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einestages

Skulptur "Fallen Astronaut"

Der Tote auf dem Mond

Im Mondstaub liegt seit 1971 ein Kunstwerk, das verstorbene Raumfahrer ehrt. Der belgische Künstler sollte unbekannt bleiben. Paul Van Hoeydonck weigerte sich aber zu schweigen - und bekam mit dem Männchen auf dem Mond viel Ärger.

NASA
Von
Freitag, 19.07.2019   12:53 Uhr

Paul Van Hoeydonck schaut gern zum Mond, auch noch mit 93 Jahren. Er fühlt sich dann unbedeutend. "Sehr, sehr klein", betont er. "Und der Mond ist so groß."

In solchen Momenten denkt er an sie. An diese winzige Statuette auf diesem riesigen Mond, etwa 400.000 Kilometer entfernt. Seine Statuette. 8,5 Zentimeter aus Aluminium, ein stilisierter Raumfahrer. Verloren liegt die Skulptur im Mondstaub, seit Apollo-15-Astronaut David Scott sie dort am 2. August 1971 feierlich niedergelegt hat, um verstorbene Raumfahrer zu ehren.

Foto: DPA

"Manchmal frage ich mich dann: Wie geht's dir dort oben?", erzählt Van Hoeydonck und klingt besorgt wie ein junger Vater. "Ich bin stolz darauf, der einzige Mensch zu sein, der Kunst auf einen anderen Planeten gebracht hat."

Derzeit wird viel über den Mond geredet, Armstrongs historische Schritte liegen 50 Jahre zurück. Van Hoeydonck ist deshalb aus seinem belgischen Heimatstädtchen Villers-la-Ville nach Berlin geflogen, auch wenn sein Bein schmerzt und er am Stock geht. In der belgischen Botschaft will er eine Ausstellung mit seinen Kunstwerken eröffnen, darunter eine vergrößerte Kopie seiner Mond-Skulptur. Journalisten rufen an, die Aufregung wundert ihn.

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Mond-Skulptur "Fallen Astronaut": Klein, silbern, umstritten

"Ich bin nicht religiös", sagt er. "Aber so langsam beginne ich zu glauben, dass ich nur mit diesem einen Ziel auf die Welt gekommen bin - eine kleine Skulptur auf einen anderen Planeten zu bringen."

Diese Statuette ist Fluch und Segen zugleich, ist nicht sein bestes Kunstwerk, wie er selbst meint. Van Hoeydonck liebt metergroße, komplexe Skulpturen. Jahrzehnte hat er sich mit Weltraum-Kunst beschäftigt - aber viele reduzieren ihn auf sein kleinstes Werk, das ihm zudem Ärger mit Astronauten und Nasa eingebracht bracht.

Von einem "Skandal" schrieb die Presse damals, Van Hoeydonck nannte es eine "Hexenjagd" gegen ihn. Gern redet er nicht darüber - wenn man ihn heute dazu drängt, weicht sein freundlicher Ton empörter Resignation: "Warum wollen alle nur darüber sprechen? Seit Jahrzehnten! Das ist verrückt. Ich bin es leid."

Verstörende, visionäre Weltraum-Kunst

Versöhnlicher sagt er später: "Es ist immer dasselbe. Wenn ein Kunstwerk berühmt wird, beginnt der Ärger."

Dabei beginnt seine Geschichte eher wie im Märchen. Van Hoeydonck war schon als Kind vom Weltraum fasziniert. "Die Zukunft der Menschheit liegt in den Sternen", sagte er als junger Künstler, und davon ist er bis heute überzeugt.

Diese Vision drückte er nach einem Studium der Kunstgeschichte in Antwerpen ab den Fünfzigern in Gemälden, Collagen und Skulpturen aus. Aus Technikschrott - Spiralen, Schrauben, Rädern - schuf er Weltraumstationen, Roboter, Mutanten. Raumfahrer wurden bei ihm zu "Astros" in mittelalterlichen Ritterrüstungen. Schon früh sah er voraus, dass die Erkundung des Weltraums Opfer fordern würde. Manche seiner Werke sind verstörend: kopflose Raumfahrer, in der Unendlichkeit schwebende, versinkende Astronauten. "Space Accident" heißt eine Collage aus blutrot übermalten Raumfahrerköpfen von 1963.

Diese Kunst passte zum Wettlauf ins All und zum Lebensgefühl der Menschen zwischen Technikbegeisterung und Untergangsängsten. Was konnte einem All-Enthusiasten, der sich Erfinder der Space Art nennt, Besseres passieren, als ein Kunstwerk für den Mond zu entwerfen?

Die Idee kam von Louise Deutschman, Leiterin der New Yorker Galerie Waddell, in der Van Hoeydonck ab 1965 ausstellte. Als sie dem Künstler im Frühjahr 1969 vorschlug, man müsse eines seiner Werke auf den Mond bringen, sagte er nur fassungslos: "Bist du wahnsinnig? Wie soll das je gelingen?" Doch schnell war er Feuer und Flamme, während Deutschmann rastlos versuchte, zu den gut abgeschirmten Astronauten durchzudringen.

Über einen Mittelsmann gelang der Kontakt zur Besatzung von Apollo 15: David Scott, Alfred Worden und James Irwing. Der Belgier traf die Crew Anfang Juni 1971 in Cape Kennedy beim Dinner; mit Worden ist er bis heute befreundet, mit Scott bis heute zerstritten. Die Astronauten wollten den bei Unfällen gestorbenen Raumfahrern ein Denkmal setzen - auch den Russen, ein starkes Symbol, mitten im Kalten Krieg. Dieser Wunsch verstärkte sich, als Ende Juni 1971 drei Sojus-Kosmonauten beim Landeanflug zur Erde verunglückten.

Der Raumfahrer, der plötzlich fällt

Es gab aber technische Vorgaben: Aus Sicherheitsgründen durfte nur ein kleines, leichtes Kunstwerk ohne scharfe Kanten ins Raumschiff. Das Material musste die extremen Temperaturunterschiede auf dem Mond aushalten. Und das Wichtigste: "Die Figur sollte weder männlich noch weiblich sein, weder schwarz noch weiß", erinnert sich Van Hoeydonck. Also entwarf er eine silberne Statuette im Raumanzug. Sie stand aufrecht in einem Ständer aus Plexiglas und blickte triumphierend in die Ferne, die gesamte Menschheit repräsentierend.

Damit begann der Streit. Das Plexiglas durfte aus Brandschutzgründen nicht an Bord, die Figur konnte daher nicht mehr stehen. David Scott legte sie nach 167 Stunden und 41 Minuten der Mission während einer Zeremonie in den Mondstaub und platzierte daneben eine Plakette mit den 14 Namen gefallener Astronauten und Kosmonauten, die nicht Van Hoeydonck hergestellt hatte. Bald hieß die Skulptur nur noch "Fallen Astronaut".

Diesen Namen hätte er nie gewählt, sagt Van Hoeydonck - die optimistische Grundaussage seines Werkes war ins Gegenteil gekehrt worden. Damit nicht genug: Nach der Rückkehr von Apollo 15 erwähnte Scott in einer Pressekonferenz zwar kurz die Skulptur, aber nicht den Namen des Künstlers. Er forderte den Belgier auf zu schweigen. Am besten für immer, mindestens ein Jahr.

Der Handwerker und der Postbote

"Das habe ich nie verstanden. Warum sollte ich schweigen? Ich hatte doch kein Verbrechen begangen", sagt Van Hoeydonck. Scott unterstellt er, dass "er in die Geschichte eingehen wollte als derjenige, der das einzige Kunstwerk auf den Mond gebracht hat". Scott wiederum betonte 2013 im US-Magazin "Slate", wie wichtig ihm "Anonymität" gewesen sei: "Wir wollten keinen Firlefanz oder Fanfaren oder eine Kommerzialisierung. Wir wollten nur unsere Kollegen würdigen in einem ruhigen, friedlichen Umfeld auf dem Mond."

Der Streit eskalierte, als Van Hoeydonck für das National Air and Space Museum eine Replik seiner Skulptur herstellen sollte. Scott stellte den Kontakt her; ungelenk titulierte das Museum den Künstler als "workman", Handwerker. Wenn er ein Handwerker sei, dann sei Scott als Überbringer der Skulptur nur der "Postbote", polterte der Belgier.

Verärgert brach er das Schweigen am 16. April 1972, zum Start von Apollo 16 in einem Interview mit CBS-Starmoderator Walter Cronkite. Seine Galerie Waddell ging danach selbst in die Offensive und plante den Verkauf von 950 Repliken für je 750 US-Dollar.

Umstrittene Post vom Mond

Das war keine kluge Idee. Die Presse reagierte empört. "Wäre mein ursprüngliches Konzept der Skulptur umgesetzt worden, wäre das kein Problem gewesen", glaubt Van Hoeydonck. "Aber nun hieß es, es sei eine Schande, Geld mit einer Skulptur für Tote zu verdienen." Die Galerie stoppte die Replikenherstellung. Van Hoeydonck beteuert, er habe an der Aktion "keinen Cent" verdient.

Und doch war die Debatte nicht mehr zu stoppen. Denn zugleich stand auch Astronaut Scott massiv in der Kritik: Er hatte Hunderte Briefumschläge, am Weltraumbahnhof gestempelt, zum Mond genommen, die meisten ohne Nasa-Genehmigung. Hundert dieser Umschläge verkaufte ein deutscher Briefmarkenhändler für durchschnittlich 1500 Dollar. Denn Post vom Mond, zudem handsigniert von den Astronauten Scott und Irwing, ließ sich blendend absetzen.

Die Nasa untersuchte intern diese "Vorfälle der Kommerzialisierung" und beklagte im September 1972 "Verletzungen von Regularien". Scott habe 398 Umschläge "unautorisiert" an Bord genommen. Als Konsequenz erließ die Weltraumbehörde eine neue Richtlinie: Fortan durfte kein Astronaut mehr als zwölf persönliche Gegenstände mitnehmen; jegliche kommerzielle Ausbeutung wurde verboten. In diesem Zusammenhang rügte der Nasa-Bericht auch die 950 geplanten Repliken der Mond-Skulptur.

Der gefallene Astronaut steht auf

Van Hoeydonck spürte den Gegenwind. Der "Fallen Astronaut" brachte ihm kein Glück. Aufträge blieben weg, ein Teil der Kunstwelt mied ihn offenbar, die Galerie Waddell ging bald pleite. "Eine schlechte Periode" nennt er das heute. Er kehrte nach Belgien zurück und machte unbeirrt weiter Weltraumkunst - bald wieder erfolgreich.

50 Jahre nach der Mondlandung scheint auch der Fluch seiner Mond-Skulptur gebannt. Anfang 2019 hat Van Hoeydonck eine silberne Statuette in einem blauen Plexiglas-Kubus präsentiert: "Man in Space" heißt diese verspätete Umsetzung seiner Ursprungsidee von 1971. Symbolisch verkauft die Düsseldorfer Galerie Breckner 1971 Exemplare für 590 Euro. Auch sechs menschengroße Modelle des "Fallen Astronaut" sind zu erwerben.

Van Hoeydoncks Kunstwerke sind seit Jahrzehnten um die Welt gereist. Ist der Mond also das größte Museum, in dem er je ausgestellt hat?

Van Hoeydonck lacht. "Eine seltsame Frage", sagt er dann. Aber sie scheint ihm zu gefallen.

insgesamt 15 Beiträge
Uwe Fischbeck 19.07.2019
1. Oje, wer sagt es ihm?
Der Mond ist kein Planet, eben weil er ein Mond ist. Wenn er also geboren wurde, um Kunst auf einen anderen Planeten zu bringen, muss er noch loslegen... Aber vielleicht lassen wir ihm in dem Glauben...
Der Mond ist kein Planet, eben weil er ein Mond ist. Wenn er also geboren wurde, um Kunst auf einen anderen Planeten zu bringen, muss er noch loslegen... Aber vielleicht lassen wir ihm in dem Glauben...
zeichen kette 19.07.2019
2. Aus heutiger Sicht...
erscheint die ganze Aufregung in der Tat grotesk. Mit einer "gefallenen" Skulptur umgekommene Astronauten und Kosmonauten zu ehren ist nichts Verwerfliches. Auch die Briefumschläge: Warum soll ein Astronaut im Rahmen [...]
erscheint die ganze Aufregung in der Tat grotesk. Mit einer "gefallenen" Skulptur umgekommene Astronauten und Kosmonauten zu ehren ist nichts Verwerfliches. Auch die Briefumschläge: Warum soll ein Astronaut im Rahmen seines erlaubten persönlichen Gepäcks nicht auch selber etwas auf eigene Rechnung anstellen, solange es die Mission nicht gefährdet? Die NASA hat natürlich als steuerfinanzierte Behörde da etwas vorsichtig zu sein, aber in diesem Rahmen kann man sowas durchaus tolerieren. Andere Astronauten haben auch Fotos auf dem Mond hinterlassen oder die Initialen ihrer Kinder in den Staub geschrieben.
Christian ² Crisetig 19.07.2019
3. Kunst auf dem Mond?
Ich höre das erste Mal davon - Danke SPON, wieder was gelernt
Ich höre das erste Mal davon - Danke SPON, wieder was gelernt
Andreas Schmidt 19.07.2019
4. Unterhaltsam,
aber wieso "gefallener Astronauten", die waren doch nicht im Krieg oder?
aber wieso "gefallener Astronauten", die waren doch nicht im Krieg oder?
Uwe Köppe 19.07.2019
5. Gutschein für einmal auf den Mond ka...
Ich bekam den mal von einem guten Freund. Nun hängt er eingerahmt in meinem Büro. Ich spare noch die Transportkosten an. Die Form meines Produkts wird bestimmt künstlerisch sein, wenn es dann endlich so weit ist!
Ich bekam den mal von einem guten Freund. Nun hängt er eingerahmt in meinem Büro. Ich spare noch die Transportkosten an. Die Form meines Produkts wird bestimmt künstlerisch sein, wenn es dann endlich so weit ist!

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