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einestages

"radix-Blätter" der DDR-Opposition

Und die Stasi bekam nichts mit

In einer Ost-Berliner Wohnung lief immerzu die Druckmaschine - Stephan Bickhardt und seine Mitstreiter schufen mit den "radix-Blättern" eine Gegenöffentlichkeit in der DDR. Ihre Tarnung war clever.

privat
Von
Montag, 17.06.2019   14:57 Uhr

Sein Vorhaben hätten andere für komplett verrückt gehalten. Deshalb redete Stephan Bickhardt, damals 26 und Student, nur mit denen, die er für potenzielle Mitkämpfer hielt: allen voran Ludwig Mehlhorn. Gemeinsam mit dem Ost-Berliner Mathematiker wollte Bickhardt 1986 einen Untergrundverlag in Ost-Berlin gründen, um in der DDR endlich eine Gegenöffentlichkeit zu schaffen.

Er kannte die Gefahr, jahrelang im Gefängnis zu landen. Aber Bickhardt hatte das Warten auf bessere Zeiten einfach satt. Sein Plan ging tatsächlich auf. Am Ende waren es eine Million Seiten, die in den letzten vier Jahren der DDR in einer geheimen Kammer hinter dem Schlafzimmer seiner Eltern in Berlin-Mahlsdorf entstanden. Drei mit zehn Ost-Mark Stundenlohn quasi festangestellte Drucker stellten sie her - ohne dass die Stasi auch nur eine leise Ahnung davon bekam, wie und wo das alles geschah.

Auf einer einfachen Wachsmatritzen-Maschine wurde mehr als ein Dutzend Publikationen gedruckt. In den "radix-Blättern" konnten 139 Autoren aus vielen DDR-Städten Texte zu den brennenden Fragen der Zeit veröffentlichen, nicht etwa anonym, sondern unter ihren vollen Namen. Manche Hefte hatten mit 130 Seiten fast Buchstärke und eine Auflage von meist 1000 bis 3000 Exemplaren. Ihr Einfluss nahm zu. "Neues Handeln" - so ein Titel zu Pfingsten 1988 - brachte mit Texten über die Wahlen in der DDR einen Stein ins Rollen, bis schließlich die Wahlfälschung vom 7. Mai 1989 nachgewiesen wurde.

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"radix-Blätter": Das Netzwerk der Ost-Opposition

Die wachsende Gruppe um Bickhardt und Mehlhorn wollte die aufmüpfigen Geister in der staatsunabhängigen Kunstszene, die politische Opposition und die kirchlichen Umwelt- und Friedensgruppen zusammenbringen. So entstand 1986 das erste Heft unter dem Titel "Schattenverschlüsse. Zu Paul Celan".

Über den Lyriker Celan thematisierten sie im Jahr des Reaktorunglücks von Tschernobyl die Gefahren des Atomzeitalters, ebenso die mangelnde Verarbeitung des Faschismus in der DDR. Hefte mit Titeln wie "Spuren", "Wohnsinn" und "Atem" folgten. Das "Oder"-Heft enthielt zahlreiche Texte aus Polen und zeigte eine symbolische Solidarnosc-Fahne provokatorisch auf dem Titelblatt.

Druckmaschine von einem Grünen geschmuggelt

"Radix"-Autor Wolfgang Templin trat im Heft "Spuren" dafür ein, dass die Gruppen an der Basis politischer werden sollten im Sinne einer "Politik von unten". Es gehe darum, "endlich Ängste abzubauen und Andere zu unterstützen auf dem langen Weg des gemeinsamen Widerstandes". Man dürfe nicht länger ständig auf die Reaktionen der Herrschenden schielen oder gar um deren Gunst buhlen. Die Regierenden bräuchten "den mündigen, selbstbewussten Bürger als Gegenüber".

Templin ging es um eine "solidarische und demokratische Gesellschaft, die den Raubbau an den natürlichen Grundlagen menschlichen Lebens und der eigenen Menschennatur verwirft und die mitmenschliche Verantwortung nicht an der Grenze des eigenen Landes oder Kontinents halt machen lässt". Die "Radix"-Macher bekamen öfter Besuch von den Grünen-Mitgründern Petra Kelly und Lukas Beckmann. Die wichtigste Druckmaschine hatte Heinz Suhr, Sprecher der ersten Bundestagsfraktion, dank seines Diplomatenpasses über die Grenze geschmuggelt.

Erstaunlich ist die offene politische Radikalität in den "radix-blättern". So steht in der "Spuren"-Ausgabe von 1988 klipp und klar:

"Für uns in der DDR ist die Durchsetzung folgender Rechte eine wichtige Aufgabe:
Recht auf freie Meinungsäußerung, Recht auf freie Information, Recht auf Freizügigkeit, Recht auf uneingeschränkte Reisefreiheit, Recht auf Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit, Chancengleichheit in der Bildung, unabhängig von Religion und Weltanschauung."

Als 1986 der 25. Jahrestag des Mauerbaus anstand, startete Ludwig Mehlhorn eine Initiative gegen die Systemabgrenzung der DDR, auch von Osteuropa und den dort einsetzenden Reformen. Als negative Folgen neben der mangelnden Reisefreiheit nannte er: "Erkrankung des gesellschaftlichen Lebens, Isolation der nachwachsenden Generation von ihrer internationalen Mitwelt, Nährboden für Feind- und Zerrbilder, Enge des Alltagslebens, Verhinderung der Vertrauensbildung."

Hinterzimmer-Druck auf Hochtouren

Dazu wurde immer mehr gedruckt, "Neues Handeln" zu Pfingsten 1988 sogar in einer Auflage von gut 25.000. Die Gruppe schaffte es, zur "Abgrenzung" und zu den Folgen der Mauer eine Debatte im ganzen evangelischen Kirchenbund loszutreten, an die sich die meisten frommen Kirchenfunktionäre nicht wagten.

1988/89 produzierte die Druckerei in der Mietwohnung von Charlotte und Peter Bickhardt auf Hochtouren. Die drei von den Heftverkäufen bezahlten Drucker arbeiteten dort schwarz, teils ganztags. Einen offiziellen, sozialversicherungspflichtigen Job hatten sie woanders - bei der evangelischen Kirche.

Preisabfragezeitpunkt:
12.06.2019, 12:59 Uhr
Ohne Gewähr

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Peter Wensierski
Fenster zur Freiheit: Die radix-blätter. Untergrundverlag und -druckerei der DDR-Opposition

Verlag:
Mitteldeutscher Verlag
Seiten:
240
Preis:
EUR 20,00

Die heimliche Druckwerkstatt war perfekt getarnt. Wer von den vielen Beteiligten für die radix-blätter tippte, zusammenlegen half oder auf Anfrage Beiträge schrieb, fragte nicht nach den Details der Herstellung. Allein Stephan Bickhardt hatte Zugang zu allen drei "Abteilungen" des Verlags. Er organisierte die Redaktionsarbeit mit den Autoren und die verdeckte Produktion vom Druck bis zum Binden der Hefte. Relativ offen dagegen wurde in Wohnungen über die Themenplanung debattiert.

Die fertigen "radix-Blätter" waren ein brisantes, illegales Untergrunderzeugnis und mussten schnell vertrieben werden. Die Autoren bekamen sie sofort zum Verteilen im Bekanntenkreis, manche Exemplare wurden mit der Post verschickt, und Freunde der Gruppe kamen aus anderen Städten, um Hefte in Berlin abzuholen und in ihrer Region zu verteilen.

Die Stasi konnte die Macher nicht stoppen

Vor allem aber gab es jede Menge Veranstaltungen im Kirchenumfeld. Dort machten die Verleger - offiziell als Kirchengruppe angemeldet - einen eigenen Büchertisch oder legten die "radix-blätter" einfach offen aus, nebst Spendendose mit der Aufschrift "Zur Unterstützung unserer Arbeit". Für die Ausgaben wurden fünf bis zehn Mark als Spende erbeten, für das literarisch-künstlerisch aufwendig gestaltete "Atem" ausnahmsweise 20 Mark. Davon wurde alles bezahlt: Benzin, Drucker, Papier, Porto, auch Fahrgeld.

Bis zum Ende der DDR fand die Stasi nichts über die Herstellung der "radix-blätter" heraus, konnte sie nicht stoppen. Man verhaftete oder verhörte auch niemanden der namentlich bekannten Autoren.

Jedes gedruckte "radix"-Heft erhielt einen anderen - eher unauffälligen - Titel. Denn auf periodische Publikationen reagierten Staat, Partei und Geheimdienst empfindlicher als auf Einzelhefte mit wechselndem Autorenkreis. Zwar waren viele Beteiligte der Stasi schon als "feindlich-negative Personen" aufgefallen und erfasst worden, standen jedoch nicht unter Dauerbeobachtung und wurden nur temporär beschattet.

"Nicht zu übersehen ist der intellektuelle Aufwand"

Auch ein Apparat wie die Stasi könne sich verzetteln, so Stephan Bickhardt: "Ich habe immer gesagt, man müsse versuchen, Unübersichtlichkeit in der DDR herzustellen. Möglichst viele Aktivitäten gleichzeitig und ohne erkennbare Struktur."

Die letzte direkte Stasi-Einschätzung zu den "radix"-Publikationen ist vom 18. August 1989, knapp zwei Monate vor dem Mauerfall. Die Hauptabteilung XX/7 äußerte sich beinah anerkennend über die Herausgeber und Autoren:

"Nicht zu übersehen ist der intellektuelle Aufwand, das heißt die Nutzung von wissenschaftlichen oder wissenschaftlich verbrämten 'Beweisen' für Nichthumanität gegenüber Gesellschaft und Natur in der DDR. Die Methode der Publikationsmacher ist: 'Bereitstellung unmittelbar argumentativen Materials für den Gruppen- und Öffentlichkeitsgebrauch', denn das Heft laufe hinaus auf eine:

Die Stasi-Berichte über die "radix-blätter" brachen damit ab. All diese Punkte wurden durch die folgende politische Entwicklung 1989 zur Realität. Stephan Bickhardt und Ludwig Mehlhorn gründeten nur einen Monat nach dieser Einschätzung die Gruppe "Demokratie jetzt". Sie ging nach dem Ende der DDR in "Bündnis 90/Die Grünen"auf.

Ausstellungshinweis

Eine mobile Ausstellung über die radix-blätter und ihre Macher ist bis Ende Oktober 2019 an wechselnden Originalschauplätzen in Berlin zu sehen
insgesamt 13 Beiträge
Björn Bahlow 17.06.2019
1. wurde nicht nachverfolgt?
Wenn da Dosen standen, mussten die doch irgendwann von irgendwem abgeholt werden, oder? Der Stasi ist sonst alles gelungen aber einen einzelnen Menschen als Überwachungsobjekt dort irgendwo versteckt unterzubringen, nicht? Klingt [...]
Wenn da Dosen standen, mussten die doch irgendwann von irgendwem abgeholt werden, oder? Der Stasi ist sonst alles gelungen aber einen einzelnen Menschen als Überwachungsobjekt dort irgendwo versteckt unterzubringen, nicht? Klingt sehr seltsam
Annaluisa Dorsten 17.06.2019
2. Kaum zu glauben.
Wo haben die in der Staatswirtschaft der DDR das Schreibmaschinenpapier her bekommen? Für Ihre Wachsmatrizenmaschine brauchten die für jede Ausgabe ca. 100.000 Blatt DIN-4 Papier. Das sind 200 Riese, also ca. 12 Zentner Papier. [...]
Wo haben die in der Staatswirtschaft der DDR das Schreibmaschinenpapier her bekommen? Für Ihre Wachsmatrizenmaschine brauchten die für jede Ausgabe ca. 100.000 Blatt DIN-4 Papier. Das sind 200 Riese, also ca. 12 Zentner Papier. Die konnte man nicht als Diplomatengepäck schmuggeln. Wer mehr als 100 Blatt Papier kaufen wollte, musste einen Antrag stellen. Der Besitz von Schreibmaschinen war verboten. Wer Kohlepapier privat kaufte, machte sich verdächtig.
Arno Wolff 17.06.2019
3. Der Besitz von einer Schreibmaschine war in der DDR nicht verboten!
Frau Dorsten, woher haben sie dass denn ?!? :D Ich hatte eine Schreibmaschine, und kannte 'n Haufen Leute die auch eine hatten! Auch die ersten Home-PCs waren im Osten weder illegal noch "Westliches Wunderwerk". Es [...]
Frau Dorsten, woher haben sie dass denn ?!? :D Ich hatte eine Schreibmaschine, und kannte 'n Haufen Leute die auch eine hatten! Auch die ersten Home-PCs waren im Osten weder illegal noch "Westliches Wunderwerk". Es wurden sogar eigene PCs produziert ... Papier wurde wahrscheinlich in irgend einem Volkseigenem Betrieb über persönliche Kontakte "organisiert", z.B. im Tauschhandel gegen begehrte westliche Konsumgüter, oder gleich gegen D-Mark. Da gab's dann mal im VEB ein paar Paletten Papier weniger, und die Auflage war gesichert. Ich hab im Osten Kunst-Plakate via Siebdruck gedruckt, jedes Plakat war Handarbeit, aber anders ging es nicht ...
Dieter Lange 17.06.2019
4. #2
Sind das Geheimnisse aus dem Erkenntnisschatz unseres Großregisseurs Florian von und zu Dingsbums. In meinem Bekannten- bzw. Freundeskreis gab es mehrere Schreibmaschinen, auch meine Mutter verfügte ein derartiges Gerät. Und [...]
Sind das Geheimnisse aus dem Erkenntnisschatz unseres Großregisseurs Florian von und zu Dingsbums. In meinem Bekannten- bzw. Freundeskreis gab es mehrere Schreibmaschinen, auch meine Mutter verfügte ein derartiges Gerät. Und notfalls ließ es sich einrichten, im eigenen Betrieb an eine Schreibmaschine heranzukommen. Problematischer war es mit dem Kopieren, an ein Rank-Xerox war ganz schwierig heranzukommen, es gab auch nicht sehr viele. Alternativen boten Thermokopierer oder auch Fotokopien. Erstere hatten nur eine begrenzte Haltbarkeitsdauer, Fotokopien waren ziemlich arbeitsaufwendig. Das dafür erforderliche Dokumentenpapier bekam man in jeder Drogerie. Auch in Leipzig kursierten einige Samisdat-Hefte, zumeist als Kunstpublikationen getarnt. Hier gab es u.a. Beiträge von Vaclav Havel und Pavel Kohout. bg Dieter Lange
Max Marius 17.06.2019
5. Schreibmaschine und Papier?
Allein in unserer Familie gab es mehrere Schreibmaschinen. Vom Vorkriegsmodell bis zur Elektronischen. Die waren bei uns Kindern ein beliebtes Spielzeug. Papier und Schreibhefte wurden, neben Wurst und Fleisch, sogar von [...]
Allein in unserer Familie gab es mehrere Schreibmaschinen. Vom Vorkriegsmodell bis zur Elektronischen. Die waren bei uns Kindern ein beliebtes Spielzeug. Papier und Schreibhefte wurden, neben Wurst und Fleisch, sogar von Westbesuchen gekauft und mit nach Hause genommen. Und wenn die Drucker bei der Kirche angestellt waren lies sich darüber sicherlich auch eine größere Menge Papier in unverdächtigen Teilmengen organisieren.

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