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Gesundheit

Micro-Cheating

Wann das Fremdgehen beginnt

Wenn ein Partner heimlich online flirtet, muss das nicht die Beziehung zerstören. Doch er sollte sich vor allem eine Frage ehrlich stellen: Warum tut er das?

FluxFactory/ E+/ Getty Images

Dienstag, 11.06.2019   17:24 Uhr

Ein heimlicher Chat über WhatsApp, Kontakte unter falschem Namen im Adressbuch abspeichern, trotz Beziehung bei einer Partnerbörse angemeldet bleiben: Das alles versteht man unter Micro-Cheating.

Der Begriff heißt übersetzt so viel wie: ein bisschen betrügen. Dabei wird mit einem Menschen, der nicht der Partner ist, intensiv über Social Media und Internetplattformen geschrieben. "In der paartherapeutischen Praxis bekomme ich hauptsächlich mit, dass Micro-Cheating Flirten im Netz ist", sagt die Frankfurter Paartherapeutin Bettina Steingass.

Ist Micro-Cheating schon Fremdgehen? Für viele Paare verläuft die Grenze fließend und ist höchst individuell. "Es gibt keine DIN-Norm dafür", sagt der Paar- und Sexualtherapeut Robert Coordes vom Institut für Beziehungsdynamik in Berlin.

Auch Steingass ist überzeugt, dass viele Paare ihre Grenzen selbst definieren müssen: "Betrug wird von jedem Paar anders empfunden", erklärt die Therapeutin. Eine Faustregel, dass Fremdgehen erst bei Körperlichem anfängt, gibt es also nicht.

Der Wert der Exklusivität in einer Liebesbeziehung sei immer noch sehr hoch, sagt Steingass. Daher könnten sich die meisten Menschen auf die abstrakte Vorstellung einigen, dass Untreue dort beginnt, wo das Vertrauen innerhalb der Paarbeziehung gebrochen wird.

Onlineflirt kann verbindlicher sein als ein tiefer Blick an der Supermarktkasse

Gegen gelegentliches Flirten spricht laut den Experten grundsätzlich nichts. "Das ist erst mal nur ein Ausdruck von Lebendigkeit und ist auch eine Möglichkeit Spannung abzubauen", erklärt Coordes. "Das ist weder eine Einstiegsdroge noch der Pfad ins Dunkle." Einer sehr unsicheren Beziehung könne ein Flirt allerdings schaden, da dieser häufig aus einer Unzufriedenheit mit der Beziehung heraus geschehe.

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Es ist außerdem die Frage, was ein Flirt emotional bedeutet. Daher kann der virtuelle Flirt durchaus verbindlicher sein als ein Flirt an der Supermarktkasse. "Wenn ich an der Kasse stehe und merke, dass mich jemand anguckt, und ich werfe den Blick zurück - selbst wenn es mir öfters passiert -, bleibt das natürlich leichter, als wenn ich heiße Liebesbotschaften hin und her schicke", sagt Steingass.

Die wichtigste Frage: Warum?

Wichtiger als die Frage nach dem Wie oder Was ist die Frage nach dem Warum. Die Ursachen dafür können sehr vielfältig sein. Steingass sieht die große Verfügbarkeit und die vielen Wahlmöglichkeiten als einen Grund an. Dadurch entstehe der Eindruck: Es könnte irgendwo noch etwas Besseres geben.

Kleine Betrügereien entstehen nicht immer aus einer Unzufriedenheit innerhalb der Beziehung heraus. Melanie Mittermaier arbeitet als Beziehungscoach in Bad Aibling und sagt, es könne auch mit einer persönlichen oder einer beruflichen Krise zusammenhängen.

Mittermaier rät dazu, darüber nachzudenken, was man von der Partnerschaft will: "Ist es mein Ziel, meine Partnerschaft zu behalten, oder ist es mein Ziel herauszufinden, ob ich diese Partnerschaft überhaupt noch will?" Auch Coordes empfiehlt, das eigene Handeln zu beobachten und nach den eigenen Beweggründen zu suchen.

Möglicherweise fühlt sich jemand in der Partnerschaft eingeengt und sucht nach einem Abenteuer. Dann könnte man überlegen, ob sich auch Abenteuer in der eigenen Beziehung finden lassen.

Merken von Micro-Cheating Betroffene beim Partner eine Veränderung, sollten sie sich mitteilen und offen über die eigenen Gefühle sprechen. Mittermaier rät jedoch, nicht in eine Anklage zu verfallen. Der Partner fühle sich so unter Umständen kontrolliert und könne das Gefühl haben, jedes Mal Rechenschaft ablegen zu müssen, wenn er zum Smartphone greift. Und das kann eine Entfremdung noch mehr befeuern.

Coordes empfiehlt, stattdessen zu fragen, wie es dem Partner geht und gleichzeitig die eigenen Beobachtungen und Ängste konkret mitzuteilen.

wbr/Jennifer Weese, dpa

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