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Gesundheit

PR-Kampagne

Krebstest als "Meilenstein" beworben - Uniklinik stellt Strafanzeige

Handelt es sich um unlauteres Vorgehen? Nachdem Mitarbeiter einen Brustkrebstest viel zu früh als Meilenstein angepriesen haben, hat das Universitätsklinikum Heidelberg rechtliche Schritte eingeleitet.

DPA

Bluttest im Labor des Universitätsklinikums Heidelberg.

Freitag, 05.04.2019   17:39 Uhr

Nach einer umstrittenen PR-Kampagne zu einem potenziellen Bluttest auf Brustkrebs hat das Universitätsklinikum Heidelberg Strafanzeige gegen unbekannt gestellt. Es gebe Anzeichen eines unlauteren Vorgehens bei der Entwicklung und Ankündigung des Tests, heißt es in einer Mitteilung der Universität.

Die Staatsanwaltschaft Heidelberg habe Vorermittlungen aufgenommen, sagte deren Sprecher Tim Haaf. Kommende Woche sollen Befragungen von Beschäftigten der Uniklinik beginnen. Es soll geprüft werden, welcher Sachverhalt möglicherweise strafbar und wer dafür verantwortlich zu machen sei. Anschließend könnte ein förmliches Ermittlungsverfahren eingeleitet werden.

Das Unternehmen Heiscreen, eine Ausgründung der Uniklinik, und die Uniklinik selbst hatten am 21. Februar den neuen Test vorgestellt. In einer Pressemitteilung war von "einem Meilenstein in der Brustkrebsdiagnostik" die Rede, eine Markteinführung sei "noch in diesem Jahr geplant".

Nicht haltbare Hoffnungen?

An dem Vorgehen gab es deutliche Kritik von Fachgesellschaften, Medizinern und Statistikern - unter anderem, weil die Wirksamkeit des Tests nur unzureichend beschrieben wurde. Auch wurden bislang keine Studien in einem Fachmagazin publiziert, in denen die Zuverlässigkeit des Tests an einer großen Gruppe Patientinnen überprüft wurde.

Der Test sei der Öffentlichkeit viel zu früh präsentiert worden, so die Kritik. Es würden Frauen Hoffnungen gemacht, die möglicherweise nicht zu halten seien. Hintergrund seien finanzielle Interessen, lauten weitere Vorwürfe.

Christof Sohn, der die PR-Aktion gestartet hat, ist laut "Rhein-Neckar-Zeitung" zu knapp fünf Prozent an dem Unternehmen Heiscreeen beteiligt. Die Ausgründung der Uniklinik vermarktet den Bluttest. Noch mehr Anteile hält er demnach bei der Heiscreen NKY GmbH zur Vermarktung des Tests in China. Sohn ist Chef der Heidelberger Frauenklinik. Auch Oberärztin und Projektleiterin Sarah Schott ist bei beiden Firmen beteiligt.

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"Wenn aus wirtschaftlichen Interessen unüberprüfbare Ergebnisse an die Öffentlichkeit gegeben und damit ungerechtfertigte Erwartungen geweckt werden, wirft das einen Schatten auf das Image der Forschung", sagt der Generalsekretär der Deutschen Krebsgesellschaft, Johannes Bruns.

Die Uniklinik hat sich mittlerweile für das Vorgehen entschuldigt. Eine externe Expertenkommission soll die Vorgänge aufklären.

Ursprünglichen Erfinder übergangen?

Ein weiterer Punkt: Während Sohn sich als Entdecker des Tests gibt, könnten die ursprünglichen Entwickler leer ausgehen, allen voran die Wissenschaftlerin Rongxi Yang. Uniklinik und das Unternehmen Technologie Transfer Heidelberg GmbH haben laut "Rhein-Neckar-Zeitung" den Forschern möglicherweise ihren finanziellen Anspruch auf einen Teil der Erlöse aus der Verwertung des Bluttests verwehrt.

Die jungen Wissenschaftler um Yang waren 2016 für ihre Forschung zu einem "hoch zuverlässigen und präzisen diagnostischen Test für die Erkennung von Brustkrebs in einem äußerst frühen Stadium" von Bundeswirtschaftsministerium und EU gefördert worden. Das Programm soll Existenzgründungen unterstützen.

Im Frühjahr 2017 stand eine Firmengründung kurz bevor - wurde aber laut SPIEGEL von der Technologie Transfer Heidelberg GmbH, einer Tochter des Uniklinikums zur Vermarktung wissenschaftlicher Erkenntnisse, verhindert.

Weder von dem Unternehmen noch von der Uniklinik und dem Chef der Frauenklinik sind derzeit Stellungnahmen zu den Vorwürfen zu erhalten. Kliniksprecherin Doris Rübsam-Brodkorb verweist auf die Aufarbeitung durch die Kommission.

irb/dpa

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