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Gesundheit

Impfskepsis auf den Philippinen

136 Masern-Tote in nur sieben Wochen

Ein umstrittenes Medikament hat auf den Philippinen das Vertrauen der Menschen in Impfstoffe erschüttert, auch in Mittel gegen Masern. Die Folgen sind dramatisch.

DPA

Ein philippinisches Kind, das an Masern leidet, wird in einem Krankenhaus in Manila behandelt

Montag, 18.02.2019   17:31 Uhr

Die Masern fordern auf den Philippinen immer mehr Todesopfer. Seit Jahresbeginn sind 136 Menschen an dem hochansteckenden Virus gestorben, teilte das Gesundheitsministerium des südostasiatischen Landes mit. Etwa 40 Prozent der Betroffenen waren demnach Kinder zwischen ein und vier Jahren. Seit der letzten Veröffentlichung vor einer Woche hat sich die Zahl der Erkrankungsfälle mit 8443 Betroffenen annähernd verdoppelt.

Die Behörden appellierten an Eltern, ihre Kinder schützen zu lassen - im ganzen Land sollen Teams kostenlose Impfungen ermöglichen. "Eine Impfung ist die beste Strategie, um Masern zu bekämpfen", sagt Gesundheitsminister Francisco Duque.

Dass so wenige Kinder geimpft sind, führt Duque auf einen möglichen Wirkstoff-Skandal zurück, der das Vertrauen der Philippiner stark erschüttert haben. Bei einem Impfprogramm waren zwischen 2016 und 2017 mehr als 800.000 Kinder mit dem Mittel Dengvaxia des französischen Pharmakonzerns Sanofi geimpft worden. Die Regierung hatte das Programm eingestellt, nachdem Zweifel an der Sicherheit des Mittels aufgekommen waren.

MASERN

Eine Sanofi-Studie hatte zuvor gezeigt, dass Dengvaxia das Risiko für Dengue-Infektionen zwar senken kann - allerdings vor allem bei Menschen, die vor der Impfung schon mal an Dengue erkrankt waren. Hatten Menschen noch keine Dengue-Infektion durchgemacht, verstärkte das Mittel Hinweisen zufolge möglicherweise sogar die Infektion. Das philippinische Gesundheitsministerium hatte das Mittel anschließend mit drei Todesfällen in Verbindung gebracht.

Daraufhin ließen viele Eltern ihre Kinder generell nicht mehr impfen - auch nicht gegen Krankheiten wie Masern. Hier gelten die Impfstoffe als sicher und wirksam und sind seit Jahrzehnten im Einsatz.

Weltweiter Trend: Zahl der Fälle verdoppelt

Nachdem die Zahl der Infektionen jahrelang zurückgegangen war, verbreiten sich Masern momentan weltweit wieder rasant. Die vorläufige Zahl der gemeldeten Erkrankungen habe sich 2018 im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt, auf 229.000 Fälle, wie die Weltgesundheitsorganisation (WHO) berichtete.

Die tatsächliche Zahl dürfte über der Zwei-Millionen-Grenze liegen, sagte Katherine O'Brien, Direktorin der WHO-Impfabteilung. "Wir gehen davon aus, dass weltweit weniger als zehn Prozent aller Fälle gemeldet werden." Auch die Zahl der gemeldeten Fälle dürfte noch steigen. Die endgültigen Zahlen liegen laut WHO erst nach April vor.

In der WHO-Region Europa stieg die Zahl der gemeldeten Fälle 2018 im Vergleich zum Vorjahr sogar auf das Dreifache. Mit Abstand am schwersten betroffen war die Ukraine mit mehr als 53.000 Fällen. In Deutschland hingegen war die Zahl sogar rückläufig: Nach gut 900 Masern-Fällen 2017 wurden im vergangenen Jahr etwa 500 Fälle gemeldet.

Masern sind extrem ansteckend. Die Viren werden beim Sprechen, Husten oder Niesen über kleine Tröpfchen in der Luft übertragen. Die Erkrankung führt zunächst zu grippeähnlichen Symptomen und später zu einem charakteristischen Hautausschlag.

Eine gefürchtete Folge ist eine Gehirnentzündung, die Masern-Enzephalitis, die tödlich oder mit bleibenden Schäden enden kann. Als Spätfolge kann sich zudem nach Jahren eine sogenannte subakute sklerosierende Panenzephalitis (SSPE) ausbilden, eine Entzündung der Nervenzellen des Gehirns und des Rückenmarks. Sie führt zum Ausfall von Gehirnfunktionen und schließlich zum Tod.

irb/dpa/Reuters

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