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einestages

Holocaust-Überlebende Rahel Mann

"Der SS-Mann schlug das Kind an den Wagen, bis es nicht mehr schrie"

Nachbarn retteten Rahel Renate Mann vor der Deportation und versteckten sie in einem Berliner Keller. Jahrzehnte später behandelte sie als Heilpraktikerin einen früheren KZ-Leiter - ihre Kinder konnten das nicht verstehen.

Foto: Roman Pawlowski/ SPIEGEL GESCHICHTE
Mittwoch, 04.09.2019   14:49 Uhr

Zur Person

Die Wohnung befand sich im dritten Stock der Starnberger Straße 2 in Berlin-Schöneberg. Dort teilte ich mir die Wohnung mit meiner Mutter. An der Wohnungstür hing ein großer gelber Stern. Lange Zeit wusste ich nicht, was er bedeutete.

An den genauen Zeitpunkt, als meine Mutter abgeholt und deportiert wurde, kann ich mich nicht erinnern. Ich muss ungefähr vier oder fünf Jahre alt gewesen sein. Vermutlich war sie gerade bei der Arbeit, als die SS-Männer sie nach Sachsenhausen brachten. Und ich war bei der Hauswartsfrau, einer gewissen Frau Vater, die sich fortan um mich kümmerte.

Frau Vater war resolut und herzlich. Sie wohnte im Parterre der Starnberger Straße. Ihr Mann war Blockwart im Viertel. Er sprach nie mit mir. Herr Vater war Parteimitglied und hätte mich eigentlich verpfeifen müssen, aber er duldete mich. Ich wurde viel herumgereicht, aber das machte mir nichts. Wahrscheinlich organisierte Frau Vater meine Verstecke. Mir wurde beigebracht, still zu sein, das zu tun, was man mir sagte.

In die Wohnung im dritten Stock, in der ich mit meiner Mutter gelebt hatte, zog eine neue jüdische Familie mit vier Kindern unter dem Namen Schulz. Den richtigen Namen kannte ich nicht. Ich hatte die Freiheit, immer zwischen der Parterrewohnung von Frau Vater und der Wohnung oben hoch- und runterzulaufen.

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Zeitzeugen des Holocaust: "Den hättest du verrecken lassen sollen"

Ich muss sechs Jahre alt gewesen sein, als eines Tages - ich war gerade oben, um mit den Kindern zu spielen - die SS ins Haus kam. Ich hörte die schweren Stiefel auf den Holztreppen. Mit den Gewehrkolben hämmerten sie an die Tür. Frau Schulz machte auf. Die Männer traten herein, um die Familie mit den vier Kindern abzuholen.

Allerdings bekamen sie nicht gleich mit, dass fünf Kinder im Raum standen. Beinahe hätten sie auch mich mitgenommen. In dem Moment hörte ich, wie Frau Vater die Treppe hochkam - ich war so erleichtert.

"Die jehört zu mir"

Sie griff mich und sagte laut und bestimmt: "Dit is meene Nichte, die jehört zu mir." Die Männer ließen uns gewähren. Frau Vater ging mit mir nach unten in die Wohnung von Frau Wiezorek, einer Witwe, die dort lebte und gerade Mittagessen kochte. Am Fenster sah ich die grüne Minna auf der Straße. Vater Schulz war mittlerweile unten. Er ging mit den drei älteren Kindern zum Pritschenwagen.

Ich sah den SS-Mann draußen stehen. Er befahl der Mutter, ebenfalls auf den Wagen zu steigen. Sie weigerte sich. Dabei hielt sie das jüngste Kind ganz fest auf dem Arm. Ich sah, dass vis-à-vis in allen vier Etagen Menschen hinter Gardinen standen und die Szene beobachteten.

Der SS-Mann stieß der Frau mit dem Gewehr immer wieder in den Rücken und schubste sie so weiter. Dann entriss ihr ein anderer das kleine Kind. Das Kind begann zu schreien. Der Mann schlug das Kind gegen den Wagen, einmal, zweimal, dreimal. So lange, bis es nicht mehr schrie. Es war tot. Das habe ich begriffen. Dann ertönten Sirenen, ein Luftangriff. Der SS-Mann warf das tote Kind zum Vater in den Wagen, die Frau stieg endlich auf. Im Nu fuhren sie davon.

Mehr dazu in SPIEGEL GESCHICHTE 4/2019

Mit dem Einsatz der Sirenen und dem Gesehenen kam es zu allen Seiten aus mir heraus. Ich musste brechen, bekam Durchfall. Frau Wiezorek nahm mich und wusch mich in der Wanne sauber. Tagelang konnte ich nichts essen. Am meisten plagte mich das Unverständnis: Warum hat keiner etwas gemacht? Warum blieben alle hinter ihren Gardinen stehen, anstatt runterzurennen und zu helfen?

Wie konnten Christen solche Gräueltaten begehen?

In den letzten Kriegsmonaten hielt mich Frau Vater im Keller versteckt. Dort fanden mich auch die russischen Soldaten bei meiner Befreiung im April 1945. Im Mai brachten sie meine Mutter aus Sachsenhausen zurück. Sie war körperlich und im Gemüt gebrochen.

Bis zum Schluss hatte sie es nicht für möglich gehalten, dass Hitler mit seinem Gedankengut durchdringen könnte. Sie hatte gedacht, die Menschen würden sich gegen die Nazis stellen. Erst nach ihrer eigenen KZ-Zeit hat sie es begriffen. Sie wurde nicht gesund, ist immer mehr verzweifelt. Und dann war da noch diese Tochter, die keine gute Beziehung zu ihr hatte, die am liebsten immer irgendwo anders war.

Nach dem Krieg blieb ich in Deutschland. Ich kam als einziges jüdisches Kind in die Schule. Auch an der Uni im Medizinstudium war ich die einzige Jüdin. Ich habe alles aufgesogen, was man mir zu lesen gab: Das Wissen über die Vernichtung der Juden half mir, das Geschehene besser zu verstehen und zu verarbeiten.

Alles, was ich im Krieg erlebt habe, schrieb ich im Alter zwischen 14 und 20 Jahren in Tagebüchern nieder. Das war die beste Therapie für mich. Doch eine Frage blieb immer: Das waren doch alle Christen. Wie konnten Christen solche Gräueltaten begehen? Das frage ich mich bis heute.

Das Trauma bleibt ein Leben lang

Manche Menschen spüren diesen Rachegedanken. Den habe ich nicht. Ich sah es als meine Aufgabe, die Deutschen an die Juden zu gewöhnen. Ich dachte, es wäre nicht gut, wenn wir einfach alle verschwinden.

Ende der Achtzigerjahre kam ein Mann in meine Praxis, die ich als Heilpraktikerin in Braunschweig führte. Er ging am Stock und war in Sorge, dass ich ihn vermutlich gleich wieder wegschicken würde. Der Mann war ein ehemaliger KZ-Leiter in einem Lager in Schapen. Er hatte große Schmerzen - Magenkrebs. Er würde nicht mehr lange zu leben haben. Ich habe ihn behandelt.

Meine Kinder konnten es nicht verstehen. "Den hättest du verrecken lassen sollen", sagte mir damals meine Tochter. Aber so war ich nicht. So bin ich nicht. Der Mann ist kurze Zeit später an seiner Krankheit verstorben.

Doch die Geschehnisse von damals sitzen tief: Auch als erwachsene Frau erlitt ich immer wieder diesen schockartigen Durchfall in Stresssituationen. Während meiner Zeit in Israel - mit 60 Jahren ging ich für zehn Jahre dorthin - lösten die Sirenen bei Bombenangriffen ebenfalls diese Reaktion aus. Das ist das Trauma. Es begleitet einen ein Leben lang.

Als ich aus Israel zurückkehrte, war klar, Berlin ist für mich das offenste und weiteste Städtchen. In Schöneberg ist alles leicht zu erreichen, wie das Rathaus, wo ich jeden Monat aus meiner Geschichte erzähle. Allerdings beobachte ich heute ein Erstarken des Antijudaismus. Ich denke, es wird sich letztlich noch zeigen, was die Deutschen wirklich aus der Zeit der Judenverfolgung gelernt haben.


Die Zeugen des Grauens: Das Magazin SPIEGEL GESCHICHTE widmet sich in der aktuellen Ausgabe dem Thema "Jüdisches Leben in Deutschland" und hat Überlebende der Schoah besucht - Jüdinnen und Juden, die der Tötungsmaschinerie der Nationalsozialisten auf ganz unterschiedliche Weise entkamen und sich nach dem Krieg entschieden, trotz allem weiter in Deutschland zu leben. Weitere Protokolle finden Sie im Heft.

Aufgezeichnet von Rachelle Pouplier

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