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einestages

Stasi-Auflöser Heinz Engelhardt

"Wir haben uns im Osten der Republik sehr wohl gefühlt"

Feste feiern, Bürger vorm Klassenfeind schützen, Pflicht erfüllen - knapp drei Jahrzehnte nach dem Ende der Schnüffelei packt jetzt Heinz Engelhardt aus, 1989 der letzte Stasi-General. Sein beklemmendes Fazit: Schön war's.

Eulenspiegel Verlag
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Montag, 15.04.2019   10:49 Uhr

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Um es gleich vorwegzunehmen: Wer wissen will, wie DDR und Stasi "wirklich" waren (jedenfalls in den Erinnerungen eines heute 75-jährigen Stasi-Generals), sollte dieses Buch lesen. Denn die "Westmedien" liefern dazu bekanntlich seit drei Jahrzehnten nur ein verzerrtes Schreckensbild. Nun endlich erzählt Generalmajor Heinz Engelhardt höchstpersönlich, wie das ganz "objektiv" betrachtet war: Schön war's nämlich!

Denn er hatte im "Kollektiv der Abteilung XX" (zuständig für die politische Unterdrückung oppositioneller Kräfte) eine "tolle Truppe" um sich. "Wir haben uns im Osten der Republik sehr wohl gefühlt (...). Wir haben gegrillt, geredet und Bier getrunken. Und wir haben offen über die Probleme diskutiert, die uns allen auf den Nägeln brannten", so Engelhardt in dem jetzt als Buch erschienenen Interview mit dem Titel "Der letzte Mann. Countdown fürs MfS".

Der Mann mit den sächsischen Wurzeln kam 1962 schon als 18-Jähriger zum Ministerium für Staatssicherheit (MfS) und machte Karriere im Apparat, der jeden Bereich der DDR-Gesellschaft infiltrierte und mit Spitzeln durchsetzte. Im Herbst 1989 wurde Engelhardt Leiter des MfS-Nachfolgers "Amt für nationale Sicherheit". Als letzter General aus der Ära von Erich Mielke war er der Konkursverwalter der Stasi und versuchte noch im Dezember 1989, einen "DDR-Verfassungsschutz" aufzubauen. Am Ende war die Stasi-Auflösung sein Auftrag.

"Es machte mir Freude, mit Menschen zu arbeiten"

Feiern, feiern, feiern: An die frühen Feste erinnert Engelhardt sich gern und kommt im Buch immer wieder darauf zurück. Die Stasi war ja auch "ein Männerverein". Da war dann doch "bei aller Gleichberechtigung in der DDR" Ende der Fahnenstange für Frauen.

Am schönsten und wohl auch am liebsten schildert Engelhardt seine Jahre vor dem Aufstieg im MfS im beschaulichen Vogtland, dem sonnigen Süden der DDR. Im Innenhof der Stasi-Kreisdienststelle Reichenbach spielte er mit seinen Kameraden in der Mittagspause oft Volleyball. In Reichenbach bekam der Familienvater sein erstes Auto, einen hellblauen Trabi. "Wir lebten ruhig und unbescholten. In der Schule meiner Kinder wusste jeder, wo der Papa arbeitet."

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Die Stasi und die DDR-Opposition: "In die Furche ditschen!"

Zersetzungsarbeit? I wo! So was machten der Papa und seine Mitspieler doch nicht: "Es machte mir Freude, mit Menschen zu arbeiten." An anderer Stelle schwärmt Engelhardt von der "sozialistischen Menschengemeinschaft, von der allgemeinen Harmonie des Zusammenlebens" in der DDR. In Reichenbach mühte sich demnach die Stasi im Alltag mal als Schrottsammler, mal um die Sicherheit der Bürger vor Angriffen des Klassenfeindes.

Engelhardts großes Vorbild waren "Timur und sein Trupp": Helden eines sowjetischen Kinderbuches, die in der Nacht alten, schwachen, kranken Leuten in einer Moskauer Vorortsiedlung halfen. Engelhardt sieht sich heute in seiner wahren Arbeit missachtet und bittet darum, "den Mitarbeitern Gerechtigkeit widerfahren zu lassen".

Starrsinn und Trotz

Unvergesslich blieb sein Abschied von der Kreisdienststelle: "Wie üblich wurde lange und ausgiebig gefeiert. Die Unsitte, Vodka nur aus Wassergläsern hundertgrammweise zu trinken, war nicht nur im MfS verbreitet. Aber auch dort. Oft zum Leidwesen unserer Ehepartner."

Im Buch ist der Fragesteller, Journalist Peter Böhm, meist derselben Ansicht wie Engelhardt und liefert Stichworte, statt zu fragen. Also redet und redet der General auf 284 Seiten. Ein interessanter Einblick in seine "objektive Geschichtsdarstellung" - sofern man lesen mag über Starrsinn, Trotz und diese deutsche Haltung, dass man "zu seiner Überzeugung steht".

Interview mit Stasi-General Heinz Engelhardt (1990):

Foto: Peter Wensierski

So lernte ich Engelhardt bereits vor 30 Jahren kennen, als er im Berliner MfS-Hauptquartier von Erich MielkeAnfang 1990 den jovialen Konkursverwalter des DDR-Geheimdienstes gab. Damals schon beklagte er Frust und Müdigkeit in den eigenen Reihen, weil die Arbeit des MfS - bis auf die Spionageabwehr - größtenteils "sinnlos war".

Erkenntnisse durch "Zehntausende von inoffiziellen Mitarbeitern über die Realität im Lande" seien von der SED und dem Politbüro um Erich Honecker nicht beachtet und in Politik umgesetzt worden. Dabei habe die Stasi "doch einer guten Sache gedient".

Ganz besonders wurmte ihn bei der Begegnung 1990, dass es uns mit einem Kamerateam erstmals gelungen war, ins Berliner Zentralarchiv einzudringen, das gigantische Hauptlager der Stasi-Akten. Er und sein Führungspersonal hingegen mussten draußen bleiben.

Video: Das Ende des Spitzelimperiums (1990)

Foto: SPIEGEL TV

Wie viel Frust schleppt der Generalmajor mit, auch nach drei Jahrzehnte noch? "Ich habe der DDR aus politischer Überzeugung gedient", sagt Engelhardt heute - und definiert nirgendwo näher, was das für eine Überzeugung war. Im Buch tauchen auch unangenehme Seiten des MfS auf. Das Arbeitsklima etwa: "Am schlechten Beispiel lernte ich, wie man mit Menschen, mit Kampfgefährten und Gleichgesinnten nicht umgehen sollte."

"Eins auf die Zwölf und Schluss der Debatte"

So sprach einer seiner Vorgesetzten gern davon, man solle diesen oder jenen "in die Furche ditschen"; ein Doppelagent wurde 1981 entgegen der DDR-Gesetzeslage zum Tode verurteilt und hingerichtet. Engelhardt schlug als junger Tschekist auch mal selbst zu, als ihn ein Bürger "Stasischwein" nannte: "Eins auf die Zwölf und Schluss der Debatte."

Zu einem deutschen Utensil brachte es Engelhardt 1990 mit dieser zerfallenden Truppe immerhin noch: stolze Stempel mit Ährenkranz, Hammer und Zirkel, "Deutsche Demokratische Republik - Verfassungsschutz". Zum Einsatz kamen sie nicht mehr.

Über die Endzeit des Geheimdienstes erzählt Engelhardt verbittert: "Krenz, Modrow und andere wollten die Partei retten, und so wurden wir den Medien zum Fraß vorgeworfen." Feinde, nichts als Feinde - erst kamen sie aus dem Westen, dann aus den eigenen Reihen.

Für die einstigen SED-Genossen war Engelhardts Teil der Stasi, der die aufmüpfigen DDR-Bürger in Schach halten sollte, plötzlich "die 'böse' Stasi - die Schmuddelkinder, mit denen man nichts mehr zu tun haben wollte". Und für die es nur gekappte Renten gab.

Preisabfragezeitpunkt:
12.12.2019, 23:58 Uhr
Ohne Gewähr

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Heinz Engelhardt, Peter Böhm
Der letzte Mann: Countdown fürs MfS (edition ost)

Verlag:
Das Neue Berlin Imprint von Eulenspiegel Verlagsgruppe Buchverlage GmbH
Seiten:
288
Preis:
16,99 €

Engelhardt erlebte auf seine Art jene Demütigung und Erniedrigung durch Wendehälse in Partei und Staatsapparat: "Im Innern waren wir uns zunehmend untereinander nicht mehr grün (...). Mich behandelten einige meiner vormaligen Kampfgenossen wie einen Ausgestoßenen, einen Paria." Von sich behauptet Engelhardt indes, fair gewesen zu sein. "Wir haben alles darangesetzt, die Akten der wichtigsten Informanten zu vernichten, so dass sie später eine zweite Karriere starten konnten."

"Heute noch verbittert und traurig" mache ihn, dass es "leider nur in Einzelfällen gelang, unsere IM wirksam zu schützen und somit vor der Medienhatz zu bewahren. Sie hatten zum Teil über Jahre ehrlich und gewissenhaft als Bürger der DDR getreu ihrem Verfassungsauftrag mit uns zusammengearbeitet." Sie hätten der Stasi "ein immenses Vertrauen entgegengebracht. Und dieses Vertrauen haben wir nicht gerechtfertigt".

Null Verständnis für die Stasi-Opfer

Bei solchen Sätzen fragt man sich, welche Stasi-Zuträger auf vielleicht hohen Posten da bis heute unerkannt geblieben sind. Und gewiss freuen sich all die dummerweise Enttarnten über diese Entschuldigung des Repräsentanten ihrer Führungsoffiziere. Allein: Nach Verständnis für die zu Hunderttausenden ausspionierten, verratenen, verhörten und drangsalierten Opfer sucht man im Buch vergeblich.

Selbst für seinen Mitschüler Gunter Pschera, der 1967 beim Fluchtversuch aus der DDR als 22-Jähriger erschossen wurde, findet der Stasi-General mehr als fünf Jahrzehnte später nur alte Schuldzuweisungen. Pschera hätten doch alle Türen in der DDR offen gestanden, sein Tod tue ihm leid. "Niemand jedoch hatte Gunter gezwungen, das Gesetz zu brechen (...) außer er selbst. Die Verantwortung für diesen Schritt lag ausschließlich bei ihm. Dafür musste ich mich nicht rechtfertigen oder gar entschuldigen."

Entschuldigen möchte sich Engelhardt lediglich dafür, "dass wir unkritisch und in falsch verstandener Parteidisziplin die fehlerhafte Sicherheitsdoktrin der Partei- und Staatsführung mittrugen und mit umsetzten". Die Stasi, ein "überdimensionierter Sicherheitsapparat", habe doch lediglich "ein realistisches Bild von den Stimmungen und Probleme der Menschen in unserem Land zu erarbeiten und zu vermitteln gehabt".

Aha, das also haben "die Westmedien" immer verzerrt: Die Stasi war ein Politikberatungs- und Meinungsforschungsinstitut - bloß "die da oben" in der DDR wollten die mühsame Tag- und Nachtarbeit des mit knapp 300.000 haupt-, neben- und freiberuflichen Mitarbeitern wohl größten ostdeutschen Unternehmens leider nicht so richtig zur Kenntnis nehmen?

"Ach, die Herren von der Gestapo!"

So beschreibt es Engelhardt, ein Trauerspiel: "Als diese Informationen bei der politischen Führung immer weniger Beachtung fanden, haben wir das achselzuckend hingenommen und uns gefügt." Sich fügen, davon verstand man seiner Ansicht nach in der DDR überhaupt viel: "Der größte Teil derer, die mit uns zusammengearbeitet haben, tat dies aus politischer Überzeugung. Die DDR war kein Land von Nein-Sagern und Widerstandskämpfern. Wo die nach 1989 alle herkamen, bleibt mir ein Rätsel."

Wer sollte das besser wissen als ein einstiger Stasi-General?

Noch etwas. Engelhardt trug im Dienst keine Uniform, sondern meist Anzüge. Seit 1976 als Leiter der Abteilung XX in Frankfurt/Oder ließ er sich dort welche nach Maß fertigen. Als er einmal mit seinem Stellvertreter zur Anprobe erschien, begrüßte sie der Schneider mit den Worten: "Ach, da sind ja wieder die Herren von der Gestapo!" Engelhardt schreibt: "Wir fanden das überhaupt nicht witzig."

Im Buch findet sich ein Bild von seinem Vater in Wehrmachtsuniform, mit Waffe und Stahlhelm. Schon Engelhardts Großvater "erzog seinen Sohn staatstreu, der wurde Soldat aus Pflichterfüllung gegenüber seinem Vaterland". Wie fühlte sich Engelhardt, der Enkel und Sohn, als er mit 43 Jahren zum General ernannt wurde? "Ehre und Ansporn" bedeutete das für ihn. Und: "Die Uniform musste sitzen." Er habe doch immer "diszipliniert dem Staat DDR gedient". Seine Eltern, "vor allem mein Vater war stolz".

insgesamt 45 Beiträge
Reinhard Hauschild 15.04.2019
1. Die 100 oberen Leitungskader
der StaSi hätte man bedenkenlos ins Gefängnis stecken können. Ebenso alle oberen 100 SED- Funktionäre. Es hätte keinen einzigen Unschuldigen getroffen. Stattdessen wurden alle hohen StaSi-, SED- und Regierungsmitglieder/ [...]
der StaSi hätte man bedenkenlos ins Gefängnis stecken können. Ebenso alle oberen 100 SED- Funktionäre. Es hätte keinen einzigen Unschuldigen getroffen. Stattdessen wurden alle hohen StaSi-, SED- und Regierungsmitglieder/ Mitarbeiter mit Samthandschuhen angefaßt von der westdeutschen Politik. Es lief nicht anders als mit den Nazis nach dem Krieg.
Detlev Vreisleben 15.04.2019
2. Turban S 1 (Bild 10)
Turban S 1 war ein Kurzwellen-Empfangssystem für den türkischen Botschaftsfunk. Der Abt. XI ist die Entschlüsselung gelungen.
Turban S 1 war ein Kurzwellen-Empfangssystem für den türkischen Botschaftsfunk. Der Abt. XI ist die Entschlüsselung gelungen.
Joachim Peter 15.04.2019
3. ...sein Tod tue ihm leid.
"Niemand jedoch hatte Gunter gezwungen, das Gesetz zu brechen (...) außer er selbst. Die Verantwortung für diesen Schritt lag ausschließlich bei ihm..." So wie: Selber schuld, dass er überfahren wurde, er weiß ja, [...]
"Niemand jedoch hatte Gunter gezwungen, das Gesetz zu brechen (...) außer er selbst. Die Verantwortung für diesen Schritt lag ausschließlich bei ihm..." So wie: Selber schuld, dass er überfahren wurde, er weiß ja, dass man bei einer roten Ampel nicht über die Straße gehen darf. Wirklich? Oder gibt es da einen Unterschied? Vielleicht den, dass weder Autos noch Straßen zu dem Zweck gebaut werden, um Fußgänger daran zu hindern, sie zu überqueren. Und Ampeln schon garnicht. Und dass nirgendwo auf der Welt in der Straßenverkehrsordnung steht, Autofahrer mögen auf vorschriftswidrig die Straße überquerende Fußgänger achten, um rechtzeitig Gas geben zu können und sie zu überfahren.
Hans-Gerd Wendt 15.04.2019
4. Lernprozesse
Es ist für alle schwierig, die DDR richtig zu begreifen. Wahrscheinlich wird man ein letztes Urteil - sofern es das geben kann - erst in Jahrzehnten fällen. Aber in einem Punkt darf ich dem Stasi-General Recht geben: In den [...]
Es ist für alle schwierig, die DDR richtig zu begreifen. Wahrscheinlich wird man ein letztes Urteil - sofern es das geben kann - erst in Jahrzehnten fällen. Aber in einem Punkt darf ich dem Stasi-General Recht geben: In den ersten Jahren nach dem Fall der Mauer habe ich als "Westler" in Berlin mit vielen "Ossis" zusammengearbeitet. Und es war schon seltsam zu hören, wie resigniert und beinahe schon frustriert die Leute aus der Ex-DDR waren, weil sie im Alltags- und Berufsleben nicht zurecht kamen. Nicht wenige äußerten sich durchaus positiv über das vergangene Leben im "Sozialismus". Nicht, dass sie das alte Regime in gleicher Weise zurück haben wollten, aber bestimmte Aspekte ihres früheren Lebens vermissten sie doch. Vor allem die Solidarität untereinander und die Abgesichertheit ihres Daseins fehlte plötzlich. Ich persönlich habe damals viel gelernt über ein tolerantes Umgehen auch mit dem DDR-Stasi-Staat.
Wolfgang Schermuly 15.04.2019
5. komisch
Bevor ich das gelesen hatte, hatte ich das assoziiert. Wir haben gegrillt und Bier getrunken. Fuer eine Schrebergartenidylle war die DDR immer gut.
Bevor ich das gelesen hatte, hatte ich das assoziiert. Wir haben gegrillt und Bier getrunken. Fuer eine Schrebergartenidylle war die DDR immer gut.

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