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Gesundheit

Ein rätselhafter Patient

Die Katze will mich töten

Ein 14-Jähriger entwickelt plötzlich psychische Probleme, er hat Mordgedanken; glaubt, dass seine Katze ihn töten will. Erst Monate später erkennen die Ärzte, welche Rolle das Tier tatsächlich spielt.

Imgorthand / Getty Images

In der Regel sind Katzen harmlos - aber nicht immer

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Sonntag, 07.04.2019   07:22 Uhr

Bis er 14 ist, fällt der Junge vor allem durch seine außerordentliche Intelligenz auf. Er besucht eine Schule für hochbegabte Kinder, nimmt an nationalen Geografie- und Geschichtswettbewerben teil, spielt eine Hauptrolle beim Schultheater. Sport treibt er auch noch.

Dann, am 15. Oktober 2015, entwickelt der Junge plötzlich heftige psychische Probleme. Er fühlt sich verwirrt, überfordert, niedergeschlagen und unruhig. Auf Nachfrage erklärt der 14-Jährige, er sei ein verfluchter Sohn des Teufels und wolle sich das Leben nehmen - aus Angst vor sich selbst. Ihn quälen plötzlich Mordgedanken. In seiner Vorstellung tötet er Menschen, die sich um ihn sorgen.

Die Eltern bringen den Jungen in eine Notaufnahme, dort behandeln ihn die Ärzte mit Aripiprazol, einem bewährten Mittel zur Behandlung von Schizophrenie. Eine Woche später entlassen die Mediziner den Jungen wieder. Der 14-Jährige ist zwar noch immer verstört, hat aber immerhin keine Mord- oder Suizidgedanken mehr.

Mobbing: Schulwechsel mit neun

Auf der Suche nach der Ursache der Probleme befragen die Ärzte die Eltern. In der Familien sind psychische Krankheiten weit verbreitet. Auch der Junge litt mit neun schon mal an einer depressiven Phase, als er in der Schule unterfordert war. Außerdem wurde er von Mitschülern gemobbt, da er zwar intelligent war, sozial aber unbeholfen, berichten die Eltern.

Die Probleme verschwanden damals, als der Junge an die kleinere Schule für hochbegabte Kinder wechselte. Parallel behandelten Ärzte ihn mit einem Antidepressivum. Nach einem Jahr konnten sie das Medikament wieder absetzen, schreiben die Mediziner im "Journal of Central Nervous System Disease".

Dieses Mal aber verschlechtert sich der Zustand des Jungen nach wenigen Wochen wieder. Er leidet unter irrationalen Ängsten, entwickelt Halluzinationen und unvorhersehbare Wutausbrüche. Wahnvorstellungen prägen seine Gedanken. Er besitze besondere Kräfte, erklärt der 14-Jährige. Einer Familienkatze unterstellt er, dass sie ihn töten wolle. Außerdem weigert er sich, das Haus zu verlassen. Die Eltern müssen ihn aus der Schule nehmen.

Wutausbrüche, irrationale Ängste

Eigentlich führt der Junge ein sehr naturnahes Leben. Er wohnt in einer ländlichen Gegend der USA, gärtnert gerne, geht wandern. Außerdem beherbergt die Familie einen kleinen Zoo. Sie hat mehrere Katzen, einen Hund, einen Gecko und einen Afrikanischen Riesentausendfüßler.

Um sich besser um ihren Sohn kümmern zu können, kündigt die Mutter zwei Monate nach Beginn der Krankheit ihren Job. In den folgenden Wochen versuchen Ärzte, die Probleme mit verschiedenen Medikamenten unter Kontrolle zu bekommen. Sie verordnen dem Jungen Antidepressiva, Benzodiazepine, Antipsychotika - oft in Kombination. Doch seine Probleme bleiben.

Mehr als ein halbes Jahr nach den ersten Wahnvorstellungen bringen die Eltern den Jungen erneut ins Krankenhaus, wo er insgesamt elf Wochen verbringt. Auf der Suche nach den Ursachen für die Probleme scannen die Ärzte das Gehirn des Jungen, beobachten die Kommunikation seiner Nervenzellen und suchen im Blut nach Antikörpern. Doch keiner der Tests schlägt an.

Plötzlich Streifen auf der Haut

Als ihr Sohn nach Zuhause zurückkehrt, fällt den Eltern auf, dass Rötungen seine Haut überziehen, die wie Schwangerschafts- oder Dehnungsstreifen aussehen.

SAGE

Fotos der Hautveränderungen auf Oberschenkel (A) und in der Armbeuge (B)

Erst weitere Wochen später bringen die Streifen einen Mediziner auf die entscheidende Idee. Die Rötungen verlaufen nicht wie typische Dehnungsstreifen an Stellen, an denen die Haut unter Spannung steht. Sie haben sich stattdessen auf den Oberschenkeln und in den Achselhöhlen gebildet. Auch die Farbe ist ungewöhnlich.

Statt auf einen Wachstumsschub oder Gewichtsschwankungen hinzudeuten, sind die Streifen typisch für eine andere, sehr seltene Erkrankung: eine Neurobartonellose, bei der sich Bakterien auf die Nerven auswirken. Die Erreger (Bartonella Henselae) werden durch Bisse und Kratzen von Katzen übertragen. Die Diagnose passt zu den Erlebnissen des Jungen. Bevor die Probleme einsetzten, hatten ihn zwei von der Familie adoptierte Streuner attackiert.

Bilanz: 27 verschiedene Medikamente in zwei Jahren

Die Ärzte verordnen dem Jungen ein Antibiotikum. Trotzdem finden sich auch zwei Monate später noch Spuren der Bakterien im Blut des Jungen. Erst mit vier weiteren Antibiotika schlägt die Behandlung endlich an. Die psychischen Probleme verschwinden, auch die Hautstreifen bilden sich zurück. Nach und nach können die Ärzte die neurologischen Medikamente absetzen. Mehr als ein halbes Jahr später finden sich in seinem Körper auch keine Bakterien-Spuren mehr.

Nach langer Pause kann der mittlerweile 16-Jährige an seine Schule zurückkehren, wo er schnell wieder beste Leistungen erreicht. Sein nächstes Zeugnis ist voller Einsen. Auch sonst nimmt er wieder alle Aktivitäten auf, die er vor der Krankheit gepflegt hat, trifft sich mit Gleichaltrigen und jobbt nebenher als Kellner. Ihr Kind sei wieder komplett gesund, berichten die Eltern.

Die Bilanz: Seit den ersten Mordgedanken sind zu diesem Zeitpunkt fast zwei Jahre verstrichen, in denen der Junge 27 verschiedene Medikamente genommen hat. Allein bis zum Fund der Bakterien überschritten die medizinischen Kosten rund 400.000 US-Dollar.

Katzenkratzer auswaschen

Infektionen mit Bartonella Henselae sind tückisch. Selbst wenn sie wie bei dem Jungen die Blutbahn erreichen, bleiben typische Anzeichen einer bakteriellen Erkrankung meist aus. Hinzu kommt, dass über den neurologischen Verlauf der Krankheit nur wenig bekannt ist, weil kaum Fälle beschrieben sind. Dass der Junge so starke Probleme entwickelt hat, könnte mit einer genetischen Veranlagung zusammenhängen, mutmaßen die Mediziner.

In der Regel führen die Bakterien nur zu Erkrankungen, wenn sie auf ein geschwächtes Immunsystem treffen. Dann kommt es meist zu der deutlich leichter verlaufenden sogenannten Katzenkratzkrankheit, die mit Hautproblemen und geschwollenen Lymphknoten einhergeht und häufig ohne Antibiotika wieder abklingt.

Abgeleitet von den Fallzahlen in den USA müssten in Deutschland jährlich rund 1500 bis 2000 Menschen eine Katzenkratzkrankheit entwickeln, schrieb das Robert Koch-Institut 2003 in einem Bericht. Erkannt werde die Infektion aber nur selten. Um sich zu schützen, rät die US-Gesundheitsbehörde CDC dazu, Kratzwunden von Katzen mit Wasser und Seife auszuwaschen.

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