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Gesundheit

Diät-Ratgeber "Bauchfrei"

Nicht jeder muss abnehmen

Viele Dicke leiden unter dem Druck, abnehmen zu müssen. Warum die Diät-Versuche oft gar nicht nötig sind und sogar Schaden anrichten können, erklärt ein Arzt in seinem neuen Buch "Bauchfrei". Vor allem Dünne sollten es lesen.

DPA

Obst und Gemüse: Bestandteil einer Diät - die nicht bei jedem zum gewünschten Ziel führt

Von
Mittwoch, 06.06.2012   08:10 Uhr

"Dein Traum kann in Erfüllung gehen", versprechen Illustrierte und Diätratgeber den Lesern jeden Frühling aufs Neue - "auch du kannst schlank werden, wenn du es nur genug willst". Immer neue Tricks und Wundermittel sollen aus jedem runden Körper einen Dünnen machen.

Der Allgemeinarzt Heinrich Everke dagegen verzichtet auf solche Versprechen. In seinem vor kurzem erschienenen Buch "Bauchfrei" konfrontiert er stattdessen die Leser mit der harten Realität: 90 Prozent aller Abnehmversuche scheitern, oft machen Diäten langfristig sogar dicker. Dass jemand übergewichtig ist, kann viele Ursachen haben - und nicht immer lassen diese sich einfach ausschalten.

Übergewicht sei zum Teil erblich bedingt, erklärt Everke: Gene steuern Hormone, die wiederum den Appetit beeinflussen. Viele Dicke spüren deshalb weniger deutlich, wann sie satt sind. Auch die Erziehung kann einen Einfluss auf das Gewicht haben. Wer als Kind zum Beispiel gelernt hat, den Teller leer zu essen, neigt womöglich auch als Erwachsener dazu, auch dann weiter zu essen, wenn er schon satt ist.

Da Übergewicht in den Industrieländern in den vergangenen Jahren so stark zugenommen hat, reichen diese Faktoren als Erklärung jedoch nicht aus - Dicksein könne ansteckend sein, schreibt der Autor und beruft sich dabei auf eine Langzeitstudie der Harvard Medical School. Wer an seinem Arbeitsplatz oder in der Familie ständig von Übergewichtigen umgeben ist, nimmt selbst leicht zu, ergab die Studie. Menschen passen ihr Verhalten in Bezug auf Ernährung und Bewegung offenbar ihrem Umfeld an.

Unterscheidung in vier Körper-Typen

Leider stützt Everke seine Argumentation immer wieder auf sehr alte Untersuchungen, die in den achtziger Jahren oder noch früher Aufsehen erregten. Hier wäre zumindest ein Verweis darauf, ob aktuellere Studien die Ergebnisse bestätigen oder widerlegen, unbedingt notwendig. Überhaupt würden genauere Angaben zu den Studien, auf die Everke sich beruft, das Buch glaubwürdiger machen. Da diese fehlen, ist der Leser dazu gezwungen, dem Arzt blind zu vertrauen.

Trotzdem erscheint Everkes Argumentation plausibel. Sein Fazit lautet: Vor allem die biologischen Faktoren lassen sich kaum beeinflussen. Nicht jeder kann abnehmen.

Der Autor teilt Menschen in vier Typen ein: Natürlich Dünne haben es besonders leicht - sie sind von ihren Erbanlagen her schlank und werden es bei normaler Ernährung auch bleiben. Als nicht-natürlich Dünne bezeichnet er Menschen, die eigentlich zum Dicksein geboren sind, sich aber schlank gehungert haben und mit eiserner Disziplin ihr Gewicht halten. Natürlich Dicke sind eben etwas runder als andere und können nur schwer abnehmen. Und nicht-natürlich Dicke müssten von ihren Erbanlagen her nicht übergewichtig sein, sondern haben sich durch falsche Ernährung und wenig Bewegung gemästet. Der letzte Typ komme immer häufiger vor, schreibt Everke und bezieht sich auf die Adipositas-Epidemie in den reichen Ländern. Die Gemästeten hätten gute Chancen, durch eine Veränderung ihrer Lebensweise abzunehmen.

Eine zynische Botschaft?

Anhand von Checklisten können die Leser herausfinden, ob sie zu den nicht-natürlich Dicken gehören und deshalb dringend abspecken sollten - oder ob sie sich als natürlich Dicke einfach mit ihrem runden Körper anfreunden müssen.

Vor allem an die letzteren richtet sich das Buch - und an Dünne, die so denken, wie Everke selbst es als junger Arzt noch tat. Patienten, die auch nach langer Zeit mit reduziertem Essen nicht abnahmen, "hielt ich für willensschwach oder, schlimmer noch, für Lügner, die heimlich aßen und es nur nicht zugeben wollten". Erst später erkannte er, "dass die Natur beim Menschen mehr als eine Körperform erlaubt". Das soll die natürlich Dicken entspannen, und es ist zugleich eine Botschaft an die Dünnen: Seid nicht so arrogant, ihr habt einfach nur Glück gehabt!

Schade nur, dass der Verlag nicht so mutig war, mehr als eine Körperform zu erlauben. Denn wenn der Leser das Buch zuschlägt, sieht er auf dem Cover nicht nur den Titel "Bauchfrei", obwohl er gerade knapp 200 Seiten darüber gelesen hat, dass ein bisschen Bauch schon in Ordnung sei. Nein, er sieht auch noch den nackten, perfekt schlanken Bauch einer Frau. So wirkt Everkes Botschaft zynisch: Entspannt euch, liebe Leser - so werdet ihr niemals aussehen.

Heinrich Everke "Bauchfrei" Die besten Wege aus der Diät-Falle - warum nicht jeder abnehmen muss.; Nardelli Verlag; 2012; 19,95 Euro

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