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Gesundheit

WHO-Studie

Warum Männer kürzer leben

Die Weltgesundheitsorganisation wollte wissen, warum Frauen überall auf der Welt älter werden als Männer. Aus ihrer globalen Studie lassen sich diese sechs Erkenntnisse ableiten.

DPA

Risiko Lebensstil: Männer konsumieren viermal mehr Alkohol als Frauen

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Donnerstag, 04.04.2019   19:14 Uhr

Jedes Jahr ergründet die Weltgesundheitsorganisation (WHO), wie es um das Wohlbefinden der Menschheit steht. Dieses Jahr beschäftigen sich die Statistiken mit der Frage, wie die unterschiedliche Lebenserwartung von Männern und Frauen zustande kommt.

"Dabei ist wichtig zu beachten, dass - obwohl die World Health Statistics 2019 ihre Geschichten in Zahlen erzählen - die Konsequenzen echte Menschen betreffen", schreibt WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus in seinem Vorwort.

Sechs Erkenntnisse:

1. Es werden deutlich mehr Jungen als Mädchen geboren - doch das Verhältnis dreht sich im Laufe des Lebens um.

Dieses Jahr kommen weltweit mehr als 141 Millionen Babys auf die Welt, schätzt die WHO. Bei der Geburt gibt es noch einen deutlichen Männerüberhang: 73 Millionen der Neugeborenen werden Jungen sein, nur 68 Millionen Mädchen. Auf 100 Mädchen kommen damit rund 107 Jungen.

Da Männer früher sterben als Frauen, dreht sich dieses Verhältnis im Laufe des Lebens jedoch um. In der Altersgruppe der 50- bis 54-Jährigen hat sich der Unterschied 2016 ausgeglichen. Bei den 60- bis 64-Jährigen waren die Frauen bereits in der Überzahl, hier zählten die Forscher nur noch 95 Männer auf 100 Frauen. Diese Entwicklung setzt sich in den höheren Altersgruppen rasant fort:

2. Frauen leben nicht nur länger - sie bleiben auch länger gesund.

Die Lebenserwartung der Menschen steigt weltweit. Heute geborene Jungen werden im Durchschnitt knapp 70 Jahre alt, Mädchen 74 Jahre. Das sind rund fünf Jahre mehr als noch im Jahr 2000. Zwischen den beiden Geschlechtern bleibt damit jedoch ein Unterschied von mehr als vier Jahren bestehen.

Auch die Jahre, die Menschen ohne Krankheiten verbringen, steigt. Demnach können sich heute geborene Babys im Schnitt auf 63,3 gesunde Lebensjahre freuen. Allerdings gibt es auch hier Geschlechterunterschiede: Bei Frauen liegt die Zahl der gesunden Lebensjahre bei 64,8 Jahren, bei Männern nur bei 62,0 Jahren.

3. Es gibt viele Gründe, warum Männer früher sterben.

Die kürzere Lebenserwartung der Männer hat viele Ursachen, schreiben die Forscher. Von den 40 häufigsten Todesursachen wirken sich 33 stärker auf die Lebenserwartung von Männern aus. Die größten Differenzen bestehen bei:

Einige der Unterschiede lassen sich genetisch erklären. So sorgen etwa mit dem X-Chromosom verbundene Prozesse dafür, dass Mädchen ein stärkeres Immunsystem haben und das Kleinkindalter häufiger überleben. 2017 war das Risiko von Jungen, vor dem fünften Geburtstag zu sterben, elf Prozent höher als das der Mädchen.

Andere Ursachen wiederum hängen mit den Geschlechterrollen zusammen. Da Männer häufiger im Verkehrssektor arbeiten, werden sie auch häufiger Opfer von Unfällen. Das Risiko für Männer, in einem Verkehrsunfall zu sterben, ist ab dem 15. Lebensjahr mehr als doppelt so hoch wie das der Frauen.

4. Die Unterschiede sind in reichen Ländern viel stärker ausgeprägt als in armen.

Je ärmer eine Region ist, desto geringer sind die Unterschiede in der Lebenserwartung zwischen Männern und Frauen. Das liegt vor allem an Gefahren rund um die Schwangerschaft. In mehr als 90 Prozent der Länder mit einem geringen Einkommen sind weniger als vier Hebammen für 1000 Frauen zuständig. Die Folgen:

Hinzu kommt, dass in armen Ländern mehr Menschen durch Infektionskrankheiten sterben, die Männer und Frauen gleichermaßen treffen.

In reichen Ländern hingegen lassen sich die Unterschiede in der Lebenserwartung stärker durch Umweltfaktoren und einen ungesunden Lebensstil erklären. So wird in Ländern mit einem hohen Einkommen im weltweiten Vergleich der meiste Alkohol getrunken und am meisten geraucht. Männer haben daran einen großen Anteil: Dem Report zufolge rauchten sie 2016 fünfmal häufiger als Frauen und konsumierten viermal mehr Alkohol.

"Ein besserer Zugang für Männer zur Gesundheitsversorgung, etwa bei der Behandlung von Bluthochdruck, könnte die Überlebensraten erhöhen", schreiben die Forscher. Das größte Potenzial aber bergen Änderungen im Lebensstil im Hinblick auf Tabak, Alkohol und eine ungesunde Ernährung sowie ein besserer Schutz vor Verkehrsunfällen.

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5. Suizide und Morde sind ein amerikanisches und europäisches Problem.

Weltweit gesehen passieren im Verhältnis zur Bevölkerungsgröße die meisten Morde in der amerikanischen WHO-Region, zu der neben Nord- und Mittel- auch Südamerika gehört. In der europäischen WHO-Region, die auch Russland mit einbezieht, ist dagegen die Suizidrate im weltweiten Vergleich am höchsten.

Auch bei diesen beiden Faktoren existieren Geschlechterunterschiede, wie die Forscher schreiben: Den weltweiten Daten zufolge ist das Risiko, dass ein Mann sich das Leben nimmt, 75 Prozent höher als bei einer Frau. Außerdem sterben Männer viermal häufiger durch einen Mord als Frauen.

Abgesehen davon erleben jedoch auch Frauen weltweit extrem viel Gewalt: 2013 berichteten 35 Prozent der Frauen, im Alter von 15 bis 49 körperliche oder sexuelle Gewalt erfahren zu haben.

6. Zuletzt: Männer kümmern sich später um Krankheiten als Frauen.

Leiden Männer und Frauen unter den gleichen Krankheiten, holen sich Männer in der Regel später Hilfe. Bei Infektionskrankheiten wie HIV und Tuberkulose etwa erhalten Männer oft verzögert eine Diagnose und Behandlung. Dies führe dazu, dass sie mit ihrem geschwächten Körper häufiger Folgekrankheiten entwickelten und häufiger an Aids stürben, schreiben die Forscher.

"Strategien, um den Zugang von Männern zu Gesundheitsangeboten zu verbessern, könnten deshalb nicht nur Geschlechterunterschiede verbessern, sondern auch die grundsätzliche Verbreitung von Krankheiten in der Gesellschaft verringern", heißt es in dem Bericht.

insgesamt 118 Beiträge
JohannesMayborg 04.04.2019
1. Psychische Faktoren
Spannend wäre zu verstehen, inwieweit psychische Faktoren eine Rolle spielen. Frauen haben meist deutlich bessere soziale Strukturen aufgebaut und auch das Verhältnis ist häufig offener und ehrlicher. Männer müsse auch im [...]
Spannend wäre zu verstehen, inwieweit psychische Faktoren eine Rolle spielen. Frauen haben meist deutlich bessere soziale Strukturen aufgebaut und auch das Verhältnis ist häufig offener und ehrlicher. Männer müsse auch im Freundeskreis zeigen was sie können, Schwäche zu zeigen ist meist Tabu.
denny 04.04.2019
2. noch ein Grund mehr
Geschlechterrollen abzuschaffen, wie sie noch verfasst sind. Männern mehr Vorsicht, Sorge, Selbstliebe, Empathie, Sicherheitsbewusstsein und Nachsicht zugestehen. Ich denke dann löst sich auch der Rest des Problems des [...]
Geschlechterrollen abzuschaffen, wie sie noch verfasst sind. Männern mehr Vorsicht, Sorge, Selbstliebe, Empathie, Sicherheitsbewusstsein und Nachsicht zugestehen. Ich denke dann löst sich auch der Rest des Problems des Patriarchats..
upalatus 04.04.2019
3.
Wenn ich mir das Verhalten und allgemeine Lebenseinstellungen von Männern so betrachte, kann man leicht den Eindruck bekommen, dass sich Männer den Folgen ihre Tuns und Lassens nicht bewusst sind oder nicht bewusst sein wollen. [...]
Wenn ich mir das Verhalten und allgemeine Lebenseinstellungen von Männern so betrachte, kann man leicht den Eindruck bekommen, dass sich Männer den Folgen ihre Tuns und Lassens nicht bewusst sind oder nicht bewusst sein wollen. Resultat ist eine gewisse Minderschätzung des eigenen Lebens, geradezu eine gewisse permanente Todesbereitschaft. Rauchen, Alk, viel Fleisch, Staub/Lackdämpfe usw in Beruf/Hobby, übermäßige körperliche Belastungen..... Mann weiß Bescheid, sagt aber dennoch mit einem fatalistischen Lächeln: Ist doch wurscht! (...und bekommt auch noch Zustimmung aus der Männerrunde!). Könnte auch eine Art Aufmerksamkeitsdefizit sein, um sehnsüchtig vermisste mütterliche Zuwendung herauszfordern. Frauen sind da anders. Die denken meist auch etwas weiter und tiefer. Schon weil sie es sind, die das weitergehende Leben unter Schmerzen gebären, schützen sie es eher, auch das eigene. Es drängen sich gar Parallelen zur Tierwelt auf. Nach Hauptpflichterfüllung Samenabgabe gehen männliche Vertreter mancher Spezies einfach hopp, oder verlieren an Bedeutung und geben sich männlichem (meist sinnlosem) Gehabe als zwanghaftem Zeitvertreib hin....
spiegel6 04.04.2019
4. Feministisches Narativ
Selbst eine WHO-Studie, wo es eindeutig um Nachteile von Männern geht, kommt nicht ohne feministisches Narrativ ist. Was hat die Bemerkung zu den angeblichen 36% der Frauen, die "sexuelle oder körperliche GEwalt erfahren [...]
Selbst eine WHO-Studie, wo es eindeutig um Nachteile von Männern geht, kommt nicht ohne feministisches Narrativ ist. Was hat die Bemerkung zu den angeblichen 36% der Frauen, die "sexuelle oder körperliche GEwalt erfahren haben" in einer Studie zum Lebensalter der Bevölkerung zu tun? (Zumal diese "Gewalt auch banale Taten wie schubsen oder "leichte Ohrfeigen" mit einschließt.) Schafft der Spiegel es nicht einmal, über Nachteile von Männern zu schreiben, ohne Frauen wieder zum Opfer zu machen?
widower+2 04.04.2019
5. Supercentenarians
Besonders eklatant wird der Unterschied, wenn man sich die Liste der Menschen mit dem bisher höchsten nachgewiesenen Lebensalter ansieht. Der erste Mann belegt Rang 16 und unter den ersten 30 finden sich gerade mal zwei Männer. [...]
Besonders eklatant wird der Unterschied, wenn man sich die Liste der Menschen mit dem bisher höchsten nachgewiesenen Lebensalter ansieht. Der erste Mann belegt Rang 16 und unter den ersten 30 finden sich gerade mal zwei Männer. Deutlich überrepräsentiert sind Japanerinnen und Japaner. Der älteste lebende Mann der Welt ist aber im Moment zufälligerweise ein Deutscher.
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