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Gesundheit

Langzeitstudie

80 Prozent der Kinder bewegen sich zu wenig

Immer mehr Kinder sind in Sportvereinen aktiv und trotzdem bewegen sich die meisten von ihnen viel zu wenig. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie - und stellt auch einen deutlichen Geschlechterunterschied fest.

Getty Images

Spielende Kinder

Donnerstag, 21.03.2019   12:32 Uhr

Bewegungsmangel ist laut der Weltgesundheitsorganisation die Epidemie des 21. Jahrhunderts, zumindest in entwickelten Ländern. In Deutschland bewegen sich 80 Prozent der Kinder zu wenig, zeigt eine aktuelle Langzeitanalyse. Demnach verbringen die 6- bis 17-Jährigen pro Tag im Schnitt nur knapp 50 Minuten mit moderater bis anstrengender Bewegung. Gesund wären laut WHO mindestens 60 Minuten.

Das sogenannte "Motorik-Modul" (MoMo) analysiert seit zwölf Jahren die Bewegungsgewohnheiten von Kindern in Deutschland. Die repräsentative Studie wertet alle drei Jahre Motorikdaten von 4500 bis 6200 Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen aus. Dabei werden sowohl die Daten derselben Personen über einen langen Zeitraum hinweg beobachtet als auch Altersgruppen untereinander verglichen. An dem Projekt haben Wissenschaftler des Karlsruher Instituts für Technologie, der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe und des Robert Koch-Instituts zusammengearbeitet.

Sportvereine und Schulen können Mangel nicht ausgleichen

Die Analyse zeigt: Im Alltag bewegen sich Kinder und Jugendliche immer weniger. Demnach sank die körperliche Aktivität bei den 4- bis 17-Jährigen in den vergangenen zwölf Jahren um 37 Prozent - und damit um gut 31 Minuten pro Woche.

Und das, obwohl derzeit so viele Kinder wie nie in Sportvereinen aktiv sind. Etwa 80 Prozent der untersuchten Kinder waren schon einmal Mitglied in einem Sportverein. Zudem organisieren auch Schulen mehr sportliche Aktivitäten. In den vergangenen zwölf Jahren haben sportliche Angebote an Schulen und Vereinen im Schnitt um 16 Prozent zugenommen, was 25 Minuten mehr Bewegung pro Woche entspricht.

Doch der organisierte Sport könne den Bewegungsmangel im Alltag nicht ausgleichen, sagt Sportwissenschaftler Alexander Woll, der die Studie betreut.

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Das sei aber nicht unbedingt dem drastisch steigenden Medienkonsum geschuldet: Erstaunlicherweise habe sich gezeigt, dass körperliche Aktivität und Mediennutzung nicht direkt miteinander zusammenhängen. Sprich: Kinder, die weniger daddeln, surfen oder auf sozialen Medien unterwegs sind, bewegten sich nicht zwangsläufig mehr, so Woll.

Medienkonsum sei deswegen noch lange nicht harmlos. Laut der Studie verbringen mehr als 70 Prozent der Sechs- bis Zehnjährigen mehr als eine Stunde pro Tag vor dem Bildschirm. "Spannend wäre zum Beispiel zu sehen, wie hoch die Sitzzeit ist bei den Kindern mit hohen Bildschirmzeiten", sagt Woll. "Da könnte ich mir dann sehr wohl vorstellen, dass Medienkonsum ein unabhängiger Risikofaktor ist für viele Zivilisationskrankheiten."

Mädchen inaktiver als Jungen

Kinder spielten heute sehr viel weniger im Freien als früher, nennt Woll einen Grund für die mangelnde Bewegung im Alltag. Sie träfen sich kaum noch auf dem Sportplatz zum Raufen, Toben oder Ballspielen. Je älter sie werden, umso weniger bewegten sich Jugendliche. Zudem würden Kinder und Jugendliche häufig mit dem Auto zur Schule oder zu Freizeitaktivitäten gefahren.

Auffällig sei, dass der Unterschied zwischen den Geschlechtern in den letzten sechs Jahren größer geworden sei. Mädchen, und insbesondere Mädchen aus Familien mit einem niedrigen sozialen Status, schnitten in Sachen Bewegung deutlich schlechter ab als Jungen.

Weitere Studienergebnisse im Überblick:

Ab Donnerstag wollen Experten während des Kongresses "Kinder bewegen" diskutieren, welche Maßnahmen dem zunehmenden Bewegungsmangel entgegenwirken könnten. Denn die Inaktivität kann auch gesundheitliche Folgen haben. Schon vorherige Studien hatten gezeigt, dass zu wenig Bewegung und ungesunde Ernährung schon bei Kindern zu erheblicher Fettleibigkeit führen. Derzeit gelten weltweit etwa 124 Millionen Kinder als extrem dick.

koe/dpa

insgesamt 63 Beiträge
Krokodilstreichler 21.03.2019
1. Ganztagsschule als Problem
Dank der Ganztagsschule bzw. dank des G8-Gymnasiums sitzen die Schüler mitunter bis nach vier in der Schule und müssen danach noch lernen. Da wundert es nicht, dass die Schüler kaum mehr Zeit haben, um sich zu bewegen. Nach dem [...]
Dank der Ganztagsschule bzw. dank des G8-Gymnasiums sitzen die Schüler mitunter bis nach vier in der Schule und müssen danach noch lernen. Da wundert es nicht, dass die Schüler kaum mehr Zeit haben, um sich zu bewegen. Nach dem Arbeitspensum sind sie einfach zu müde bzw. oft ist es dann schon dunkel.
stefan.horender 21.03.2019
2. Konsequenz
Das ist nun die Konsequenz davon, dass wir unsere Städte und unsere ganzes Land seit Jahrzehnten autogerecht umbauen...
Das ist nun die Konsequenz davon, dass wir unsere Städte und unsere ganzes Land seit Jahrzehnten autogerecht umbauen...
downgrade0815 21.03.2019
3. ..hat sich vieles geändert
1.) ich widerspreche das mehr Kinder als jeh zuvor dort aktiv sind. Stand über 30 Jahre in trainingshallen als Trainer, gerade von Kindergruppen. Die Gruppenstärke hat enorm abgenommen, da eben Schulen nun meist auch nachmittags [...]
1.) ich widerspreche das mehr Kinder als jeh zuvor dort aktiv sind. Stand über 30 Jahre in trainingshallen als Trainer, gerade von Kindergruppen. Die Gruppenstärke hat enorm abgenommen, da eben Schulen nun meist auch nachmittags Unterricht haben. 2.) die Sicht auf Training hat sich enorm verändert. heute wollen viele "bespaßt" werden. gerade Eltern lassen sich dazu hinreissen, genau das zu verlangen. das sorgt in vielen "vereinen" zu Stilblüten...eines fasch verstandenen Demokratieverständnis. Das Kinder nicht "schwitzen" dürfen beim Training, das es zum bsp. in einem Kampfkunstverein "Demokratie" geben soll..und deshalb diejenigen "rausgeschmissen" werden, die solche Vereine teils 40 jahre geführt haben..ist eben ein solches Übel. Und das erlebte ich in mehreren vereinen. Da sind Kindergruppen von damals 80-90 Kindern auf heute, 10-15 zusammengeschrumpft. Was von den "neuen" Trainern..teils Jugendliche ohne vernünftige Basis, erwartet werden kann...: Nichts. Tut in der Seele we, wenn man solche vereine nochmals besucht und sieht was daraus geworden ist. Die Sicht auf Leistung und was dort vermittelt werden soll...wurde zum Absurdum. Das Ergebnis ist eindeutig. Mehr Schein als Sein, es verkommt wie alles in der Gesellschaft. Der Wert auf "Annerkennung" ohne Leistung hat vieles weggebügelt. Man kann über jede Ausnahme froh sein, die es noch gibt..eben der Kinder zuliebe. Wie in Schulen, sind es heute aber oft die Eltern welche meinen das ihre Sicht der Dinge maßgebend ist..und damit wird viel zerstört. Wenn ich heute vereine besuche..und bei den Eltern sitze...wärend die Kiddies trainieren...wird mir übel bei den Ansichten..und so manches mal, reiße ich mich nicht mehr zusammen und frage diese Größenwahnsinnigen was sie meinen wer sie sind...und ob sie tatsächlich glauben, das sie als Couch-Potatoes sich ein Urteil erlauben können.... Ich habe meine Trainiertätigkeit aufgegeben-....nachdem in zig Vereinen ein solcher Umbruch stattfand. Die Statistik bestätigt zumindest eins : das Ergebnis bei den Kindern....
numbat3 21.03.2019
4. Kirche im Dorf lassen
Wenn man liest, dass "Die motorischen Fähigkeiten heutiger Kindern um etwa zehn Prozent schlechter sind im Vergleich zu Gleichaltrigen vor 40 Jahren", dann kann ich nur feststellen, dass das ein recht guter Wert ist. [...]
Wenn man liest, dass "Die motorischen Fähigkeiten heutiger Kindern um etwa zehn Prozent schlechter sind im Vergleich zu Gleichaltrigen vor 40 Jahren", dann kann ich nur feststellen, dass das ein recht guter Wert ist. Denn wenn man weiß, welche Lockmittel heute da sind, mit der sich Menschen die Zeit vertreiben könnne, dann empfinde ich diesen Wert als noch durchaus gut. Und auch ich sitze vor einem PC und lese diese Artikel.
Zoroaster1981 21.03.2019
5. Fettleibigkeit
Fettleibigkeit ist keine Ursache mangelnder Bewegung, sondern mangelnde Bewegung ist die Folge von Gewichtszunahme. Und dies geschieht in erster Linie durch eine falsche Ernährung in Form von Zucker bzw. schnell verfügbaren [...]
Fettleibigkeit ist keine Ursache mangelnder Bewegung, sondern mangelnde Bewegung ist die Folge von Gewichtszunahme. Und dies geschieht in erster Linie durch eine falsche Ernährung in Form von Zucker bzw. schnell verfügbaren Kohlenhydraten (Mono-/Disaccharide). Bewegung sollte bzgl. Kalorienverbrauch nicht überbewertet werden und kann eine schlechte Ernährung kaum kompensieren. Zucker ist ein Zellgift und führt zu einem schnellen Glukoseanstieg im Blut und damit einhergehend starker Insulinausschüttung mit der Folge, dass Fettzellen aufgebaut werden. Obendrein bewirkt dieser Effekt auch, dass Kinder - und natürlich auch Erwachsene - schnell müde und träge werden. Dass wie selbstverständlich in fast sämtlichen Lebensmitteln Zucker beigefügt ist und schon kleine Kinder mit Süßigkeiten angefixt werden, ist nicht dabei nur den Eltern anzulasten, sondern der Nahrungsmittelindustrie und auch der Gesellschaft generell, die es normal findet, dass dieses Gift überall Verwendung findet und konsumiert wird.

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