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Gesundheit

Krebs-Überlebensraten in Deutschland

Osten zieht mit Westen gleich

Vor der Wende überlebten Krebskranke in der Bundesrepublik länger als in der DDR. Zwanzig Jahre nach dem Mauerfall sind die Chancen vergleichbar, hat das Deutsche Krebsforschungszentrum herausgefunden. Doch die Studie hat Lücken: Noch fehlen die Anfang der Woche beschlossenen Krebsregister.

Corbis

Patientin bei der Chemotherapie: Die Überlebenschancen in Deutschland sind mittlerweile ähnlich gut

Freitag, 24.08.2012   16:29 Uhr

Hamburg - Die Überlebensraten bei Krebs sind in Ost- und Westdeutschland inzwischen fast gleich groß. Das haben Epidemiologen des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) in Heidelberg berechnet.

Für die im Fachblatt "European Journal of Epidemiology" veröffentlichte Untersuchung werteten Lina Jansen und ihre Kollegen vom DKFZ mehr als eine Million Krebsfälle aus elf deutschen Landeskrebsregistern aus. Bei ihrer Analyse der fünf-Jahres-Überlebensraten für die Jahre 2002 bis 2006 fanden die Epidemiologen bei 20 von 25 untersuchten Krebsarten Unterschiede von weniger als drei Prozent. Nur bei Krebs der Mundhöhle, der Speiseröhre und der Gallenblase sowie bei schwarzem Hautkrebs (Melanomen) waren die Überlebensraten in den alten Bundesländern statistisch auffallend höher. Umgekehrt hatten Menschen in den neuen Bundesländern einen kleinen Überlebensvorteil bei Leukämie.

Vor dem Mauerfall dagegen gab es deutliche Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland: Noch in den siebziger und achtziger Jahren überlebten Menschen im Westen den Forschern zufolge eine Krebserkrankung deutlich länger als im Osten. So lag die fünf-Jahres-Überlebensrate für Darmkrebs in der DDR Mitte der achtziger Jahre bei lediglich 28 Prozent, während es in Westdeutschland 44 Prozent waren.

Forscher bedauern Datenlücke wegen fehlender Krebsregister

5-Jahres-Überlebensraten bei Krebs

Zeitraum Krebsart DDR/Neue Länder BRD/Alte Länder
1979-85 Darm 28% 44%
1979-85 Prostata 46% 68%
1979-85 Brust 52% 68%
2002-06 Darm 61% 62%
2002-06 Prostata 87% 90%
2002-06 Brust 83% 83%

1979-85: Für BRD Zeitraum von 1979-83 im Saarland, für DDR Zeitraum von 1984-85. Quelle: DKFZ/Jansen et al. Cancer survival in Eastern and Western Germany after the fall of the iron curtain. European Journal of Epidemiology, 2012.

Trotz der nach wie vor schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen in Ostdeutschland sei durch eine vergleichbare Versorgung im Gesundheitswesen eine vergleichbare Überlebenschance bei Krebserkrankungen möglich, schreiben die DKFZ-Forscher. So sei in Mecklenburg-Vorpommern in der Zeit von 2000 bis 2004 die fünf-Jahres-Überlebensrate für Darm-, Brust- und Prostatakrebs gegenüber 1980 bis 1984 um ein Drittel, ein Viertel und fast die Hälfte angestiegen.

Die deutschen Ergebnisse unterschieden sich von den Erfahrungen in anderen osteuropäischen Ländern, in denen die Überlebensraten im Vergleich mit westeuropäischen Nationen kürzer sind. Frühere Studien hätten bereits belegt, dass die Überlebenschance bei Krebs statistisch mit der Höhe der für die Gesundheit ausgegebenen Gelder in einem Staat zusammenhängt, schreiben die Wissenschaftler.

Weil die Überlebenschancen der Patienten in Industrienationen von Faktoren wie Bildung, Arbeitslosigkeit und Einkommen abhingen, wollen die DKFZ-Forscher künftig untersuchen, wie sich die Überlebensraten der Patienten in kleineren geografischen Einheiten entwickeln, also zum Beispiel in einzelnen Bundesländern, Landkreisen oder Städten. Aus diesen Ergebnissen könnten dann Schlüsse gezogen werden, wie die Behandlung der Betroffenen zielgerichtet verbessert werden könnte.

Die DKFZ-Forscher bedauern, dass sie nicht den Trend der Überlebensraten über die gesamten letzten 20 Jahre analysieren konnten, weil die meisten Krebsregister in Westdeutschland erst in den neunziger Jahren aufgebaut wurden. Zudem konnte demnach die hohe Qualität der ehemaligen DDR-Krebsregister nach der Wende nicht aufrechterhalten werden. Erst am Dienstag hatte das Bundeskabinett den Entwurf für ein neues Krebsregistergesetz beschlossen, in dem es unter anderem um die Einrichtung deutschlandweiter Krebsregister auf Länderebene geht.

dba/dpa

insgesamt 11 Beiträge
quark@mailinator.com 24.08.2012
1. Naja ...
Länger überleben muß nicht immer besser sein. Mußte das bei meinem Vater mit ansehen :-(. So ein super-teuerer Marathon ist eine Belastung für den Patienten (auch für Nahestehende) und das vom Gesundheitssystem investierte [...]
Länger überleben muß nicht immer besser sein. Mußte das bei meinem Vater mit ansehen :-(. So ein super-teuerer Marathon ist eine Belastung für den Patienten (auch für Nahestehende) und das vom Gesundheitssystem investierte Geld könnte ggf. leicht anderswo mehr helfen. Soll natürlich nicht heißen, daß das Gegenteil in Ordnung ist und man gar nicht helfen soll. Es ist ein Elend und ich hoffe, man findet mal einen echten Ansatz. Aber das gelingt ja nicht mal bei der Karies :-(.
der-schwarze-fleck 24.08.2012
2. Klarheit schaffen
Es gibt zwei Prämissen: 1. so lang wie möglich mit der Krankheit leben 2. so gut wie möglich leben Lebensverlängerung ohne Erhaltung der Lebensqualität hat keinen Sinn. Man muss es halt nur mit den Behandlern [...]
Zitat von quark@mailinator.comLänger überleben muß nicht immer besser sein. Mußte das bei meinem Vater mit ansehen :-(. So ein super-teuerer Marathon ist eine Belastung für den Patienten (auch für Nahestehende) und das vom Gesundheitssystem investierte Geld könnte ggf. leicht anderswo mehr helfen. Soll natürlich nicht heißen, daß das Gegenteil in Ordnung ist und man gar nicht helfen soll. Es ist ein Elend und ich hoffe, man findet mal einen echten Ansatz. Aber das gelingt ja nicht mal bei der Karies :-(.
Es gibt zwei Prämissen: 1. so lang wie möglich mit der Krankheit leben 2. so gut wie möglich leben Lebensverlängerung ohne Erhaltung der Lebensqualität hat keinen Sinn. Man muss es halt nur mit den Behandlern vernünftig und offen besprechen, dann gibt es da kein Problem.
TimmThaler 24.08.2012
3.
Das kann man wohl nicht verallgemeinern. Wenn der Arzt der Meinung ist, er a) muss zeigen was er kann, b) ist noch jung und braucht das Geld, muss man schon sehr deutlich wissen, was man will. Und das auch durchsetzen [...]
Zitat von der-schwarze-fleckEs gibt zwei Prämissen: 1. so lang wie möglich mit der Krankheit leben 2. so gut wie möglich leben Lebensverlängerung ohne Erhaltung der Lebensqualität hat keinen Sinn. Man muss es halt nur mit den Behandlern vernünftig und offen besprechen, dann gibt es da kein Problem.
Das kann man wohl nicht verallgemeinern. Wenn der Arzt der Meinung ist, er a) muss zeigen was er kann, b) ist noch jung und braucht das Geld, muss man schon sehr deutlich wissen, was man will. Und das auch durchsetzen können.
hubertrudnick1 24.08.2012
4. Ich habe überlebt
Für mich persönlich kam die Wende gerade rechtzeitig, denn ich erlitt in dieser Zeit Hodenkrebs und da wir zur Bundesrepublik dazukamen so konnte man mein Leben noch retten. Die Ärzte sagten mir, dass die DDR kein Jahr [...]
Zitat von sysopCorbisVor der Wende überlebten Krebskranke in der Bundesrepublik länger als in der DDR. Zwanzig Jahre nach dem Mauerfall sind die Chancen vergleichbar, hat das Deutsche Krebsforschungszentrum herausgefunden. Doch die Studie hat Lücken: Noch fehlen die Anfang der Woche beschlossenen Krebsregister. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/0,1518,851923,00.html
Für mich persönlich kam die Wende gerade rechtzeitig, denn ich erlitt in dieser Zeit Hodenkrebs und da wir zur Bundesrepublik dazukamen so konnte man mein Leben noch retten. Die Ärzte sagten mir, dass die DDR kein Jahr länger hätte existieren dürfen, dann hätte ich keine Überlebenschance mehr gehabt. Nun sind es schon so viele Jahre her und ich hatte in den Jahren danach alles getan um gut und gesund über die Runde zu kommen. Aber nun hat mich erneut ein neuer Krebs befallen und ich habe noch mit den Auswirkungen von der letzten Krankheit zu tun, ob ich es noch mal schaffen werde, wer weiß das schon, aber das Leben geht solange weiter wie ich noch einigermaßen alles machen kann. Ja, die Bundesrepublik steht mit ihrem Gesundheitswesen recht gut da, auch wenn es hier und dort einige zu bemängeln gibt. HR
hubertrudnick1 24.08.2012
5. Nachtrag
Noch ein Nachtrag, ich möchte aber nicht mein Leben unbedingt ins unendliche verlängern lassen, wenn das Leben nur noch eine Qual wird und nur noch für die Statistik wichtig ist, dann möchte ich auch das Recht haben aus [...]
Zitat von hubertrudnick1Für mich persönlich kam die Wende gerade rechtzeitig, denn ich erlitt in dieser Zeit Hodenkrebs und da wir zur Bundesrepublik dazukamen so konnte man mein Leben noch retten. Die Ärzte sagten mir, dass die DDR kein Jahr länger hätte existieren dürfen, dann hätte ich keine Überlebenschance mehr gehabt. Nun sind es schon so viele Jahre her und ich hatte in den Jahren danach alles getan um gut und gesund über die Runde zu kommen. Aber nun hat mich erneut ein neuer Krebs befallen und ich habe noch mit den Auswirkungen von der letzten Krankheit zu tun, ob ich es noch mal schaffen werde, wer weiß das schon, aber das Leben geht solange weiter wie ich noch einigermaßen alles machen kann. Ja, die Bundesrepublik steht mit ihrem Gesundheitswesen recht gut da, auch wenn es hier und dort einige zu bemängeln gibt. HR
Noch ein Nachtrag, ich möchte aber nicht mein Leben unbedingt ins unendliche verlängern lassen, wenn das Leben nur noch eine Qual wird und nur noch für die Statistik wichtig ist, dann möchte ich auch das Recht haben aus dem Leben zu scheiden. HR

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