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"Kletterer sind keine seltsamen Hippies"

Mayan Smith-Gobat und Ben Rueck gehören zu den besten Kletterern der Welt. Im Interview erklären sie, warum Klettern eine Parabel des Lebens ist, welche Rolle der Kopf dabei spielt - und was das Schönste an dem Sport ist.

adidas Outdoor/ Andrew Burr
Freitag, 10.10.2014   14:45 Uhr

ZUR PERSON

SPIEGEL ONLINE: Was ist der größte Irrglaube übers Klettern?

Smith-Gobat: Drei Dinge: Erstens, dass Klettern super gefährlich ist. Solange man Acht gibt, was man tut, ist es aber sehr sicher. Zweitens: Dass wir Berge besteigen. Wenn ich anderen erzähle, dass ich professionelle Kletterin bin, fragen viele: Warst du schon mal auf dem Mount Everest? Das ist eine der häufigsten Fragen, die ich gestellt bekomme.

SPIEGEL ONLINE: Und was antworten Sie?

Smith-Gobat: Ich versuche zu erklären, dass ich keine hohen Gipfel erklimme, sondern eher auf kleinere Felsen klettere oder schwierige Routen durch vertikale Felswände suche.

Rueck: Viele denken, dass wir Kletterer seltsame Hippies sind, die in Campingbussen wohnen. Dabei sind viele Kletterer gebildet, haben Jobs und Familie. Aber der größte Irrglaube ist, dass Klettern kein Sport sei.

SPIEGEL ONLINE: Viele sehen es mehr als coolen Lifestyle?

Rueck: Klar, ist es auch. Aber man kann alles zum Lifestyle machen. Klettern ist eine ernstzunehmende Sportart, weil es Hingabe, Entschlossenheit, Ehrgeiz und körperliche Fitness verlangt. Es ist auf dem gleichen Level wie Turnen oder Fußball.

SPIEGEL ONLINE: Was ist so faszinierend daran, eine Felswand hochzuklettern?

Rueck: Neugier. Du fragst dich immer: Kann ich diese Route trotz widriger Umstände bewältigen? Ich möchte meine Grenzen immer weiter hinausschieben.

Smith-Gobat: Ich liebe die Natur, ich liebe es, draußen zu sein. Ich lerne interessante Menschen kennen und sehe wirklich aufregende und verrückte Orte. Aber das wirklich Tolle ist: Klettern zwingt dich dazu, dich mit dir selbst auseinanderzusetzen. Es ist ein sehr individueller Sport: Du gegen dieses unbewegliche Stück Fels. Jede Emotion, die du der Wand entgegenschmetterst, prallt zu dir zurück.

SPIEGEL ONLINE: Klettern als eine Art Lebensschule?

Smith-Gobat: Genau. Wenn du frustrierst bist, kannst du deine Schuhe gegen die Felswand schmeißen, aber sie wird nicht reagieren. Es ändert sich erst was, wenn du dein Verhalten änderst.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle spielt der Kopf?

Smith-Gobat: Das Mentale wird von den meisten unterschätzt. Beim Klettern dreht sich ein Großteil um die Fähigkeit, sich auf Situationen einzulassen, die du selbst als gefährlich einstufst. Mentale Kontrolle - du musst klar im Kopf bleiben.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie über sich beim Klettern gelernt?

Smith-Gobat: Es hat mich zu dem gemacht, was ich heute bin. Ich war ein sehr schüchternes Mädchen in der Schule und hatte kein Selbstbewusstsein. Durchs Klettern habe ich herausgefunden, wer ich bin.

Rueck: Wenn ich eine Sache herausnehmen müsste, die ich gelernt habe, würde ich sagen: Geduld. Es gibt nicht viele, die hundertmal von irgendetwas herunterfallen und es trotzdem zum 101. Mal versuchen. Geduld - mit dir, dem Felsen, dem Wetter, mit allem, was dir begegnet.

SPIEGEL ONLINE: Trainieren Sie auch abseits der Felswand?

Smith-Gobat: Wir machen viel Krafttraining und verwenden Turnringe und spezielle Griffbretter, mit denen wir unsere Fingerkraft trainieren. Es ist aber wichtig, alle Muskeln ausbalancierend zu stärken.

Rueck: Wir arbeiten mit Personal Trainern zusammen und trainieren den gesamten Oberkörper: Rumpf, Schultern, Arme. Nur Klimmzüge oder Liegestütze allein reichen nicht aus. Es geht um Koordination und darum, einen Körper aufzubauen, der am Felsen funktioniert.

SPIEGEL ONLINE: Sie reisen, trainieren und klettern viel zusammen. Was macht einen guten Seilpartner aus?

Rueck: Es ist wie in einer Beziehung. Wichtig sind Kommunikation und die Fähigkeit, gut mit jemandem zusammenzuarbeiten.

Smith-Gobat: Manchmal hat man ein Motivationstief, da braucht man jemanden, der einen antreibt.

SPIEGEL ONLINE: Wie wussten Sie, dass Sie zueinander passen?

Rueck: Mayan hat mich in eine für mich sehr Furcht erregende Klettersituation gebracht (lacht). Ich habe durch sie eine andere Art des Kletterns kennengelernt. Sie hat mich aus meiner Komfortzone geholt - und ich habe ihr sofort vertraut. Ich wusste, dass sie mir hilft, Situationen durchzustehen, und ich hatte das Gefühl, dass auch ich sie unterstützen kann, Dinge anders anzugehen.

SPIEGEL ONLINE: Frau Smith-Gobat, haben Sie Ben am Fels getestet?

Smith-Gobat: Ich denke, von beiden Seiten war es ein Test. Darum geht es beim Klettern. Du brauchst jemanden, dem du total vertraust, sonst gibst du nicht dein Bestes. Unser Kletterstil ist sehr unterschiedlich. Ich klettere eher technisch und ausdauernd und Bens Stärken sind …

Rueck: … Power, Big-Muscle-Moves, ich mache alles mit viel Kraft (lacht).

Smith-Gobat: Wenn Ben die Route festlegt, ist es auf jeden Fall eine, die ich hasse.

Rueck: Umgekehrt genauso.

SPIEGEL ONLINE: Klingt nach einer funktionierenden Beziehung.

Smith-Gobat: Unsere Kletterfähigkeiten sind zwar unterschiedlich, aber unser Ansatz ist ähnlich, deswegen verstehen wir uns so gut.

SPIEGEL ONLINE: Was ist das Schönste am Klettern?

Smith-Gobat: Der Flow-Moment. Wenn du kletterst und aufhörst, über jeden einzelnen Schritt nachzudenken. Wenn du total im Moment bist und nicht an andere Dinge denkst. Du kletterst einfach nur, das ist fantastisch.

Rueck: Das sind auf jeden Fall die besten Momente.

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Das Interview führte Frank Joung

insgesamt 5 Beiträge
aspro86 11.10.2014
1. Schon witzig...
...wie in dem Interview betont wird, dass Klettern eine richtige Sportart ist (auch wenn ich noch niemanden getroffen habe, der das bezweifelt), und das ganze dann in der Kategorie "Gesundheit" veröffentlicht wird... [...]
...wie in dem Interview betont wird, dass Klettern eine richtige Sportart ist (auch wenn ich noch niemanden getroffen habe, der das bezweifelt), und das ganze dann in der Kategorie "Gesundheit" veröffentlicht wird... Aber ich finds schon erfreulich, dass man auf SPON immer wieder Artikel zu diesem Sport findet, den ich seit rund 2 Jahren auch regelmäßig mit viel Spaß betreibe.
von_scheifer 11.10.2014
2. Nee, sind die nicht
"Kletterer sind keine seltsamen Hippies" Die sind noch seltsamer und todessehnsüchtiger. Wer will denn schon seinem Gott in eisigen Höhen näher sein? Dafür muss man doch gleich mehrere Wahne haben und keine [...]
"Kletterer sind keine seltsamen Hippies" Die sind noch seltsamer und todessehnsüchtiger. Wer will denn schon seinem Gott in eisigen Höhen näher sein? Dafür muss man doch gleich mehrere Wahne haben und keine Vernunft. Make Love, not climbim.
tlatz 11.10.2014
3. Sport
Also wenn man ganz kleinlich sein will, dann ist es tatsächlich kein Sport. Aber ehe jemand sich auf die Füße getreten fühlt: Joggen im Wald ist auch kein Sport, wettkampfmäßiges Schachspielen oder Carrera-Rennbahnfahren [...]
Zitat von aspro86...wie in dem Interview betont wird, dass Klettern eine richtige Sportart ist (auch wenn ich noch niemanden getroffen habe, der das bezweifelt), und das ganze dann in der Kategorie "Gesundheit" veröffentlicht wird... Aber ich finds schon erfreulich, dass man auf SPON immer wieder Artikel zu diesem Sport findet, den ich seit rund 2 Jahren auch regelmäßig mit viel Spaß betreibe.
Also wenn man ganz kleinlich sein will, dann ist es tatsächlich kein Sport. Aber ehe jemand sich auf die Füße getreten fühlt: Joggen im Wald ist auch kein Sport, wettkampfmäßiges Schachspielen oder Carrera-Rennbahnfahren hingegen schon. Die klassische Bedeutung von Sport ist Wettkampf. Turnvater Jahn und die Seinen ergingen sich in Körperertüchtigung, den Begriff Sport lehnten sie hierfür ab, denn es ging nicht darum, sich zu messen. Sport hingegen erfordert, dass mindestens zwei Leute zusammenkommen, um sich zu vergleichen, das kann in Form eines Spieles sein, dass kann aber auch in körperertüchtigender Form sein, z.B. wer am schnellsten oder weitesten läuft oder am höchsten springt. Der Jogger, der alleine im Wald rennt ohne sich mit anderen (oder per Uhr auch nur mit sich selbst zu messen), der betreibt keinen Sport sondern Körperertüchtigung, ebenso wie der, der eine Wand hochklettert ohne sich mit anderen zu vergleichen. Darum ist die gute, alte Bezeichnung des Schachsportes ja auch vollkommen korrekt. Davon mal abgesehen muss ich wohl einräumen, dass das ein geringfügig veralteter Gebrauch des Wortes ist. Machen Sie ruhig weiter ihren Klettersport.
gronzo.granato 14.10.2014
4.
Kletterer sind sich untereinander halbwegs einig, dass der Gegner immer die Wand - also die zu bezwingende Route - ist. Das spiegelt sich dann auch bei tatsächlichen Wettkämpfen wieder, wenn z.B. in Kanada das mehrheitlich [...]
Zitat von tlatzAlso wenn man ganz kleinlich sein will, dann ist es tatsächlich kein Sport. Aber ehe jemand sich auf die Füße getreten fühlt: Joggen im Wald ist auch kein Sport, wettkampfmäßiges Schachspielen oder Carrera-Rennbahnfahren hingegen schon. Die klassische Bedeutung von Sport ist Wettkampf. Turnvater Jahn und die Seinen ergingen sich in Körperertüchtigung, den Begriff Sport lehnten sie hierfür ab, denn es ging nicht darum, sich zu messen. Sport hingegen erfordert, dass mindestens zwei Leute zusammenkommen, um sich zu vergleichen, das kann in Form eines Spieles sein, dass kann aber auch in körperertüchtigender Form sein, z.B. wer am schnellsten oder weitesten läuft oder am höchsten springt. Der Jogger, der alleine im Wald rennt ohne sich mit anderen (oder per Uhr auch nur mit sich selbst zu messen), der betreibt keinen Sport sondern Körperertüchtigung, ebenso wie der, der eine Wand hochklettert ohne sich mit anderen zu vergleichen. Darum ist die gute, alte Bezeichnung des Schachsportes ja auch vollkommen korrekt. Davon mal abgesehen muss ich wohl einräumen, dass das ein geringfügig veralteter Gebrauch des Wortes ist. Machen Sie ruhig weiter ihren Klettersport.
Kletterer sind sich untereinander halbwegs einig, dass der Gegner immer die Wand - also die zu bezwingende Route - ist. Das spiegelt sich dann auch bei tatsächlichen Wettkämpfen wieder, wenn z.B. in Kanada das mehrheitlich kanadische Publikum den japanischen oder österreichischen Athleten anfeuert. Neben dem vergleichen sich Kletterer durchaus über die bezwungenen Routen. Die bleiben ja üblicherweise in dem exakt gleichen Zustand (wenn nicht gerade entscheidende Griffe ausbrechen), so dass ein direkter Vergleich immer noch möglich ist, selbst wenn die Begehungen der beiden sich vergleichenden Kletterer Jahre auseinander liegen.
Monoton&Minimal 21.05.2015
5. Kein Sport?
@tlatz: Wenn man keine Ahnung hat... Natürlich gibt es auch Kletter-Wettkämpfe, in der Form wer am höchsten in einer Sportkletter-Route kommt oder diese am schnellsten bezwingen kann (Speed-Klettern). Klettern war 1992 auch [...]
@tlatz: Wenn man keine Ahnung hat... Natürlich gibt es auch Kletter-Wettkämpfe, in der Form wer am höchsten in einer Sportkletter-Route kommt oder diese am schnellsten bezwingen kann (Speed-Klettern). Klettern war 1992 auch schon Demonstrationswettkampf bei Olympischen Spielen (Carrerabahnfahren soweit ich weiss noch nicht...).

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