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Gesundheit

Gelenkverschleiß

Junge Spitzensportler, frühe Schmerzpatienten

Sport ist gesund - im richtigen Maß. Werden Kinder jedoch zu früh zu Höchstleistungen angetrieben, kann das auf Dauer die Gelenke schädigen. Sportforscher warnen noch vor einem anderen Trend.

Getty Images

Turnerin

Freitag, 13.01.2017   11:33 Uhr

Arthrose und Dauerschmerzen: Bei manchen Menschen macht sich schon mit 40 oder 50 massiver Gelenkverschleiß bemerkbar. Betroffen sind oft Männer und häufiger diejenigen, die schon als Kind extrem viel Sport getrieben haben.

Beim Intensiv-Training vor 30 Jahren sei viel falsch gemacht worden, sagt der Kölner Sportwissenschaftler Ingo Froböse, Präventionsexperte an der Deutschen Sporthochschule (DSHS). "Die entstandenen Überlastungsschäden rächen sich nun in Form chronischer Beschwerden." Typisch für das Training in Vereinen sei damals vielfach gewesen, Grenzen auszureizen. "Ein klassisches Ziel waren möglichst viele Wiederholungen schneller, abgehackter Bewegungen", sagt Froböse. Die Qualität der Bewegungen sei dagegen vernachlässigt worden.

Übungen für Erwachsene

Trainer hätten Kindern zudem Übungen für Erwachsene zugemutet, nur eben vielleicht mit 20 statt 30 Wiederholungen. "Das war ein Fehler", betont Froböse. "Kinder haben beispielsweise bei weitem nicht so eine Stabilität der Gelenke wie Erwachsene." Gerade in frühen Jahren müsse unbedingt darauf geachtet werden, was man dem Organismus schon zumuten könne.

In den vergangenen Jahren habe sich in dem Bereich viel getan - im Schulsport etwa würden inzwischen allgemeine Bewegungskompetenzen und Athletik vermittelt und weniger an einzelne Sportarten gekoppelte Fähigkeiten.

Als problematisch stuft der Sportwissenschaftler ein, dass sich Kinder heute dennoch immer früher auf eine Sportart spezialisieren - und oft der Fokus allein auf Leistung und Erfolg liegt. Einseitigkeit sei schädlich, egal ob es um Schwimmtraining gehe oder Leichtathletik.

Ein Teil des Problems seien ehrgeizige Eltern, die in ihrem Dreijährigen schon den kommenden Fußball-Nationalspieler sähen. "Es steht nicht mehr der Gedanke im Vordergrund: Ich ermögliche meinem Kind, vielfältige Bewegungsmöglichkeiten auszuleben und dann gucken wir mal, was ihm mit zwölf am meisten liegt."

Beschwerden nicht abtun

Für Jugendliche, die noch wachsen, sei wissenschaftlich belegt, dass sogenannte High-Impact-Sportarten zu Veränderungen führten, sagt Pia Janßen, Leitende Oberärztin für Sportorthopädie am Universitätsklinikum Tübingen. Darunter fielen Sprungsportarten, Handball, Fußball und andere Ballsportarten. "Da sehen wir im Bereich der Wachstumsfugen und der Knochen zum Teil negative Veränderungen, die später in degenerative Erkrankungen wie Arthrose münden können." Gute Langzeitstudien bis zum Alter von 50 oder 60 Jahren fehlten allerdings.

"Aber wir wissen von Leistungssportlern, dass sie frühzeitig Arthrose bekommen - und kein Mensch wird Leistungssportler, wenn er erst mit 20 zu trainieren anfängt." Ein Zusammenhang von frühem, hochintensivem Training und Spätschäden sei durchaus abzuleiten, sagt Janßen.

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"Mit zehn Jahren fünf Mal die Woche intensiv rhythmische Sportgymnastik oder Eiskunstlauf zu trainieren, kann zum Beispiel im Bereich der Wirbelsäule zu später dauerhaften Problemen führen." Eltern sollten daher zuhören und darauf eingehen, wenn Kinder nach intensivem Training Beschwerden hätten.

Das große Problem: zu wenig Bewegung

Sportwissenschaftler betrachten jedoch einen anderen Trend mit mindestens ebenso großer Sorge: Viele Kinder bewegen sich zu wenig. "Früher seien mehrere Kilometer lange Fußwege zu Schule oder Arbeit selbstverständlich gewesen. "Heute wird ein Kind 800 Meter weit zur Schule gefahren, damit es nicht verunglückt", sagt Martin Halle, Ärztlicher Direktor des Zentrums für Prävention und Sportmedizin der TU München.

Auch Fahrradfahren dürften viele Kinder kaum mehr. Für das Verletzungsrisiko bedeute das nichts Gutes, betont Halle. "Wer seine Koordination nicht trainiert, hat ein viel größeres Risiko, zu stürzen."

Wie gut die Koordination ist, lässt sich zum Beispiel mit einer einfachen Übung klären: dem Einbeinstand. "Wenn der nicht gut klappt, verdeutlicht das, dass die unbewusste Ansteuerung der Muskeln über das Rückenmark nicht gut funktioniert." Deshalb sei die Statistik der Einschulungsuntersuchungen bedenklich: "Den Einbeinstand beherrschen heute weit weniger Kinder als vor 30 Jahren."

Toben lassen

Nachholen lasse sich einmal Versäumtes kaum. "Koordination ist nicht das ganze Leben gleichermaßen gut trainierbar", sagt Halle. "Diese nervlichen Verschaltungen werden vor allem in den ersten fünf, sechs Jahren angelegt." Spezialisierte Sportarten wie Tennis oder Fußball seien dabei weniger eine Hilfe als wildes Herumgeturne und Getobe. "Springseil, Gummitwist, Balancieren, Hüpfekästchen - solche Sachen bieten die richtigen Bewegungsmuster dafür."

Der Mangel an Koordination sei es, der dem typischen 39-jährigen Freizeitsportler zum Verhängnis werde, wenn er mit seinen Kumpels kicken gehe und es ihnen so richtig zeigen wolle. "Er überlastet sich total, pfeift aus dem letzten Loch, die Koordination ist dahin - und bei der kleinsten Drehung ist das Knie verletzt", sagt Halle. Für die Zukunft sei zu befürchten, dass die Kinder von heute mit 39 Jahren aus weit nichtigerem Anlass solche Verletzungen bekommen.

"Die Ursachen für Gelenkschäden verschieben sich inzwischen von der Überlastung zur Unterforderung", sagt auch Froböse. Die Inaktivität werde zunehmend für Probleme sorgen - vor allem verbunden mit Übergewicht.

wbr/dpa

insgesamt 19 Beiträge
faehri_60 13.01.2017
1.
Wenn Kinder vom (Leistungs)Sport bleibende Schäden davontragen, ist bei der sportmedizinischen Betreuung etwas gehörig schief gelaufen. Meine Kinder haben auch seit frühester Kindheit Sport betrieben. Unser erster Weg führte [...]
Wenn Kinder vom (Leistungs)Sport bleibende Schäden davontragen, ist bei der sportmedizinischen Betreuung etwas gehörig schief gelaufen. Meine Kinder haben auch seit frühester Kindheit Sport betrieben. Unser erster Weg führte zu einem Sportmediziner. Der untersuchte gründlich und gab uns Empfehlungen zu geeigneten bis ungeeigneten Sportarten und einer weiteren Betreuung. Später, zu Wettkämpfen, war es sogar so, dass regelmäßige Sportärztliche Untersuchungen nachgewiesen werden mussten. Ich weiß nicht ob es ursächlich ist: Meine Kinder haben weder ernste Verletzungen noch Schädigungen von dauerhafter Natur davon getragen .. so weit man des heute mit Sicherheit sagen kann. Zu allem gehört aber auch ein vertrauenswürdiger Sportverein der seine Aufgaben ernst nimmt. Regelmäßige Schulungen und Nachschulungen geeigneter Trainer halte ich für Voraussetzung. Nicht unbedingt beim "Kinderbodenturnen" aber ab einer bestimmten Leistungsstufe, einem bestimmten Alter. Und, nur beitragsmäßig zum Schluss .. die Verantwortung der Eltern .. so sie Kinder nicht der eigenen Freizeit zum Behelf zum Sport abschieben.
hirschkuh48 13.01.2017
2. Leistungsturnen mit Wettkampfteilnahme
war mein Hobby bis wir umzogen. Da hatte ich schon 7 Jahre mitgemacht. 4x die Woche stundenlanges Training bis zur völligen Erschöpfung. Mein Glück, dass meine Mutter nach dem Umzug nicht mehr Fahren wollte - nicht auszudenken [...]
war mein Hobby bis wir umzogen. Da hatte ich schon 7 Jahre mitgemacht. 4x die Woche stundenlanges Training bis zur völligen Erschöpfung. Mein Glück, dass meine Mutter nach dem Umzug nicht mehr Fahren wollte - nicht auszudenken was mit noch ein paar Jahren Turnen aus meinen Körper geworden wäre. Spätfolgen: ausnahmslos alle Gelenke knacken, Arthrose in Ellbogen, Knien, 'ausgeleierte' Bänder mit Folge einer ungesunden Überbeweglichkeit. Schön zu lesen, dass es heute dafür ein Bewusstsein gibt. Als Erwachsene habe ich Dank (falschem) Sport nur noch eingeschränkte Möglichkeiten zur Bewegung, was meine Lebensqualität deutlich einschränkt. Mein Fazit: treibt Leistungssport oder bleibt Gesund
ice945 13.01.2017
3. Leistungsturnen
Auch ich habe sechs Jahre lang Leistungsturnen gemacht. Dazu kam noch Ballett, damit wir auch schön graziös rüberkamen. Anfang der 6. Klasse legte man mir nahe, das Leistungsturnen aufzugeben, da ich weibliche Rundungen bekam [...]
Auch ich habe sechs Jahre lang Leistungsturnen gemacht. Dazu kam noch Ballett, damit wir auch schön graziös rüberkamen. Anfang der 6. Klasse legte man mir nahe, das Leistungsturnen aufzugeben, da ich weibliche Rundungen bekam statt eines Turnerkreuzes. Ballett habe ich noch bis zum Ende der 10. Klasse weiter getanzt. Fazit: Meine Knöchel können Dinge, die sie vermutlich nicht können sollten... Dazu kommt der für Balletttänzer typsiche Watschelgang, der auch nicht mehr zu korrigieren war. Damals kam niemand auf die Idee, einen Sportmediziener mit einzubeziehen. Auch Wettkämpfe wurden nicht durch irgendwen beobachtet. Leider bieten die meisten Sportvereine für Kinder auch heute nur selten Angebote an, die nicht auf eine Sportart begrenzt sind. Während beim "Kinderturnen" ja noch nicht richtig geturnt wird, sondern es ja wirklich um Fähigkeiten wie Balance etc. geht, gibt es ab 6 Jahren solche breiten Angebote eigentlich gar nicht. Da "muss" man sich dann für etwas entscheiden. Natürlich könnet man seine Kinder zu zwei, drei verschiedenen Sportarten anmelden, aber das klappt ja in der Realität auch nicht. Pro Sportart zwei Mal die Woche zum Training; und dann überlappen die Zeiten wohlmöglich noch. Schade eigentlich, denn ein Angebot, was generell verschiedene Arten der Bewegung anbietet und die Koordination auf unterschiedliche Art und Weise fördert fände ich für Kinder im Grundschulalter eigentlich ideal. So muss man seinen Kindern halt auch außerhalb eines Vereins Bewegungsmöglichkeiten bieten. Das schöne an Deutschland ist doch, dass man eigentlich nie weit weg muss, um z.B. einen Wald zu finden oder gut ausgebaute Radwege durch die Natur. Auch uns Eltern tut es schließlich gut, uns mal draußen zu bewegen und nicht am Schreibtisch oder vor der Glotze zu vergammeln.
kölschkultur 13.01.2017
4. Ärzte besser schulen
Unter Hausärzten und Kinderärzten sind Krankheitsbilder wie die sog. Spondylolyse der Wirbelbögen oder auch die Osteitis pubis des vorderen Beckenrings weitgehend unbekannt. Beide Erkrankungen sind akute bis chronische [...]
Unter Hausärzten und Kinderärzten sind Krankheitsbilder wie die sog. Spondylolyse der Wirbelbögen oder auch die Osteitis pubis des vorderen Beckenrings weitgehend unbekannt. Beide Erkrankungen sind akute bis chronische Erkrankung, die gehäuft bei jungen Leistungssportlern auftreten. Wenige Jugendliche mit Beschwerden im unteren Rücken oder den Leisten haben das Glück an einen geschulten Arzt zu kommen. Diese Erkrankungen gibt es natürlich schon immer, aber erst in der letzten Zeit wurde der direkte Zusammenhang mit dem Sport richtig klar. Wenn Sie rechtzeitig erkannt werden, dann können sie folgenlos abheilen. Wenn nicht, dann kann es an der Wirbelsäule zu Brüchen der Wirbelbögen mit anschlißendem Gleitwirbel (Spondylolisthesis vera) und am Becken zu chronischer Entzündung der Symphyse mit früher Arthrose kommen. Das bedeutet dann das Ende des Sports.
noalk 13.01.2017
5. Sportpolitik
Fragt sich, inwieweit Sportpolitiker über diese Zusammenhänge informiert sind. Kann man die Zahl der Weltmeistertitel und olympischen Medaillen dann überhupt als Maß der Dinge (im Sportbereich) hernehmen?
Fragt sich, inwieweit Sportpolitiker über diese Zusammenhänge informiert sind. Kann man die Zahl der Weltmeistertitel und olympischen Medaillen dann überhupt als Maß der Dinge (im Sportbereich) hernehmen?

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