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KarriereSPIEGEL

Umstrittene neue Regelung in Spanien

Arbeitszeiterfassung sorgt für Chaos

Eines der weltweit strengsten Gesetze zur Arbeitszeiterfassung ist am Sonntag in Spanien in Kraft getreten. Die Unternehmen dürfen mit Stechuhr, App oder Papierliste erfassen, doch an der Umsetzung hapert es.

Juan Medina/ REUTERS

Ein Demonstrant des spanischen Gewerkschaftsdachverbands CCOO am 1. Mai in Madrid

Dienstag, 14.05.2019   13:07 Uhr

Eine neue, verpflichtende Arbeitszeiterfassung hat in Spanien am ersten Tag für Verwirrung gesorgt. Zahlreiche Unternehmen hätten sich nicht darauf vorbereitet, sagte eine Sprecherin des spanischen Gewerkschaftsdachverbands CCOO.

Das Gesetz war vor zwei Monaten von der sozialistischen Minderheitsregierung von Pedro Sánchez beschlossen worden und am Sonntag in Kraft getreten. Es verpflichtet alle Arbeitgeber, die geleisteten Arbeitszeiten ihrer Angestellten zu dokumentieren.

Von den Unternehmen sei das Gesetz jedoch nicht ernst genommen worden, klagte Arbeitsministerin Magdalena Valerio. So beschwerten sich etwa Hotelangestellte auf Mallorca, ihre Arbeitgeber hätten sie Dokumente mit gefälschten Arbeitszeiten unterschreiben lassen.

Stechuhr, App, Papierliste - alles ist möglich

Wie ein Schüler, der am letzten Tag vor der Klassenarbeit zu lernen beginnt, hätten sich viele Unternehmen erst jetzt mit der neuen Regelung befasst, schrieb die spanische Zeitung "El Periódico". Dem Bericht zufolge hat allerdings auch das Arbeitsministerium geschlampt: Erst am Dienstag erschien demnach ein Leitfaden, wie die Unternehmen das Gesetz umsetzen sollen.

Arbeitsministerin Valerio kündigte an, die Einhaltung des Gesetzes zu überprüfen. Mit den neuen Regelungen wolle die Regierung vor allem unbezahlte Überstunden und Schwarzarbeit bekämpfen. Die Unternehmen können die Arbeitszeiten wahlweise durch digitale Stechuhren, Apps oder in Papierform erfassen und müssen die Daten vier Jahre lang aufbewahren. Nach Einschätzung von Experten ist das Gesetz eines der strengsten der Welt. So gilt es etwa auch für Angestellte, die von zu Hause arbeiten.

Der Europäische Gerichtshof hat am Dienstag beschlossen, dass alle Unternehmen in der Europäischen Union die Arbeitszeiten ihrer Beschäftigten systematisch erfassen müssen. Nur so lasse sich überprüfen, ob zulässige Arbeitszeiten überschritten würden, begründeten die obersten EU-Richter in Luxemburg das Urteil.

jkl/dpa

insgesamt 27 Beiträge
jschm 14.05.2019
1. Landestypisch
Da waren die Spanier aber schneller als die Deutschen. Nur die Umsetzung ist mal wieder landestypisch. Ein Gesetz wird beschlossen und im Amzeiger verkündet. Damit ist für Politiker und Beamte die arbeit getan. Leider liest [...]
Da waren die Spanier aber schneller als die Deutschen. Nur die Umsetzung ist mal wieder landestypisch. Ein Gesetz wird beschlossen und im Amzeiger verkündet. Damit ist für Politiker und Beamte die arbeit getan. Leider liest nicht jeder das Gesetzblatt und es gibt auch keine Informationen zur Umsetzung oder eine Diskussion in der Presse. Eine Woche vor Inkrafttreten wachen alle auf und es beginnt die iberische Improvisation. In der Zwischenzeit ist natürlich der Bußgeldkatalog fertig und Gewerkschafter liegen auf der Lauer um Firmen anzuzeigen. Das gleiche Trauerspiel gab es beim Gesetz gegen den Zahlungsverzug, das bis heute kein Mensch einhält, angefangen beim Staat! Aber die Absicht war ja gut! Mal schauen wie es in Deutschland läuft.....
saarkast 14.05.2019
2. Danke - Wir hatten schon Angst...
... dass nach der Umsetzung der DS-GVO die Unternehmen nichts wichtiges mehr zu tun hätten! Was machen die Spanier eigentlich, wenn sie mitbekommen, dass DS-GVO und andere EU-Vorgaben auch für sie gelten?
... dass nach der Umsetzung der DS-GVO die Unternehmen nichts wichtiges mehr zu tun hätten! Was machen die Spanier eigentlich, wenn sie mitbekommen, dass DS-GVO und andere EU-Vorgaben auch für sie gelten?
mwroer 14.05.2019
3.
Ich habe in den letzten 30 Jahren in keiner Firma gearbeitet in dem die Arbeitszeit nicht erfasst worden wäre und auch in meiner Firma wird die Arbeitszeit erfasst. Wo genau ist die Neuerung? Warum gilt das ganz als 'strengstes [...]
Ich habe in den letzten 30 Jahren in keiner Firma gearbeitet in dem die Arbeitszeit nicht erfasst worden wäre und auch in meiner Firma wird die Arbeitszeit erfasst. Wo genau ist die Neuerung? Warum gilt das ganz als 'strengstes Gesetz weltweit'? Ich kann die Regelung leider nicht für mich übersetzen :)
emm_ess 14.05.2019
4. Vertrauensarbeitszeit
Das ist aber nicht überall so. Ich habe 15 Jahre nach dem Prinzip der Vertrauensarbeitszeit mit selbstverwaltetem Überstundenpuffer gearbeitet und war sehr zufrieden damit.
Zitat von mwroerIch habe in den letzten 30 Jahren in keiner Firma gearbeitet in dem die Arbeitszeit nicht erfasst worden wäre und auch in meiner Firma wird die Arbeitszeit erfasst. Wo genau ist die Neuerung? Warum gilt das ganz als 'strengstes Gesetz weltweit'? Ich kann die Regelung leider nicht für mich übersetzen :)
Das ist aber nicht überall so. Ich habe 15 Jahre nach dem Prinzip der Vertrauensarbeitszeit mit selbstverwaltetem Überstundenpuffer gearbeitet und war sehr zufrieden damit.
demokrit2012 14.05.2019
5. Gestriges Denken
In vielen Berufen und ab gewissen Positionen verschwimmen Privatleben und Firma inzwischen zu unklaren Grenzen. Wie soll ich die Telefonanrufe erfassen, die ich noch angenommen habe, während ich in der KiTa warte, dass sich mein [...]
In vielen Berufen und ab gewissen Positionen verschwimmen Privatleben und Firma inzwischen zu unklaren Grenzen. Wie soll ich die Telefonanrufe erfassen, die ich noch angenommen habe, während ich in der KiTa warte, dass sich mein Kind umzieht? Oder die emails, die noch schnell beantworte, während ich in der Bahn sitze? Vertrauensarbeitzeit ist doch etwas tolles und auch von vielen Arbeitnehmern gewünscht. Der Bonus für den Arbeitgeber ist, dass ich vermutlich einige unerfasste Überstunden leiste und außerhalb der offiziellen Arbeitszeit auch in dringenden Fällen zur Verfügung stehe. Der Bonus für mich ist, dass ich schnell mal aufspringen kann um kranke Kinder einzusammeln, von zu Hause arbeite - was möglich ist - wenn der Kindergarten mal wieder geschlossen hat, ohne einen Urlaubstag investieren zu müssen, etc... Es sollte jeder das Recht haben, seine Arbeitszeit zu erfassen und bei Bedarf regelmäßig vom Arbeitgeber abzeichnen zu lassen. Aber eine generelle Erfassung halte ich in vielen Branchen für nicht angebracht.

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