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einestages

Profi-Fußball in den Achtzigern

Lebertraining am "Schlucksee"

Sie trugen Schnauzer, prägten mit ihren Frisuren den Begriff Kickermatte und torkelten durchs Nachtleben: Bundesliga-Profis in den Achtzigern waren legendär - besonders außerhalb der Fußballstadien. Tim Sohr vermisst die Zeit, als Super Mario, Effe und Co. noch für richtige Schlagzeilen sorgten.

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Samstag, 19.04.2008   14:34 Uhr

Ja sicher, die Bundesliga ist gesund wie nie zuvor. Proppevolle Stadien, alle Jahre wieder spannende Meisterschafts- und Abstiegsentscheidungen, internationale Stars aus Frankreich, Brasilien und neuerdings sogar Italien geben sich in den "modernsten Stadien der Welt" die Ehre. Eine tolle Sache. Und über den zwischenzeitlich sechsten Platz in der Fünfjahreswertung - hinter Rumänien! - schauen wir unter diesen Umständen gerne gönnerhaft hinweg.

Trotzdem werden in schöner Regelmäßigkeit Zuschauerrekorde gebrochen, jede Saison aufs Neue. Aber was hat das schon zu bedeuten? Aalglatte Popmusik verkauft sich auch wie geschnitten Brot, bleibt aber trotzdem Sch.... Man hat in seinem Leben genug "Bild", "Express", "B.Z." und "MoPo" gelesen, um die gute alte Frage ganz unkompliziert zu formulieren: Wo sind sie bloß geblieben - die "Typen"?

Früher, da war doch alles noch ganz anders!

Sauf- und Pokerexzesse anno 1980

Früher, da hatten die Profis der Fußball-Bundesliga Sündenregister, die noch länger waren als ihre Vokuhila-Matten. Und viele von ihnen torkelten bisweilen durchs bundesdeutsche Nachtleben noch dichter als ihre Oberlippenbärte. Nicht selten schienen Trainer wie Udo Lattek die Anzahl der Umdrehungen vorzugeben. Was waren das für Zeiten in den Achtzigern, sogar noch in den Neunzigern! Das Trainingslager vor der für Deutschland wenig rühmlichen WM 1982 am Schluchsee im Schwarzwald bekam den Spitznamen "Schlucksee" verpasst. Zu Recht, schenkt man den Legenden Glauben.

Lothar Matthäus erinnerte sich kürzlich im Magazin "11 Freunde" amüsiert daran, dass er damals - 20-jährig und ganz der Ehrgeizling, der er auch noch mit 40 war - neben den Förster-Brüdern und Hans-Peter Briegel der Einzige war, der zum morgendlichen Waldlauf erschien. Für Sauf- und Pokerexzesse war der Raumausstatter damals noch zu grün hinter den Ohren.

Großes Proletarier-Entertainment

Vier Jahre später war wieder WM. In Mexiko ließ sich Uli Stein süffisant über seine Kaderkollegen und ihre Puffbesuche aus - bevor er nach Hause geschickt wurde, weil er den Unantastbaren, Franz B. aus M., seines Zeichens sein Bundestrainer, als "Suppenkasper" bezeichnet hatte.

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Bundesliga in den Achtzigern: Mit Vokuhila und Schnauzer

Ein Jahr später sorgte Stein für einen weiteren Klassiker der damaligen Bundesliga, die man, nicht nur aufgrund der zu dieser Zeit noch nicht gefallenen Berliner Mauer, getrost als "Wilden Westen" bezeichnen konnte: Stein schlug Jürgen "Kobra" Wegmann mit der Faust ins Gesicht, als dieser in seinen Fünfmeterraum einzudringen versuchte.

Es waren herrliche Zeiten! Wolfram Wuttke stellte ausdauernd den Röcken der Minibarfrauen seiner wechselnden Hotels nach. Uli Borowka trat alles um, was nicht bei drei auf dem Baum war, und fand neben seiner Zweitkarriere als alkoholisierte Pistensau sogar noch die Zeit, mit der Bremer Punkband "Dimple Minds" den Song "Barfuss oder Lackschuh" aufzunehmen. Großes Proletarier-Entertainment!

Dafür war auch Mario Basler, kettenrauchender Pepita-Hut-Träger, immer gut.

Die "letzten Männer" in der "letzten Männerbastion Fußball"

Super Mario zeigte sich am schlagkräftigsten im Verbund mit Sven Scheuer, nachts in italienischen Kaschemmen. Oder der unvermeidliche Stefan Effenberg: Bildete in frühen Gladbacher Tagen zunächst mit Jörg Neun ein berüchtigtes Duo, ehe er seine maskuline Wild- und Weisheit in die große weite Welt hinaustrug. Über Florenz bis nach Amerika, wo ein gepflogenes Element Effenberg'scher Zeichensprache für seinen frühzeitigen Exodus aus dem DFB-Team sorgte. Legendär, kein Zweifel.

Ein weiterer Liebling aus der Riege der "letzten Männer" in der "letzten Männerbastion Fußball" war Torsten Legat, der sich im verletzten Bein "zum Glück nur eine Struktur" zuzog und - lange vor "Google Maps" - für die einprägsamsten Wegbeschreibungen jenseits handelsüblicher Kompasse sorgte. Auf die Frage, wie er zum Bodybuilding gekommen sei, verkündete er: "Immer die Castroper Straße rauf."

Und heutzutage? Es ist ein Trauerspiel. Von der geifernden Medienmeute komplett ausgeleuchtet, werden noch die kleinsten Nichtigkeiten monumental aufgebauscht. Da wird eine Alkoholfahrt von Ernst Middendorp zum handfesten Skandal. Mehr Glamour ist nicht drin.

Der Profizirkus braucht "Roggnroggnroll"

"Früher war alles besser, früher war alles gut" heißt es im "Wort zum Sonntag", einem Klassiker der Düsseldorfer Rockband "Die Toten Hosen" aus ebenso längst vergangenen Zeiten. Und: "Ich bin noch keine 60, und ich bin auch nicht nah dran / Und erst dann werde ich erzählen, was früher einmal war."

Ganz so weit muss die historische Verklärung ja gar nicht gehen. Aber ein bisschen mehr "Roggnroggnroll" (Bernd Stromberg) könnte dem Profizirkus des neuen Jahrtausends wahrlich nicht schaden. Es ist Zeit für einen "Schlucksee 2.0", nicht nur, weil die immer näher rückende Europameisterschaft zur Hälfte in Österreich ausgetragen wird.

Es muss ja nicht gleich ganz so exzessiv werden wie damals, bei der WM 74 in Deutschland zum Beispiel. Da rauchten die jugoslawischen Spieler während einer Autogrammstunde eine Zigarette nach der anderen, und das Fernsehen durfte alles mitfilmen. Die Mönchskutte könnte das Gros der Herren Fußballprofis dennoch ganz getrost endlich ablegen. Mönche leben heutzutage ja ohnehin recht gefährlich.

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