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Gesundheit

Trainieren beim Lieblingsverein

Fußballliebe motiviert Männer zum Abspecken

Während die Spieler auf dem Platz ackern, pflegen viele Fußballfans mit Bratwurst und Bier ihre Plauze. Das könnte sich bald ändern: Schottische Mediziner und Profivereine haben ein Abnehmprogramm speziell für männliche Fans entwickelt - Training im Stadion inklusive.

University of Glasgow
Von
Mittwoch, 22.01.2014   16:20 Uhr

Natürlich stehen auch Frauen in der Kurve, die sich wirklich für Fußball interessieren, die über schlechte Pässe schimpfen und die nicht nur 90 Minuten lang darauf warten, dass endlich ein Spieler sein Trikot auszieht. Und trotzdem: Männer dominieren in der Regel die Ränge der Stadien, ihre lauten Stimmen sind es, die bei den Fangesängen die Spieler über den Rasen peitschen.

Genau diese Begeisterung vieler Männer für einen Fußballverein machen sich Forscher um Kate Hunt von der University of Glasgow jetzt zunutze. Mit Hilfe mehrerer schottischer Profimannschaften haben sie ein Projekt realisiert, das männliche Fans von einem gesünderen Lebensstil überzeugen soll.

Im Stadion ihrer Stars, auf dem Rasen, lernen die Teilnehmer von Trainern des Vereins Grundlegendes über gesunde Ernährung, Bewegung und Motivation. Dadurch spornt das "Football Fans in Training"-Konzept (FFIT) nicht nur zu einem gesünderen Lebensstil an, die Fans können auch besondere Einblicke in das Umfeld ihrer Lieblingsmannschaft erhaschen. Eine Studie im Fachmagazin "The Lancet" zeigt jetzt, wie gut das aufgeht.

Fünf Prozent Gewichtverlust - geringeres Krankheitsrisiko

Die Wissenschaftler untersuchten in Kooperation mit 13 schottischen Profiteams insgesamt 747 Fans, die mit der Unterstützung ihres Vereins abnehmen wollten. Zielgruppe waren Männer zwischen 35 und 65 mit einem Body-Mass-Index (BMI) von mindestens 28 und einem Blutdruck, der ihnen noch erlaubte, Sport zu treiben. 90 Prozent der Teilnehmer galten als fettleibig.

Eine Hälfte der Teilnehmer erhielt nur eine kurze Einführung mit Informationen zu einem gesunden Lebensstil und kam für zwölf Monate auf eine Warteliste. Die andere Hälfte konnte sofort mit dem kostenlosen Einjahresprogramm starten. Die ersten zwölf Wochen absolvierten die Männer jede Woche neunzigminütige Trainingseinheiten im Stadion und bekamen zum Beispiel erklärt, wie sehr Bier ihr tägliches Kalorienkonto belastet. Anschließend waren die Teilnehmer auf sich allein gestellt, sie erhielten jedoch innerhalb der nächsten neun Monate noch sechs Erinnerungsmails und wurden sechs Monate nach dem Ende der Trainingseinheiten noch einmal zu einem Treffen mit ihrer Gruppe eingeladen.

Auch in der Zeit nach den Trainingseinheiten schafften es viele Männer, ihr reduziertes Gewicht zu halten: Nach den zwölf Trainingswochen hatten 47 Prozent der übergewichtigen Fans fünf Prozent ihres Körpergewichts verloren - dies gilt als wichtige Hürde, um das Risiko für Herzkrankheiten, Diabetes, Schlaganfälle, Krebs und andere Krankheiten zu reduzieren. Nach den neun Monaten hielten immerhin noch 39 Prozent ihr geringeres Gewicht, ernährten sich gesünder und bewegten sich mehr. Im Schnitt speckten die Fans durch das Programm fünf Kilo ab - neunmal mehr als die Fans auf der Warteliste. Allerdings verletzten sich auch zwei der 374 Teilnehmer im Trainingsprogramm, einer riss sich beim Fußballspielen die Achillessehne, einer bekam wahrscheinlich aufgrund des Ernährungswandels Probleme mit der Gallenblase.

Mehr Männer als Frauen übergewichtig

"Ich hatte davor bereits andere Fitnessprogramme ausprobiert", sagt einer der Teilnehmer, der seit Trainingsbeginn beim Hibernian FC im September 2011 knapp 15 Kilogramm abgespeckt hat. "Aber zu Hibs zu kommen und das Programm zu absolvieren, hat mir geholfen, es durchzuziehen." Die geringen Abbrecherquoten des Projekts bestätigen seine Aussage: 89 Prozent der Männer blieben das gesamte Jahr mit dabei, bei der Kontrollgruppe geduldeten sich 95 Prozent trotz der zwölf Monate Wartezeit.

Damit ist den Forschern etwas Besonderes gelungen: Auch wenn sich Männer viel seltener als zu dick einschätzen, ist Übergewicht bei ihnen ein mindestens genauso großes Problem wie bei Frauen. In Schottland sind fast sieben von zehn Männern übergewichtig, in Deutschland sehen die Zahlen ähnlich aus. Trotzdem ist es deutlich schwieriger, Männer für Diäten zu begeistern: Bei gängigen kommerziellen Diätprogrammen liegt der Männeranteil meist unter 13 Prozent.

Die Erfolge in der Fußballstudie seien zwar etwas kleiner als in vergleichbaren, für Männer ausgelegten Diätstudien, schreibt David Lubans von der University of Newcastle, der nicht an der Studie beteiligt war, in einem begleitenden Kommentar. Diese hätten aber häufig keine so lange Zeit untersucht, in der die Männer auf sich allein gestellt waren. "Hunt und ihre Kollegen haben eine innovatives Projekt mit großen Verbreitungschancen entwickelt", ist sein Fazit.

Zwei kleine Kritikpunkte gibt es dennoch an der Studie: Zum einen wäre es hilfreich gewesen, die Männer in der Kontrollgruppe nicht nur auf die Warteliste zu setzen, sondern ihnen ein anderes, vergleichbares Abnehmprogramm außerhalb der Stadien zu ermöglichen. So hätten die Forscher messen können, wie stark die Bindung zum Verein zur Motivation beiträgt. Zum anderen mussten die Männer in Fragebögen selbst angeben, wie sich ihre Ess- und Trinkgewohnheiten verändert haben. Es ist bekannt, dass in solchen Fragebögen viele ihre Verhalten etwas schönen. Das verlorene Gewicht der Teilnehmer spricht dennoch für sich.

Vom 230-Kilo-Mann zum Marathonläufer

insgesamt 1 Beitrag
renee gelduin 28.01.2014
1.
Was bringt es wenn jemand der fettleibig ist kurzfristig 5% des Körpergewichtes abnimmt ? Wer fettleibig wird und noch dazu trotz Erkenntnis nichts dagegen unternimmt, der hat ein Einstellungs- und Disziplinproblem. Genau daran [...]
Was bringt es wenn jemand der fettleibig ist kurzfristig 5% des Körpergewichtes abnimmt ? Wer fettleibig wird und noch dazu trotz Erkenntnis nichts dagegen unternimmt, der hat ein Einstellungs- und Disziplinproblem. Genau daran wird sich auch nicht ändern, wenn derjenige irgendeine Diät und/oder Sportkurse aufgebrummt bekommt oder kurzfristig motiviert ist durch ein externes, einmaliges Ereignis wie das im Artikel beschriebene. Davon abgesehen, dass 5% an sich schon lächerlich ist, wie erhalten sich die Teilnehmer nach 5, 10 oder 20 Jahren ? DAS zählt ! Oder ist geplant alle 2 Jahre solche Kurse anzubieten? Was man definitiv bedenken muss: Wenn ich mit meinem Lieblingsverein trainieren darf (oder in Anwesenheit), dann ist das was besonderes und dem gebe ich Priorität. ABER ich kann nicht mein Leben lang mit ihnen trainieren und selbst wenn, dann verfliegt der Reiz daran, weil es zur Normalität wird. Davon abgesehen... mit BMI von 35 aufwärts ist man ab 30 fällig. 90 Min die Woche Rumhampeln auf niedrigem Niveau mag anstrengend sein (für die Degenerierten), aber Training ist das völlig falsche Wort.

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