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Alkohol am Arbeitsplatz

Was tun, wenn der Kollege zu viel trinkt?

Jeder zehnte Arbeitnehmer trinkt zu viel Alkohol, zeigen Studien. Das Problem betrifft Chefs ebenso wie Azubis. Der Experte Peter Raiser erklärt, wie Kollegen helfen können - und wo sie Grenzen ziehen sollten.

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Ob Chef oder Azubi: Jeder zehnte Beschäftigte greift zu häufig zum Glas

Montag, 20.05.2019   09:09 Uhr

SPIEGEL ONLINE: Herr Raiser, wie groß ist das Alkoholproblem in der Arbeitswelt?

Peter Raiser: Rund zehn Prozent der Beschäftigen in Deutschland trinken Alkohol in Ausmaßen, die mit erhöhten Erkrankungsrisiken verbunden sind. Das wissen wir aus mehreren Untersuchungen. Wie viele von diesen Menschen auch am Arbeitsplatz zum Glas greifen, können wir nicht genau sagen.

Zur Person

SPIEGEL ONLINE: Wer ist häufiger betroffen - Angestellte oder ihre Chefs?

Raiser: Wir wissen, wie verbreitet Alkohol in der Bevölkerung ist: Da gibt es keinen großen Unterschiede zwischen sozialen Schichten und Bevölkerungsgruppen. Das Gleiche spiegelt sich auch in der Arbeitswelt wieder. In Betrieben gibt es vom Auszubildenden bis zum Chef, auf allen Hierarchieebenen Menschen mit Alkoholproblemen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben eine Aktionswoche zu "Alkohol am Arbeitsplatz" gestartet. Warum nehmen Sie gerade Arbeitgeber in die Pflicht?

Raiser: Übermäßiger Alkoholkonsum kann nicht nur zur Abhängigkeit führen, sondern auch Unfälle, Herzkreislaufstörungen, Leber- und Krebserkrankungen verursachen. Mit der Erkrankungsgefahr steigt dementsprechend auch das Risiko, am Arbeitsplatz auszufallen. Für uns zeigt das ganz klar: Unternehmen haben ein Interesse an betrieblicher Suchtprävention und können durchaus konkrete Maßnahmen anbieten.

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel?

Raiser: Für Kinder und Jugendliche wird Suchtprävention beispielsweise in Schulen angeboten, Erwachsene erreicht man am besten in Betrieben. Wenn auffällt, dass Alkohol am Arbeitsplatz getrunken wird, müssen Vorgesetzte entsprechende Maßnahmen ergreifen, zum Beispiel Mitarbeitergespräche führen - am besten, bevor es zu Gefährdungen kommt. Arbeitgeber können darauf hinzuweisen, wie viel Alkohol zu viel ist oder ab wann gesundheitliche Risiken beginnen.

SPIEGEL ONLINE: Wann ist es denn zu viel oder riskant?

Raiser: Das Erkrankungsrisiko steigt mit dem regelmäßigen Konsum. Aus gesundheitlicher Sicht ist Männern von einem Konsum über 24g Reinalkohol pro Tag abzuraten, was etwa zwei Gläsern Bier entspricht oder einem Glas Wein. Frauen wird vom Konsum über 12g Reinalkohol pro Tag abgeraten. Dies gilt nur für gesunde Erwachsene und wenn an wenigstens zwei bis drei Tagen pro Woche ganz auf Alkohol verzichtet wird.

SPIEGEL ONLINE: Ist es schwierig, das Thema bei Unternehmen zu platzieren?

Raiser: Die gute Nachricht ist: In den letzten 10 bis 15 Jahren haben immer mehr Betriebe die Gesundheit ihrer Mitarbeiter im Blick, zum Beispiel bei psychischen Belastungen. Auch unbequeme Themen wie Alkoholkonsum werden öfter angegangen. Bei großen Unternehmen gibt es sowieso schon recht lange erprobte Konzepte, um mit Sucht und Alkoholkonsum umzugehen. Mittlerweile ziehen auch kleinere Unternehmen nach, denn auch die haben begriffen: Gesunde Mitarbeiter sind für Unternehmen die wichtigste Ressource überhaupt.

SPIEGEL ONLINE: Was kann ich tun, wenn ich merke, dass mein Kollege oder meine Kollegin ein Alkoholproblem hat?

Raiser: Früh das Gespräch suchen - das ist das Wichtigste. Viele Erkrankte sagen im Rückblick, sie hätten sich gewünscht, jemand hätte sie früher angesprochen. Denn je früher das passiert, desto einfacher und besser lassen sich in der Regel der Konsum und die Erkrankung stoppen.

Spiegel Online: Wie kann ich das denn konkret ansprechen?

Raiser: Das hängt ganz davon ab, was für ein Verhältnis man zu dem oder der Betroffenen hat. Ist man miteinander befreundet, kann man seine Sorge zum Ausdruck bringen, schildern, was man bemerkt hat und Hilfe anbieten, zum Beispiel gemeinsam bei einer Suchtberatungsstelle anrufen.

SPIEGEL ONLINE: Aber das Verhältnis zu Kollegen ist nicht immer freundschaftlich.

Raiser: Wenn es ein rein kollegiales oder berufliches Verhältnis ist, sollte man vielleicht eher ansprechen, was einem aufgefallen ist und wie es einen selbst belastet - zum Beispiel, wenn man selbst mehr arbeiten muss, weil der Kollege aufgrund seiner Suchtprobleme öfter fehlt. Dann kann man auch ruhig sagen, dass man nicht bereit ist, dieses Verhalten zu fördern und mitzutragen.

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