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einestages

WM-Halbfinale 1970

Spiel des Lebens

Es war der Krimi von Mexiko: 1970 traf die westdeutsche Nationalmannschaft im WM-Halbfinale auf Italien. Erst in der Verlängerung wurde die Partie entschieden. Michael Sontheimer erinnert sich an das spannendste Länderspiel der Deutschen.

DPA
Mittwoch, 16.06.2010   17:14 Uhr

Es war der Sprung von Karl-Heinz Schnellinger. In der 90. Minute. Beide Beine voraus, ziemlich unelegant, mit massiver Rücklage, aber der Verteidiger bugsierte den Ball über die Linie. Doch noch der Ausgleich. Ich sprang aus dem Sessel senkrecht in die Höhe und verstauchte mir - in unserem Bungalow mit mäßiger Raumhöhe ziemlich bösartig die Hand an der Decke.

Es ist keine neue Erkenntnis, dass Erinnerungen gern trügen. Für manchen Historiker ist deshalb der Zeitzeuge der schlimmste Feind der Wahrheit. Meiner persönlichen Erinnerung nach wurde das Halbfinale bei der Weltmeisterschaft 1970 bei Dunkelheit gespielt, doch das stimmt nicht. Der Anpfiff im Aztekenstadion von Mexiko-Stadt erfolgte um 16 Uhr, bei hellem Tageslicht. In Deutschland war es allerdings, aufgrund der Zeitverschiebung, bereits 22 Uhr.

Die Erinnerung an ein Spiel im Dunklen rührte wohl vor allem daher, dass unsere Familie noch keinen Farbfernseher hatte, sondern mein Vater und ich das Spiel in Schwarzweiß sahen. Auch wenn die WM 1970 die erste war, die in Farbe übertragen wurde, die Trikots der Teams waren noch auf die Schwarzweißübertragung abgestimmt: Die Italiener trugen weiße Shorts und blaue, das heißt dunkle Hemden. Unsere Mannschaft hatte schwarze Hosen und weiße Hemden.

Alles sprach gegen unsere Jungs

40 Jahre danach wirkt das Jahrhundertspiel in vielem fremd, aber gleichzeitig vertraut wie ein lange verschwundenes Familienalbum. Was beim Ansehen der DVD heute sofort auffällt: nicht Drama, Inszenierung und Unterhaltung dominieren, sondern der Fußball. Diese verlorengegangene Konzentration auf den Sport zeigt sich schon vor dem Anpfiff: Beim Abspielen der Nationalhymne singen die Spieler nicht mit. Keiner von ihnen legt pathetisch die Hand aufs Herz. Sie stehen mit ernsten Gesichtern da. Das reicht. Sie sind Fußballer, mehr nicht.

Vieles sprach damals, am 17. Juni 1970, gegen unsere Jungs. Seit 1939 hat eine deutsche Auswahl nicht mehr gegen eine italienische gewinnen können. Unsere Mannschaft hatte sich erst drei Tage zuvor in einem harten Viertelfinale gegen England behauptet. Nach 50 Minuten lagen wir mit 0:2 zurück. Franz Beckenbauer und dann Uwe Seeler mit dem Hinterkopf schafften den Ausgleich; Gerd Müller in der Verlängerung das Siegtor -und die Revanche für das bei der WM 1966 verlorene Endspiel.

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Die Italiener verfügen über exzellente Verteidiger wie Giacinto Facchetti und Tarcisio Burgnich und brillante Stürmer wie Luigi Riva und Roberto Boninsegna. Im Mittelfeld zaubern Sandro Mazzola und Gianni Rivera. Die "Itaker", wie meine Freunde und ich sie aus nicht mehr nachvollziehbaren Gründen nennen, stehen im Ruf, gnadenlos zu mauern. Catenaccio. Aber das ist üble Nachrede. Sie können zumindest technisch brillant und schnell nach vorn spielen.

Zeitlupen sind Mangelware, gezeigt wird nur das Spiel

Wir haben vorne mit Gerd Müller und Uwe Seeler gleich zwei klassische Mittelstürmer, auf den Flügeln Jürgen Grabowski, Sigfried Held und Reinhard Libuda; im Mittelfeld Franz Beckenbauer und Wolfgang Overath. Hinten stehen Willi Schulz, Berti Vogts und Karl-Heinz Schnellinger. Schnellinger wurde "Legionär" genannt, weil er nicht in der heimischen Bundesliga, sondern beim AC Milan spielte. Schnellinger hatte für den schnöden Mammon sein Vaterland verlassen.

Das Spiel kommentiert Ernst Huberty, der von 1961 bis 1982 Samstag für Samstag die ARD-"Sportschau" moderierte. Der studierte Philosoph versucht nicht, brasilianische Hysterie zu imitieren, im Gegenteil. Nur hin und wieder sagt er etwas, und das auf unterkühlte Art und Weise.

Das Fernsehen arbeitet nur mit zwei Kameras, es gibt keine Nahaufnahmen. Die Zeitlupen sind selten, und die Trainer sind während des ganzen Spiels kein einziges Mal zu sehen. Schade, denn Helmut Schön ist bis heute der sympathischste und schlaueste Trainer, den die deutsche Nationalmannschaft je hatte.

Der Fußball ist damals eine gemütliche Sache

Was am wichtigsten ist: Nicht nur die visuelle Präsentation, auch die Spielweise unterscheidet sich eklatant von der heutigen. Die Spieler rasen nicht wie auf einer Überdosis Speed über den Platz, nein, sie traben vorwiegend. Sie traben mit dem Ball nach vorne. Die gegnerische Mannschaft macht erst kurz vor dem Strafraum ernsthafte Versuche, den Ball zu erobern. Pressing ist unbekannt, Tackling gibt es nur in Notfällen.

Verteidigen ist offensichtlich unter der Würde eines Stürmers. Uwe Seeler sieht ruhig und tatenlos zu, wie ein Italiener mit dem Ball an ihm vorbeitrabt. Diese Spielweise ist undramatisch, aber sorgt für viele Strafraumszenen. Die Spieler nehmen sich nicht ständig im Mittelfeld den Ball ab oder verlieren ihn unter Druck gesetzt durch einen Fehlpass.

Der Fußball des Jahres 1970 ist eine gemütliche Sache - und er ist auch entschieden friedlicher und fairer als der heutige. Es wird weniger gefoult, und wenn gefoult wird, dann fast nie brutal. Zwar hatte die Fifa gerade die Gelbe Karte eingeführt, doch der mexikanische Schiedsrichter muss sie kein einziges Mal zeigen.

Es passierte, was nicht passieren durfte

Schon in der neunten Minute passiert, was auf keinen Fall passieren durfte. Nach einem Doppelpass zieht Boninsegna einen ruhigen Schuss ins äußerste Eck. Unser Torhüter Sepp Maier kommt nicht mehr dran. "Die Italiener sind die Meister der Defensive", prognostiziert Kommentator Ernst Huberty. "Jetzt können die Italiener verteidigen, und sie sind gefährlicher im Angriff."

In der Tat wirken die Konter der Italiener erfolgversprechender als unsere hausbackenen Angriffe. Das ändert sich auch nicht dadurch, dass Helmut Schön bald nach der Pause mit Sigfried Held einen Stürmer für den Verteidiger Bernd Patzke bringt und den blassen Kölner Hennes Löhr gegen den technisch brillanten Schalker Reinhard Libuda austauscht ("An Gott kommt niemand vorbei, außer Libuda").

Das Spiel wird im Laufe der zweiten Halbzeit immer einseitiger. Unsere Jungs traben ein ums andere Mal nach vorn, aber sie spielen sich kaum Chancen heraus. Sie probieren es monoton mit hohen Bällen auf Gerd Müller und Uwe Seeler: fast immer harmlose Bogenlampen.

Unsere Jungs kämpfen

Fußballer verdienen noch nicht Millionen, dafür stehen sie nicht unter dem kalten Leistungsdruck des Kapitalismus. Als Grabowski eine gute Chance kläglich vergibt, meint Ernst Huberty nachsichtig: "Und wieder einmal fehlte das Schussglück." Overath knallt den Ball an die Oberkante der Latte, Huberty sagt: "Das ist Pech."

Aber unsere Jungs kämpfen. Sie mobilisieren die berüchtigten deutschen Tugenden. Sie geben nicht auf. Beckenbauer wirft sich ungestüm in den Strafraum, um einen Elfmeter herauszuholen. Er kriegt keinen, aber verletzt sich an der Schulter und muss später mit bandagiertem Oberkörper spielen.

Immer wieder flankt Grabowski in den Strafraum, so auch in der 90. Minute. Was dann passiert, schildert Karl-Heinz Schnellinger später so: "Ich stand nicht besonders gut und glaubte nicht, dass ich noch rankäme. Fast verzweifelt warf ich mich in Richtung Ball, einer Mischung aus Sprung und Grätsche, und erwischte die Kugel mit dem rechten Fuß."

"Aufregend, spannend, herrlich"

1:1. Ausgleich. Verlängerung. Sollte es nach 120 Minuten immer noch unentschieden stehen, müsste am nächsten Tag gelost werden. Elfmeterschießen gibt es noch nicht. In der Verlängerung überstürzen sich die Ereignisse; jetzt vollzieht sich das Drama, das den Ruf des "Jahrhundertspiels" begründet.

Gerd Müller macht ein klassisches Müller-Tor. Bei einem Rückpass des italienischen Verteidigers Frabizio Poletti wurschtelt sich der Stürmer von Bayern München zwischen Poletti und den Torwart Albertosi: Der Ball rollt aufreizend langsam über die Linie. Zum ersten Mal führen wir.

Doch die Italiener sind frischer. Ernst Huberty leidet mit: "Wo die Kraft dahingeht und man schon vom eigenen Schuss zu Boden fällt." In der 98. Minute wehrt Sigi Held einen Freistoß von Rivera zu kurz ab, der Verteidiger Burgnich trifft aus fünf Metern Entfernung. Sechs Minuten später schießt Riva das 3:2.

Eigentlich müsste das Spiel gelaufen sein. Das war es. Nein. In der 110. Minute, zehn Minuten vor Ende der Verlängerung, köpft Seeler aufs Tor, und Müller drückt den Abpraller mit dem Kopf über die Linie. 3:3.

Wie lange soll das noch so weitergehen? Im Gegenzug, in der 111. Minute, schießt Rivera das 4:3. Dabei bleibt es: Unsere Jungs haben nicht mehr die Kraft, das Spiel noch einmal herumzureißen.

In der "Bild"-Zeitung heißt es zwei Tage später: "Selbst unsere Frauen wissen jetzt, wie aufregend, spannend und herrlich Fußball sein kann."

Anm. d. Red: In einer früheren Version des Artikels hieß es irrtümlicherweise, Gerd Müller hätte in der Partie gegen England das erste Tor für Deutschland geschossen. Tatsächlich erzielte Franz Beckenbauer den ersten deutschen Treffer der Partie.

insgesamt 9 Beiträge
Wolfgang Kryszohn 17.06.2010
1.
Zwei Anmerkungen. 1. Das Kirchentags-Plakat, das von einem Fan mit dem Zusatz "Außer Libuda" verhübscht wurde, hieß - g l a u b e ich, "An Jesus kommt keiner vorbei". 2. Riva ist in Südafrika [...]
Zwei Anmerkungen. 1. Das Kirchentags-Plakat, das von einem Fan mit dem Zusatz "Außer Libuda" verhübscht wurde, hieß - g l a u b e ich, "An Jesus kommt keiner vorbei". 2. Riva ist in Südafrika natürlich-leider nicht Trainer der Italiener (das versucht Lippi), sondern so ´ne Art Team-Manager-Maskottchen. Trotzdem Kompliment: Wohltemperierter Geburtstags-Aufsatz!
Joachim Schmid 17.06.2010
2.
Vier mal "unsere Jungs" macht vierzig Euro in die Phrasen-Kasse.
Vier mal "unsere Jungs" macht vierzig Euro in die Phrasen-Kasse.
Thorsten Künzel 18.06.2010
3.
Täusche ich mich, oder wird in diesem Artikel nicht ein Wort über den "umstrittenen" (man könnte auch ohne Weiteres korrupt und unfähig sagen) Schiedsrichter des Jahrhundertspiels verloren?
Täusche ich mich, oder wird in diesem Artikel nicht ein Wort über den "umstrittenen" (man könnte auch ohne Weiteres korrupt und unfähig sagen) Schiedsrichter des Jahrhundertspiels verloren?
Michael Sontheimer 18.06.2010
4.
Danke für das Feed back. Der Hinweis auf Riva ist völlig korrekt; leider ist zunächst eine unkorrigiere Version auf der Seite gelandet. Und was "unsere Jungs" angeht: ich unterlag wohl ausnahmsweise nicht der unter [...]
Danke für das Feed back. Der Hinweis auf Riva ist völlig korrekt; leider ist zunächst eine unkorrigiere Version auf der Seite gelandet. Und was "unsere Jungs" angeht: ich unterlag wohl ausnahmsweise nicht der unter Journalisten üblichen Manie, das selbe Subjekt immer mit einem neuen Begriff zu beszeichnen: Unsere Jungs, unsere Mannschaft, die westdeutsche Auswahl, die deutsche Mannschaft, unser Team ...
Michael Sontheimer 18.06.2010
5.
Noch ein Wort zum Schiedsrichter, den ich auch als übel parteiisch in Erinnerung hatte, aber revisited hält es sich im Rahmen. Der mexikanische Unparteiische gab in der ersten Halbzeit nach einem Foul an Beckenbauer im [...]
Noch ein Wort zum Schiedsrichter, den ich auch als übel parteiisch in Erinnerung hatte, aber revisited hält es sich im Rahmen. Der mexikanische Unparteiische gab in der ersten Halbzeit nach einem Foul an Beckenbauer im Strafraum, für das man gut einen Elfmeter hätte geben können, keinen. Aber das kann passieren. In der zweiten Halbzeit versuchte dann Beckenbauer, was er später auch zugab, mit einem wilden Sprung in den Strafraum einen Elfer zu bekommen, und verletzte sich dabei. Der Schiedrichter war nicht der beste, aber er war nicht korrupt.

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