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Gesundheit

Medizinische Sensation

Halb-identische Zwillinge in Australien entdeckt

Zwei Spermien in einer Eizelle - solche Befruchtungen führen fast nie zu Babys. In Australien gibt es nun aber Zwillinge, die so gezeugt wurden. Was steckt dahinter?

Getty Images/iStockphoto

Eizelle, umgeben von Spermien (stark vergrößertes Mikroskopbild)

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Donnerstag, 28.02.2019   19:29 Uhr

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Nicht eineiig, nicht zweieiig, sondern halb-identisch: Australische Mediziner sind bei der Schwangerschaft einer 28-Jährigen auf eine kleine Sensation gestoßen. In ihrem Bauch wuchsen ein Mädchen und ein Junge heran, die wie eineiige Zwillinge das identische Erbgut der Mutter besaßen - aber wie zweieiige Zwillinge aus unterschiedlichen Spermien des Vaters hervorgegangen waren.

Der Fall ist der zweite weltweit, bei dem Forscher solche halb-identischen Zwillinge entdeckt haben. Und es sei das erste Mal, dass der Umstand schon im Mutterleib nachgewiesen wurde, berichten die Mediziner im renommierten "New England Journal of Medicine".

Dass die Schwangerschaft besonders war, bemerkten die Ärzte schon sehr früh. "Beim Ultraschall in der sechsten Woche zeigte sich, dass die Mutter zwei Kinder erwartete, aber nur eine Plazenta besaß und eine Fruchtblase", sagt Nicholas Fisk von der University of New South Wales in Sydney. Daraus schlossen die Mediziner, dass im Bauch der 28-Jährigen eineiige Zwillinge heranwachsen - zweieiige Zwillinge entwickeln zwei Plazenten.

In der 14. Woche aber erwartete die Mediziner bei einem erneuten Ultraschall eine Überraschung. Einer der Zwillinge war männlich, der andere weiblich. Ein Umstand, der bei eineiigen Zwillingen eigentlich unmöglich ist. Eine anschließende genetische Untersuchung zeigte dann: Die Babys waren zwar wie eineiige Zwillinge aus der gleichen Eizelle hervorgegangen. Diese aber war bei der Befruchtung mit zwei Spermien verschmolzen statt nur mit einem.

Aus diesem Grund glichen sich zwar die mütterlichen Gene der Zwillinge, die väterlichen aber waren nur zu 78 Prozent identisch. Dieser kleine Unterschied reichte schon aus, um verschiedene Geschlechter hervorzurufen.


Eineiig, zweieiig, halb-identisch - der Überblick:


Warum sind halb-identische Zwillinge so selten?

In der Regel entwickeln sich Eizellen nicht weiter, wenn sie von zwei Spermien befruchtet werden. Grund dafür ist ein Erbgutüberschuss: Die DNA ist bei jedem Menschen auf 23 Chromosomen verteilt, die er jeweils in zweifacher Ausführung besitzt. Einen Chromosomensatz erhält er beim Verschmelzen von Ei- und Samenzelle von seiner Mutter, einen von seinem Vater.

Getty Images/Science Photo Library

Chromosomensatz eines gesunden Menschen: Jedes Chromosom kommt doppelt vor - einmal von der Mutter vererbt, einmal vom Vater.

Wird eine Eizelle aber von zwei Spermien befruchtet, hat das zur Folge, dass alle Chromosomen dreifach vorliegen: zweimal vom Vater und einmal von der Mutter. "Das ist mit dem Leben eigentlich nicht vereinbar", sagt Michael Gabbett, Genetiker an der Queensland University of Technology. Normalerweise entwickeln sich die betroffenen Embryonen deshalb nicht weiter.

Beim Down-Syndrom - der Trisomie 21 - ist nur eines der 23 Chromosomen dreimal statt zweimal vorhanden. Bereits dies führt zu enormen Entwicklungsproblemen des Kindes.

Dass die halb-identischen Zwillinge von Queensland trotzdem weiterlebten, erklären sich die Forscher mit erstaunlichen Sortiervorgängen in der befruchteten Eizelle.

Auf diese Weise schaffte die Eizelle die Voraussetzung für gesundes Leben. Zu diesem Zeitpunkt wuchsen im Bauch der Mutter allerdings noch keine Zwillinge heran. Dafür musste noch passieren, was auch bei den meisten einzelligen Zwillingen am Anfang steht: Nachdem aus der befruchteten Eizelle ein kleiner Zellhaufen gewachsen ist, teilt sich dieser noch einmal in zwei Embryonen auf, die sich unabhängig voneinander zu zwei Kindern entwickeln.

Ein Mix aus X- und Y-Chromosomen

Da bei den halb-identischen Zwillingen in Australien zu diesem Zeitpunkt die Zellen mit den Erbinformationen aus beiden Spermien längst durchmischt waren, tragen beide Kinder DNA aus beiden Spermien in sich. Das barg ein großes Problem. Eines der Spermien enthielt ein X-Chromosom, ergab also weibliche Zellen. Das andere Spermien enthielt ein Y-Chromosom, ergab also männliche Zellen.

Beide Kinder tragen demnach sowohl männliche als auch weibliche Zellen in sich. Der heute vierjährige Junge hatte Glück, bei ihm ist bislang alles gesund gewachsen. Das Mädchen jedoch entwickelte eine Fehlbildung an den Eierstöcken, sodass diese im Alter von drei Jahren entfernt werden mussten. Abgesehen davon hätten beide Kinder jedoch alle wichtigen Entwicklungsschritte normal gemeistert, schreiben die Forscher.

Bislang ist nur ein weiterer Fall von halb-identischen Zwillingen bekannt. Ärzte in den USA hatten 2007 gestutzt, als eines von zwei Zwillingskindern mit keinem eindeutigen Geschlecht auf die Welt kam. Bei einer Erbgutuntersuchung zeigte sich dann, dass die mütterliche DNA bei beiden Zwillingen identisch war, sich die des Vaters aber in Teilen unterschied.

"Wir haben uns gefragt, ob es vielleicht noch andere Fälle gibt, die nicht richtig erkannt oder nicht berichtet wurden", sagt Fisk. Aus diesem Grund analysierten die australischen Forscher das Erbgut von 968 vermeintlich zweieiigen Zwillingen. "In diesen Daten haben wir aber keine weiteren Fälle gefunden", sagt Fisk.

Zusammengefasst: In Australien leben Zwillinge, die aus einer Eizelle hervorgegangen sind, welche von zwei Spermien gleichzeitig befruchtet wurde. Normalerweise sterben Embryonen, wenn dies passiert. In diesem Fall lief ihre Entwicklung aber anders. Als Folge tragen die Kinder sowohl weibliche als auch männliche Zellen in ihrem Körper.

insgesamt 1 Beitrag
yehtor 02.03.2019
1. Irreführende Überschrift
Die Zwillinge wurden schon vor vier Jahren entdeckt, die Überschrift ist völlig irreführend. Ärgerlich!
Die Zwillinge wurden schon vor vier Jahren entdeckt, die Überschrift ist völlig irreführend. Ärgerlich!

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