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Gesundheit

Ein rätselhafter Patient

Stress stoppt Stimme

Beruflicher Stress lässt den Blutdruck einer 56-jährigen Frau regelmäßig in die Höhe schnellen. Gleichzeitig wird sie heiser - eine rätselhafte Kombination. Die Ärzte suchen an den Stimmbändern nach der Ursache. Fündig werden sie allerdings erst an einer anderen Stelle.

Corbis
Von
Samstag, 30.06.2012   09:04 Uhr

Vor kurzem erst war die 56-Jährige beim Hausarzt. Bluthochdruck sagte der, fortan müsse sie täglich eine Tablette schlucken, die ihre Blutgefäße vor Folgeschäden schützen soll. Wenige Wochen später kommt eine störende Heiserkeit hinzu, die immer dann besonders stark wird, wenn sie unter beruflichem Stress leidet. Die Frau sucht Rat bei Ärzten im Stuttgarter Robert-Bosch-Krankenhaus.

Die Mediziner tun sich zunächst schwer, einen Auslöser zu finden - Heiserkeit kann viele Ursachen haben. In etwa einem Drittel aller Fälle nennen Ärzte sie "idiopathisch", was nichts anderes heißt, als dass niemand eine Ahnung hat, woher die Heiserkeit kommt.

Die Stuttgarter Ärzte vermuten einen Zusammenhang zwischen den hohen Blutdruckwerten der Patientin und ihrer Heiserkeit. Sie selbst hat bei sich Spitzenwerte von über 200mmHg gemessen, normal sind Werte bis etwa 130mmHg. Allerdings hat sie keine typischen Beschwerden, die auf eine Herzerkrankung hinweisen würden, etwa Brustschmerzen oder Kurzatmigkeit. Die Ärzte untersuchen sie, hören mit dem Stethoskop aber nichts Ungewöhnliches. Der Blutdruck ist mit 145/80mmHg fast normal, in den Blutwerten finden sie keine Auffälligkeiten. Auch das EKG und eine Röntgenaufnahme des Brustkorbs sehen normal aus.

Die Internisten schicken die Patientin weiter zum Hals-Nasen-Ohrenarzt. Der untersucht mit einem Spiegel die Stimmbänder der Patienten und findet die Ursache ihrer Heiserkeit: Das linke Stimmband ist gelähmt. Es bewegt sich beim Sprechen nicht mit und verschließt die halbe Luftröhre.

Verschlungene Wege eines wichtigen Nerven

Warum das Stimmband allerdings gelähmt ist, wissen die Ärzte noch nicht - doch sie haben einen Verdacht: Die Stimmbänder werden von einem Nerven versorgt, der im Körper einen ungewöhnlichen Weg zurücklegt: Vom Hals aus kommend schlingt sich der linke Teil des Nerven im Brustkorb kurz hinter dem Herzen einmal um die Hauptschlagader (Aorta) herum, dann erst steigt er wieder in den Hals auf (siehe Grafik). Daher auch der Name: Nervus laryngeus recurrens, der rückläufige Kehlkopfnerv.

Eine Computertomografie (CT) zeigt schließlich, was die Ärzte vermuteten: Die Hauptschlagader der Patientin ist kurz nach dem Ausgang aus dem Herzen stark erweitert, die Wände teilweise eingerissen. Mediziner sprechen von einem Aortenaneurysma. Immer wenn der Blutdruck der Patientin in die Höhe schnellt, drückt die Schlagader den linken Stimmbandnerven ab, der linke Stimmlippe versorgt - die Patientin wird heiser.

Die Frau hat Glück, denn ein Aortenaneurysma kann lebensgefährlich sein: Es kann jahrelang ohne Beschwerden bestehen und ohne Vorwarnung reißen. Häufig kommt dann jede Hilfe zu spät, nur eine risikoreiche Operation kann die Patienten unter Umständen noch retten. Die Stuttgarter Ärzte schicken ihre Patientin zu den Gefäßchirurgen in der gleichen Klinik, wo das geweitete Stück der Hauptschlagader entfernt und durch eine Prothese ersetzt wird. Die Aorta kann dadurch den Nerven nicht mehr strapazieren.

Um ihre Gefäße zu schonen, muss die Patientin weiter blutdrucksenkende Medikamente nehmen, eine Sprachtherapie soll Folgen der zeitweiligen Stimmbandlähmung mildern.

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Zum Autor

  • Dennis Ballwieser ist Arzt. In München machte er Narkose, in Hamburg schreibt er über Medizin. Er ist Redakteur im Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.

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Bluthochdruck

Was bedeuten die Blutdruckwerte?
Wird der Blutdruck gemessen, geben Ärzte den Wert zum Beispiel als 120/80mmHg an, gesprochen "120 zu 80". Dahinter verbergen sich mehrere Informationen über den Blutdruck.

Der höhere Wert ist der sogenannte systolische Blutdruck. Die Systole ist der Pumpvorgang im Herzen, bei dem sich die Herzkammern zusammenziehen und das Blut in die Schlagadern drücken. Der systolische Wert gibt den Druck an, der während dieses Moments gemessen wird.

Der niedrigere Wert ist der diastolische Blutdruck. In der Diastole erschlaffen die Herzkammern und füllen sich mit Blut. Der diastolische Wert gibt den Druck an, der während dieses Zeitraumes besteht.

Messbar wird der Druck mithilfe des Stethoskops, eines Hörrohrs, dessen Membran über einer Schlagader (Arterie) auf die Haut gelegt wird. Treten beim Ablassen des Drucks aus der Blutdruckmanschette die ersten Geräusche auf, ist der systolische Druck erreicht, verschwinden die Geräusche wieder, zeigt das den diastolischen Wert an.

Die Einheit des Blutdrucks ist Millimeter Quecksilbersäule, abgekürzt mmHg nach dem chemischen Zeichen für Quecksilber (Hg).
Wann ist der Druck zu hoch?
Nach den neuen europäischen Leitlinien ist der Blutdruck bis zu Werten von 140/90mmHg normal. Sind die Werte niedriger, ist alles in Ordnung. Bislang galten Werte bis 130/85mmHg als normal.

Ab Werten von über 140/90mmHg sprechen Ärzte von Bluthochdruck (Hypertonie). Auch die wird noch einmal unterteilt in eine leichte Hypertonie (bis 160/90mmHg), eine mittelschwere (bis 180/110mmHg) und eine schwere Hypertonie bei noch höheren Werten.

Besonders bei älteren Menschen gibt es die isolierte systolische Hypertonie, bei der nur der obere Blutdruckwert über 140mmHg liegt, während der untere niedriger als 90mmHg bleibt.
Wie wird Bluthochdruck festgestellt?
Um von einem Arzt die Diagnose Hypertonie zu bekommen, reicht eine einmalige Blutdruckmessung nicht aus. Fallen einmal zu hohe Werte auf, muss immer wieder gemessen werden, mindestens dreimal und an mindestens zwei verschiedenen Tagen. Das soll Ausreißer berücksichtigen, die zum Beispiel vorkommen, wenn man aufgeregt ist.
Welche Folgen drohen?
Der Bluthochdruck bereitet dem Patienten jahrelang überhaupt keine Beschwerden. Tortzdem werden verschiedene Organe geschädigt. Betroffen sind vor allem Herz und Gehirn, es drohen Herzinfarkt und Schlaganfall.
Wie wird Bluthochdruck behandelt?
Zunächst wird der Arzt versuchen, gemeinsam mit dem Patienten Wege zu finden, wie im Alltag der Blutdruck beeinflusst werden kann. Das heißt zum Beispiel, etwas abzunehmen, sich ausgewogener zu ernähren, mit dem Rauchen aufzuhören und Sport zu machen.

Reicht das nicht oder leidet der Patient unter schwerem Bluthochdruck, verschreibt der Arzt Medikamente. Ein Mittel alleine reicht dabei häufig nicht aus, mehrere Wirkstoffe kombiniert wirken bei vielen Patienten besser. Und die meisten Patienten müssen ihre Tabletten lebenslang nehmen, weil der Blutdruck sonst wieder steigt.

Quelle: Deutsche Hochdruckliga e. V. Stand: Leitlinien 2008, Update 2011, Blutdruckgrenze 2013.

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