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Schauspieler Klaus Kinski

"Ich sterbe niemals!"

Vor allem Schurkenrollen machten Klaus Kinski zu einem der wenigen deutschen Weltstars des Kinos. Sein Größenwahn ist legendär, mit Tobsucht und Übergriffen tyrannisierte er auch seine Familie.

action press
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Mittwoch, 23.01.2019   12:54 Uhr

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Das Haus in der Münchner Martiusstraße ist mit Stuck und Erkern verziert. Im Treppenhaus und den Wohnungen knarrt das uralte Parkett unheimlich, als würde es von seinem berühmten Vormieter erzählen. Früher residierte hier Klaus Kinski, sicher der verrückteste deutsche Star der Nachkriegszeit. Heute beherbergt seine alte Wohnung eine Praxis für Psychotherapie.

Kurz vor seinem Tod wollte er sich ein Schiff bauen für eine finale Weltenflucht. Auf 72 Seiten seines Nachlasses notierte Kinski haargenau, was ihm noch fehlte, die Materialien und Proviant, einen Bauplan. Für seine Arche Kinski. Vorher schrieb er einen letzten Brief an seinen Sohn: "Wenn Dir jemand sagt, ich sei tot, glaube es nicht... Ich bin der Regen und das Feuer, das Meer und der Wirbelsturm. Sei nicht traurig. Ich sterbe niemals."

Ende November 1991 starb er dann doch. Ein weiterer Infarkt, sein Herz war schon vernarbt von mehreren unbehandelten Infarkten. Ein Grab wollte Kinski nicht. Sein letzter Wille: "Verstreut meine Asche unter der Golden Gate Bridge!"

"Er war ein Tyrann"

Klaus Kinski war einer der wenigen deutschen Weltstars, ein Schauspieler mit vielen genialischen Momenten. Er war auch ein Wahnsinniger - und ein Widerling, der offenbar die eigene Tochter über ein Jahrzehnt sexuell missbraucht hat. Das offenbarte Pola Kinski erst 2013.

In ihrer Autobiografie "Kindermund" schildert Kinskis älteste Tochter eine Jugend wie in einem besonders finsteren Grimmschen Märchen, ihren Vater als Scheusal, das sich schon am kleinen Mädchen verging. Das Buch ist eine Anklage gegen Klaus Kinskis körperliche wie seelische Übergriffe. "Er war ein Tyrann", sagte danach auch Pola Kinskis Halbschwester Nastassja Kinski. Sie habe "fürchterliche Angst" gehabt, wegen seiner Tobsucht und Annäherungsversuche. Ihr Vater habe sie zwar nicht vergewaltigt, aber "viel zu sehr angefasst".

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Klaus Kinski: Der Berserker der Filmwelt

Nicht nur seine Filme, auch Klaus Kinskis öffentliche Auftritte wirkten wie ein großes Schauspiel. Als ewiges Enfant terrible hatte er Narrenfreiheit. Jahrzehntelang sah die Öffentlichkeit gebannt zu, mal amüsiert staunend, mal erschrocken schaudernd: Ist das real? Ist dieser Egomane wirklich so aufbrausend und unberechenbar, oder inszeniert er das nur zur Selbstvermarktung?

Heute scheint klar: Sein Zorn war echt. Er hat immer gebrannt. Seine ganze Kunst war es, zu brennen. "Ich spiele nicht! Ich bin es!", brüllte Kinski einmal, als ihn wieder ein Journalist fragte, wie er denn diese oder jene Rolle angelegt habe.

Der Mann aus Zoppot nahe Danzig, geboren 1926 als Klaus Günter Karl Nakszynski, bot allen Facetten von Schauspielkunst eine Leinwand. Seine viel zu großen Augen, so schrieben schon seine ersten Kritiker, seien von einer "berückenden Kindlichkeit und wohnten in einem uralten Gesicht". Dem breiten deutschen Publikum war er oft nur der Quartalsirre oder Kotzbrocken. Doch die Größten der Branche huldigten ihm. Bruno Ganz etwa drehte mit Kinski "Nosferatu" und erinnert sich in Christian Davids Kinski-Biografie, wie er "die Krone aufhatte. Er war in seiner Art von mondänem Star-Sein angekommen".

Wetteifern um den irrsten Blick

Eva Mattes schwärmte von "einem der professionellsten Drehpartner", die sie je hatte. Und Joachim Fuchsberger sagte über seinen alten Freund und Partner in den Edgar-Wallace-Filmen: "Er war so intelligent zu wissen, dass man das Irresein von ihm erwartet. Er hat dem Affen Zucker gegeben." Natürlich äußerten sich diese Kollegen allesamt so, bevor der Skandal bekannt wurde. Allerdings hatte Kinski seine inzestuösen Umtriebe schon 1975 in seinen verfrühten Memoiren bekannt. Damals traute man ihm alles zu - aber glaubte ihm wenig.

Mit Harald Juhnke besuchte er einst die Schauspielschule von Marlise Ludwig in Berlin. Vor einem großen Spiegel wetteiferten sie, wer irrer schauen konnte. Beide probten "Romeo und Julia", Kinski gab den weiblichen Part. Juhnke erinnerte sich an diesen "Krokodilblick, mit dem er die Umwelt vereinnahmte oder abstieß. Ich wirkte wortlos und leise neben ihm. Er verströmte Barrikadenluft".

Kinski hatte kein Maß. Auch nie ein Mittelmaß. Der einzige Maßstab, den er gelten ließ, war er selbst. Er war Narzisst und Großmund. Er spielte besessen, ob als Woyzeck oder Nosferatu, in "Fitzcarraldo" oder Spaghetti-Western. Emsig arbeitete er an seiner Unsterblichkeit. Weil ihm die hymnischen Kritiken nicht reichten, tippte er als junger Mann selbst Rezensionen mit Durchschlag ("Kinski besitzt erhabene schauspielerische Magie. Eine Flamme, die aus sich selbst brennt") und schickte den Zeitungen teuer produzierte Starporträts gleich mit. Am Ende ließ er Briefpapier mit dem Konterfei seiner vorletzten Rolle drucken - er als Paganini-Schattenriss, daneben ein Kitschherz.

Viele Briefe schickte er an sein meistgeliebtes Kind Nikolai, der heute recht häufig auftaucht in deutschen Spielfilmen und ungern über seinen Vater spricht. Diese Briefe klingen nach Abschied: "Ich liebe Dich mehr als alles im ganzen Universum. Ich bin Dein für immer." Bei Nikolai und dessen Mutter Minhoï fand Kinski späten Halt im Leben. Zuvor hielt es der Irrwisch nirgendwo lange aus. Schon in den Sechzigerjahren konnte er 4000 Mark pro Rezitationsabend verlangen und zog von einer feinen Adresse zur nächsten, residierte in einem Rokoko-Palais in Berlin und in München in der Elisabethstraße. Möbel stellte er so gut wie keine in die Wohnsäle, die hätten ihn "beim Durchschreiten gestört". Und beim Durchdrehen.

"Ich bin nicht hervorragend. Ich bin monumental!"

Sein wichtigster Regisseur Werner Herzog, der in München mit Kinski kurz zusammenwohnte, beschrieb einen dieser Wutausbrüche. Wie Kinski Anlauf nahm und in der Küche lossprintete, um durch die geschlossene Wohnzimmertür zu rennen. Zwecks Besänftigung lud Herzog zum Essen einen Theaterkritiker ein, der um Kinskis Gunst buhlte und den letzten Theaterauftritt als "hervorragend" lobte. Da schmiss Kinski ihm kochend heiße Kartoffeln ins Gesicht und brüllte: "Ich bin nicht hervorragend. Ich bin monumental!"

Schauspielkollege Klaus Löwitsch erzählte, wie Kinski Löcher in die Fußböden bohrte und heißes Wasser in die Wohnung darunter schüttete, weil ihn der Nachbar irgendwie gestört hatte. Ingo Insterburg, einstiger Sangespartner von Karl Dall, wohnte zusammen mit Kinski in Berlin. Er erinnerte sich, wie Kinski immer das "Getrommel afrikanischer Volksmusik" auf dem Plattenspieler hörte, bis dann nachts "Sexgeräusche aus seinem Zimmer drangen".

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Schon früh hätte alles aus sein können, als Kinski mit 24 Jahren in die Nervenklinik Wittenauer Heilstätten eingeliefert wurde. "Gemeingefährlichkeit" attestierten ihm die Berliner Ärzte: "Sein Rededrang ist gewaltig. Seine ichbezogene Persönlichkeit fällt auf, die sich in keinerlei bürgerliche Verhältnisse fügen kann. Er bleibt konsequent bei seinem egozentrischen Weltbild." Fortan empfand er wie viele, die schon in einer Anstalt waren: "Die wahren Verrückten sind die anderen", wie Udo Lindenberg einmal sang.

Seine ersten Auftritte hatte Klaus Kinski als Soldat im britischen Gefangenenlager. Sein ohnehin exzentrischer Schädel mit den vom Hunger eingefallenen Wangen und den Augen in tiefen Höhlen zog auch die Briten in seinen Bann. Den internationalen Durchbruch brachten später Filme wie "Doktor Schiwago" oder "Für ein paar Dollar mehr" an der Seite von Clint Eastwood, beinah auch in "Jäger des verlorenen Schatzes" - aber als Steven Spielberg ihm die Rolle eines Nazi-Bosses neben Harrison Ford anbot, lehnte Kinski in einem Hochmutsanfall ab.

Er konnte mehrere 10.000 Mark Tagesgage verlangen, fuhr sechs Rolls-Royce, drei Maseratis, sieben Ferraris. Weil Kinski nur freundliches Personal in seinen Luxushotels ertrug, breitete er mitunter Teppiche aus Geldscheinen vor seinen Suiten aus. Als Knabe sei er niemals richtig satt geworden, sagte er oft, deswegen bestelle er sich viel zu viel in Restaurants.

"Blitze umzucken mich. Ich war noch sie so glücklich"

Désirée Nosbusch traf Kinski 1982 in seiner Wahlheimat Kalifornien zum Fernsehinterview. Und hauchte zarte Fragen: "Wie warst du als Junge, Klaus?" Es lag an Nosbusch, damals 17, dass er einmal nicht losschnaubte. Stattdessen legte er seinen Schädel in ihren Schoß, blickte mit seinen Kinski-Augen in die Désirée-Augen und erzählte, wie ihn schon seine Mutter ermahnte: "Junge, schrei nicht so rum, sonst kriegst du einen viel zu großen Mund!" Dann riss er die Interviewerin zu sich ins hohe Gras, am vom Ozean umtosten Stinson Beach.

Hier fand Kinski sein Sehnsuchtsziel. Stundenlang ließ er sich auf den Klippen die Gischt in die wirren Haare wehen und notierte: "Die Brandung tobt 15 Meter hoch. Der Sturm peitscht, der Donner lässt den Himmel einstürzen, Blitze umzucken mich. Ich war noch nie so glücklich in meinem Leben." Endlich war er beheimatet. Nach Deutschland flog er nur noch, um die eine oder andere Talkshow zu sprengen.

Kinski war unverwechselbar, exzentrisch, aggressiv. "Ich sehe in ihm nur seine Besessenheit mit sich selbst", sagte Nastassja Kinski bereits 2001, zwölf Jahre vor Pola Kinskis Buch, und erinnerte sich an seinen "Größenwahn und eine massige Egozentrik". Sie hat ihrem Vater vieles nicht verziehen, auch nicht, dass er sie und ihre Mutter verließ, als sie acht Jahre alt war. Mit 15 drehte sie die "Tatort"-Folge "Reifezeugnis", wurde schlagartig bekannt und für einige Jahre ein Weltstar. Heute träumt Nastassja Kinski von neuen Rollen, einen Auftritt im "Dschungelcamp" sagte sie 2017 knapp vor dem Start ab.

Zuletzt träumte auch ihr Vater von einer neuen Aufgabe. Einmal im Leben wollte er in einem Film eins werden mit der Rolle, der Realität und dem ganzen Irrsinn. Und so spielte er in seinem verschollenen letzten Film einen Stuntman, der sich von der Golden Gate Bridge stürzt.

Kurz darauf starb Klaus Kinski. Nahe der Brücke streuten sie seine Asche aus an der Stelle, in der er im Film eingetaucht wäre. Es war sein Wunsch: "Wenn schon sterben, dann unter der großen Welle, die einen begräbt."

insgesamt 18 Beiträge
Marcus HÄBERLEN 23.01.2019
1. Kinski
Man kann über ihn sagen was man will, bis heute gibt es in Deutschland keinen Schauspieler, der die Qualität von Kinski hätte!
Man kann über ihn sagen was man will, bis heute gibt es in Deutschland keinen Schauspieler, der die Qualität von Kinski hätte!
Markus Staudt 23.01.2019
2. Dieser Irre....
...war einfach nur fürchterlich. Vor oder nach den Enthüllungen über seine Vergehen an den Kindern macht da nicht den Unterschied. Eigentlich war er auch ein schlechter Schauspieler, denn er hat -genau wie er ja auch sagt- [...]
...war einfach nur fürchterlich. Vor oder nach den Enthüllungen über seine Vergehen an den Kindern macht da nicht den Unterschied. Eigentlich war er auch ein schlechter Schauspieler, denn er hat -genau wie er ja auch sagt- immer nur seinen eigenen Wahnsinn dargestellt.
Klaus Fuchs 23.01.2019
3. Nur Schauspieler
Was f?r ein Glück für die Welt. Man stelle sich vor der wäre Politiker geworden.
Was f?r ein Glück für die Welt. Man stelle sich vor der wäre Politiker geworden.
Patricia Conley 23.01.2019
4. nicht gestorben
"Ende November 1991 starb er dann doch" Der Autor hat Kinski nicht verstanden. Denn es gibt immer noch den Regen, das Feuer, das Meer und den Wirbelsturm. Und es gibt immer noch die Filme in denen er Mitgewirkt hat, und [...]
"Ende November 1991 starb er dann doch" Der Autor hat Kinski nicht verstanden. Denn es gibt immer noch den Regen, das Feuer, das Meer und den Wirbelsturm. Und es gibt immer noch die Filme in denen er Mitgewirkt hat, und die Bücher und Zeitungsartikel, die von ihm handeln. Es starb die Hülle, nicht der Inhalt.
Nicole Nesvadba 23.01.2019
5. Kein "Held"
Kinski war kein "Held", wie im Buchtitel suggeriert, sondern ein psychisch kranker Mann. Das Leid, das er seinem Umfeld angetan hat, spricht für sich, und ist typisch für solche Menschen. Er hat das Böse nicht nur auf der [...]
Kinski war kein "Held", wie im Buchtitel suggeriert, sondern ein psychisch kranker Mann. Das Leid, das er seinem Umfeld angetan hat, spricht für sich, und ist typisch für solche Menschen. Er hat das Böse nicht nur auf der Leinwand gespielt, sondern auch im Alltag gelebt. Die offen ausgedrückte Faszination des Autors und weiter Teile der Bevölkerung ist typisch, und ist genau das, was es ähnlich gestörten Menschen auch heute noch erlaubt, ihren Narzissmus auszuleben, indem sie anderen Menschen Leid zufügen, während das Umfeld diese Taten verharmlost. Es bleibt dabei: Kinski war ein kranker Mensch. Was er verdient hätte, wäre psychiatrische Behandlung gewesen, nicht Bewunderung. Schade, dass der Artikel das Problem lediglich illustriert (wenn auch unfreiwillig), statt es qualifiziert zu diskutieren. Eigentlich wissen wir es heute besser.

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