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Gesundheit
Freitag, 02.11.2018   11:06 Uhr

Ich ruf dich nachher noch an!

Wie Sie Familienbande stärken

Die Beziehungskultur der Familie entscheidet darüber, ob alte Eltern Hilfestellungen annehmen. Hier bekommen Sie Anregungen, wie Sie die Bindung zu Vater, Mutter und Geschwistern stärken können.

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SPIEGEL WISSEN hat ein achtwöchiges Pflege-Coaching entwickelt, das dabei hilft, alte Eltern kompetent zu begleiten. Dies ist der dritte Teil. Die anderen Teile finden Sie hier.

Nachdem Sie sich nun mit ein paar allgemeinen Fakten rund ums Altwerden und mit Ihrer eigenen Einstellung zum Älterwerden befasst haben, geht es in dieser Woche vor allem darum, einen konkreten Blick auf die Beziehung zu Ihren Eltern und auf die Art Ihrer familiären Kontakte zu werfen. Damit das auf eine gute Weise gelingt, geben wir Ihnen eine dreiteilige Übung auf. Bitte schauen Sie sich die einzelnen Teile genau an und beantworten Sie die Fragen. Die Übungsteile bauen aufeinander auf.

Wichtig: Selbst wenn Ihre Eltern fit und agil sind, macht es Sinn, sich bewusst und systematisch mit der familiären Beziehungskultur zu beschäftigen. Zahlreiche Studien zur Psychologie der Generationen legen nah, dass die Qualität der Beziehung ein entscheidender Faktor dafür ist, ob Hilfsszenarien für die Eltern von allen Seiten als stimmig erlebt werden. Salopp gesagt ist eine zufriedenstellende Beziehung zu Vater, Mutter und auch Geschwistern eine gute Prävention für die Phasen, in denen Themen wie Pflege und Hilfestellung wichtiger werden.

Unsere Expertin

Katja Werheid lehrt Neuropsychologie und Alterspsychotherapie an der Humboldt-Universität in Berlin. Außerdem ist sie als Psychotherapeutin und Neuropsychologin in freier Praxis sowie im Klinikum Ernst von Bergmann in Potsdam tätig. Über den Umgang mit älter werdenden Eltern hat sie im vergangenen Jahr ein Sachbuch veröffentlicht:"Nicht mehr wie immer: Wie wir unsere Eltern im Alter begleiten können. Ein Wegweiser für erwachsene Kinder".
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Katja Werheid:
Nicht mehr wie immer

Wie wir unsere Eltern im Alter begleiten können

Piper Paperback; 208 Seiten; 15 Euro

So sind wir in Kontakt

Sie bekommen hier eine Liste mit Fragen, die Ihnen bei einer Bestandsaufnahme darüber helfen, wie Kontakt und Beziehungen in Ihrer Familie ganz praktisch gestaltet werden - und welche emotionalen Bindungen bestehen. Beantworten Sie die Fragen im Kopf, oder nehmen Sie sich Zettel und Stift zur Hand:

Wenn Sie die Fragen nun beantwortet haben, nehmen Sie eine Bewertung vor: Überlegen Sie sich, welche Kontakte, Rituale und Feste Sie in Ihrer Familie gut finden, was Sie lästig finden oder wo Ihnen möglicherweise etwas fehlt. Sie bekommen nun weitere konkrete Aufgaben, die eine Umgestaltung und aktive Veränderung des Kontakts möglich machen. Überlegen Sie, ob Sie nur eine der beiden Varianten für Ihre eigene Familie durchführen wollen - oder gleich beide. Nehmen Sie auf jeden Fall in dieser Woche eine der vorgeschlagenen Veränderungen vor:

Veränderung eins: Unsere Rituale

Die Psychologin Katja Werheid nennt Routinen und Gewohnheiten, die in einer Familie immer wiederkehren, "ASWIs", abgekürzt für "Alles-so-wie-immer". Das Kuriose an ASWIs ist, dass sie eigentlich liebens- und bewahrenswert sind, aber manchmal ausarten. Es gibt nämlich ASWIs, die zwar schon ewig bestehen, die aber keiner mehr mag oder die nicht mehr zur Lebensphase der Eltern oder der Kinder passen.

Überlegen Sie nun in dieser Woche einmal, welche ASWI-Momente in Ihrer Familie Sie wirklich lieben und stimmig finden. Das kann die warmherzige Bescherung am Weihnachtsfest sein, das kann ein wöchentliches Telefonat mit Ihrem Vater sein. Halten Sie wenigstens drei solcher geliebten ASWIs für sich fest - und versuchen Sie diese in den nächsten Tagen einmal aktiv zu planen (wenn es etwas Längerfristiges ist) oder gleich zu gestalten (wenn es sich kurzfristig durchführen lässt).

Überlegen Sie auch, welche weiteren und neuen ASWIs Sie gern einführen würden: Wäre es entspannter, statt Weihnachten lieber Ostern zusammen zu feiern? Wäre es wohltuend, häufiger mit Ihren Geschwistern zu telefonieren? Wollen Sie bei Ihren wöchentlichen Besuchen gemeinsam mit Ihren Eltern das Abendbrot vorbereiten? Überlegen Sie sich als erwachsene Tochter, als erwachsener Sohn ein oder zwei neue ASWIs, also neue familiäre Rituale, die Ihnen gefallen und allen entgegenkommen.


Lesen Sie mehr zum Thema bei SPIEGEL+: "Wer pflegt Mama?" Wie Sie Streit mit Geschwistern bei der Aufgabenverteilung vermeiden.


Veränderung zwei: einen Jour fixe finden

Im Job machen es alle, die regelmäßig miteinander in Kontakt bleiben wollen: Es werden feste wöchentliche oder monatliche Termine festgeschrieben und eingehalten - oft am selben Wochentag zur selben Zeit. Aus der Alterspsychologie weiß man mittlerweile, dass solche festen Verabredungen auch Beziehungen zwischen den Generationen guttun, denn sie geben ihnen Sicherheit.

Versuchen Sie deshalb in dieser Woche, einen Ihrer üblichen Kontakte mit Ihren Eltern, beispielsweise die üblichen Telefonate, in eine noch regelmäßigere und für beide Seiten verlässlichere Form umzuwandeln: Vereinbaren Sie mit Ihren Eltern, dass Sie ab jetzt immer am Donnerstagabend anrufen. Oder, wenn die Eltern noch viel unterwegs sind, an einem Zeitpunkt am Wochenende.

Solche festen Vereinbarungen funktionieren auch - und oft sogar gerade gut -, wenn man zu seinen Eltern kein enges Verhältnis hat. Dann wissen beide Seiten, dass man ein Mal in der Woche kurz telefoniert. Oder dass man sich an jedem ersten Samstag im Monat sieht. Die Regelmäßigkeit und Verlässlichkeit der Treffen und Kontakte hilft dann auch in Phasen zunehmender Gebrechlichkeit und Hilfsbedürftigkeit der Eltern, einen Rahmen zu schaffen.

Wichtig: Die Aufgaben in dieser Woche sind der Dreh- und Angelpunkt für dieses Coaching. Reflektieren Sie unbedingt, was für Erkenntnisse Sie gewonnen haben und wie für Sie ein gelungener Kontakt mit Ihrer Herkunftsfamilie aussieht. Versuchen Sie, die Beziehung zur eigenen Familie auch über die weiteren Wochen des Coachings aktiv und in Ihrem Sinn zu stärken.

Wir wünschen Ihnen Mut und Freude auf dem Weg zu neuen Plänen und Lösungen mit Ihren Eltern.

Ihr SPIEGEL-WISSEN-Team

Zu jeder Ausgabe bietet SPIEGEL WISSEN ein praktisches, leicht im Alltag umsetzbares Online-Coaching passend zu seinem jeweiligen Heftthema an. Während dieser Zeit erhalten Sie immer freitags per E-Mail eine Übungseinheit, die Ihnen helfen kann, Ihr Leben besser zu gestalten. Hier den Newsletter bestellen:

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