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KarriereSPIEGEL

Studie zur Bezahlung in der Altenpflege

"Überdurchschnittliches Risiko, trotz Arbeit arm zu sein"

Altenpfleger bekommen für ihre Arbeit weit weniger Geld als andere Beschäftigte in der Pflege. Damit der Fachkräftemangel nicht schlimmer wird, müssen die Löhne laut einer Studie schneller steigen.

DPA

Bewohnerin und Pflegekraft in einem Heim in Stuttgart

Von
Montag, 01.04.2019   18:50 Uhr

Die Löhne steigen, aber nicht schnell genug: Altenpfleger werden in Deutschland deutlich schlechter bezahlt als andere Erwerbstätige - und als andere Beschäftigte in der Pflege.

Während Fachkräfte der Gesundheitspflege in Krankenhäusern im Mittel etwa 3.340 Euro brutto im Monat verdienen, kamen Fachkräfte in der Altenpflege 2017 auf lediglich etwa 2740 Euro brutto für eine Vollzeitstelle.

Das entspricht etwa 85 Prozent des mittleren Verdienstes aller Berufsgruppen, heißt es in einer neuen Studie im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung. Zwischen 2012 und 2017 stiegen die Löhne der 1,3 Millionen Beschäftigten in der Altenpflege demnach zwar um gut 15 Prozent und damit stärker als in vielen anderen Branchen. Dennoch ist der Rückstand auf die anderen Berufsgruppen weiter groß.

Die Einkommen für eine Vollzeitstelle liegen hier unter 1560 Euro monatlich und damit im Bereich des Mindestlohns. "Eine Zahl, die an Brisanz gewinnt, verdeutlicht man sich, dass 67 Prozent der Hilfskräfte in der Altenpflege in Teilzeit arbeiten und deshalb noch einmal niedrigere Einkommen erzielen", sagt Studienautorin Michaela Evans.

"Die Beschäftigten im gesellschaftlich enorm wichtigen Tätigkeitsfeld der Altenpflege tragen ein überdurchschnittliches Risiko, trotz Arbeit arm zu sein", sagt Co-Autorin Christine Ludwig. Das sei nicht nur ein Problem für die Betroffenen, sondern auch für die Arbeitskräftesicherung in der Altenpflege –- mit Folgen für andere Branchen. Die Altenpflege leiste auch einen Beitrag dazu, den "Produktionsfaktor Arbeit" abzusichern, heißt es in der Studie. Denn Erwerbstätige seien zunehmend auch pflegende Angehörige.

Eine Annäherung an die Löhne in der Krankenpflege könnte die Altenpflege zudem attraktiver machen. Auszubildende in Pflegeberufen absolvieren zunächst einen "generalistischen" Teil, bevor sie sich für eine Spezialisierung entscheiden. Angehende Pfleger dürften sich daher doppelt fragen, warum sie sich für die schlechter bezahlte Altenpflege entscheiden sollten, argumentieren die Autorinnen.

Bis zu 5,2 Milliarden Euro jährlich für Bezahlung nach Tarif

Zur Aufwertung der Altenpflege schlagen die Wissenschaftlerinnen vor, flächendeckend tarifliche Mindeststandards zu setzen. Auch die gesetzlichen Vorgaben für die Refinanzierung von Lohnerhöhungen seien nicht mehr angemessen. Weil die Pflegeversicherung diese nicht übernimmt, wirken sich höhere Verdienste von Altenpflegern auf die Eigenbeiträge der Gepflegten aus.

Mehr zur Studie

Wer hat die Studie durchgeführt?
Die Hans-Böckler-Stiftung hat die Studie in Auftrag gegeben. Durchgeführt wurde sie von Michaela Evans und Christine Ludwig vom Institut Arbeit und Technik der Westfälischen Hochschule Gelsenkirchen unter Mitarbeit von Jens Hermann. Titel der Untersuchung: "Zwischen Aufwertung, Abwertung und Polarisierung. Chancen der Tarif- und Lohnpolitik für eine arbeitspolitische 'High-Road-Strategie' in der Altenpflege"
Welche Daten wurden genutzt?
Für die Studie haben die Forscherinnen Daten der Beschäftigtenstatistik der Bundesagentur für Arbeit ausgewertet.

Die von der Bundesregierung angestrebte bessere Bezahlung von Pflegekräften auf Tarifniveau würde einem Bericht zufolge jährlich zwischen 1,4 und 5,2 Milliarden Euro kosten. Das geht aus einer Studie des IGES-Instituts für das Bundesgesundheitsministerium hervor, über die die "Bild am Sonntag" berichtete.

Die günstigste Variante wäre demnach eine nach Regionen oder Bundesländern unterschiedliche tarifliche Bezahlung mit Kosten von mindestens 1,4 Milliarden Euro. Bei der teuersten Variante würden alle Gehälter bundesweit einheitlich an den Tarifvertrag im öffentlichen Dienst angepasst, was jährlich etwa 5,2 Milliarden Euro mehr kosten würde.

Dazwischen läge dem Bericht zufolge ein bundesweiter gestaffelter Mindestlohn mit Mehrkosten von 1,5 bis 2 Milliarden Euro. Eine Pflegehilfskraft würde dann bis 2500 Euro verdienen, eine Fachkraft bis zu 3200.

Für Studienautorin Evans stehen zunächst die unteren 20 Prozent der Verdienste im Vordergrund, also etwa die ambulanten Altenpfleger. Deren Bezahlung könne man wohl mit dem mittleren Modell verbessern, sagte sie dem SPIEGEL. Das Vollszenario hält Evans für "wünschenswert" - ob es realistisch ist, stellt sie aber infrage.

"Wenn wir die Arbeitsbedingungen für Pflegekräfte verbessern wollen, müssen sie besser bezahlt werden", sagte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) der "Bild am Sonntag". "Egal, wofür wir uns entscheiden - das bedeutet spürbare Mehrkosten." Die privaten Pflegeanbieter wehren sich allerdings gegen eine bundesweit festgelegte Bezahlung.

mit Material von dpa

insgesamt 37 Beiträge
draco2007 01.04.2019
1.
Was hilft? Na klar schnelleres Wachstum, DAS Allheilmittel. Bin ich das, oder leben wir Menschen echt wie Bakterien in der Petrischale? Wachsen bis wir alle sterben, das scheint das Motto der Stunde. Eine Rente, die [...]
Was hilft? Na klar schnelleres Wachstum, DAS Allheilmittel. Bin ich das, oder leben wir Menschen echt wie Bakterien in der Petrischale? Wachsen bis wir alle sterben, das scheint das Motto der Stunde. Eine Rente, die unendliches Wachstum als konzeptionelle Grundlage hat, KANN nicht funktionieren. Der Menschheit muss langsam klar werden, dass es genug Menschen gibt...MEHR ist nicht die Lösung...
wrkffm 01.04.2019
2. Robotik und Outsourcing
Die Lösung der Zukunft ist wohl der Pflegeroboter, für diejenigen, die ihn sich dann gerade noch leisten könen. Der Rest wird dann, aus reinen Kostengründen, in´s billig Ausland outgesourced. Die Osteuropäischen Staaten [...]
Die Lösung der Zukunft ist wohl der Pflegeroboter, für diejenigen, die ihn sich dann gerade noch leisten könen. Der Rest wird dann, aus reinen Kostengründen, in´s billig Ausland outgesourced. Die Osteuropäischen Staaten müssen ja auch am Leben gehalten werden, denn nicht alle können in Deutschland wohnen und arbeiten.
frodo111 01.04.2019
3. Ich kann es nicht mehr hören
Das Problem in der Pflege ist durch die mediale Berichterstattung doch noch viel größer geworden. Wenn ich mir etwas einrede dann glaube ich es auch irgendwann. Es wird nicht schlecht bezahlt in der Altenpflege! Je öfter man [...]
Das Problem in der Pflege ist durch die mediale Berichterstattung doch noch viel größer geworden. Wenn ich mir etwas einrede dann glaube ich es auch irgendwann. Es wird nicht schlecht bezahlt in der Altenpflege! Je öfter man darüber berichtet desto weniger junge Menschen wollen den Beruf ausüben
tommit 01.04.2019
4. So ist das in der Altenpflege
einfach mehr zahlen und schon interessieren sich sofort mehr Jugendliche dafür.... Das wird natürlich nicht auf die Patienten umgelegt....sprich die Altersheimbewohner... Ich hätte da einen Vorschlag, die Kommunen bekommen [...]
einfach mehr zahlen und schon interessieren sich sofort mehr Jugendliche dafür.... Das wird natürlich nicht auf die Patienten umgelegt....sprich die Altersheimbewohner... Ich hätte da einen Vorschlag, die Kommunen bekommen das Recht für ortansässige EInwohner mobile Sanierungsgebiete zu erklären. Wenn nun ein Sohn oder eine Tochter durch Renovierung des Hauses der Eltern incl Barrierereduzierung und pflegbar machen, hälftig durch die KFW Zuschüsse 'altersgerecht Umbauen' und hälftig durch Eigenkapital, welches dann durch §7h über 12 Jahre steuerlich abgesetzt werden kann und nicht an externe Investoren vergeben wird... dann klappt es auch mit der Ortskernsanierung, die Gebäudesubstanz wird gestärkt und das Haus kann später als Mietobjekt weiterhin eingesetzt werden ... Wenn das selbe ein Rentner macht kostet das i.d.R. einen fünfstelligen Betrag mehr... Sicher müssen die Löhne erhööht werden, man sollte den Leuten aber auch sagen was das dann für die monatlichen Beiträge in den entsprechenden EInrichtungen bedeuten wird...
vliege 01.04.2019
5. Kosten/ Nutzen Rechnung
Auf den Punkt gebracht ist es doch so, das Menschen ab einem gewissen Alter Betriebswirtschaftlich nur noch als Kostenfaktor gesehen werden. So verhält es leider auch mit der Bezahlung derjenigen die sich in den letzten [...]
Auf den Punkt gebracht ist es doch so, das Menschen ab einem gewissen Alter Betriebswirtschaftlich nur noch als Kostenfaktor gesehen werden. So verhält es leider auch mit der Bezahlung derjenigen die sich in den letzten Lebensjahren um diese kümmern. Beides, die mitunter Verwahrung von alten Menschen sowie die Bezahlung der Pflegekräfte halte ich für Menschenverachtend. Die Privaten sträuben sich mehr zu bezahlen, haben sie doch nicht immer in erster Linie das Wohl der zu Pflegenden oder ihrer Mitarbeiter im Auge sondern Quartalszahlen. Der Pflege-Tüv dient als Beruhigungspille und wird wie einige TV Reportagen zeigten nicht selten umgangen oder manipuliert. Ohne gleich eines mit der Populistenkeule eine übergebraten zu bekommen bin ich dennoch der Meinung, das, wenn wir uns leisten können 1,8 Mio Neubürger zu beherbergen und zu versorgen auch auf diejenigen ein wohlwollendes Auge zu haben die keinen Volkswirtschaftlichen "Nutzen" und derer Pfleger zu haben. Soziale Kälte ist mMn der Anfang vom Ende des Mensch seins.

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