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Gesundheit

Stellungnahme von Wissenschaftlern

Fahrverbote bringen keine Entlastung

Zu streng und willkürlich: Fahrverbote aufgrund von Schadstoffgrenzwerten stehen in der Kritik. Auch Wissenschaftler bewerten die Maßnahmen jetzt als wenig effektiv - weil sie kaum etwas an der Luftverschmutzung ändern.

Ralf Hettler / Getty Images

Die geltenden Grenzwerte für Stickstoffoxide sind Grundlage für Fahrverbote

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Dienstag, 09.04.2019   13:30 Uhr

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Sind die geltenden Schadstoffgrenzwerte zu streng und damit die gerichtlich verhängten Fahrverbote überzogen? Kanzlerin Angela Merkel hatte Forscher der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina gebeten, diese Fragen unabhängig zu prüfen und aufzuklären. In der nun veröffentlichten Stellungnahme heißt es: Fahrverbote seien nicht geeignet, um die Schadstoffbelastung in der Luft nachhaltig zu senken. Die Experten fordern stattdessen eine nachhaltige Verkehrswende.

Zudem kritisieren die Forscher, dass die bisherige Debatte zu sehr auf die Auswirkungen von Stickstoffoxiden zielt. Der Schwerpunkt sollte den Wissenschaftlern zufolge aber auf Feinstaub liegen, der der Gesundheit deutlich mehr schade.

"Austausch der kompletten Dieselflotte nicht empfehlenswert"

Die Leopoldina mit Sitz in Halle in Sachsen-Anhalt erarbeitet im Rahmen einer "wissenschaftsbasierten Politikberatung" Stellungnahmen, die auch Handlungsoptionen für die Politik enthalten. In der Regel kommt der Anstoß dafür von Mitgliedern oder Gremien der Akademie.

In diesem Fall aber hatte Merkel persönlich um eine Einschätzung gebeten, nachdem eine Gruppe von Lungenärzten den gesundheitlichen Nutzen der geltenden Grenzwerte angezweifelt hatte. Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer hatte daraufhin eine Überprüfung der Grenzwerte gefordert. Inzwischen ist klar, dass die Stellungnahme der Lungenärzte entscheidende Fehler enthielt.

In Deutschland gilt der verbindliche EU-Grenzwert für Stickstoffdioxid (NO2) von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft, er ist Grundlage für die gerichtlich verhängten Dieselfahrverbote. Diesen Grenzwert zweifeln die Forscher in dem nun veröffentlichten Positionspapier nicht per se an. Eine Verschärfung dränge "aus wissenschaftlicher Sicht" jedoch nicht. Eine exakte Grenzziehung zwischen gefährlich und ungefährlich im Sinne eines Schwellenwertes sei ohnehin kaum möglich. Insgesamt sind die Luftschadstoff-Emissionen in Deutschland mit Ausnahme von Ammoniak seit Jahren rückläufig.

"Die Verengung auf Stickstoffdioxid ist nicht zielführend"

"Stickstoffoxide können die Symptome von Lungenerkrankungen wie Asthma verschlimmern und tragen zur Bildung von Feinstaub und Ozon bei", schreiben die Forscher. Der Grenzwert für Stickstoffoxide sei aber relativ streng und wird in Deutschland regelmäßig überschritten. Der weniger strenge Grenzwert für Feinstaub wird jedoch so gut wie flächendeckend eingehalten. "Die derzeitige Verengung der Debatte auf Stickstoffdioxid ist nicht zielführend", heißt es in der Stellungnahme.

Die Diskussion um strengere Grenzwerte sollte sich stattdessen auf die Auswirkungen von Feinstaub konzentrieren, fordern die Forscher. Denn Feinstaub schade der Gesundheit deutlich mehr und könne unter anderem Atemwegserkrankungen, Herz-Kreislauf-Krankheiten und Lungenkrebs verursachen.

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Von Fahrverboten halten die Forscher dagegen wenig, weil solche kurzfristigen und kleinräumigen Maßnahmen kaum für Entlastung sorgen könnten. Ohnehin sei der Straßenverkehr nicht die einzige Quelle für Feinstaub, sondern auch Verbrennungsprozesse im Zusammenhang mit Energieversorgung und Haushalt, Landwirtschaft, Industrie und Holzfeuerung. Diese Bereiche seien jedoch häufig weniger streng reguliert. Die Forscher fordern deshalb eine bundesweite, ressortübergreifende Strategie zur Luftreinhaltung. Laut Messungen in der Stuttgarter Innenstadt aus dem Jahr 2013 verursachte der Straßenverkehr etwa die Hälfte der Feinstaubbelastung.

Weitere Punkte des Positionspapiers:

Zur eigens eingerichteten Arbeitsgruppe der Leopoldina gehören 20 Professoren aus den zwölf Fachgebieten Medizin, Toxikologie, Biologie, Chemie, Epidemiologie, Statistik sowie Technik-, Wirtschafts-, Material- und Rechtswissenschaften, Soziologie und Verkehrsforschung.

Zusammengefasst: Die Nationale Wissenschaftsakademie Leopoldina hat eine Stellungnahme zum Streit um Grenzwerte für Luftverschmutzung veröffentlicht. Kanzlerin Angela Merkel hatte sie darum gebeten. Die Forscher zweifeln an, dass Dieselfahrverbote wirksam sind. Zudem kritisieren sie, dass bisher Stickoxide im Zentrum der Debatte standen, für die vergleichsweise strenge Grenzwerte gelten. Bedenklicher für die Gesundheit sei dagegen Feinstaub, dieser entstehe jedoch nicht nur im Straßenverkehr. Die Forscher fordern deshalb eine Verkehrswende und eine bundesweite Strategie zur Luftreinhaltung.

insgesamt 108 Beiträge
alsterherr 09.04.2019
1.
Natürlich: Wenn 300m Strasse gesperrt sind, fahre ich halt aussen rum einmal um den Block, macht in Summe 900m statt 300m ... ich fahre also MEHR als ohne Fahrverbot.
Natürlich: Wenn 300m Strasse gesperrt sind, fahre ich halt aussen rum einmal um den Block, macht in Summe 900m statt 300m ... ich fahre also MEHR als ohne Fahrverbot.
hileute 09.04.2019
2. Da muss man kein wissenschaftler für sein
ein winziges Stück restverstand reicht aus, um auf ein ähnliches Ergebnis zu kommen. Also den Quatsch am besten streichen, stattdessen erneuerbare Energien stärker fördern, das die dreckschleudernden Kohlekraftwerke so schnell [...]
ein winziges Stück restverstand reicht aus, um auf ein ähnliches Ergebnis zu kommen. Also den Quatsch am besten streichen, stattdessen erneuerbare Energien stärker fördern, das die dreckschleudernden Kohlekraftwerke so schnell wie möglich dicht gemacht werden können ( vermutlich wär man da viel weiter wenn man sie vor den CO2 und feinstaubfreien akws dicht gemacht hätte) und emobilität fördern, auch bei der Batterieforschung, das die möglichst umweltfreundlich produziert werden, dann erübrigt sich das von selbst. An Greta und co: Natürlich wird das nicht schon morgen so weit sein, das braucht halt einfach etwas Zeit
HansFröhlich 09.04.2019
3. Nachdem
nun schlüssig dargelegt wurde, dass ein Limit sowohl umwelt- als auch unfalltechnisch nur marginale positive Auswirkungen hätte, können wir uns endlich dem Kern des Anliegens widmen: Die Tempolimitbefürworter wollen, dass [...]
nun schlüssig dargelegt wurde, dass ein Limit sowohl umwelt- als auch unfalltechnisch nur marginale positive Auswirkungen hätte, können wir uns endlich dem Kern des Anliegens widmen: Die Tempolimitbefürworter wollen, dass alle langsamer fahren, um nicht zu oft in den Spiegel gucken zu müssen oder Falscheinschätzungen zum Abstand und Geschwindigkeit schnellerer Fahrzeuge mangels Erfahrung zu vermeiden. Das stresst sie. Und die Diskussion darüber wäre völlig legitim und endlich nicht mehr scheinheilig.
HansFröhlich 09.04.2019
4. Mist
mein voriger Beitrag war fehlplaziert und daher Müll.
mein voriger Beitrag war fehlplaziert und daher Müll.
spon_2999637 09.04.2019
5. Denkfehler
Ein Beispiel: "Ein kompletter Austausch der Dieselflotte durch Fahrzeuge gleicher Gewichtsklasse und gleicher Motorleistung mit Benzinmotoren ist auch aus Klimaschutzgründen nicht empfehlenswert" Das ist [...]
Ein Beispiel: "Ein kompletter Austausch der Dieselflotte durch Fahrzeuge gleicher Gewichtsklasse und gleicher Motorleistung mit Benzinmotoren ist auch aus Klimaschutzgründen nicht empfehlenswert" Das ist natürlich ohnehin sinnlos - Der Austausch durch leichtere Elektrofahrzeuge wäre das Mittel der Wahl. Meinetwegen auch der Austausch durch leichtere, geringer motorisierte Benzin- oder Dieselfahrzeuge. DAS wäre eine sinnvolle Betrachtung - nicht nur hinsichtlich NOx oder Feinstaub.
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