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Gesundheit

Streit um Neuzulassung

Was Sie über Glyphosat wissen sollten

Kein Pestizid wird in Deutschland so viel verkauft wie Glyphosat. Und keins ist so umstritten. Diese Woche will die EU über eine neue Zulassung entscheiden. Die wichtigsten Fakten zur Diskussion.

DPA

Zahl der gesammelten Unterschriften gegen die Wiederzulassung von Glyphosat

Dienstag, 17.05.2016   12:47 Uhr

Darf das umstrittene Pflanzenschutzmittel Glyphosat in Europa weiter eingesetzt werden? Über diese Frage berät diese Woche die EU-Kommission. Die Zulassung des Pestizids läuft am 30. Juni aus, danach soll sie 15 oder, nach dem Willen des EU-Parlaments, sieben Jahre verlängert werden. Die Meinungen darüber, wie sehr Glyphosat schaden kann, gehen jedoch weit auseinander.

Nun sorgt eine weitere Untersuchung der Arbeitsgruppe "Joint Meeting on Pesticide Residues", kurz JMPR, die zur Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der Welternährungsorganisation (FAO) gehört, für Aufsehen. Die Experten kommen zum Schluss, dass Glyphosat für Verbraucher keine Gesundheitsgefahr darstellt.

Zuvor hatte das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), das Glyphosat im Auftrag der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) bewertet, die Substanz als wahrscheinlich nicht krebserregend eingestuft. Die Internationale Krebsforschungsagentur (IARC), die wie die JMPR zur WHO gehört, kam jedoch zum Schluss, dass Glyphosat wahrscheinlich krebserregend im Menschen ist.

Das kann zu Recht verwirren. Antworten auf die wichtigsten Fragen zum Thema im Überblick.

Was ist Glyphosat?

Glyphosat ist ein chemischer Wirkstoff in Pflanzenschutzmitteln, der Unkraut vernichtet. Der Stoff kommt weltweit zum Einsatz und wird von verschiedenen Firmen unter verschiedenen Namen vermarktet, unter anderem von Monsanto unter dem Namen Roundup. Glyphosat ist das meistverkaufte Pestizid weltweit, auch in Deutschland.

Wie wirkt Glyphosat?

Pflanzen nehmen das Mittel vor allem über die Blätter auf. Von dort verteilt sich der Wirkstoff im ganzen Gewächs und blockiert die Produktion von Aminosäuren, ohne die die Pflanze stirbt. Da es den im Unkraut blockierten Stoffwechsel in Menschen und Tieren nicht gibt, ging man lange davon aus, dass Glyphosat keine Gesundheitsgefahr darstellt.

Warum bewerten IARC, Efsa und JMPR Glyphosat so unterschiedlich?

Die Gremien beschäftigen sich mit unterschiedlichen Fragen: Bei der IARC geht es - unabhängig von Einsatzszenarien oder Dosierung - um mögliche Krebsgefahren. Also: Wie stark ist die Beweislage dafür, dass etwas beim Menschen grundsätzlich Krebs auslösen könnte? Es geht dagegen nicht darum, wie groß die Gefahr ist.

Auf der Liste der laut IARC sicher krebserregenden Substanzen stehen daher unter anderem auch Wurst und Alkohol; Glyphosat ist mit "wahrscheinlich krebserregend" sogar eine Stufe niedriger eingeordnet.

Dem JMPR hingegen geht es, ähnlich wie der Efsa, um praktische Fragen: In welchen Konzentrationen oder bei welchen Aufnahmeformen könnte ein Stoff gesundheitsschädlich sein? Also im konkreten Fall: Könnten über die Nahrung gefährlich hohe Mengen des Unkrautvernichters aufgenommen werden?

In seinem aktuellen Bericht schreibt das JMPR, dass Glyphosat bei Tests an Mäusen womöglich in sehr hohen Dosen das Krebsrisiko tatsächlich erhöhen könnte. Bei Aufnahme durch Mund und Verdauungssystem kämen aber nicht annähernd so große Mengen zusammen. Daher besteht nach dieser Bewertung kein Risiko für Verbraucher.

Welcher Grenzwert gilt für Glyphosat?

Derzeit liegt der Grenzwert für die regelmäßige tägliche Aufnahme in der EU bei 0,3 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht. Allerdings plädiert die Efsa nach der Auswertung neuer Daten aus Tierversuchen dafür, diesen auf 0,5 Milligramm pro Kilogramm zu erhöhen.

Das JMPR kommt bei seiner aktuellen Analyse sogar zum Schluss, der Grenzwert für die regelmäßige tägliche Aufnahme solle bei höchstens einem Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht liegen. Geringere Mengen bewerten die Experten als ungefährlich.

Könnten die Ergebnisse auch politisch motiviert sein?

Immer wieder wird behauptet, die Efsa fälle ihre Entscheidungen nicht völlig unabhängig von Industrieinteressen. Im Fall von Glyphosat fehlt dafür aber ein Nachweis. Im SPIEGEL äußerte Grünen-Politiker Martin Häusling außerdem den Verdacht, ein Verbot könne die Verhandlungen zum Freihandelsabkommen TTIP mit den USA gefährden.

Grundsätzlich sind die europäischen Behörden jedoch dem Verbraucher verpflichtet. Ihre Aufgabe ist es, nach dem Prinzip der Vorsorge alle potenziellen Gefahren für Umwelt und Bürger zu minimieren. Die USA hingegen reagieren mit dem Prinzip der Nachsorge erst, wenn klare Risiken belegt sind.

Wie wird Glyphosat in Deutschland eingesetzt?

Da der Wirkstoff alle Pflanzen abtötet, kommt er auf den Acker, bevor die Nutzpflanze ausgesät wird. Das spart das Pflügen. Außerdem haben Landwirte das Mittel bis 2014 teils vor der Getreideernte versprüht. Die Halme sterben dann ab, die Körner trocknen und können anschließend direkt eingelagert werden. Inzwischen ist diese Form des Glyphosat-Einsatzes nur noch in Ausnahmefällen erlaubt, und zwar, wenn das Getreide wegen starken Unkrautwuchses ohne diese Maßnahme nicht geerntet werden könnte.

In Staaten außerhalb der EU, etwa in den USA, wird Glyphosat zudem in Kombination mit gentechnisch veränderten Pflanzen angeboten. Diese Pflanzen sind Glyphosat-resistent, sterben also nicht mehr ab, wenn der Stoff während ihres Wachstums aufs Feld kommt.

Was wären die Folgen eines Glyphosat-Verbots?

Umweltverbände hoffen, dass durch ein Verbot ein Umdenken in der Landwirtschaft stattfindet und mehr Landwirte ihre Produktion auf ökologischen Anbau umstellen. Wahrscheinlich wird sich diese Hoffnung jedoch nicht erfüllen.

Bernhard Krüsken, Generalsekretär des Deutschen Bauernverbands, sagte SPIEGEL ONLINE, im Fall eines Verbots würden die Landwirte eine Mischung von Herbiziden verwenden, um den sehr effektiven Unkrautvernichter zu ersetzen. "Die anderen Wirkstoffe beziehungsweise Wirkstoffgruppen haben jedoch ein höheres Risiko, dass Pflanzen resistent gegen sie werden", warnt er. Insgesamt schätzt er die möglichen Alternativen problematischer als Glyphosat ein.

Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels stand, dass Glyphosat bis heute auch noch kurz vor der Ernte eingesetzt wird. Das ist nicht richtig. Tatsächlich darf es zu diesem Zeitpunkt nur in Ausnahmefällen angewendet werden. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten um Entschuldigung.

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jme/chs/irb/wbr/AFP/dpa

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