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einestages

Staatsgründer Atatürk

"Ich bin die Türkei"

Radikaler Modernisierer: 1938 starb Mustafa Kemal Atatürk, der Erfinder der Türkei. Der entschlossene Reformer zog die Konsequenzen aus dem Zerfall des Osmanischen Reiches und setzte westliche Werte durch, teils mit autoritären Mitteln - dennoch verehren ihn die Türken bis heute abgöttisch.

dpa/PHOENIX/ZDF
Von Rainer Traub
Montag, 06.10.2008   20:04 Uhr

Obwohl der Mann zu den herausragenden Gestalten der neueren Geschichte gehört, ist nicht einmal sein genaues Geburtsdatum bekannt. Denn im Reich der Sultane von Istanbul wurde die Ankunft neuer Untertanen nicht amtlich registriert; allenfalls vermerkten Eltern die Geburt von Kindern im Koranexemplar der Familie. Als sicher kann nur gelten, dass der kleine Zollbeamte Ali Riza und seine Frau Zübeyde, eine Bauerntochter, Anfang 1881 im damals osmanischen Saloniki einen Sohn bekamen, den sie Mustafa nannten.

Familiennamen waren nicht in Gebrauch. Etliche Jahre später soll ein Lehrer und Namensvetter von Mustafa dem auffällig guten Schüler den unterscheidenden Zusatznamen Kemal (von arabisch "Vollendung") gegeben haben. Den Familiennamen Atatürk ("Vater der Türken") legte sich Mustafa Kemal erst Jahrzehnte danach zu. Die Vorschrift, einen Nachnamen zu führen, gehörte 1934 zu den umwälzenden europäischen Neuerungen, mit denen er als Präsident der Türkischen Republik den orientalischen Schlendrian ein für alle Mal austreiben wollte. Den Nachnamen Atatürk ließ der Staatsmann dabei per Gesetz für sich allein reservieren.

Mustafa Kemal Atatürk (1881 bis 1938) schuf aus den kümmerlichen Resten des Osmanischen Reichs als republikanischer Revolutionär etwas völlig Neues. Vor allem wollte er die 1923 gegründete Republik Türkei binnen weniger Jahre von der Vormundschaft der Religion befreien - ein Prozess, der in Westeuropa viele Generationen dauerte. Sein Vorbild war die französische Aufklärung mit ihrem radikalen Antiklerikalismus. Er ließ die traditionellen arabischen Gebetsrufe von den Minaretten und etliche religiöse Orden verbieten; den Islam hielt er für eine im Grunde unreformierbare Religion.

Radikaler Rationalist

Der rationalistisch bekämpfte Glaube kehrte jedoch gleichsam durch die Hintertür zurück. Er brach sich nach Atatürks Tod bald wieder Bahn mit der Urgewalt eines Stroms, der sich eindämmen und aufstauen, aber nicht zum Versiegen bringen lässt.

Heute bekennt sich die Regierungspartei AKP ausdrücklich zum Islam, als läge darin kein Widerspruch zum Übervater Kemal Atatürk, dem natürlich auch sie ihre Verehrung bezeugt. Als wahre Hüterin des säkularen Atatürk-Erbes sieht sich jedoch - in einem zwischen Tradition und Moderne hin- und hergerissenen Land - die türkische Armee. Schließlich war Kemal Atatürk einer der Ihren: ein General, der mit triumphalen militärischen Siegen populär wurde und, wie vordem Napoleon, Glanz und Gloria des genialen Strategen im entscheidenden Moment zum politischen Durchmarsch nutzte.

Als radikaler Rationalist hatte er nichts Geringeres im Sinn, als die althergebrachte Lebensweise seiner Landsleute mit Stumpf und Stiel auszurotten. So zog er als selbsternannter Oberlehrer seiner Nation buchstäblich mit der Schiefertafel durchs Land, um den Türken statt der arabischen Schrift ein lateinisches Alphabet einzupauken. In den zwanziger und dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts wälzte er mit einer unvergleichlichen Gesetzesserie alle politischen Institutionen um, setzte statt der islamischen Scharia bürgerliches Recht durch und stellte die Frauen gesetzlich den Männern gleich. Um die Türkei nach Europa zu bugsieren, griff er massiv ins Alltagsleben ein. Er verbot den traditionellen Fes als Kopfbedeckung und befahl den Männern unter Androhung drakonischer Strafen, europäische Hüte zu tragen.

Jungtürken gegen Osmanensultane

Nur als Offizier konnte Mustafa Kemal zum Radikalreformer werden. Denn die Militärschulen sind im 19. Jahrhundert die besten des Landes. Der Offiziersnachwuchs wird zur Weiterbildung in die westeuropäischen Metropolen geschickt, gerät dort in den Bann einer fortgeschrittenen Zivilisation und saugt deren politische Ideen auf. Ein einheimisches Bürgertum, das als Agent sozialen Fortschritts taugen könnte, existiert dagegen nicht. Die Sultane konzentrieren nicht nur alle weltliche Macht des Reichs in ihren Händen, sondern sind als Kalifen zugleich die geistigen Oberhäupter der sunnitischen Muslime auf der ganzen Welt. Seit Anfang des 19. Jahrhunderts wird ihr marodes Reich in Europa voll mitleidigem Spott als "der kranke Mann am Bosporus" tituliert.

Der Weg zur Macht führt deshalb über die Armee. Mit 18 Jahren wechselt Mustafa Kemal 1899 von der Militärschule an die Kriegsakademie in Istanbul, die er im Jahr 1905 als Hauptmann verlässt.

Zu jener Zeit spitzt sich der Konflikt zwischen dem auf Reformen drängenden Offizierskorps, den "Jungtürken", und dem immer despotischer herrschenden Sultan in Istanbul zu. Hauptmann Mustafa Kemal ist Mitglied der oppositionellen Geheimorganisation "Vaterland und Freiheit". Doch als weitsichtiger Einzelgänger gehört er unter den Jungtürken nicht zur tonangebenden Clique. Deren Traum von einem großtürkischen Reich, das in einem konstitutionellen Sultanat alle turksprachigen Völker Asiens umfassen soll, weist er als unrealistisch und unzeitgemäß von sich. Stattdessen fordert er etwas, das für seine Landsleute noch viel utopischer klingt: "Wir müssen uns von der östlichen Zivilisation abwenden und der westlichen zuwenden."

Der "Retter von Istanbul"

Zwischen 1911 und 1920 zerfallen die Reste des Osmanischen Reichs. Erst erobert Italien dessen nordafrikanische Provinz Libyen, dann bemächtigt sich ein Militärbund, dem die christlichen Balkannachbarn Serbien, Bulgarien, Griechenland und Montenegro angehören, der letzten nennenswerten Herrschaftsgebiete des Sultans in Europa.

Mustafa Kemals große Stunde schlägt im Weltkrieg, als er 1915 mit strategischem Genie die Meerenge der Dardanellen gegen eine Übermacht der britisch geführten Entente verteidigt und Istanbul vor dem Feind bewahrt.

Während der britische Marineminister Winston Churchill deshalb sein Amt verliert, steigt der Sieger Mustafa Kemal zum General auf. Als "Retter von Istanbul" wird er in der Heimat zur Legende und international berühmt. Doch längst hat er statt des sterbenden Sultanats einen auf türkisches Kernland beschränkten Nationalstaat ohne imperiale Ambition im Sinn: "Kein einziger Soldat", schreibt er 1917, "darf mehr für das Osmanische Reich geopfert werden, jeder muss aufgespart werden für die Türkei."

"Unsinnige Traditionen"

Im Mai 1919 zieht er die Generalsuniform aus, um als Politiker eine Nationalbewegung zu organisieren. Statt der Sultanstadt Istanbul wählt er das anatolische Provinznest Ankara, das bis 1923 gerade mal 25 000 Einwohner zählt, als künftigen Regierungssitz. Noch einmal muss Mustafa Kemal 1921 ins Feld ziehen, um mit seinen zahlenmäßig weit unterlegenen türkischen Truppen eine griechische Invasionsarmee aus dem Land zu treiben.

Politisch führt nun endgültig kein Weg mehr an ihm vorbei. Das Ende des Istanbuler Sultansregimes, das er 1922 durch die von ihm beherrschte Nationalversammlung in Ankara verkünden lässt, ist nur noch Formsache.

Im Jahr der Republikgründung heiratet Mustafa Kemal die 17 Jahre jüngere Kaufmannstochter Latife, eine westlich gebildete, emanzipierte mehrsprachige junge Frau. Im Bruch mit allen islamischen Sitten ist die Hochzeit auf Weisung des Bräutigams eine nüchterne säkulare Prozedur ohne Imam. Ab sofort, befiehlt Mustafa Kemal, solle dieses weltliche Verfahren statt der "unsinnigen Traditionen" für die ganze Türkei gelten.

Mit der Türkei verheiratet

Die Verbindung hält nur zwei Jahre - dem machtverwöhnten Ehemann geht das Selbstbewusstsein seiner jungen Frau bald zu weit. Als sie seine ständigen nächtlichen Trinkgelage mit treuen Gefolgsleuten nicht mehr hinnehmen will, gibt er ihr den Laufpass.

Er hätte wohl auch mit keiner anderen Frau glücklich werden können. Denn in Wahrheit ist er bereits "mit der Türkei verheiratet". Mit dieser Begründung hat er den Heiratswunsch einer früheren Geliebten abgewehrt, die sich dann wegen Latife erschießt.

Als Mustafa Kemal de facto Alleinherrscher geworden ist und 1926 der Plan eines Attentats gegen ihn auffliegt, statuiert er ein Exempel. Er lässt nicht nur politische Feinde, sondern auch kritische Weggefährten hinrichten. Anderentags verkündet er: "Ich habe das Land erobert. Ich habe die Macht erobert. Warum darf ich nicht auch mein Volk erobern? Die Männer, die diese Nacht umgekommen sind, hatten die Absicht, mir das zu untersagen. Sie wollten mich von dem trennen, was mein einziger Lebensinhalt ist: dem türkischen Volk. Ich bin die Türkei. Mich vernichten wollen bedeutet: die Türkei selbst vernichten wollen. Wisst, dass Revolutionen mit Blut begründet werden müssen. Ich werde mein Volk an der Hand führen, bis seine Schritte sicher sind und es seinen Weg kennt."

Für seine selbstgewählte Rolle als Erziehungsdiktator bezahlt der große Mann mit zunehmender Vereinsamung, aus der ihn auch eine Schar von zuletzt 13 Adoptivkindern nicht erlöst. Der "Vater der Türken" betäubt sich so regelmäßig mit Raki, dass seine Organe am Ende überfordert sind.

Im November 1938 erliegt Mustafa Kemal Atatürk einer Leberzirrhose.

insgesamt 2 Beiträge
Florian Geier 07.10.2008
1.
"Orientalischer Schlendrian"? Wenn die JF einen solchen Begriff verwendet, ist die Empörung der antirassistischen Berufshysteriker groß, aber für den Spiegel gelten wohl andere Gesetze...
"Orientalischer Schlendrian"? Wenn die JF einen solchen Begriff verwendet, ist die Empörung der antirassistischen Berufshysteriker groß, aber für den Spiegel gelten wohl andere Gesetze...
Heinz Eggert 08.10.2008
2.
Das gilt alles erst wenn Johann Sebastian Bachs" Kaffeekantate""mit Herrn Schlendrian" als politisch inkorrekt eingestuft wird. Wenn es einen deutschen Schlendrian geben darf, dann bitte auch einen [...]
Das gilt alles erst wenn Johann Sebastian Bachs" Kaffeekantate""mit Herrn Schlendrian" als politisch inkorrekt eingestuft wird. Wenn es einen deutschen Schlendrian geben darf, dann bitte auch einen orientalischen,wie Herr Peymann zu sagen pflegt...:-))) "In dem Botschaftssessel kommt Claus Peymann langsam zur Ruhe. Die Arbeitsbedingungen hätten sich seit seinem letzten Aufenthalt in Teheran deutlich verschlechtert. Er spricht von einer nicht gekannten "Härte" und "Verschlagenheit" des "Sittlichkeitsdezernates". Gleichzeitig sinnt er darüber nach, ob es sich dabei nun um "orientalischen Schlendrian", bürokratische Verbocktheit und schlichte Unfähigkeit oder um politisches Kalkül handelt." (http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2008/0214/seite3/0002/index.html) Ansonsten ein guter Artikel, der darauf hinweist wieviel wir Europäer Atatürk zu verdanken haben.Ob wir es wahrhaben wollen oder nicht. Gruss HE

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