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Gesundheit

Downsyndrom

Kostenlose Bluttests könnten zu mehr Abtreibungen führen

Schwangere können mit einem Bluttest untersuchen lassen, ob ihr Baby eine Trisomie hat. Krankenkassen sollen die Kosten in bestimmten Fällen übernehmen. Menschen mit Downsyndrom fragen indes: Warum sollen wir nicht leben?

Getty Images/ iStockphoto

Blutentnahme in der Schwangerschaft

Mittwoch, 20.03.2019   13:13 Uhr

Wollen wir wissen, ob unser Kind das Downsyndrom hat? Vor dieser schwierigen Entscheidung stehen viele werdenden Eltern. Seit einigen Jahren können sie mithilfe eines Bluttests die Wahrscheinlichkeit berechnen lassen, dass ihr Ungeborenes mit einer Trisomie zur Welt kommt. Bislang müssen sie den Test selbst zahlen, doch künftig könnten Krankenkassen die Kosten für Risikoschwangere übernehmen - dazu zählen unter anderem Frauen ab 35 Jahren. (Mehr dazu lesen Sie hier.)

Kritiker warnen, dass die Bluttestes zu mehr Abtreibungen führen könnten. "Wir befürchten, dass künftig weniger Kinder mit Downsyndrom zur Welt kommen als bislang", sagte die Geschäftsführerin des Deutschen Downsyndrom InfoCenters, Elzbieta Szczebak. Die Einrichtung gehört zu einem Bündnis von Organisationen, das sich gegen Pläne des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) ausgesprochen hat, Bluttests für Risikoschwangere zur Kassenleistung zu machen.

Laut der Deutschen Gesellschaft für Pränatal- und Geburtsmedizin könnten die Pläne allerdings für mehr Gerechtigkeit sorgen. "So gibt es kein Gefälle mehr zwischen den Schwangeren, die sich den Test leisten können, und denen, die ihn nicht bezahlen können", sagte der Präsident Dieter Grab. Der Test kostet mindestens 130 Euro. Der erste Anbieter der Tests, LifeCodexx AG, hat nach eigenen Angaben im Jahr 2012 rund 75.000 der sogenannten Praena-Tests in Deutschland verkauft.

So funktionieren Praena-Tests

Für die Tests wird den Schwangeren ab der 11. Woche Blut abgenommen. Anhand der darin enthaltenen Chromosomenteile des Kindes oder der Plazenta kann unter anderem die Wahrscheinlichkeit berechnet werden, mit der das Kind mit Downsyndrom auf die Welt kommen würde. Mit einer Treffsicherheit von 99 Prozent gilt der Bluttest als sicherer als das sogenannte Erst-Trimester-Screening mit einer Quote von 95 Prozent. Dabei wird der Fötus in der 11. bis 14. Schwangerschaftswoche mit einem Ultraschallgerät vermessen, zusätzlich werden bestimmte Blutwerte der Mutter analysiert.

Lange ließ sich während der Schwangerschaft nur mit einer Fruchtwasseruntersuchung feststellen, ob beim Kind Trisomien vorliegen. Diese empfehlen Ärzte weiterhin bei unklaren Befunden nach Bluttests oder Erst-Trimester-Screening. Eine Fruchtwasseruntersuchung birgt jedoch Risiken: Etwa ein bis drei von 1000 Föten überleben den Eingriff nicht. "Es ist davon auszugehen, dass künftig deutlich mehr Frauen einen solchen Bluttest machen werden", meint Grab. Er sagt voraus: "In der Summe wird es schon so sein, dass mehr Frauen einen Schwangerschaftsabbruch durchführen lassen."

Wie viele Schwangerschaftsabbrüche auf eine mögliche Downsyndrom-Diagnose zurückzuführen sind, wird nicht statistisch erfasst. Rund 101.000 Schwangerschaftsabbrüche gab es laut Statistischem Bundesamt im vergangenen Jahr deutschlandweit. In rund 3800 Fällen lag eine medizinische Indikation vor. Erfährt eine Frau, dass ihr Kind wahrscheinlich mit Trisomie 21 auf die Welt kommen wird, ist auch eine Abtreibung nach der zwölften Schwangerschaftswoche straffrei. Experten schätzen, dass sich 90 Prozent der betroffenen Frauen für einen Schwangerschaftsabbruch entscheiden.

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"Insgesamt ist der Bluttest kritisch zu betrachten", sagt Mediziner Grab. "Man sucht damit ja lediglich nach den Trisomien 13, 18 und 21." Der Bluttest sei deshalb kein Ersatz für pränatale Diagnostik.

"Bei der Ultraschalluntersuchung im Erst-Trimester-Screening haben wir die Chance, den Kindern zu helfen, denn es werden auch wichtige Organe wie Herz, Magen und Gehirn untersucht", ergänzt Holger Janke. Das sei vielen nicht bekannt. "Es geht bei Schwangeren oft nur um die Frage: Downsyndrom ja oder nein?". Janke befürchtet, dass Frauen künftig nur noch den Bluttest nutzen und dadurch Krankheiten, die sich schon im Bauch behandeln lassen - wie etwa ein offener Rücken - zu spät erkannt werden.

Ethisches Dilemma

Dieter Grab weist auch auf ein ethisches Problem hin: "Man entdeckt die Trisomie 21 damit noch häufiger." Andererseits müsse jedes Paar selbst entscheiden dürfen, ob es sich in der Lage fühlt, ein Kind mit schwerwiegenden Entwicklungsdefiziten aufzuziehen.

Downsyndrom-Organisationen warnen davor, dass die Angst vor Behinderung noch verstärkt werde und Menschen mit Beeinträchtigungen in der Gesellschaft als "vermeidbar" und nicht willkommen bewertet würden. Eltern von Kindern mit Behinderung gerieten immer stärker unter Rechtfertigungsdruck - nach dem Motto: Ihr hättet es doch wissen können. "Auch viele Menschen mit Downsyndrom sind sehr besorgt", sagt Szczebak. Sie fragen: 'Warum sollen wir nicht leben?'"

Sie fordert, das Beratungs- und Hilfsangebot für Schwangere und betroffene Familien auszubauen. "Ärzte sagen ihnen oft sofort: 'Sie müssen das Kind nicht bekommen.'" Diese Sichtweise müsse sich ändern.

koe/dpa

insgesamt 17 Beiträge
Dr. Seltsam 20.03.2019
1. Dieser Satz ist alles andere als gut formuliert.
"Wir befürchten, dass künftig weniger Kinder mit Downsyndrom zur Welt kommen als bislang"
"Wir befürchten, dass künftig weniger Kinder mit Downsyndrom zur Welt kommen als bislang"
c.PAF 20.03.2019
2.
" "Auch viele Menschen mit Downsyndrom sind sehr besorgt", sagt Szczebak. Sie fragen: 'Warum sollen wir nicht leben?'" " Die Sorgen sind unbegründet, es geht um umgeborene Embryonen in einem frühen [...]
" "Auch viele Menschen mit Downsyndrom sind sehr besorgt", sagt Szczebak. Sie fragen: 'Warum sollen wir nicht leben?'" " Die Sorgen sind unbegründet, es geht um umgeborene Embryonen in einem frühen Stadium, nicht um Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die bereits geboren sind.
yhz 20.03.2019
3. Selbsterhaltungstrieb
Mit der Aussage von Frau Scczebak, "Wir befürchten, dass künftig weniger Kinder mit Downsyndrom zur Welt kommen als bislang", entlarvt sich die gute Dame aus meiner Sicht selbst. Ich gewinne den Eindruck, dass es ihr [...]
Mit der Aussage von Frau Scczebak, "Wir befürchten, dass künftig weniger Kinder mit Downsyndrom zur Welt kommen als bislang", entlarvt sich die gute Dame aus meiner Sicht selbst. Ich gewinne den Eindruck, dass es ihr nicht darum geht, ein Problem zu lösen, sondern ihren Posten als Geschäftsführerin des Deutschen Downsyndrom InfoCenters zu sichern. Es geht doch tatsächlich um ein schweres Problem, welches ganze Familien, bis zur zeitlichen "Vernachlässigung" von weiteren Kindern in der Familie, belastet. Dies kann ich aus eigener Beobachtung herleiten. Dies gilt übrigens auch in anderen Fällen behinderter Familienangehöriger. Man muss also die Frage stellen dürfen, ob man dies will und auf entsprechende Risiken hinweisen dürfen. Die letzte Entscheidung muss natürlich bei den Betroffenen liegen, wobei auch dort noch das Problem bestehen kann, dass die potentiellen Eltern unterschiedliche Entscheidungen treffen würden. Eine äußerst schwierige Situation, welche im Extremfall zum Auseinanderbrechen der Familie führen kann, wie entsprechende Fälle zeigen. Eine umfassende Aufklärung und Beratung ist aus meiner Sicht in jedem Fall geboten. Die leichtfertigen Personen, die behaupten, dass das Problem lösbar sei, sind nämlich, wie immer im Leben, im Enstfall nicht bereit mit Hilfe zur Seite zu stehen.
Stealthman 20.03.2019
4. Was ist denn...
falsch daran, wenn weniger Menschen mit einer Behinderung geboren werden? Die Belastungen für die Familien Behinderter sind teils schwer zu ertragen, zum Teil leiden auch die Behinderten selber darunter. Schlussendlich müssen [...]
falsch daran, wenn weniger Menschen mit einer Behinderung geboren werden? Die Belastungen für die Familien Behinderter sind teils schwer zu ertragen, zum Teil leiden auch die Behinderten selber darunter. Schlussendlich müssen die Eltern diese Belastungen und Herausforderungen für sich selbst abwägen und entscheiden ob das Kind ausgetragen wird oder nicht. Die Bluttests helfen bei dieser Entscheidung, nicht mehr und nicht weniger!
berlin1923fks 20.03.2019
5. Weiter denken hilft!
Hallo c.PAF, um es direkt zu machen: bitte etwas weiter denken! Wenn dieser Test bereits vor ein paar Jahren kostenlos gewesen wären, würden viele Menschen nicht existieren, von daher ist die Frage 'Warum sollen wir nicht [...]
Zitat von c.PAF" "Auch viele Menschen mit Downsyndrom sind sehr besorgt", sagt Szczebak. Sie fragen: 'Warum sollen wir nicht leben?'" " Die Sorgen sind unbegründet, es geht um umgeborene Embryonen in einem frühen Stadium, nicht um Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die bereits geboren sind.
Hallo c.PAF, um es direkt zu machen: bitte etwas weiter denken! Wenn dieser Test bereits vor ein paar Jahren kostenlos gewesen wären, würden viele Menschen nicht existieren, von daher ist die Frage 'Warum sollen wir nicht leben?' berechtigt, meinen Sie nicht? BG Sven
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