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Gesundheit

20 Jahre Viagra

"Der Leistungsdruck ist beim Sex nicht raus"

Lange Zeit konnten Ärzte Männern mit Erektionsproblemen nur Spritzen in den Penis anbieten, eine OP oder Vakuumpumpen. Viagra hat die Therapie revolutioniert - der Druck ist trotzdem geblieben.

DPA

Zwei Tabletten Viagra

Mittwoch, 26.09.2018   12:00 Uhr

Muss ein Mann immer können, um ein richtiger Mann zu sein? Über diese Frage wird in Deutschland auch 20 Jahre nach dem Verkaufsstart der Potenzpille Viagra selten diskutiert, schon gar nicht unter Männern. "Der Leistungsdruck ist beim Sex nicht raus", sagt der Hamburger Arzt Robert Frese, Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Urologie. Der Anspruch habe sich im Prinzip nur verschoben. "Jetzt heißt es: Nimm doch die Pille. Wenigstens mit der musst du immer können."

Als Segen sehen Mediziner die Tablette, die am 1. Oktober 1998 auf den deutschen Markt kam, trotzdem. Viagra sorgte nicht nur für so manches Wunder im Bett, sagt Frank Sommer, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Mann und Gesundheit. Für ihn folgte eine Art Quantensprung in der Sexualmedizin.

Die Schamschwelle, über ein drückendes Sexproblem zu sprechen, sank. Außerdem bereitete der Wirkstoff Sildenafil, dessen Wirkung Pharmaforscher der Firma Pfizer zufällig in den USA entdeckten, der Ratlosigkeit der Ärzte beim Thema Erektionsstörungen ein Ende.

"Wer bumsen will, kann auch Bus fahren"

Frese kann sich noch gut an die Zeit vor Viagra erinnern. "In den Erektionssprechstunden ging es mitunter furchtbar rustikal zu", sagt er. Wenn ältere Patienten vorsichtig nach einer Bescheinigung für die Krankenkasse fragten, um die Kosten für ein Taxi erstattet zu bekommen, habe es schon mal geheißen: "Wer bumsen will, kann auch Bus fahren." Hinter dem Sarkasmus habe bei Ärzten aber auch viel Frust über mangelnde Therapiemöglichkeiten bei erektiler Dysfunktion gesteckt, erinnert sich Frese.

Mediziner konnten Patienten eine Operation vorschlagen, Vakuumpumpen mit Penisringen oder eine Spritze kurz vorm Sex. "Bevor sich deutsche Männer eine Spritze in den Penis jagen, verzichten sie lieber auf Sex", sagt Mediziner Sommer. Auch Operationen seien hierzulande wesentlich unbeliebter gewesen als zum Beispiel in den USA. Und Pumpen samt Penisring verstaubten meist schnell in einem Versteck. Auch deshalb habe Viagra eine solche Kraft entfaltet: endlich was Einfaches.

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Etwas Besseres als die vielen Titelstorys und Talkshows in der Anfangszeit von Viagra habe gar nicht passieren können, glaubt Sommer. "Vorher wurde doch in der Öffentlichkeit kaum über Erektionsstörungen geredet." Mit einem Schlag sei dieses Thema aus der Tabuzone gekommen. Laut Pfizer sollen seit 1998 mehr als 64 Millionen Männer über drei Milliarden Viagra-Pillen geschluckt haben.

Verschiedene Ursachen für Erektionsstörungen

Heute ist bekannt, dass in Deutschland rund 20 Prozent aller Männer nicht können, wie sie wollen - also etwa jeder Fünfte. "Mit jeder Altersdekade nimmt das Problem zu", zitiert Sommer Umfragen. Zwischen 40 und 50 sei rund jeder Zehnte betroffen, über 70 bereits mehr als die Hälfte der Männer. Einige Studien räumten auch mit Binsenweisheiten auf. "Vor Viagra ist man davon ausgegangen, dass bis zu 90 Prozent der Fälle psychisch bedingt sind", berichtet Sommer. "Heute weiß man, dass es umgekehrt ist. Zuerst sind organische Probleme da."


So wirkt Viagra

Der Wirkstoff fördert die Durchblutung, dadurch richtet sich der Penis besser auf und bleibt länger erigiert. Auf das Sexualzentrum im Gehirn hingegen hat er keinen Einfluss. Deshalb entfaltet Sildenafil seine Wirkung nur in Kombination mit sexueller Stimulation. Zwischen der Einnahme der Pille und der Wirkung vergeht rund eine halbe Stunde.


Herzinfarkt nach Viagra! Solche Schlagzeilen sorgten Ende der Neunzigerjahre auch für Panik. Heute sind die Zusammenhänge bekannt. Wer nach dem Schlucken der Pille am Herztod starb, hatte vorher in der Regel Herzprobleme, von denen er nichts ahnte. Das Problem war nicht die Tablette, sondern die körperliche Anstrengung, die sie ermöglichte. "Für Sex muss man einen gewissen Fitnessgrad besitzen", sagt Sommer. "Mit Herzinsuffizienz kann ich eine solche Leistung nicht schaffen, ohne mich in Gefahr zu bringen."

Auch deshalb gibt es Viagra - und seit Auslaufen des Patentschutzes 2013 auch kostengünstigere Generika - nur auf Rezept. Ein verantwortungsvoller Arzt checke seinen Patienten vor einer Verschreibung durch, sagt Freese. Hinter Erektionsstörungen könnten neben Herzleiden auch Diabetes, Depressionen, Bluthochdruck oder Prostataprobleme stecken. Zu den möglichen Nebenwirkungen von Viagra zählen zudem Kopfschmerzen, kurzfristiges bläuliches Sehen, Problemen beim Durch-die-Nase-Atmen oder Herzrasen.

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Da deutsche Männer generell als Arztmuffel gelten, sieht Frese in den Erektionsstörungen eine neue Chance für Früherkennung. "Über das Thema Sexualität lassen sich Männer sehr gut abholen", sagt er. "Und manche, die Viagra wollen, gehören erst einmal zum Kardiologen."

Den größten Druck machten sich die Männer weiter selbst

Eine Schamgrenze hat jedoch selbst Viagra nicht geknackt. Nach Einschätzung von Männerärzten sagen Patienten Sexpartnern meist nichts über die Tablette. Deshalb rät Urologe Frese Männern auch erst einmal zum Ausprobieren im stillen Kämmerlein. Denn jedes Wunder können Viagra und Co. nicht vollbringen: Spielen psychische Problem wie Versagensängste die Hauptrolle, hilft die Pille zu 90 Prozent, berichtet Frank Sommer. Bei körperlichen Ursachen bringe sie nur rund zwei Drittel aller Männer in Fahrt. Das bedeutet auch, dass es noch immer viele Betroffene gibt, die mehr brauchen als die blaue Pille.

Bei Frauen hilf Viagra gar nicht. Warum? Mediziner sind sich einig, dass Sexualität bei Frauen so komplex ist, dass ein einzelner Wirkstoff dies nicht verändert. Darüber hinaus gelten Frauen beim Thema Sex als gelassener.

Den größten Druck machten sich die Männer weiter selbst, sagt Mediziner Frese. Tradierte Haltungen spielten dabei sicher eine Rolle. "Das Problem sitzt in den Köpfen der Männer: Die meisten wollen die Penetration", sagt Frese. "Klassischer Geschlechtsverkehr geht eben nur mit einer Erektion."

Im Video: Viagra bricht alle Rekorde (SPIEGEL TV vom 17.05.1998)

Foto: SPIEGEL TV

Von Ulrike von Leszczynski, dpa/irb

insgesamt 7 Beiträge
genugistgenug 26.09.2018
1. nur auf Rezept? Wie lange noch?
Hier kommt via SAT in der ITV Werbung (UK) bereits seit einigen Wochen Werbung rein, dass man dort Viagra rezeptfrei bekommt. Allerdings ohne weitere Infos zum Ablauf (allgemeine Arztbescheinigung, usw.). Doch da gibt es auch [...]
Hier kommt via SAT in der ITV Werbung (UK) bereits seit einigen Wochen Werbung rein, dass man dort Viagra rezeptfrei bekommt. Allerdings ohne weitere Infos zum Ablauf (allgemeine Arztbescheinigung, usw.). Doch da gibt es auch Schmerzmittel im Supermarkt.
marty_gi 26.09.2018
2. "Gottes Wille"
Lustig finde ich ja, wie (gerade in den USA) einige super Glaeubige immer der Ansicht sind, alle Schwangerschaften seien "Gottes Wille", daher gehoere Abtreibung verboten - haben aber so etwas noch nie bei Impotenz [...]
Lustig finde ich ja, wie (gerade in den USA) einige super Glaeubige immer der Ansicht sind, alle Schwangerschaften seien "Gottes Wille", daher gehoere Abtreibung verboten - haben aber so etwas noch nie bei Impotenz gesagt. Die ja dann logischerweise auch Gottes Wille ist. Daher gehoert ja Viagra folglich ebenso verboten ;-)
palla-manfred 26.09.2018
3. Ein Gläschen Perlwein oder ein Espresso fördern auch den Kreislauf
- und wenn der "Verkehr" nur PflichtRoutine sein soll, kann man es sich selbst und auch dem GegenÜber besser ersparen - vielleicht sich mal mit EROTIK (nicht Pornos) beschäftigen - kann die Phantasie auch gut [...]
- und wenn der "Verkehr" nur PflichtRoutine sein soll, kann man es sich selbst und auch dem GegenÜber besser ersparen - vielleicht sich mal mit EROTIK (nicht Pornos) beschäftigen - kann die Phantasie auch gut "anregen", bestenfalls zu zweit ;-)
susie.soho 26.09.2018
4. Keine Ahnung von Erotik?
Im Laufe meines langen Frauenlebens habe ich einige absolut unbegabte Liebhaber erlebt und kann sagen, dass eine Erektionsstörung die geringste aller sexuellen Übel ist! In der Tat machen sich manche Männer das Leben selbst [...]
Im Laufe meines langen Frauenlebens habe ich einige absolut unbegabte Liebhaber erlebt und kann sagen, dass eine Erektionsstörung die geringste aller sexuellen Übel ist! In der Tat machen sich manche Männer das Leben selbst schwer, wahrscheinlich, weil sie es nicht besser wissen!
01099 27.09.2018
5. Leistungsgesellschaft
Tja, dieser alberne Wirbel um den Sex ist das Problem. Er ist zur Leistung geworden, an deren Nichterbringung Beziehungen zerbrechen und ich mich immer frage, was solche Menschen überhaupt verbunden hat. Sind wir doch mal [...]
Tja, dieser alberne Wirbel um den Sex ist das Problem. Er ist zur Leistung geworden, an deren Nichterbringung Beziehungen zerbrechen und ich mich immer frage, was solche Menschen überhaupt verbunden hat. Sind wir doch mal ehrlich: nach einigen Jahren ist die sexuelle Frequenz ganz sicher nicht mehr die, die sie am Anfang einmal war, was ganz normal ist. Warum kann man das nicht einfach akzeptieren, anstatt wie ein Junkie nach Orgasmen zu gieren. Gibt es denn keine anderen Inhalte mehr im Leben?

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