Schrift:
Ansicht Home:
Gesundheit

Ein rätselhafter Patient

Versteckter Lebensretter im Darm

Nachdem ein 76-Jähriger einen Herzschrittmacher bekommen hat, entdeckt er plötzlich Blut im Stuhl. Bei einer notfallmäßigen Darmspiegelung entdecken die Ärzte den Übeltäter, an dem auch das Krankenhauspersonal nicht unschuldig ist. Doch der Eingriff rettet dem Patienten vermutlich das Leben.

AP

3-D-Rekonstruktion des Darms aus CT-Scans: Auf der Suche nach dem Übeltäter

Samstag, 07.07.2012   09:14 Uhr

Eigentlich ist das Herz die Schwachstelle des 76-Jährigen, der während einer Reha zweimal in Ohnmacht fällt. Er hat eine Herzoperation hinter sich, bei der die Ärzte ihm eine neue Aortenklappe eingesetzt und die Blutversorgung seines Herzmuskels wiederhergestellt haben. Weil ihm schwindelig ist und er sich müde und schwach fühlt, untersuchen Mediziner von der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf sein Herz erneut und entdecken, dass es nur unregelmäßig schlägt - der Mann deutsch-russischer Herkunft braucht einen Herzschrittmacher.

Die Operation verläuft unkompliziert, der Patient erholt sich gut und schluckt seine Medikamente - darunter auch das Schilddrüsenhormon L-Thyroxin, das er nach der Entfernung eines Knotens in seiner Schilddrüse braucht und immer 30 Minuten vor den Mahlzeiten einnimmt.

Drei Tage nach dem Eingriff hat der Patient plötzlich Blut im Stuhl. Frische Blutungen stammen oft von Hämorrhoiden oder von Analfissuren, kleinen Rissen in der Schleimhaut. Auch Tumoren können bluten und werden mitunter erst dadurch erkannt.

Notfallmäßig wird eine Koloskopie durchgeführt, um den End- und den Dickdarm zu untersuchen. Zunächst findet der Arzt im mittleren Abschnitt des Dickdarms mehrere Polypen. Doch die gutartigen Tumoren sind nicht für die Blutung verantwortlich. Erst als der Untersucher den Endoskopieschlauch bis zum Blinddarm vorschiebt, entdeckt er die Ursache: Eine Tablette in einer scharfkantigen Blisterverpackung hat die Schleimhaut verletzt. Mit einer Zange kann der Arzt die Arznei herausziehen, die Blutung stillt sich von allein.

Verpackung im Darm als Lebensretter?

In der Rückschau wird klar, dass der Patient, der nur wenig deutsch spricht, nicht verstanden hatte, dass ihm das Krankenhauspersonal die Schilddrüsentablette extra in der Blisterverpackung gegeben hatte. Das sollte ihm helfen zu erkennen, dass er diese Arznei wie gewohnt 30 Minuten vor dem Essen einnehmen muss. Seine Ehefrau hatte ihm offenbar übersetzt, er solle die Medikation "unverändert" einnehmen, was der Patient bedingungslos tat, schreibt Tjark Schwemer vom Herzzentrum in Hamburg über den Fall im "Hamburger Ärzteblatt".

Allerdings hat der Patient Glück im Unglück: Bei der Koloskopie entdeckt der Arzt eine auffällige Geschwulst, die er histologisch untersuchen lässt. Das Ergebnis: Es handelt sich um einen bösartigen Darmkrebs, der allerdings erst begrenzt gewachsen ist und noch nicht gestreut hat. In einem so frühen Stadium würde ein Tumor normalerweise unerkannt bleiben - und erst entdeckt werden, wenn er sich bereits im Körper ausgebreitet hat.

Ärzte und Patient entscheiden sich dazu, den betroffenen Teil des Darms zu entfernen. Auch diesen Eingriff übersteht der Mann ohne Komplikationen - und gilt heute als tumorfrei.

hei

insgesamt 30 Beiträge
yuriboyka 07.07.2012
1.
Na dann gute Besserung unserem neuen Mitbürger. Auch Gratulation an das Ärzteteam zu der gelungenen OP. In Rußland hätte der Kranke in diesem Alter (>70) weder Herz-OP noch Krebsbehandlung bekommen. Ich kann nur hoffen, [...]
Na dann gute Besserung unserem neuen Mitbürger. Auch Gratulation an das Ärzteteam zu der gelungenen OP. In Rußland hätte der Kranke in diesem Alter (>70) weder Herz-OP noch Krebsbehandlung bekommen. Ich kann nur hoffen, dass das deutsche Gesundheitswesen auch in den nächsten 30 Jahren noch so leistungsfähig ist.
forkeltiface 07.07.2012
2. optional
Besonders "leistungsfähig" muss das "Gesundheitssystem" dafür nicht sein. Jeder durchschnittliche Arzt hätte bei Herzrhytmusstörungen einen Herzschrittmacher eingesetzt und bei Blutung mal in den Darm [...]
Besonders "leistungsfähig" muss das "Gesundheitssystem" dafür nicht sein. Jeder durchschnittliche Arzt hätte bei Herzrhytmusstörungen einen Herzschrittmacher eingesetzt und bei Blutung mal in den Darm geguckt. Dafür braucht man sicherlich kein aufgblähtes Gesundheitssystem. Auch wenn Politiker gerne so tun, als ob ohne staatliche Organisation alles den Bach runter geht. Die Kosten dieser Eingriffe sind überschaubar - und hätten natürlich auch von einer sehr durchschnittlichen Versicherung übernommen werden können, die ein mündiger Mensch für seine Gesundheit abgeschlossen hätte. Die Frage ist allerdings, ob der Patient seine eigene Versicherung hatte, oder ob dafür jemand anderes zahlen musste.
Sigmund 07.07.2012
3.
Es ist sicherlich genau die richtige Entscheidung gewesen, den Mann nach der Diagnosestellung "Darmkrebs" daran zu operieren. Er ist nun tumorfrei und kann noch ein paar Jahre leben. Eine Altersobergrenze für solche [...]
Es ist sicherlich genau die richtige Entscheidung gewesen, den Mann nach der Diagnosestellung "Darmkrebs" daran zu operieren. Er ist nun tumorfrei und kann noch ein paar Jahre leben. Eine Altersobergrenze für solche Operationen gibt es in Deutschland nicht und das ist auch gut so. Jeder Fall muss einzeln betrachtet werden und wenn der Patient in gutem Allgemeinzustand ist und von einer Operation profitiert, muss er operiert werden. Geld kann an vielen anderen Stellen sinnvoller eingespart werden. Es gibt immer noch zu viele Doppeluntersuchungen (CT beim niedergelassenen Radiologen und danach nochmals in der Klinik, schließlich doch besser noch ein MRT nachgeschoben etc.). Oder die vielen Haus- und Facharztbesuche der Menschen, die oft wegen Banalitäten von Arzt zu Arzt ziehen. @yuriboyka: Die Tatsache, dass der Mann Deutschrusse ist, tut doch eigentlich nichts zur Sache. Er ist hier versichert und ihm steht eine adäquate Behandlung wie jedem anderen Versicherten zu. Ganz egal, wie die Sache in Russland gehandhabt wird.
DieButter 07.07.2012
4. optional
"an dem auch das Krankenhauspersonal nicht unschuldig ist" Ähm, inwiefern ist da vom Krankenhaus nun jemand Schuld, wenn die Frau des Patienten falsch übersetzt? Ich würde eher sagen, das Personal hat alles richtig [...]
"an dem auch das Krankenhauspersonal nicht unschuldig ist" Ähm, inwiefern ist da vom Krankenhaus nun jemand Schuld, wenn die Frau des Patienten falsch übersetzt? Ich würde eher sagen, das Personal hat alles richtig gemacht, nur der Patient ein erhebliches Defizit an deutschen Sprachkenntnissen.
Andreas-Schindler 07.07.2012
5. Erlärungen
Man macht sich in Deutschland Lustig darüber das in Asien viel mit Bilder/Comics Erklärt wird. Nur ich kann selbst ohne Japanisch /Chinesisch Kenntnisse manche Einbauanleitungen verstehen dank den vielen Bildern. Vielleicht [...]
Man macht sich in Deutschland Lustig darüber das in Asien viel mit Bilder/Comics Erklärt wird. Nur ich kann selbst ohne Japanisch /Chinesisch Kenntnisse manche Einbauanleitungen verstehen dank den vielen Bildern. Vielleicht sollte man auch in Deutschland mehr in Bilderform was Erklären. Vor allem da auch viele Ausländer hier leben.
Newsletter
Ein rätselhafter Patient

Verwandte Artikel

Mehr im Internet

Zur Autorin

  • Heike Le Ker ist Ärztin, hat in der Neurologie gearbeitet und über Geburtsstress bei Kindern promoviert. Sie leitet das Ressort Wissenschaft/Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.

Verwandte Themen

Ein rätselhafter Patient

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP