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Gesundheit

Verzerrte Risikowahrnehmung

E-Zigaretten sind das kleinere Übel

Meldungen über Todesfälle durch E-Zigaretten in den USA verunsichern auch die Dampfer in Deutschland. Viele steigen wieder auf herkömmliche Zigaretten um - wie unklug.

Evgeniy Kleymenov/ EyeEm/ Getty Images

Dampf oder Rauch - was ist (un)gesünder? (Symbolbild)

Ein Kommentar von
Mittwoch, 30.10.2019   17:32 Uhr

Sie riecht schon von Weitem nach kaltem Rauch. Das weiß meine Sitznachbarin im Flugzeug wohl selbst. Sie komme nicht weg von den Zigaretten, erzählt sie, gleich nachdem sie Platz genommen hat. Dabei sehe sie es als Krankenpflegerin ständig: "Die Kippen machen die Menschen krank." Aber ihre Nikotinsucht sei stärker. Ob sie es schon mit E-Zigaretten versucht hat? "Nein, zu gefährlich", sagt sie entschieden. "Wer weiß, was da drin ist."

Diesen Satz hört man derzeit oft in Deutschland. Viele Raucher und Raucherinnen trauen sich nicht, auf E-Zigaretten umzusteigen, obwohl sich nahezu alle Forscher einig sind, dass sie weniger schädlich sind als herkömmliche Zigaretten. Schlimmer noch: Offenbar wechseln in diesen Wochen Tausende deutsche Dampfer zurück zur Tabak-Kippe - aus Angst, ihrer Gesundheit zu schaden. Manche werden das mit ihrem Leben bezahlen.

Meldungen über Todesfälle aus den USA verunsichern zu Unrecht

Panik macht sich breit - unter Verbrauchern und unter Politikern. Die Umsatzzahlen hiesiger E-Zigarettenhändler brechen ein, um 30, 40, teils 50 Prozent. Denn seit Wochen kommen aus den USA Meldungen über seltsame Todesfälle und Lungenerkrankungen von Menschen, die zuvor gedampft hatten. Irgendetwas, wohlgemerkt. Oft hatten die Betroffenen durch ihre Geräte selbst gemixte oder auf dem Schwarzmarkt gekaufte Flüssigkeiten inhaliert: gepanscht mit Chemikalien wie Vitamin-E-Azetat oder THC-Öl.

Manche Politiker hindert das nicht daran, einen Rundumschlag gegen E-Zigaretten zu starten. Indiens Regierung etwa hat sie komplett verbannt. Eine Reihe von US-Bundesstaaten haben weitreichende Verkaufsverbote verhängt, und Donald Trump will aromatisierte E-Zigaretten im ganzen Land verbieten.

Was den Schutz von Jugendlichen angeht, die zum Nikotinkonsum erst durch E-Zigaretten kommen, mag das sinnvoll sein. Ansonsten ist das vor allem Aktionismus. Denn bisher gibt es keinen Nachweis, dass einer der toten Dampfer am Konsum eines solchen Liquids mit Mango- oder Kaffeegeschmack gestorben wäre. Zum Vergleich: Über ein Verbot herkömmlicher Zigaretten redet fast niemand. Dabei zeigen nahezu alle wissenschaftlichen Studien, dass sie viel gefährlicher sind als die elektronischen Versionen.

Rund zwei Monate ist es her, dass die ersten Berichte über die mysteriösen Lungenerkrankungen aufkamen. 36 Todesfälle sind seither bekannt geworden - jeder einzelne ist traurig. Aber während dieser zwei Monate sind in den USA rechnerisch um die 80.000 Menschen an den Folgen des Tabakrauchens gestorben sind. Unter ihnen sind etwa 7000 Nichtraucher. Unschuldige, die die von Rauchern vergiftete Luft einatmen müssen. Ein Skandal.

Tabak ist das größere Übel

Natürlich sind E-Zigaretten nicht gesund. Aber Tabak ist das weitaus größere Übel. Dabei töten Marlboros, Camels oder Luckies selten spektakulär. Dafür aber ungeheuer effektiv. Mindestens acht Millionen Menschen sterben laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) jährlich am Tabakrauchen - das sind mehr als dreizehnmal so viele Tote wie durch alle illegalen Drogen zusammen.

Mindestens 90 mit hoher Wahrscheinlichkeit krebserregende Substanzen enthält der Gift-Cocktail, viele entstehen durch die Verbrennung. Das Aerosol von E-Zigaretten enthält längst nicht so viele gefährliche Schadstoffe. Denn hier verbrennt nichts.

Keine Frage - Nikotin macht abhängig, E-Zigaretten schädigen die Gesundheit. Und es fehlen Studien über ihre Langzeitfolgen. Der Gesetzgeber muss alles dafür tun, Jugendliche davon fernzuhalten.

Andererseits können E-Zigaretten Millionen Rauchern helfen, wegzukommen vom todbringenden Tabak. Zudem müssen deutsche Dampfer keine abstrusen Chemikalien im Liquid fürchten. Die EU-Tabakproduktlinie untersagt den Herstellern alle möglichen potenziell gesundheitsgefährdenden Inhaltsstoffe, einschließlich THC-Öl und Vitamin-E-Azetat. In einigen US-Bundesstaaten hingegen gab es da Gesetzeslücken.

Lesen Sie hier mehr über Risiken des "Dampfens"

Das zeigt: Alle legalen Drogen müssen reguliert werden. Aber bitte differenziert, nach Gefährlichkeit. Viel sinnvoller als Verkaufsverbote für E-Zigaretten sind Maßnahmen, die das Tabakrauchen eindämmen.

Höchste Zeit, dass Deutschland endlich ein Plakatwerbeverbot für konventionelle Zigaretten beschließt - als letzter Staat der EU. Die CDU, die das bislang mit aller Macht verhindert hat, arbeitet jetzt an einem Gesetzesentwurf. Wie es heißt, soll Außenwerbung für Tabakzigaretten künftig verboten werden. Für E-Zigaretten sollen die Hersteller weiter werben dürfen - allerdings nur, wenn sich die Reklame an bereits nikotinsüchtige Erwachsene richtet.

Und wenn der Staat umstiegswillige Raucher dann genau über die Risiken und Chancen aufklärt, wird meine Sitznachbarin vielleicht eines Tages auch elektrifizieren.

insgesamt 131 Beiträge
markzwanzig 30.10.2019
1. Unfassbar
So ein Kommentar nach den unzähligen undifferenzierten Berichten mit reisserischen Überschriften die hier auf Spon veröffentlicht worden sind. Da ist die Redaktion hier doch zu nem guten Teil mit dran schuld, dass der Irrglaube [...]
So ein Kommentar nach den unzähligen undifferenzierten Berichten mit reisserischen Überschriften die hier auf Spon veröffentlicht worden sind. Da ist die Redaktion hier doch zu nem guten Teil mit dran schuld, dass der Irrglaube verbreitet wurde, dass es am dampfen selber liegt und nicht an den völlig Wahnsinnigen, die da drüben wer weiss was in ihre Liquids gekippt haben. Soviel Heuchelei, ich kann gar nicht so viel essen wie ich k... möchte. Und auch wenn das mal wieder nicht veröffentlicht wird, wie wenn man sagt einem geht euer Klimawahn auf den Wecker, irgendwer, hoffentlich einer der für eure Bildzeitungsartikel hier verantwortlich ist, wird es lesen.
m82arcel 30.10.2019
2.
Schön hier mal wieder einen Artikel zu lesen, der die gesundheitlichen Risiken richtig einsortiert. Es wird langsam ein bisschen nervig, wenn man sich als Dampfer von Rauchern sagen lassen muss, wie gefährlich das Dampfen doch [...]
Schön hier mal wieder einen Artikel zu lesen, der die gesundheitlichen Risiken richtig einsortiert. Es wird langsam ein bisschen nervig, wenn man sich als Dampfer von Rauchern sagen lassen muss, wie gefährlich das Dampfen doch ist. Natürlich wäre es gesünder, einen Apfel zu essen, statt zu dampfen (sofern der Apfel nicht mit Pestiziden, etc belastet ist). Aber für Leute, für die das spontane Aufhören mit dem Rauchen keine Option ist, ist das Dampfen die gesündere Alternative (gesünder != gesund).
Bodenseeher 30.10.2019
3. Kluger Kommentar
Danke! Wir sprechen über 36 Tote in den USA. Ja, jeder einzelne Tote ist tragisch. Laut Statistik starben 2013 ca. 110.000 Menschen allein in Deutschland an den Folgen des (Tabak-) Rauchens, davon 80% an Lungenkrebs (aktuelle [...]
Danke! Wir sprechen über 36 Tote in den USA. Ja, jeder einzelne Tote ist tragisch. Laut Statistik starben 2013 ca. 110.000 Menschen allein in Deutschland an den Folgen des (Tabak-) Rauchens, davon 80% an Lungenkrebs (aktuelle Zahlen habe ich so schnell nicht gefunden). Das sind >300 pro Tag. Ich frage mich oft, nicht nur in diesem Zusammenhang, warum oftmals einzelne Tragödien einzelner Menschen oder einiger weniger so hervorgehoben werden und der "alltägliche" aber "vermeidbare" Tod keine Beachtung findet. In Australien wurden zwei Menschen von einem Hai verletzt ... ja aber in Deutschland sind X Menschen im Straßenverkehr getötet worden, X Menschen im Mittelmeer ertrunken, hunderte Kinder verhungert usw. Die Hysterie um den Tod der E-Zigaretten Dampfer in den USA steht in keinem Verhältnis. Die Doppelmoral hinsichtlich dieser Hysterie und der Tatenlosigkeit hinsichtlich des Tabakkonsums (-Rauchens) in D finde ich unerträglich.
andipositas 30.10.2019
4. Spiegel erwacht,
Aber leider zu spät. Erst auf der Welle des Entsetzens mitreiten, dann einen solch klugen Kommentar hinterher schieben. Man könnte jetzt sagen, besser spät als nie. Nur vergisst man, warum jetzt viele umstiegswillige Raucher [...]
Aber leider zu spät. Erst auf der Welle des Entsetzens mitreiten, dann einen solch klugen Kommentar hinterher schieben. Man könnte jetzt sagen, besser spät als nie. Nur vergisst man, warum jetzt viele umstiegswillige Raucher den Schritt nicht wagen. Dieser sehr besonnene und kluge Kommentar hätte wesentlich früher platziert werden sollen. Aber der Schaden ist nunmehr angerichtet. Schade, but that's life!
Rodini 30.10.2019
5. Ich dampfe sei 6 Jahren
, vorher habe ich rund 40 Jahre stark geraucht. Es geht mir besser, gesundheitlich wie finanziell finanziell. Ich rauchte zum Schluß 2 Päckchen am Tag , bekam schlecht Luft, hustete morgens und fühlte mich schlechthin nicht [...]
, vorher habe ich rund 40 Jahre stark geraucht. Es geht mir besser, gesundheitlich wie finanziell finanziell. Ich rauchte zum Schluß 2 Päckchen am Tag , bekam schlecht Luft, hustete morgens und fühlte mich schlechthin nicht wohl Set ich E Zigaretten nutze , ist es gesundheitlich wesentlich besser geworden, es stinkt nicht mehr in der Wohnung, ganz abgesehen davon spare ich rund 300 Euro im Monat., Das dampfen kostet etwa 20 Euro mtl. Mein Internist meint ebenfalls, daß die E Zigarette deutlich weniger Schadstoffe enthält. Ich nutze nur in Deutschland hergestellte Liquids. In den USA werden ganz andere Stoffe beigemischt. Hier gab es meines Wissens noch keine Todesfälle. Sollte ich doch mal einen Tumor bekommen, kann eh niemand sagen. ob es am jahrelangen Tabakkonsum oder an der E-Zigarette lag. Nichts außer Atemluft zu inhalieren, ist sicher der Königsweg. Aber momentan will ich das noch nicht.
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