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einestages

Tatort Gericht

Selbstjustiz statt Gerichtsurteil

Schüsse statt Worte: Alle paar Jahre kommt es in deutschen Gerichtssälen zu Gewalttaten, weil Prozessbeteiligte sich ungerecht behandelt fühlen - oder Rache nehmen wollen. SPIEGEL ONLINE dokumentiert Fälle blutiger Selbstjustiz.

AP
Von Insa van den Berg
Dienstag, 07.04.2009   16:18 Uhr

Es war eine blutige Premiere: Am 6. März 1981 betritt die 31-jährige Marianne Bachmeier den Verhandlungssaal des Lübecker Landgerichts. Auf einer erhöhten und abgetrennten Stuhlreihe sitzt der Angeklagte, Klaus Grabowski. Er wird beschuldigt, die siebenjährige Tochter der alleinerziehenden Mutter missbraucht und anschließend getötet zu haben. Es ist der dritte Verhandlungstag, und der Prozess verläuft zäh.

Zu zäh für Marianne Bachmeier. Aus der Tasche eines langen, dunklen Mantels zieht die junge Frau eine Pistole, ein eher kleines, italienisches Fabrikat. Der 35-jährige Angeklagte sieht sie nicht, er sitzt mit dem Rücken zu Publikum und Eingang. Achtmal drückt Bachmeier ab. Eine Kugel geht fehl, eine trifft Grabowskis Arm, sechs Kugeln bohren sich in seinen Rücken. Grabowski liegt vor der Anklagebank tot in seinem Blut. Bachmeier, der aus der Bevölkerung eine Welle der Sympathie entgegenschlägt, wird zum Medienstar. Im November 1982 wird sie wegen Totschlags zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt.

Die Schüsse von Lübeck waren der erste Fall von blutiger Selbstjustiz in einem deutschen Gericht, an einem Ort, wo eigentlich das Recht die Gewalt in die Schranken weisen soll. Doch es bleibt nicht der letzte. Immer wieder greifen seither Menschen sogar im Gerichtssaal zur Waffe, schießen auf Richter, Anwälte, Angeklagte oder Ex-Partner - meist treibt sie das bohrende Gefühl, das ihnen ausgerechnet dort, wo sie für sich Gerechtigkeit erhoffen, vermeintlich noch größeres Unrecht geschieht.

Rache 17 Jahre nach dem Bagatellurteil

So richtete 1995 in Köln der Vater eines ermordeten jungen Türken im Gericht plötzlich eine Waffe gegen die vier Angeklagten, die seinen Sohn ein halbes Jahr zuvor mit einem Baseballschläger niedergeknüppelt, ihn anschließend mit Benzin übergossen und angezündet haben sollten. Einer der Angeklagten wurde getötet, mehrere Personen verletzt.

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Amok vor Gericht: "Mich kriegt ihr nicht"

Manchmal reichen schon kleine Anstöße gefühlter Ungerechtigkeit, manchen Angeklagten in Raserei zu versetzen. Ein 52-jähriger Landwirt zückte 1997 im Amtsgericht von Osterburg in der Altmark seinen Revolver und schoss mehrmals auf den Richter - wegen vermeintlich überzogener Unterhaltsforderungen seiner Ex-Frau. Ein Justizwachtmeister wurde durch Schüsse lebensgefährlich verletzt.

Unter Umständen liegt schon in einer kleinen Geldbuße die Saat für eine blutige Katastrophe. 17 Jahre lang kämpfte ein Ehepaar gegen eine kleine Geldbuße, die ihnen 1981 auferlegt worden war - vergeblich. Dann machte sich der Mann am 7. Mai 1998 mit einer Pistole russischen Fabrikats auf den Weg zum Landgericht Essen. Mit mehreren Schüssen streckte er dort den mittlerweile 52-jährigen Richter nieder, der ihn fast zwei Jahrzehnte zuvor verurteilt hatte. Der Vater von vier Kindern verblutete noch am Tatort. Der Täter erschoss sich anschließend selbst, in einem Abschiedsbrief bedauerte er, nicht noch mehr Menschen habe töten können.

Mit der Bombe im Rucksack zum Urteilsspruch

Vom Tathergang war dieser besonders tragische Fall symptomatisch für die Mehrzahl der Amokläufe vor Gericht: Bei mehr als der Hälfte der in Deutschland bekannten Fälle richten die Täter die Waffe am Ende gegen sich selbst. Mit den Worten "Mich kriegt ihr nicht" zückte beispielsweise auch ein 47 Jahre alter Bordellbesitzer 1998 im Amtsgericht von Aurich seinen Trommelrevolver, feuerte auf den Staatsanwalt und schoss sich anschließend in den Kopf. Er und seine 42 Jahre alte Ehefrau standen wegen Menschenhandels und Förderung der Prostitution vor Gericht, weil sie im Kreis Aurich einen Puff mit ungarischen Prostituierten betrieben hatten.

Auch in Euskirchen machte ein Angeklagter kurzen Prozess. Am 9. März 1994 wurde vor dem dortigen Gericht ein Einspruch gegen eine Verurteilung wegen gefährlicher Körperverletzung verhandelt. Da er permanent den Prozess störte, erlegte der Richter dem 39-jährigen Angeklagten eine Geldstrafe auf. Der Mann nahm den Tadel teilnahmslos entgegen, verließ dann den Gerichtssaal und kehrte kurz darauf mit einem schweren Revolver zurück. Er erschoss sechs Menschen, darunter den Richter und seine Ex-Freundin, wegen deren Misshandlung er zuvor verurteilt worden war. Dann zog er an einer Leine seines Rucksacks; eine darin mitgeführte Bombe zerfetzte ihn und beschädigte das Gerichtsgebäude schwer.

Zum Messer statt zur Pistole oder Bombe griff im Januar 1995 ein 54-Jähriger in Kiel - geplant war auch seine Tat, wenngleich nicht besonders gründlich: In dem Irrglauben, sie sei für die Entscheidung im Sorgerechtsstreit um seinen Sohn zuständig, trat er auf eine Familienrichterin zu - und schnitt ihre Kehle durch. An der Tatwaffe, einem Küchenmesser, klebte noch das Preisschild. Das Opfer, Mutter zweier Töchter, hatte mit dem Fall des Mannes nichts zu tun, sie hielt sich nur zur Vertretung in dem Dienstzimmer ihrer Kollegin auf. Nach der Tat versuchte der psychisch kranke Täter, sich das Leben zu nehmen, überlebte aber trotz schwerer Schnittverletzungen an der Halsschlagader.

Geplant hatte ihre Tat wohl auch Marianne Bachmeier, auch wenn sie in ihrem Verfahren jede Vorbereitung abgestritten hatte. Dabei lagen die sechs Schüsse, die Klaus Grabowski in den Rücken trafen, dicht beieinander - Indiz für einen geübten Schützen. Freunde von Bachmeier bestätigten Jahre später, dass sie sehr wohl Schießübungen gemacht hätte. Und sie selbst gab 1995, lange nachdem sie ihre Strafe abgesessen hatte, in einem TV-Interview zu, Grabowski aus reiflicher Überlegung erschossen zu haben: "Um Recht über ihn zu sprechen."

zib/mhe/hmk

insgesamt 2 Beiträge
Sandirya de Perez 21.12.2009
1.
Selbstjustiz? Man mag geteilter meinung sein, aber den Angehörigen der Opfer sind alle urteile ( verständlich) zu Mild. Verstehen kann man es wenn jemand austickt, aber schon mit dem Vorsatz den Sitzungssaal ( mitgebrachte [...]
Selbstjustiz? Man mag geteilter meinung sein, aber den Angehörigen der Opfer sind alle urteile ( verständlich) zu Mild. Verstehen kann man es wenn jemand austickt, aber schon mit dem Vorsatz den Sitzungssaal ( mitgebrachte Waffen etc.) ist nicht mehr nachvollziehbar
Wilfried Huthmacher 21.06.2013
2.
Will ja nix sagen, aber wenn es um Selbstjustiz ging, dacht ich immer, dass es um diie Angeklagten geht und nicht dass sich jemand zu Unrecht verurteilt sieht und dafür den Richter tötet.
Will ja nix sagen, aber wenn es um Selbstjustiz ging, dacht ich immer, dass es um diie Angeklagten geht und nicht dass sich jemand zu Unrecht verurteilt sieht und dafür den Richter tötet.

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