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einestages

Rockmusiker Perry Farrell

"Ich habe David Bowie verärgert. Doof von mir"

Am Wochenende steigt in Berlin das Lollapalooza-Festival. Und wer hat's erfunden? Perry Farrell. Hier spricht der Sänger von Jane's Addiction über Donald Trump, den Mauerfall und Stress mit seinem größten Vorbild.

Meeno
Ein Interview von
Donnerstag, 05.09.2019   10:31 Uhr

Zur Person

einestages: Mr. Farrell, seit vier Jahrzehnten sind Sie Sänger, Songwriter, DJ und Veranstalter. Was treibt Sie an?

Farrell: Geld jedenfalls nicht. Als Künstler lebe ich für die menschliche Interaktion bei Konzerten. Musik zu machen, zu singen und zu tanzen vor Publikum - das ist es. Eine Therapie für die Seele. Eine einsame Insel wäre nichts für mich. Für wen sollte ich da performen?

einestages: Zu Ihren musikalischen Einflüssen zählen die Einstürzenden Neubauten aus Berlin, wo auch der deutsche Ableger der Lollapalooza-Festivalreihe stattfindet. Haben Sie einen besonderen Bezug zu Berlin?

Farrell: Die Neubauten waren für mich immer eine wegweisende Band. Und Berlin ist ein besonderer Ort. Vor meinem ersten Trip hatte ich Angst, weil ich Jude bin und weiß, was im Zweiten Weltkrieg passiert ist. Aber meine Bedenken waren unbegründet. Ich war vor 30 Jahren erstmals hier, als die Mauer nach einer friedlichen Revolution fiel. 1989 war ein wichtiges Jahr für Freiheit und Demokratie, für die ganze Welt. Als ich in West-Berlin war, um mein erstes Jane's-Addiction-Album "Nothing's shocking" zu promoten, habe ich Künstler kennengelernt, die frisch aus dem Ostteil rüberkamen und spannende Geschichten erzählten. Diese Erinnerungen haben sich fest in mein Gehirn gebrannt.

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Sänger Perry Farrell: "Vor meinem ersten Berlin-Trip hatte ich Angst"

einestages: Mit Lollapalooza haben Sie ab 1991 die Festivalkultur revolutioniert (Video), heute zählt es zu den wichtigsten Popfestivals der Welt. Wofür steht "Lollapalooza"?

Farrell: Ursprünglich war das Ganze nur als Abschiedstour meiner Band Jane's Addiction gedacht, aber daraus entwickelte sich ein Festival, ein Musikevent mit Jahrmarktcharakter. Der Name kommt von Lollipop, das Festival soll sein wie ein großer, bunter Lutscher für viele Geschmäcker. Alle dürfen dabei sein und mitmachen, es ist eine sehr inklusive Veranstaltung, niemand soll ausgegrenzt werden. Quasi genau das Gegenteil von dem, was derzeit unter Trump in den USA passiert.

einestages: Im neuen Song "Pirate Punk Politician" gehen Sie mit Trump hart ins Gericht: "I'll cut your job, I'll raise your rent, cause I'm your so-called President..."

Farrell: Richtig. Gerade habe ich erfahren, dass Trump kürzlich ein Golfturnier auf seinem Anwesen in Florida veranstaltet hat, mit großbusigen Ladys in engen weißen Blusen als Caddys. Vielleicht wähle ich ihn. Ironie aus.

einestages: Gewählt wurde er trotz all der Protestsongs und Aktionen gegen ihn - kann Kunst heute nichts mehr bewirken?

Farrell: Doch. Künstler müssen den Mund aufmachen, aber man kann Menschen keine Meinung aufzwingen. Trump protzt ja gern damit, wie mächtig und genial er sei, dabei behandelt er Frauen und Einwanderer wie Menschen zweiter Klasse. Ich glaube, dass nicht er die nächste Wahl gewinnt, sondern wir, die Guten. Aber nicht jeder Trump-Wähler ist ja ein schlechter Mensch. Einem Farmer im Mittleren Westen, der von früh bis spät hart arbeiten muss, fehlt die Zeit, sich eingehend mit Politik zu beschäftigen. Er will einfache, klare Antworten. Es sind simple people, und das meine ich nicht despektierlich. Sie glauben halt seine Lügen und denken, er sei auf ihrer Seite. Ich selbst bin Idealist, kein Nationalist. Es geht eben nicht nur um Amerika, es geht um den Planeten, auf dem wir alle leben.

einestages: Sie sind auch politisch aktiv und saßen bereits 2007 mit Tony Blair, damals britischer Premier, in der Downing Street zusammen...

Farrell: ...um über den Klimawandel zu sprechen. Das Problem war damals schon präsent, mittlerweile ist es ein Notfall, keiner kann seine Augen davor verschließen. Ich arbeite schon seit den Neunzigern am Thema globale Erwärmung, auch mit Greenpeace als Lollapalooza-Partner. Jeder spielt eine Rolle im Orchester des Lebens. Das ist meine.

einestages: Leben Sie selbst vorbildlich umweltbewusst?

Farrell: Klar. Wir nutzen Solarenergie für unser Haus, recyclen, fahren Hybridautos. Meine Söhne sind 15 und 17, ich spreche mit ihnen über verantwortungsvollen Umgang mit Natur und Ressourcen. Aber ich muss sie behutsam an die Sache ranführen, sonst bewirke ich das Gegenteil. Wenn du einen guten Song zu laut aufdrehst, verfehlt er seine Wirkung.

einestages: Geboren wurden Sie als Peretz Bernstein. Wie kam es zum Künstlernamen?

Farrell: Der ursprüngliche Familienname ist Bernstecher (er buchstabiert). Ich bin jüdisch, mit österreichischen, polnischen, galizischen und rumänischen Wurzeln. Bei der Einwanderung meiner Vorfahren änderten die Behörden den Namen in Bernstein, wie bei vielen Zuwanderern mit komplizierten Namen. Mein Künstlername Perry Farrell kommt vom Begriff peripheral, bedeutet also nebensächlich, irrelevant oder auch Randzone. Ich hatte damals Punkrock für mich entdeckt und wollte einen Namen, dessen Bedeutung irgendwie nach Punk klingt.

einestages: Wie sind Sie aufgewachsen - behütete Kindheit in New York?

Farrell: An sich schon. Mein Vater Abraham, den alle nur Al nannten, war Schmuckdesigner im Diamond District in Manhattan. Er war künstlerisch talentiert, hat sogar mal Schmuck entworfen für Berühmtheiten wie Elton John, Adam West, Alice Cooper, Keith Richards und John Lennon. Einmal feierte Sängerin Natalie Cole mit uns zu Hause Silvester. Meine Familie war nicht reich, eher durchschnittliche Mittelklasse. Wir lebten in einer Kleinstadt auf Long Island.

einestages: In jungen Jahren mussten Sie einen schweren Schicksalsschlag verkraften.

Farrell: Den Tod meiner Mutter, ich war vier. Sie litt unter Depressionen und nahm sich das Leben. Meine Schwester und ich fanden sie in der Garage, sie hatte sich mit Abgasen vergiftet. Sie liebte meinen Vater und uns Kinder, ertrug aber ihren Seelenschmerz nicht mehr. Ich habe den Song "Then she did" darüber geschrieben.

einestages: Als Teenager zogen Sie dann nach Miami.

Farrell: In der Highschool war ich ein schüchterner, ruhiger Junge, eine Künstlerseele. Ich hatte nur einen einzigen Kumpel und eine Freundin und schloss mich dann der Surfer- und Skater-Community an. Mein gestalterisches Talent muss ich wohl von meinem Vater geerbt haben. Als ich mit 17 mein Elternhaus verließ und nach Kalifornien ging, habe ich mich in Los Angeles mit Schmuckdesign über Wasser gehalten, aber auch auf dem Bau gerackert oder als Kellner gejobbt. Trotzdem musste ich die erste Zeit in meinem Wagen übernachten, weil es für eine eigene Bude nicht reichte.

einestages: Sie wurden groß mit der Musik der Beatles, von Led Zeppelin, Lou Reed, David Bowie und Iggy Pop. War es Ihr Ziel, selbst Rockstar zu werden?

Farrell: Eher Surfer. Meine Familie hätte auch nie für möglich gehalten, dass mal ein Musiker aus mir wird. Eigentlich sollte ich bei meinem Vater als Schmuckdesigner arbeiten.

einestages: Warum kam es nicht dazu?

Farrell: Die Mafia hat unser Geschäft kaputt gemacht. Mein Vater war in irgendwelche düsteren Machenschaften verstrickt. Er war einst mit dem berüchtigten Gangsterboss Meyer Lansky und dessen Bruder zur Schule gegangen. Da gab es wohl eine Connection. Auf einmal hatte er Kohle, konnte sich eine Mercedes-Limousine leisten und mit uns in Urlaub in die Catskill Mountains fahren. Dann zogen wir plötzlich Hals über Kopf nach Miami. Erst später dämmerte mir, dass er wohl auf der Flucht vor der Mafia war. Da kamen diese Typen in unseren Laden, Hardcore-Mafiosi, man sah es ihnen an. Und sie saugten meinen Vater finanziell aus. Ihm wurde alles zu viel, er erlitt einen Herzinfarkt, bekam drei Bypässe und starb wenig später. Ich fühle mich bis heute mitschuldig an seinem Tod. Dass ich mit 17 von zu Hause abgehauen bin, hat ihm das Herz gebrochen.

Preisabfragezeitpunkt:
04.09.2019, 11:54 Uhr
Ohne Gewähr

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Perry Farrell
Kind Heaven

Label:
Bmg Rights Management (Warner)
Preis:
EUR 7,62

einestages: Auf Ihrem neuen Album "Kind Heaven" gibt es neben Garagenrock auch New Wave und Electronic Dance Music, sogar Jazz-Anleihen. Produzent ist Tony Visconti, langjähriger Wegbegleiter von David Bowie. Haben Sie sich damit einen Traum erfüllt?

Farrell: Absolut. Seine Produktionen, ob für Bowie, Iggy Pop oder T. Rex, begleiten mich seit meiner Jugend. Als Bowie noch lebte, wäre ich jedoch nie auf die Idee gekommen, bei Visconti anzufragen. Er war ja bis zum letzten Werk "Black Star" Bowies Hausproduzent, da wollte ich nicht stören.

einestages: Wie lernten Sie Visconti kennen?

Farrell: Er hatte mich als musikalischer Leiter eingeladen, an einer Tribute-Show mitzuwirken, die Bowies Leben und Werk ehrte, neben Sean Lennon, Cyndi Lauper und Debbie Harry.

einestages: Sind Sie auch David Bowie begegnet?

Farrell: Ein paar Mal. Leider blieb bei mir ein fader Nachgeschmack. Weil ich Mist gebaut habe.

einestages: Was war passiert?

Farrell: Wir hatten unsere privaten Telefonnummern ausgetauscht. Dann habe ich blöderweise mein Handy im Taxi liegen lassen. Jemand hat es gefunden, Bowies Nummer entdeckt und ihn mit SMS bombardiert im Stil von "Yo, dude, what's up!?" Da rief mich David völlig irritiert an: "Perry, was soll der Scheiß?" Er hat sich geärgert, völlig zu Recht. Ein anderes Mal war ich zu einem Charity-Projekt eingeladen, zum Schutz des Amazonas. Ich wollte Bowie auch dafür gewinnen und leitete ihm eine E-Mail weiter, übersah aber, dass 120 weitere Adressaten in Kopie waren. Damit hatte jeder von denen Bowies private E-Mail-Adresse. Zu doof von mir. Ich habe Bowie, mein größtes Vorbild, verärgert. Dann starb er - und ich hatte nicht mehr die Möglichkeit, mich bei ihm zu entschuldigen. Trotz allem glaube ich, dass er mich ganz gern mochte, aber wahrscheinlich war ich ihm zu verpeilt.

Lollapalooza in Berlin

Am 7. und 8. September 2019 läuft das Lollapalooza-Festival im Berliner Olympiastadion. Dabei sind Rita Ora, Kings of Leon, Dendemann, Billie Eilish, Marteria, Kraftklub, Scooter und viele andere - mehr Informationen gibt es hier.
insgesamt 2 Beiträge
Wolfgang Falck 05.09.2019
1. Geiler Typ
Seit Jane's Addiction schon Fan und jetzt diese geile Bowie Offenbarung. Ich finde man muß ihn lieben, ausser Bowie natürlich der durfte ihn hassen, daß hätte ich auch!
Seit Jane's Addiction schon Fan und jetzt diese geile Bowie Offenbarung. Ich finde man muß ihn lieben, ausser Bowie natürlich der durfte ihn hassen, daß hätte ich auch!
Hermann Fesel 05.09.2019
2. Wach(s)figur
Na ja, wir werden alle nicht jünger. Aber er hat, zumindest auf dem Foto, diese Las Vegashafte Steve Wynnsche Verwachsung (im Sinne von Wachsfigur) im Antlitz. Ich habe ihn manchmal (20 Jahre jünger) als Kurzkommentator in einer [...]
Na ja, wir werden alle nicht jünger. Aber er hat, zumindest auf dem Foto, diese Las Vegashafte Steve Wynnsche Verwachsung (im Sinne von Wachsfigur) im Antlitz. Ich habe ihn manchmal (20 Jahre jünger) als Kurzkommentator in einer Making Of - Serie legendärer LPs am Schirm, in der er die Debutscheibe der Doors mitkommentiert. Seiner Intelligenz angemessen geht er darin auf die Morrisonprosa ein, die ihm speziell im Schlussepos "The End" neue Perspektiven der künstlerischen Äusserungen eröffnete. Der im Interview offenbarte Künstlername weist da durchaus schlüssig in diese Richtung. Er steht damit in der Tradition ähnlicher Künstlerkarrieren ala Iggy Pop und Gene Simmons, die ja auch hier vom selben Interviewer schon amüsant aufbereitet wurden.

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