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Trabi-Geschichte

Mumie mit Herzschrittmacher

Von der Geschichte überrollt: 1957 lief der erste, 1991 der letzte Trabi vom Band. Schon 30 Jahre zuvor hatte VW-Manager Carl Hahn mit der DDR-Regierung verhandelt - er wollte die Rennpappe mit Polo-Motoren aufmotzen.

DPA
Von
Freitag, 29.04.2011   16:57 Uhr

In der Reihe "einestages-Klassiker" präsentiert SPIEGEL ONLINE Schätze aus dem einestages-Archiv.

Selbst der langjährige Mister VW höchstpersönlich besitzt noch einen. Das DDR-Gefährt, ein Trabi-Cabrio, Typ 1.1 in Papyrusweiß, steht auf Sardinien und wartet geduldig darauf, dass Carl Hahn beim nächsten Urlaub vorbeikommt, sich hinters Steuer zwängt und gemütlich vom azurblauen Wassersaum zur nächsten Trattoria tuckert.

"Unter der südlichen Sonne ist mein Trabi ein ideales Transportmittel, um das uns alle beneiden", schwärmt der ehemalige Vorstandsvorsitzende des Wolfsburger Konzerns. Zudem beschleunige seine Rennpappe "wie ein Teufel", so Hahn, 84. Möglich macht das eine fast vergessene Kooperation zwischen Ost und West.

Denn unter der Schnauze des liebenswert-vorsintflutlichen Zwickauer Autos versteckt sich ein Viertakt-Polo-Motor. Das von VW frisierte Modell sollte einst die Marke Trabant retten. Die ungewöhnliche Idee dazu hatte der Ex-VW-Chef selbst, vor rund 30 Jahren - mitten im Kalten Krieg.

Grandioser Geschwindigkeitsrausch

Es war im Frühling 1982, Carl Hahn hatte gerade seinen Posten als Vorstandsvorsitzender bei VW angetreten, als er einen Anruf seines Freundes Walther Leisler Kiep erhielt. Der CDU-Politiker, damals zuständig für die wirtschaftlichen Beziehungen zu den Ostblock-Ländern, eröffnete Hahn, die DDR sei an einem Geschäft mit Volkswagen interessiert. Im Juni reisten Hahn und Kiep nach Ost-Berlin, um sich mit Gerhard Beil, dem damaligen stellvertretenden Außenhandels-Minister, zu treffen.

Hier unterbreitete Hahn den Männern seinen Kooperationsplan: Volkswagen würde der DDR die Lizenz für seinen kleinsten Viertakt-Vierzylinder-Motor, den "111", verkaufen - und zwar nebst Fertigungseinrichtung und Know-how. "In Hannover hatten wir eine Fertigungsstraße für den 111 zu viel, die konnte ich anbieten", sagt Hahn. Abzahlen sollte die DDR das VW-Angebot mit selbst hergestellter Viertaktware. In erster Linie waren die Motoren jedoch dazu gedacht, in die Ost-Autos, allen voran den Trabant, eingebaut zu werden.

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Trabi-Geschichte: Mumie mit Herzschrittmacher

Beil sei sofort begeistert gewesen, erinnert sich Hahn. Kein Wunder: Der Trabi verfeuerte bis dato auf 100 Kilometer bis zu zehn Liter Benzin-Öl-Gemisch, verpestete mit seinen Qualmwolken die Umwelt und brachte es mit seinem töffenden 26-PS-Zweitakt-Motor auf höchstens 90 Kilometer in der Stunde. Ein neues Viertakter-Herz von VW hätte nicht nur den Kraftstoff reduziert und die DDR-Luft verbessert, sondern den Bürger hinterm Steuer auch den Kick eines ganz neuen Geschwindigkeitsrausches ermöglicht.

"Einen Fuß in die Tür kriegen"

Den VW-Konzern wiederum beflügelten handfeste wirtschaftliche Interessen: "Wir waren daran interessiert, einen Fuß in die Tür zu bekommen, Kontakte zu knüpfen", sagt Hahn. Von der Kooperation versprach er sich, wie er sagt, "ein Thermometer in der DDR-Wirtschaft zu haben, an dem wir die Stimmung ablesen konnten". Denn eines war klar, so Hahn: Die marode DDR würde es nicht mehr lange geben. Daher galt es, sich gute wirtschaftliche Startbedingungen zu verschaffen - für eine Zeit danach.

Abgesehen von den nüchternen Überlegungen des Managers mag auch seine Heimatliebe eine gewisse Rolle gespielt haben. "Von meinem Wolfsburger Büro im 13. Stock konnte ich genau den Kirchturm von Oebisfelde, der ersten Stadt jenseits der Grenze, erkennen", sagt der gebürtige Chemnitzer. Schon als Fünfjähriger durfte Hahn die Produktionshallen der Auto Union in Sachsen besuchen - sie war von seinem Vater mitbegründet worden.

Später, während des Zweiten Weltkriegs, arbeitete Hahn als Lehrling und Fabrikarbeiter während der Sommerferien bei der Auto Union. "Ich wusste aus eigener Erfahrung, wie fähig und fleißig die Arbeiter und Ingenieure dort waren." Mit dem Deal über den Eisernen Vorhang hinweg eröffnete sich dem Manager die Möglichkeit, diese Potenziale für VW zu nutzen.

Mysteriöse VW-Trabi-Karosserie

Die Verhandlungen mit den SED-Wirtschaftsbossen hat er als "durchweg angenehme Veranstaltungen" in Erinnerung: "Nicht wie der Klassenfeind, sondern wie die Fürsten wurden wir behandelt". Politische Diskussionen habe man vermieden. Die Gespräche endeten stets in einer der fabelhaft geführten Ost-Berliner Nobelherbergen. Einmal, auf der Terrasse des Palast-Hotel, bildete sich gar eine Schlange von DDR-Bürgern, die bei Hahn und Kiep um ein Autogramm baten.

Das Kontrastprogramm erwartete den VW-Manager in den heruntergekommenen Montagehallen des Trabant in Zwickau. "Über den Köpfen der Arbeiter waren Bleche angebracht, damit es ihnen bei Regen nicht direkt in den Nacken tropfte", erinnert sich Hahn. Er staunte über völlig veraltete, auf Vorkriegsniveau stehengebliebene Maschinen sowie Staub und extreme Hitze, die im Werk herrschte - die Duroplast-Karosserie des Trabant musste in der Heizpresse in Form gedrückt werden. "Die Verhältnisse in jener Halle", sagt Hahn, "symbolisierten für mich das Versagen eines ganzen Systems."

1984 schließlich wurde der Deal unterzeichnet, der dem Trabi per VW-Motor Feuer unterm Hintern machen sollte. Sogar eine neue Karosserie dachten sich die Wolfburger für die DDR-Industrie aus, entworfen vom berühmten Auto-Designer Giorgio Giugiaro. "Sie ähnelte in etwa einem modernen Citroën", erinnert sich Hahn. Bei Nacht und Nebel bekam DDR-Politiker Beil in Wolfburg einen Protoypen vorgeführt. Beil nahm den Karosserieentwurf mit über die Grenze - wo er dann spurlos verschwand. "Die Karosseriepläne sind bis heute nie wieder aufgetaucht", sagt Hahn. Die Motoren hingegen wurden realisiert - allerdings viel zu spät.

Schrankwand besiegt Sachsenporsche

Obwohl Know-how sowie Fertigungsstraße vor Ort in Chemnitz waren, verzögerte sich die Produktion der VW-Motoren in der DDR Jahr für Jahr, die Investitionskosten explodierten von 3,7 ursprünglich veranschlagten Ost-Mark auf 9,7 Milliarden. Im Mai 1990 schließlich rollte der erste Trabant mit Viertakt-Herz vom Band - doch da wollte ihn im Osten niemand mehr haben. Schließlich war vor einem halben Jahr die Mauer gefallen und ein gebrauchtes West-Auto viel attraktiver als der aufgetunte Duroplast-Bomber - der dem alten Trabant 601 fast aufs Haar glich.

Einzig der Schriftzug "1.1" auf dem Heck, die Rückleuchten, der Tankeinfüllstutzen am hinteren rechten Kotflügel und die neuen Lüftungsschlitze vorn am Grill unterschieden ihn vom Jahrzehnte alten Vorgänger-Modell. Als "Mumie mit Herzschrittmacher" schmähten die Ostdeutschen den neuen Trabi deshalb - obwohl er es bergab und mit Rückenwind auf stolze 150 Sachen brachte.

Der Oldtimer mit dem VW-Innenleben geriet zum Wende-Opfer, dessen Markteinführung die DDR-Büger sogleich mit einem neuen Trabi-Witz konterkarierten: "Im nationalen Windkanal-Vergleich hat der neue Trabant Platz zwei belegt - Sieger wurde eine Schrankwand."

"Auto gewordene Verachtung"

Einzig die West-Medien schienen sich über das aufgetunte Gefährt zu freuen: "So rasant ist der neue Trabant", frohlockte etwa die "Auto-Bild" in ihrem Fahrbericht über den Trabant "Universal 1.1" und kam zu dem Fazit: "Mit 40 VW-PS kann das Zwickauer Unikum jetzt seinen Spöttern zeigen, wo Hammer und Zirkel hängen. Noch nie haben uns 126 km/h Spitze so beeindruckt." Auch die anderen westdeutschen Medien jubelten ob des frisierten DDR-Modells: "Es knattert nicht, es stinkt nicht und es bewegt sich doch", lobte die "Quick" das neue Wunderauto mit dem Viertakt-Motor unter der Duroplast-Schnauze.

Die Ostdeutschen indes verschmähten das neue Produkt, zumal es mit Preisen ab 9.110 Mark schlicht zu teuer war. Mit der knallbunten, offenen Spaß-Version "Caro Tramp", die 1990 auf der Leipziger Herbstmesse vorgestellt wurde, versuchten die Hersteller, das Überleben des "Arbeiter- und Bauern-Mercedes" zu sichern - vergeblich. Kaum einer wollte die knapp 15.000 Mark für den Fun-Trabi zahlen. Nicht einmal der Schnäppchen-Trabant, zu haben zum Preis von unter 6000 Mark, fand seine Käufer. Es half alles nichts: Die Ära des legendären Plastebombers war vorbei.

Nachdem der Trabant 1989 im real existierenden Sozialismus noch als "Auto des Jahres" gefeiert wurde, rollte am 30. April 1991, einem Dienstag, um 14.30 Uhr, das 3.096.099. und letzte Exemplar aus dem Sachsenring-Werk in Zwickau. Der pinkfarbene "Universal 1.1" trug die Aufschrift "Trabant - Legende auf Rädern". Und landete ohne Umwege im Automuseum.

Mit Tränen in den Augen verabschiedeten sich die Werksarbeiter von ihrem zum Sterben verurteilten Baby, ein Angestellter hielt ein Transparent mit einem verbitterten Trabi-Abschiedsgruß in die Kameras: "Anlässlich meines Ablebens am 30.04.1991 bitte ich alle mir zugedachten Beileidsbekundungen im Form von Blumen und Geldspenden an die 'lieben alten Genossen' Honecker, Mittag, Tisch, Mielke, Vogt, Repmann und Hipp zu richten! Ich liebe euch doch alle! Tschüss, euer Trabi."

Ex-VW-Chef Carl Hahn indes, der als Vorstandsvorsitzender bis 1993 die Geschicke des VW-Konzerns lenkte, weint dem Trabant keine Träne nach. "Haben Sie mal versucht, sich mit vier Personen da reinzuquetschen? Ein Ding der Unmöglichkeit!", ruft er. Sein Trabant auf Sardinien sei nur deshalb komfortabler, weil ihm als Cabrio das Dach fehle. Nostalgie stellt sich bei ihm zum 20. Jahrestag des Trabi-Exitus' nicht ein: "Das Auto war für mich Ausdruck der katastrophalen Armut, in die das planwirtschaftliche System die ursprünglich hervorragende ostdeutsche Wirtschaft getrieben hatte."

Noch deutlicher hat dies der Schriftsteller Thomas Brussig einmal formuliert: "Der Trabant", schrieb der in Ost-Berlin geborene Brussig im SPIEGEL, "ist die Auto gewordene Verachtung der DDR-Obrigkeit gegenüber ihrem Staatsvolk."

insgesamt 23 Beiträge
Tomas Woithe 02.05.2011
1.
stellen sie sich vor man hätte der DDR ''alles in den hintern geschoben'' wie man es bei china macht-technologie,arbeitsplätze,joint venture,kapital,marktzugang.......die DDR wäre wahrscheinlich nie pleite gegangen. obwohl [...]
stellen sie sich vor man hätte der DDR ''alles in den hintern geschoben'' wie man es bei china macht-technologie,arbeitsplätze,joint venture,kapital,marktzugang.......die DDR wäre wahrscheinlich nie pleite gegangen. obwohl china weit unmenschlicher war/ist als die DDR es jemals war ,hat man nicht mal erlaubt bananen in die DDR zu exportieren--ausser aus kuba natürlich. natürlich kann ich verstehen das man keinen handel mit kommunisten-diktaturen betreiben wollte-aber warum tut man es dann mit china?
Marcus Podack 02.05.2011
2.
Einige technische Details in dem Beitrag sind aus welchem Grund auch immer fehlerhaft. Der Verbrauch beträgt normalerweise zwischen 6,8..7,5l/100km Die Höchstgeschwindigkeit war bei meinem Trabant nicht messbar. Die Nadel [...]
Einige technische Details in dem Beitrag sind aus welchem Grund auch immer fehlerhaft. Der Verbrauch beträgt normalerweise zwischen 6,8..7,5l/100km Die Höchstgeschwindigkeit war bei meinem Trabant nicht messbar. Die Nadel hing am Anschlag. Geschätzt 120km/h Heute für viele unbegreiflich, wie eine 4-köpfige Familie (Kinder 17 und 18 Jahre) mit Wohnanhänger bis nach Bulgarien und zurück durch Erzgebirge, Tatra, Kaparten und Balkangebirge geschafft hat. Und doch es ging! Es gab und gibt Renntrabbis die erfolgreich das geringe Gesamtgewicht und hohe Leistungsdichte des 2 Taktmotors erfolgreich ausnutzen. 200Km/h 78PS getunt. Der Trabant war und ist technisch revolutionär, bis heute.
Martin Hagenspiegel 01.05.2011
3.
Der P601 war zwar kein Traumwagen, aber 10l und 90km/h? Ich habe damals 6,5l in der Stadt gebraucht und konnte bis zu 120 km/h fahren. Ich bin auch kein Einzelfall: [...]
Der P601 war zwar kein Traumwagen, aber 10l und 90km/h? Ich habe damals 6,5l in der Stadt gebraucht und konnte bis zu 120 km/h fahren. Ich bin auch kein Einzelfall: http://www.spritmonitor.de/de/uebersicht/72-Sachsenring/517-Trabant.html?powerunit=2 Dafür gibt es bei einem luftgekühlten keine Probleme mit Wasserpumpen und undichten Kühlern, aber eine lebensgefährliche Heizung über den rostigen Auspuff.
Egon Olsen 02.05.2011
4.
10L und 90 Km/H sind einfach unglaublich schlecht recherchiert oder bewusste Schlechtmachung wie man sie leider immer wieder lesen muss. Nicht alle Waren der ehemaligen DDR waren schlecht! Wer sich die alten Quelle/Otto Kataloge [...]
10L und 90 Km/H sind einfach unglaublich schlecht recherchiert oder bewusste Schlechtmachung wie man sie leider immer wieder lesen muss. Nicht alle Waren der ehemaligen DDR waren schlecht! Wer sich die alten Quelle/Otto Kataloge der 80er Jahre ansieht - die darin angebotenen Waren wurden zu einem nicht unerheblichen Teil direkt aus der DDR importiert. Kleidung,Schuhe, Technik ( Bruns = RFT ) , Uhren, Möbel (Schrankwände!) usw., selbst Besteck. Zum P601: Als ehemaliger Besitzer 2er P601 kann ich die 6,5L und rund 120 km/h bestätigen. Die deLuxe Variante brachte neben einer verbesserten Geräuschdämmung auch rd. 7km/h mehr.
Friedemann Weber 02.05.2011
5.
Sehr geehrter Herr Hagenspiegel, aber darum gehts doch gar nicht! Wenn ein Journalist über die DDR schreibt, ist Sachkenntnis nicht nicht erforderlich, ja sogar ihr Fehlen nützlich. Für die eigene Karriere. Auch das hatten [...]
Sehr geehrter Herr Hagenspiegel, aber darum gehts doch gar nicht! Wenn ein Journalist über die DDR schreibt, ist Sachkenntnis nicht nicht erforderlich, ja sogar ihr Fehlen nützlich. Für die eigene Karriere. Auch das hatten wir schon mal... Herzlich CFW

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