Schrift:
Ansicht Home:
Gesundheit

Ambulanz für Musiker

Wenn Chopin krank macht

Überlastete Ellenbogen, verkrampfte Muskeln, Geigerekzeme: Professionelle Musiker üben oft bis an die Schmerzgrenze und werden krank. In der Musikerambulanz helfen ihnen verschiedene Fachärzte - die auch verstehen, was ein Barré-Griff oder ein Triller ist.

DPA

Ärzte von der Musikerambulanz in Düsseldorf: Jahrelange schiefe Haltung beim Geigespielen führt zu schweren Problemen

Freitag, 25.10.2013   11:57 Uhr

Musiker lieben ihre Geigen, Posaunen, Flöten und Flügel sehr - so sehr, dass die Instrumente sie oft krank machen. Wer professionell in einem Orchester spielen will, muss oft von Kindheit an bis über die Schmerzgrenze hinaus üben, jeden Tag, stundenlang. Die körperlichen Belastungen sind vergleichbar mit denen von Hochleistungssportlern.

Auch engagierte Laienmusiker bekommen mitunter Probleme. So wie Heide Hess. Die 72-Jährige spielt seit ihrem elften Lebensjahr Geige. Schon als Jugendliche übte sie drei bis vier Stunden täglich. Wie die meisten Violinisten hatte auch sie das berühmte Geigerekzem, diesen unansehnlichen Fleck am Hals, dort wo sie den Kinnhalter ansetzt. Darunter hatte sich noch eine Zyste gebildet.

Ein Fall für Wolfram Goertz, Mediziner und Mitbegründer der Musikerambulanz im Universitätsklinikum Düsseldorf. "Eine Geigerin mit so einem auffälligen Problem hat man nicht jeden Tag", sagt Goertz.

Spezielle Ambulanzen für Musiker gibt es inzwischen an einigen Orten und Musikhochschulen. Die Düsseldorfer Praxis befindet sich direkt auf dem Gelände des Uniklinikums, ist eng vernetzt mit Neurologen, Orthopäden, Handchirurgen, Hautärzten, Psychologen, Physiotherapeuten, Phoniatern (Fachärzte für Stimm- und Sprachstörungen). Sogar ein Geigenbauer steht dem Team zur Seite.

Fast 10.000 Profi-Musiker spielen nach Angaben des Deutschen Musikinformationszentrums in öffentlich finanzierten Orchestern, rund 40.000 Laien musizieren in Sinfonie- und Streichorchestern. "Das Besondere am Musikerberuf ist, dass alles über Jahrzehnte funktionieren muss", sagt Maria Schuppert, von der Hochschule für Musik in Detmold.

Im Fall von Heide Hess hatte sich durch jahrzehntelange Reibung und Schweißaustritt die Schutzlasur des hölzernen Kinnhalters ihrer Geige abgelöst. Die Haut reagierte allergisch. Die 72-Jährige hatte Schmerzen, klebte Pflaster auf die wunde Stelle, der Kleber drang in die Wunde ein, die Schmerzen wurden noch größer. Dass der Kinnhalter die Ursache war, darauf kam sie nicht. "Den hatte ich doch schon 30 Jahre benutzt." Hess verkrampfte sich beim Spielen, nahm eine schiefe Haltung an.

Erhöhter Augendruck oder verkrampfte Lippen bei Bläsern

Wie viele Profis mit den typischen Musikerkrankheiten zu kämpfen haben, sei schwer zu schätzen, sagt die Hochschulprofessorin Schuppert. Experten vermuten, dass rund 70 Prozent im Laufe ihres Lebens gesundheitliche Probleme bekommen. Dazu gehören Überbelastungen der Ellbogen, Hände oder Finger, verkrampfte Lippen und erhöhter Augeninnendruck etwa bei Bläsern, Hörschäden, Taubheitsgefühle in den Fingern oder plötzlicher Stimmverlust.

Und dann ist da noch die Auftrittsangst. Gemeint ist nicht das normale Lampenfieber, sondern die tiefe Furcht vor dem Versagen auf der Bühne, die sich bis zur Depression auswachsen kann. "Die Angst vor der Angst ist schlimmer als die eigentliche Angst", sagt Goertz.

Die Ärzte in der Ambulanz spielen selbst Instrumente, sie wissen, was Hanon, ein Barré-Griff, ein Saltando und ein Triller sind. Ambulanzkoordinator Goertz etwa spielt Klavier und Orgel, Saxofon, Gitarre und etwas Geige. Musikwissenschaft, Philosophie und Kirchenmusik hat er studiert, später Medizin drangehängt und promoviert.

"Opern so laut wie ein startender Jumbo"

Kranke Musiker sind teuer für die Orchester. Mehr als 400 Patienten hat die Musikerambulanz seit dem Start im März 2012 untersucht. Goertz hat eine Menge Reformvorschläge. Viel zu eng sei es in den Orchestergräben, Dirigenten probten zu laut. Ohnehin seien einige Opern stellenweise "so laut wie ein startender Jumbo". Zum Beispiel die letzten fünf Minuten der Richard-Strauss-Oper "Elektra": "Wer das ohne Ohrstöpsel spielt, ist selber schuld."

Ein 35-jähriger Organist kommt in die Sprechstunde. Schon im Studium habe er bemerkt, dass er in der rechten Hand eine Schwäche habe, zu wenig Kraft vom Mittelfinger bis zum kleinen Finger, besonders bei Barockmusik "perlt es nicht so, wie es soll", sagt er ratlos. "Bei den schnellen Läufen, da hakt es."

Der Triller ist ein Problem - das schnelle Spielen von zwei benachbarten Noten. Goertz setzt sich mit dem Patienten ans Klavier, und beide spielen Triller - Goertz flink, der Organist schleppend mit dem dritten und vierten Finger. Goertz gibt ihm Noten von Debussy und Einweggummihandschuhe. Das Spiel mit Handschuhen geht viel besser. Könnte der Organist an der gefürchteten fokalen Dystonie, dem Musikerkrampf leiden?

Berüchtigte Triller bei Chopin

Berüchtigt sind die Trillerketten bei Chopin. Das exzessive Üben hatte schon den amerikanischen Pianisten Leon Fleisher krank gemacht. Eine Dystonie bereitete auch der Musikerkarriere von Robert Schumann ein Ende. Auch die Minimal Music von Philip Glass oder Steve Reich kann Gift für die Hände sein. Heutzutage spritzen Ärzte im Extremfall das Nervengift und Faltenglättungsmittel Botox in die verkrampften Muskel.

Der Neurologe Mark Stettner untersucht den Organisten. Seine Diagnose: Eine Polyneuropathie, eine Nervenerkrankung, die sich unter anderem in Gleichlaufschwankungen der beiden Hände äußert. Der Organist wird stationär aufgenommen.

Auch nach der Behandlung betreut die Musikerambulanz die Patienten weiter. Schwieriger als Ekzeme zu heilen, ist es, ihnen die starren Übungsmuster abzugewöhnen und ein freieres Spiel beizubringen. "Wir löschen die Festplatte", sagt Goertz. "Unnatürliche Trillerläufe sollen zwar einen Trainingseffekt haben, aber sie sind Kasteiungen - hochgradiger Unfug." Mit speziellen Übungsplänen erlernen die Patienten schwierige Spielabläufe wieder neu.

Der 72-jährigen Violinistin Heide Hess entfernte man in der benachbarten Hautklinik die Zyste. Kurze Zeit später fing sie wieder an zu spielen. "Ich bin wie befreit", sagt sie. Aber nicht nur die äußerliche Wunde wurde behandelt. In der Musikerambulanz lernte sie, auch ihre innere Haltung zur Musik zu ändern. "Ich versuche jetzt ein bisschen lockerer zu sein." Goertz zeigt Hess eine entspanntere Haltung. "Man soll die Geige nicht wie ein Sprungbrett zwischen Schultern und Wange klemmen, das hat schon Yehudi Menuhin gesagt." Der große Geigervirtuose musste es ja wissen.

Dorothea Hülsmeier, dpa

insgesamt 16 Beiträge
F0xF00bar 25.10.2013
1.
Tja, wenn man so lange und viel üben muss, dass man krank wird, sollte man sich ehrlich fragen, ob man vielleicht nicht zu wenig Talent hat.
Zitat von sysopDPAÜberlastete Ellenbogen, verkrampfte Muskeln, Geigerekzeme: Professionelle Musiker üben oft bis an die Schmerzgrenze und werden krank. In der Musikerambulanz helfen ihnen verschiedene Fachärzte - die auch verstehen, was ein Barré-Griff oder ein Triller sind. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/musikerambulanz-duesseldorf-wenn-chopin-und-strauss-krank-machen-a-929895.html
Tja, wenn man so lange und viel üben muss, dass man krank wird, sollte man sich ehrlich fragen, ob man vielleicht nicht zu wenig Talent hat.
Antiautor 25.10.2013
2.
Welch ein Quark. Die talentiertesten Musiker der Welt üben täglich mehrere Stunden. Wer in der Riege mitspielen will, wird nicht darum herumkommen, es ihnen gleich zu tun.
Zitat von F0xF00barTja, wenn man so lange und viel üben muss, dass man krank wird, sollte man sich ehrlich fragen, ob man vielleicht nicht zu wenig Talent hat.
Welch ein Quark. Die talentiertesten Musiker der Welt üben täglich mehrere Stunden. Wer in der Riege mitspielen will, wird nicht darum herumkommen, es ihnen gleich zu tun.
demokrat_de 25.10.2013
3. @ F0xF00bar
Ja... wenn ein Sportler viel trainiert, hat er auch zu wenig Talent. Klar... Selbst schonmal Musik gemacht? Selbst das schonmal studiert? Aber schön Mist erzählen...
Ja... wenn ein Sportler viel trainiert, hat er auch zu wenig Talent. Klar... Selbst schonmal Musik gemacht? Selbst das schonmal studiert? Aber schön Mist erzählen...
nandolino 25.10.2013
4. @Fx00000usw
Sie scheinen wirklich keine Ahnung zu haben. Jeder Profimusiker spielt sein Instrument tagtäglich mehrere Stunden lang, wie ich auch. Das hat mit Talent nichts zu tun. Wenn ihnen beim Spargelstechen der Rücken schmerzt haben [...]
Sie scheinen wirklich keine Ahnung zu haben. Jeder Profimusiker spielt sein Instrument tagtäglich mehrere Stunden lang, wie ich auch. Das hat mit Talent nichts zu tun. Wenn ihnen beim Spargelstechen der Rücken schmerzt haben sie kein Talent dazu?
hehnsascha 25.10.2013
5. selbst der alte rubinstein....
..uebte 8 stunden taeglich, wenn er zu hause war. arrau hat zeitweise 14 stunden am tag sein immenses repertoir geuebt. klavierspielen ist sysiphosarbeit, schon nach einer woche nichtspielen wirds schlechter. und bei geigern [...]
..uebte 8 stunden taeglich, wenn er zu hause war. arrau hat zeitweise 14 stunden am tag sein immenses repertoir geuebt. klavierspielen ist sysiphosarbeit, schon nach einer woche nichtspielen wirds schlechter. und bei geigern ists nicht anders. begabung ist vielleicht 10%, der rest harte arbeit

Mehr im Internet

Verwandte Themen

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP