Hat die russische First Lady möglicherweise einen Werbevertrag mit dem Uhrenhersteller?

Bei so manchem Leser wurden Erinnerungen wach an eine andere russische First Lady, die mit ihrem selbstbewussten Auftreten ihrem Mann im Ausland zwar Pluspunkte brachte, von den Russen aber misstrauisch beäugt wurde: Raissa Gorbatschowa, Frau des letzten sowjetischen Generalsekretärs Michail Gorbatschow. "Wir besprechen alles", gab Gorbatschow damals gegenüber einem amerikanischen Fernsehsender zu und meinte damit auch die hohe Politik.

Das gefiel den Russen nicht: Seit den Tagen von Nadjeschda Krupskaja, Gattin von Revolutionsführer Lenin, waren Frauen in der russischen Politik praktisch bedeutungslos gewesen. Über die familiären Verhältnisse ihrer Generalsekretäre wussten die Russen schon gar nichts. "Lange Zeit lag auf dem Thema der Ehefrauen unserer Führer ein inoffizielles Verbot", sagt Tamara Kasakowa, eine der Historikerinnen, die 2007 die Ausstellung "Die First Ladys Russlands im 20. Jahrhundert" konzipierte. Heute kann man in Büchern und im Internet alles nachlesen: Über die ersten, zweiten und dritten Ehefrauen der ehemaligen Staatsoberhäupter. Die Deutungshoheit über die aktuellen Präsidenten- und Premiersgattinnen lässt das Staatsfernsehen sich aber immer noch nicht nehmen.

Babuschka gegen Jackie Kennedy

Nadescha, die Frau an Lenins Seite, 1869 in St. Petersburg geboren, war zweifellos die schillerndste "First Lady" der sowjetischen Geschichte, auch wenn dieser Begriff damals noch nicht existierte: Als die 25-Jährige 1894 Wladimir Iljitsch Uljanow traf, den späteren Lenin, war sie schon eine emanzipierte Marxistin, die Petersburger Arbeitern die Vorzüge des Kommunismus erklärte - wofür sie wenig später ins Gefängnis wanderte. Später folgte sie Lenin ins Münchner Exil. Die Oktoberrevolution katapultierte sie 1917 auf einen hohen Posten im Bildungsministerium, wo sie das sowjetische Schulsystem mitbegründete. Nach dem Tod Lenins bootete Stalin sie allerdings mehr und mehr aus.

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Politikerfrauen: Der raue Charme Russlands

Über ihre Namensvetterin Nadeschda Allilujewa, Ehefrau des Diktators Stalin, wurde praktisch gar nichts bekannt: Ihren tragischen Selbstmord erwähnte das offizielle Parteiorgan "Prawda" 1931 lediglich mit einer Randnotiz. Nina Chruschtschowa dagegen fuhr zwar immerhin mit ihrem Mann Nikita (Generalsekretär der KPdSU von 1953 bis 1964) durch die Welt, entsprach aber in ihren Blümchenkleidern eher dem Stereotyp einer russischen Babuschka als einer First Lady - erst recht im Vergleich zur Kennedy-Gattin Jackie. "Ich bin nicht bedeutend genug, Fragen zu beantworten", sagte Nina Chruschtschowa einmal zu ausländischen Journalisten, "und in meinem Lande ist es nicht üblich, über die Ehefrauen offizieller Persönlichkeiten zu schreiben." Dann holte sie Fotos ihrer Enkelkinder hervor.

Die Nachfolgerin Nina Chruschtschowas auf dem Posten der First Soviet Lady war Viktoria Breschnewa, die sich während der 18-jährigen Regierungszeit ihres Ehemannes Leonid durch ihre völlige Abwesenheit in der Öffentlichkeit auszeichnete. Und so konnte der Kontrast krasser nicht sein, als nach zwei kurzlebigen Generalsekretären Michail Gorbatschow die Führung der Kommunistischen Partei übernahm - mit der rassigen Raissa an seiner Seite.

Kalinka und Petersburger Schlittenfahrt

Als "Geheimwaffe des Kreml" bezeichnete sie der "Figaro"; auch der SPIEGEL widmete der Gorbatschowa im November 1985, wenige Monate nach Amtsantritt ihres Gatten, eine Titelgeschichte, in der die studierte Philosophin enthusiastisch gefeiert wurde: "Ihr Antlitz verbirgt nichts Böses, strahlt jene Wärme aus, die an das Volkslied von Kalinka, an Petersburger Schlittenfahrten und ans Bolschoi denken lässt", heißt es da.

Die Sowjetbürger sahen Raissa an der Seite ihres Mannes durch die Welt reisen und freuten sich darüber, dass sie Nancy Reagan, die Ehefrau des ungeliebten US-Präsidenten, in Sachen Intelligenz, Charme und Eleganz mühelos ausstach. Übel nahmen sie ihr dagegen den großen Einfluss auf die Politik ihres Ehemannes - und ihre offen zur Schau getragene Liebe zu Luxusartikeln, während zu Hause die Wirtschaft zusammenbrach.

Dann kollabierte die Sowjetunion, und die Politikerehefrauen des neuen Russlands brachten das alte Muster zurück: Sowohl Naina Jelzina, Ehefrau von Boris Jelzin (Präsident bis 1999) als auch Wladimir Putins Frau Ljudmila würden irgendwann an Kalinka oder die Petersburger Schlittenfahrten erinnern. Besonders Ljudmila Putin wirkt farblos und bieder, tritt selten in Erscheinung und versucht mit allen Mitteln den Eindruck zu vermeiden, dass sie ihren Mann beeinflussen könnte. Wenn er abends nach Hause komme und sein Glas Buttermilch bekommen habe, sei er zwar durchaus bereit, über aktuelle Tagesereignisse zu sprechen, sagte sie 2005 in einem seltenen Interview. Und sie fügte hinzu: "Aber eine Frage über irgendwelche Pläne bezüglich seiner Arbeit zu stellen - das ist natürlich sinnlos." Lieber beschäftigt sich Ljudmila mit der Erziehung ihrer Kinder und beispielsweise einer Kampagne gegen Schimpfworte in der russischen Sprache.

Retouchierter Luder-Look

Erst mit Swetlana Medwedewa weht nun wieder ein Hauch Raissa durch die Hallen des Kreml: Zwar bemüht sich das Staatsfernsehen, sie den Russen als keusch und ernsthaft zu verkaufen: So weiß der aufmerksame Staatsfernsehzuschauer, dass ihr die orthodoxe Kirche schon mehrere Orden verliehen hat und dass sie das von der Kirche initiierte Programm "Die geistig-moralische Kultur der heranwachsenden Generation Russlands" leitet. Außerhalb des offiziellen russischen Fernsehbildes - und außerhalb von Kirchen - strahlt die 43 Jahre alte Präsidentengattin und studierte Ökonomin jedoch Lebensfreude und Vitalität aus. Moskauer Zeitungen schreiben, dass man sie öfter auf Promi-Partys und Modenschauen sieht als auf offiziellen Empfängen.

Die "Komsomolskaja Prawda" veröffentlichte sogar ein Foto, auf dem die Präsidentengattin ausgelassen tanzt. Zu ihren Freunden zählen neben Musikstars der Modemacher Walentin Judaschkin, von dem sie sich auch einkleiden lässt - im Stil von Jackie Kennedy. Einen Uhren-Werbevertrag hat Swetlana übrigens nicht: Für die Titelseite bearbeitete der "Kommersant" ein Foto, das Swetlana bei einem offiziellen Empfang zeigte. Allerdings so, dass ihr etwas durchsichtiges Dekolleté ein wenig undurchsichtiger wurde. Das habe mit beruflicher Ethik zu tun, erklärte der verantwortliche Art-Director.

insgesamt 1 Beitrag
Solnzevo Wolkow 16.02.2009
1.
Nun ja, innerhalb der SU war immerhin Breshnews Tochter Galina sehr um offentliche Aufmerksamkeit und das Zeigen von Luxus bemüht. Keine first Lady aber eine sehr verwöhnte Tochter!
Nun ja, innerhalb der SU war immerhin Breshnews Tochter Galina sehr um offentliche Aufmerksamkeit und das Zeigen von Luxus bemüht. Keine first Lady aber eine sehr verwöhnte Tochter!

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