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Gesundheit

Mobile Elektrostimulation

"Da vibriert ein Handy unter meiner Haut"

Fitness bei knapp 30 Minuten Aufwand pro Woche - das verspricht das EMS-Training. Die Studios boomen, inzwischen gibt es auch mobile Geräte für Zuhause. Ellen-Jane Austin hat eines getestet.

DPA

Verkabelung fürs EMS-Training

Freitag, 11.11.2016   17:06 Uhr

Mit nassen Elektroden am Körper stehe ich in meinem Zimmer und bin kurz davor, den Knopf zu drücken, der Strom durch meinen Körper jagt. Theoretisch weiß ich, dass mir dabei nichts Schlimmes passiert. Ich habe es ja schonmal gemacht. Aber unter Anleitung einer Expertin, in einem der vielem EMS-Studios (EMS steht für Elektromyostimulation), die in den letzten Jahren in Deutschland eröffnet haben.

EMS-Ganzkörpertraining verspricht nichts geringeres, als ratzfatz abzunehmen und Muskeln aufzubauen. 15 Minuten Training sollen etwa 20 Stunden Muskeltraining im herkömmlichen Fitnessstudio entsprechen. Dank des mobilen Geräts muss man nicht mal ins Studio gehen, sondern kann zu Hause oder auf Reisen trainieren.

Klingt wie etwas, das man nachts um 3 Uhr im Shopping-TV bestellen würde? Zu gut, um wahr zu sein? Ja, vielleicht. Sogar ganz sicher, wenn man weiß, dass man sich dafür unter Strom setzt.

Die Technologie wird seit gut 50 Jahren in der Reha verwendet

Das große Aber: Es scheint zu funktionieren. Zumindest, wenn man kleinen Studien der Sporthochschule Köln (DSHS) und der Uni Nürnberg Glauben schenkt. Diese besagen unter anderem, dass Elektrostimulationstraining bei trainierten und untrainierten Personen Muskeln und Kraft rasch wachsen lässt.

Tatsächlich ist EMS unter Physiotherapeuten altbekannt. Seit gut 50 Jahren werden die elektrischen Impulse eingesetzt, um nach Verletzungen einzelne Muskeln gezielt aufzubauen. Schon in den Siebzigerjahren nutzten Sportstars wie Muhammad Ali und Franz Beckenbauer die Technologie.

So funktioniert es: Stromstöße stimulieren die Skelettmuskeln, sodass sich diese zusammenziehen. Beim Ganzkörper-EMS-Training werden fast alle Muskelgruppen gleichzeitig stimuliert - Ausnahme: die Muskeln der inneren Organe und die Gesichtsmuskeln. So entsteht ein Training fast ohne Bewegung, der Strom macht die Hauptarbeit. Ein Vorteil: Die Gelenke werden nicht belastet.

Fast nur von Elektroden bedeckt

Beim Probetraining im Studio trage ich eine kurze schwarze Hose und ein schwarzes Oberteil. Zu Hause, geschützt vor fremden Augen, soll ich die Elektroden komplett unbekleidet anlegen - dann kann der Strom besser fließen. Das ergibt Sinn, zumal die Gurte und Elektroden tatsächlich sehr viel bedecken. Den Slip lasse ich trotzdem an.

Die in Schwarz und Blau gehaltene Trainingsmontur besteht aus einem BH mit Elektroden für die Brust- und Rückenmuskulatur, einem Gurt für die Hintern- und Bauchpartien und jeweils einem Gurt für Arme und Beine.

Die Elektroden sind nass - auch das hilft dem Strom beim Fließen. An jeder Elektrode hängen rote und schwarze Kabel, die wiederum mit dem mobilen Trainingsgerät verbunden sind, das auf meiner Kommode steht.

Training im Vier-Sekunden-Takt

Obwohl ich durch das Probetraining weiß, was gleich passiert: Ich bin nervös. Nach kurzem Zögern gehe ich in die Trainingsposition, die mir bei der Einführung gezeigt wurde (leicht in der Hocke und die Arme im 90-Grad-Winkel angehoben mit geschlossenen Fäusten - recht simpel, ich glaube, da kann ich nichts falsch machen). Dann: Power an!

Schon fährt der Strom durch meinen Körper. Und ich denke: Da vibriert ein Handy unter meiner Haut. Es ist wie das radikale Durchschütteln, das die Pre-Farbdisplay-Nokias der frühen 2000er Jahre auslösten. Die Geräte, bei denen der Klingelton leiser war als der Klang der Vibration auf einem Tisch.

Nach vier Sekunden ist der Spuk vorbei. Es folgen vier Sekunden Pause und dann geht der Spaß von vorne los . So läuft das jetzt eine Viertelstunde.

Nach dem kurzen Training bin ich schweißgebadet, obwohl ich mich kaum bewegt habe. Hätte mich jemand beobachtet, wäre er sicher nicht auf die Idee gekommen, dass ich Sport treibe. Alle paar Sekunden eine Pose einnehmen, das kann doch nicht anstrengend sein, denkt man. Ich weiß jetzt: oh doch, das kann es. Und Muskelkater gibt es am Folgetag auch.

Mein Bauch wird flacher

Die nächsten Wochen lege ich mir eine Strategie zurecht, um das Training durchzuziehen. Die Gilmore Girls und diverse Streaming-Dienste sind mir hierbei eine große Hilfe. Ich brauche Ablenkung, denn ein wenig grusele ich mich vor der Fremdeinwirkung.

Wenn ich sonst Sport treibe, bin ich es, der seinen Körper durch Bewegung belastet. Beim EMS-Training drehe ich an einem Knopf und die Maschine erledigt das für mich. Aus Sorge vor Überbeanspruchung meiner Muskulatur bin ich sehr zögerlich in der Steigerung der Trainingsintensität, die sich auf dem Gerät einstellen lässt.

Doch tatsächlich: Bei nur zwei Trainingseinheiten pro Woche verliere ich innerhalb von rund zwei Monaten ziemlich schnell ein paar Kilo. Der für mich phänomenalste Effekt: Mein Bauch wird flacher. Was ich mit keinem anderen Work-out zuvor hinbekommen hatte, klappt plötzlich.

Mein Lieblingssport wird EMS-Training dennoch nicht. Ich bin einfach Läuferin. Ausdauertraining macht mir mehr Spaß als Krafttraining. Ich weiß, ich sollte mehr für meinen Muskelaufbau tun. Aber kein Trainingserfolg, egal wie schnell erzielt, wird mir jemals die Glücksgefühle bescheren, die ich bekomme, wenn meine Füße über den Waldweg wirbeln und ich nach dem Lauf mit hochroter Birne und stolz pochendem Herz zu Hause ankomme.

Mit den Risiken beschäftigen

Würde ich EMS-Training weiterempfehlen? Ja, wenn die Rahmenbedingungen passen und man sich mit den Risiken beschäftigt hat. Es sind Fälle bekannt, bei denen die Methode zu starken Kreislaufproblemen geführt hat. Ich denke, EMS-Training ist geeignet für zielorientierte Menschen, die schnell Fett abnehmen oder Muskelmasse aufbauen wollen. Nicht empfohlen wird EMS Training für Schwangere, Menschen mit Herzschrittmachern oder Epilepsie.

Ich fand es sehr angenehm, das Work-out ohne Zuschauer machen zu können, und flexibel in meinen Alltag zu integrieren. Ich habe das Gerät sogar zweimal auf Reisen benutzt - problemlos. Wichtig, wenn man nicht betreut in einem Studio trainiert, ist eine ausführliche Einweisung in die Trainingsmethode und das Gerät.

Flexibilität hat ihren Preis

Eine Mitgliedschaft in einem EMS-Studio gibt es meist ab 80 Euro monatlich mit einem fest zu vereinbarenden Trainingstermin pro Woche. Bei einem 24-Monats-Vertrag kommen so 1.920 Euro zusammen - An- und Abreisekosten nicht mit eingerechnet. Das getestete Heimgerät inklusive der Elektroden kostet 4.168 €.

Somit würde das Gerät nach circa 4,3 Jahren beginnen, sich zu rechnen. Allerdings kann man bis zu zwei Trainingseinheiten wöchentlich absolvieren - dann trainiert man nach rund 2,9 Jahren quasi kostenfrei.

insgesamt 24 Beiträge
deoude 11.11.2016
1. Schnäppchen!?
Na, das ist ja echt klasse. Für das Geld kann ich gerade mal achtzehneinhalb Jahre in meinem Fitnessstudio trainieren. Ist allerdings leider anstrengend... Also das Gerät ist DER Knaller für gut betuchte Faule...
Na, das ist ja echt klasse. Für das Geld kann ich gerade mal achtzehneinhalb Jahre in meinem Fitnessstudio trainieren. Ist allerdings leider anstrengend... Also das Gerät ist DER Knaller für gut betuchte Faule...
ThBl 11.11.2016
2.
Aha "15 Minuten sollen etwa 20 Stunden Muskeltraining im herkömmlichen Fitnessstudio ersetzen". Grob geschätzt trainiert ein Bodybuilder soviele Stunden im Monat. Also wäre das Jahrespensum in 3 Stunden erledigt... [...]
Aha "15 Minuten sollen etwa 20 Stunden Muskeltraining im herkömmlichen Fitnessstudio ersetzen". Grob geschätzt trainiert ein Bodybuilder soviele Stunden im Monat. Also wäre das Jahrespensum in 3 Stunden erledigt... Selten so einen Schwachsinn gelesen. Zum Abnehmen: 1Kg Körperfett entspricht ca. 7000kcal, einer Energiemenge die dementsprechend 7000 Liter Wasser um 1 Grad Celsius erwärmen würde. Wäre das Training auch nur ansatzweise so effektiv wie beschrieben, dürfte es nicht länger als wenige Sekunden pro Einheit durchgeführt werden, wenn der Anwender nicht an Überhitzung sterben möchte. .
qoderrat 11.11.2016
3.
Kommt immer auf die Perspektive an. Ich kenne z.B. mehrere Leute die rauchen die genannten 80€/Monat locker weg, da wäre das Gerät sicher im Vergleich eine sinnvolle Anschaffung. Und für Leute mit Gelenk- oder [...]
Zitat von deoudeNa, das ist ja echt klasse. Für das Geld kann ich gerade mal achtzehneinhalb Jahre in meinem Fitnessstudio trainieren. Ist allerdings leider anstrengend... Also das Gerät ist DER Knaller für gut betuchte Faule...
Kommt immer auf die Perspektive an. Ich kenne z.B. mehrere Leute die rauchen die genannten 80€/Monat locker weg, da wäre das Gerät sicher im Vergleich eine sinnvolle Anschaffung. Und für Leute mit Gelenk- oder Rückenproblemen vielleicht auch kein Fehler, wenn es hilft. Ich persönlich war jetzt nicht so überzeugt, ich hab das ein paarmal nach einer langwierigen Knieverletzung in der Reha bekommen und keinen spürbare Verbesserung erkennen können. Würde also jedem empfehlen das vorher im Studio eine Weile zu testen und das teure Gerät erst dann kaufen wenn es sicher ist dass es auch wirkt.
der_unbekannte 12.11.2016
4. Als Fitnessersatz Schwachsinn
sind wir schon so weit dass noch nicht mal mehr genügend Zeit im Alltag vorhanden ist richtiges Fitnesstraining zu betreiben? Ich kann nicht glauben womit alles Geld gemacht wird, ich gehe da lieber bei schönem Wetter joggen [...]
sind wir schon so weit dass noch nicht mal mehr genügend Zeit im Alltag vorhanden ist richtiges Fitnesstraining zu betreiben? Ich kann nicht glauben womit alles Geld gemacht wird, ich gehe da lieber bei schönem Wetter joggen oder trainiere zu Hause mit dem eigenen Körpergewicht, mache Yoga und Pilates. Alles umsonst, ganz ohne Technik. EMS-Training mag vielleicht bei sehr speziellen Personengruppen Sinn machen, die sich aufgrund einer Verletzung oder anderer Krankheiten nicht richtig bewegen können, aber für die Masse einfach nur Schwachsinn.
morrison76 12.11.2016
5.
"Alle paar Sekunden eine Pose einnehmen, das kann doch nicht anstrengend sein, denkt man." Ob da der Trainigseffekt wohl nicht eher aus dem Einnehmen der Position heraus erfolgt, als aus der Elektrostimulation selbst?
"Alle paar Sekunden eine Pose einnehmen, das kann doch nicht anstrengend sein, denkt man." Ob da der Trainigseffekt wohl nicht eher aus dem Einnehmen der Position heraus erfolgt, als aus der Elektrostimulation selbst?

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