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Gesundheit

Kälteallergie

"Wie ein Meer aus Brennnesseln"

Im See baden, Eis essen, Fahrrad fahren im Frühjahr: Wer unter Kälteurtikaria leidet, bekommt schnell juckende Quaddeln. In seltenen Fällen kann das sogar gefährlich werden. Was können Betroffene tun?

Getty Images/Westend61

Von Nicola Korte
Montag, 11.03.2019   06:41 Uhr

"Als ich im vergangenen Jahr mit meinen beiden Kindern in einem Badesee schwimmen ging, war mein ganzer Körper plötzlich mit juckenden Quaddeln übersäht", sagt Tim Schulz*, 39, aus Berlin. "Ich hatte fast einen Kreislaufzusammenbruch. Der Warnschuss hat mir gezeigt, dass ich etwas tun muss."

Schulz ist einer von vielen Menschen weltweit, die an der sogenannten Kälteurtikaria leiden. Dabei handelt es sich um eine Sonderform der weitverbreiteten Nesselsucht (Urtikaria), die durch den Kontakt der Haut mit Kälte hervorgerufen wird. Schätzungen zufolge sind in Deutschland etwa 50.000 Menschen betroffen. Die tatsächliche Zahl liegt aber vermutlich noch viel höher, glauben Experten, weil manche ihre Beschwerden nicht als krankhaft werten.

Leben mit Alltagseinschränkungen

Die Symptome treten bei den Betroffenen meist dort auf, wo direkte Kälte etwa durch Luft, Wasser, kalte Gegenstände oder Speisen auf die Haut einwirkt. "Eine Kälteurtikaria verursacht zwar genau die gleichen Beschwerden wie eine Allergie, ist aber keine echte Allergie", sagt Petra Staubach-Renz, Fachärztin für Dermatologie und Venerologie an der Uniklinik Mainz und Vorsitzende des Urtikaria Netzwerks. "Eine echte Allergie beruht auf der Bildung von Antikörpern gegen ein Allergen. Wir kennen in der Forschung bisher aber keine relevanten Antikörper gegen Kälte."

Die Betroffenen empfinden die Auswirkungen der Kälteurtikaria oft als sehr einschränkend: "Viele Dinge, die mir Spaß machen, kann ich nicht mehr bedenkenlos genießen", sagt Schulz. Es fange mit so einfachen Dingen an, wie dass ihm beim Eisessen immer die Zunge jucke. Nach dem Baden in Seen fühle sich sein Körper an, als sei er in ein "Meer von Brennnesseln gefallen. Und wenn ich Fahrrad fahre, weiß ich nie so genau, ob vielleicht ein Luftzug wieder zu Quaddeln auf den freien Hautflächen führt", so der zweifache Vater. "Man kann diese Erkrankung einfach nicht richtig steuern."

Ein Sprung ins kalte Wasser kann lebensgefährlich sein

Frühjahr und Herbst sind für ihn die schlimmsten Jahreszeiten: "Offenbar ist es für die Haut schwierig, mit den größeren Temperaturunterschieden umzugehen", meint der Familienvater. Immerhin schränkt ihn seine Erkrankung bislang nicht in seiner Berufstätigkeit ein, obwohl er als Restaurateur in der Denkmalpflege viel an der frischen Luft arbeitet. "Ich packe mich einfach immer so sehr in warme Kleidung ein, dass mir meine Kälteallergie bislang keine Probleme bereitet."

Die Folgen der Krankheit können über lästige Einschränkungen im Alltag allerdings auch weit hinausgehen. So kann ein Sprung ins kalte Wasser für Kälteurtikaria-Patienten mitunter sogar lebensgefährlich sein. Staubach-Renz warnt, dass es zu sogenannten Systemreaktionen des Körpers kommen kann, die sich wie ein allergischer Schock auswirken. "Man vermutet, dass viele Menschen, die beim Sprung ins kalte Wasser an einem vermeintlichen Herzinfarkt gestorben sind, in Wirklichkeit an einer Kälteurtikaria gelitten haben", so Staubach-Renz.

Schwellenwerte sind individuell unterschiedlich

Probleme bei der Behandlung bereitete bislang vor allem, dass die Schwellenwerte, bei denen die Betroffenen auf die Kälte reagieren, individuell sehr unterschiedlich sind. An der Hautklinik der Charité in Berlin gibt es hierfür ein spezielles Gerät: Es ermittelt die individuelle Reizschwelle eines Patienten. Mit dem sogenannten TempTest lassen sich Temperaturen zwischen 4° C und 44° C einstellen und an der Haut testen.

Auch Tim Schulz hat das Testverfahren nach seinem einschneidenden Erlebnis am See im vergangenen Jahr durchführen lassen. Er weiß nun, dass sein Schwellenwert bei 18 Grad liegt. Bei Temperaturen, die darunter liegen, nimmt er vorbeugend ein spezielles Antihistaminikum ein: "Setze ich meine Haut direkt einer geringeren Temperatur als 18 Grad aus, muss ich mit den Symptomen der Kälteurtikaria rechnen", sagt Schulz. "Allerdings heizt die Hautoberfläche auch dagegen an, sodass dieser Wert etwas schwanken kann."

Krankheit verschwindet meist wieder

Der Dermatologin Staubach-Renz ist es besonders wichtig, den Menschen die Angst vor der Krankheit zu nehmen. Betroffenen rät sie zu folgenden Maßnahmen:

Und zu guter Letzt gibt es noch die tröstende Nachricht: Der Forschung ist es zwar bislang noch nicht gelungen, eine klare Ursache für die Kälterurtikaria zu finden. Fest steht aber, dass sie meist nicht ein Leben lang bestehen bleibt: "Sie kommt spontan", sagt Staubach-Renz, "sie geht aber in der Regel auch irgendwann wieder spontan."

* Name von der Redaktion geändert

insgesamt 5 Beiträge
biber01 11.03.2019
1. Nicht schön!
Hatte lange Zeit Nesselfieber-Anfälle. Zugeschwollene Gesichtszüge, Füsse, Arme..nichts blieb bei der Vielzahl an Schüben verschont. Ursachen liessen sich nie genau finden. Bis dann vor drei Jahren plötzlich Schluß war. [...]
Hatte lange Zeit Nesselfieber-Anfälle. Zugeschwollene Gesichtszüge, Füsse, Arme..nichts blieb bei der Vielzahl an Schüben verschont. Ursachen liessen sich nie genau finden. Bis dann vor drei Jahren plötzlich Schluß war. Nach 12 Jahren mit häufigen Schüben pro Jahr. Seit drei ein paar quält mich dafür öfter ein klassischer Heuschnupfen, mit dem ich aber viel besser leben kann..
CancunMM 11.03.2019
2.
Ich kann mich noch an einen Fall im ersten Jahr meiner klinischen Tätigkeit im AiP erinnern. Muss 96/97 gewesen sein. Meine 1. Station, die ich alleine führte. Es kam eine Patientin zur Abklärung von Synkopen. Bei der Anamnese [...]
Ich kann mich noch an einen Fall im ersten Jahr meiner klinischen Tätigkeit im AiP erinnern. Muss 96/97 gewesen sein. Meine 1. Station, die ich alleine führte. Es kam eine Patientin zur Abklärung von Synkopen. Bei der Anamnese erzählte sie, dass sie bereits 2x synkopiert sei. 1x in einem städtischen Schwimmbad und 1x in Israel im Urlaub als sie bis zu den Knien im Wasser stand. In meinem Studium hatte ich eine ganz gute dermatologische Ausbildung, weniger weil ich es interessant fand, sondern eher weil mein Professor Professor Orfanos war. Der es sich nicht nehmen ließ auch mal Studenten in eine Nachprüfung zu holen, wenn ihm das gesagte im Hörsaal nicht gefiel. Ich musste damals leider in so eine Nachprüfung, sah mein Studium schon den Bach runtergehen und lernte ausgiebig die Dermatologie. Zurück zur Patientin. Das Gesagte machte mich ein wenig neugierig und im Rahmen der weitere Anamnese gab die Patientin an, dass wenn sie z.B. nachts barfuß zum Kühlschrank ginge, die Füße jucken würden oder wenn sie sich auf die kalte Toilettenbrille setze der Popo und die Oberschenkelrückseiten jucken würden. Ich holte also aus dem Eisfach auf Station einen Eiswürfel und rieb ihn über den rechten Unterarm. Innerhalb kurzer Teit entwickelte sich dort eine Urtikaria. Und nicht nur das. Die Pat. fing an zu husten und der Blutdruck sank. Bei weiteren Nachfragen war es auch so, dass die Patientin auch bei kaltem Wind, der damals in Berlin herrschte, Symptome bekam. Ich hatte damals dann Kontakt zu einer Dermatologin aus der Charite. Damals wurde für fast alles der Helicobacter verantwortlich gemacht. Wir behnadelten diesen damals mit Antibiotika. Wie es später nach Entlassung mit der Patientin weiter geht, kann ich nicht sagen. Aber manche Fälle vergisst man einfach nicht.
martine-primus 11.03.2019
3. Urikaria...
ich habe sie als Kind das erste Mal gehabt - im Schullandheim. Das ist mir natürlich erst Jahre später, als ich erste heftige Ausbrüche hatte, bewusst geworden. Ich war letztes Jahr in der Charité zur Urtikaria-Sprechstunde, [...]
ich habe sie als Kind das erste Mal gehabt - im Schullandheim. Das ist mir natürlich erst Jahre später, als ich erste heftige Ausbrüche hatte, bewusst geworden. Ich war letztes Jahr in der Charité zur Urtikaria-Sprechstunde, habe mich aber nicht ernst genommen gefühlt. Denn nach monatelangem Warten auf den Termin, war ich urtikariafrei. Sie erzählte mir auch etwas davon, dass es oft einmalig sei und dann nie wieder käme... Ich kann nur sagen, dass ich ca alle 10 Jahre extreme Urtikaria habe, am ganzen Körper, wobei die Quaddeln nur hässlich sind und jucken, aber die SChwellungen und Ödeme im Gesicht (Auge zugeschwollen, Wange oder Lippen dick) oder an den Fingern schmerzen und wirklich beeinträchtigen. Das dauert so ca 6 Wochen, dann ist alles vorbei - und dann kann ich ca 10 Jahre später damit wieder rechnen. Ursache? Nicht bekannt!
brooklyner 12.03.2019
4.
Dass es so was gibt, war mir nicht bekannt. Da hat die 4 jährige Tochter meiner finnischen Freundin ja Glück gehabt. Die springt im Januar direkt aus der Sauna wie die Mutter jubelnd ins eiskalte Meer, während ich schlotternd [...]
Dass es so was gibt, war mir nicht bekannt. Da hat die 4 jährige Tochter meiner finnischen Freundin ja Glück gehabt. Die springt im Januar direkt aus der Sauna wie die Mutter jubelnd ins eiskalte Meer, während ich schlotternd am Ufer stehe. Gibt es diese Krankheit auch im hohen Norden?
Thomas G. A. Mank 12.03.2019
5. Korrektur
Tatsächlich basiert jede Nesselsucht auf einer Autoimmunerkrankung, in diesem Fall einer allergischen Reaktion gegen jenen körpereigenen Stoff, der das sogenannte Histamin abbaut. Histamin wiederum ist ein Botenstoff, der in [...]
Tatsächlich basiert jede Nesselsucht auf einer Autoimmunerkrankung, in diesem Fall einer allergischen Reaktion gegen jenen körpereigenen Stoff, der das sogenannte Histamin abbaut. Histamin wiederum ist ein Botenstoff, der in nahezu allen Lebewesen vorkommt. Wir produzieren ihn selber und nehmen ihn auch durch Nahrung auf. Die Autoimmunreaktion verhindert den Abbau des Histamins, das stattdessen unter der Haut und in den Schleimhäuten eingelagert wird, was zu extremen Jucken, Asthmaanfällen, schmerzhaften Blähungen etc. führt. In der Regel,ist die Nesselsucht keine eigenständige Erkrankung, sondern ein Symptom. Ich weiß das so genau, weil ich eine Nesselsucht seit mehr als 10 Jahren habe; in meinem Fall ist sie die Begleiterscheinung einer autoimmunen Bluterkrankung, die wiederum wohl mit einer bis heute ungeklärten Knochenmarksveränderung in Verbindung steht. Eine heftige Nesselsucht ist furchtbar und nur schwer erträglich; für mich insbesondere in den Sommermonaten. Aber spürbar ist sie eigentlich immer.

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