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KarriereSPIEGEL

Expats über Deutschland

Zum Arbeiten top, zum Leben flop

Mit ihrer Arbeit sind ausländische Fachkräfte in Deutschland sehr zufrieden. Aber es fällt ihnen schwer, Freunde zu finden, zeigt eine Studie. In einem Punkt halten Expats die Bundesrepublik sogar für ein Entwicklungsland.

Getty Images

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Donnerstag, 05.09.2019   11:12 Uhr

Für ausländische Fachkräfte ist Deutschland ein guter Ort zum Arbeiten. Aber besonders willkommen fühlen sie sich bei uns nicht. Dies sind die zentralen Ergebnisse der bislang unveröffentlichten Studie "Expat Insider 2019" von InterNations. Die befragten Expats nehmen die Deutschen demnach als unterkühlt und nicht kinderfreundlich wahr.

Für die Studie befragte das soziale Netzwerk für Expatriates mehr als 20.000 Menschen aus 180 Nationen über ihre Meinung zum Leben und Arbeiten in 64 Gastländern rund um den Globus. Die Antworten wurden in sechs Kategorien gebündelt:

Am zufriedensten sind die begehrten Expats in Taiwan, Vietnam, Portugal, Mexiko und Spanien. Ganz hinten: Nigeria, Italien und Kuwait. Deutschland liegt bei der Beliebtheit im Mittelfeld: Rang 33 unter 64 Ländern. Die Ergebnisse in den einzelnen Kategorien klaffen aber extrem auseinander:

Beim Arbeitsleben belegt die Bundesrepublik Platz vier, bei Eingewöhnung hingegen Platz 59. Bei der Digitalisierung, einer Unterkategorie von Lebensqualität, ist Deutschland aus Sicht der ausländischen Fachkräfte ein Entwicklungsland: Rang 55.

"Expats in Deutschland schätzen die Arbeitsplatzbedingungen, die Jobsicherheit und die vergleichsweise geringe Arbeitszeit", sagt Kathrin Chudoba, Leiterin der Studie, "Aber wenn es ums Einleben geht, fühlen sich die Menschen bei uns nicht so abgeholt." Dies habe sich schon bei vorherigen Studien gezeigt.

InterNations erstellt das Ranking seit 2014. Damals belegte Deutschland noch Platz 12; 2018 kam es nur noch auf den 36. Rang.

Die wichtigsten Ergebnisse im Detail:

Wirtschaftslage: Damit sind die hiesigen Expats am zufriedensten. 90 Prozent sehen sie positiv, 72 Prozent halten ihren Arbeitsplatz für sicher. Nur Luxemburg erhält noch höhere Werte.

Bildungs- und Gesundheitssystem: Beides wird hochgeschätzt, vor allem die kostenlosen öffentlichen Schulen oder die vergleichsweise erschwinglichen Privatschulen.

Deutsche und Freundlichkeit: Mäßige bis miserable Noten bekommt die Bundesrepublik bei Fragen, in denen es um Freundlichkeit der Einheimischen und die Kontaktaufnahme zu ihnen geht. So bezeichnen lediglich 52 Prozent der Expats in Deutschland die heimische Bevölkerung als insgesamt freundlich - im weltweiten Durchschnitt liegt dieser Wert bei 68 Prozent.

Und nur 12 Prozent (global 27 Prozent) sind der Meinung, dass die Deutschen gegenüber ausländischen Mitbewohnern sehr freundlich sind. Auch die Einstellung der Einheimischen gegenüber Kindern wird schlecht bewertet. "Die Deutschen sind Ausländern gegenüber nicht wirklich aufgeschlossen", urteilte einer der Befragten aus Mexiko. "Sie sagen zwar, dass sie diese integrieren möchten, aber meistens geschieht es dann doch nicht."

"Freunde finden": In dieser Unterkategorie rangiert die Bundesrepublik auf dem sechstletzten Platz. 55 Prozent sagen, es sei schwer, sich mit Deutschen anzufreunden. "Wenn man nicht mehr unter 30 ist und keinen deutschen Partner hat, ist es zumeist schwierig, in Deutschland Freunde zu finden", sagte eine US-Amerikanerin, die in Deutschland arbeitet. "Die Leute hier haben bereits ihren festen Freundeskreis und akzeptieren oft keine anderen." Als ein besonderes Hindernis wird der Umfrage zufolge die deutsche Sprache wahrgenommen.

Digitale Infrastruktur: Ein miserables Zeugnis stellen die Expats den deutschen Telekommunikationsanbietern aus. Beim Zugang zum Internet und Mobilfunk rangiert Deutschland in den Flop Ten. Und wenn es ums digitale Bezahlen geht, landet die Bundesrepublik sogar auf dem vorletzten Platz. Schlechter ist es aus Sicht der Expats nur noch in Ecuador.

Eine Befragte aus Namibia erklärte: "Wenn es um Zugang zu digitaler Infrastruktur (vor allem Internet und Onlinebanking) geht, befindet sich Deutschland leider noch in der Steinzeit."

Lesen Sie, was Expat-Ehefrauen im Ausland erleben

insgesamt 240 Beiträge
august2019spiegel 05.09.2019
1. Probleme ausgerechnet beim Onlinebanking?
Das ist doch so ziemlich der einzige Teil, der durchgängig funktioniert und bei dem es zig Fintechs gibt, die alle möglichen Dienstleistungen bieten und bei denen alles auf dem Smartphone funktioniert. Okay, eine Ausnahme: [...]
Das ist doch so ziemlich der einzige Teil, der durchgängig funktioniert und bei dem es zig Fintechs gibt, die alle möglichen Dienstleistungen bieten und bei denen alles auf dem Smartphone funktioniert. Okay, eine Ausnahme: Unbarer Geldtransfer zwischen Privatpersonen. Da hapert es, da gibt es eigentlich nur die Überweisung bei dem man irgendwie die IBAN kriegen muss, die die meisten erstaunlicherweise (Sarkasmus) nicht auswendig kennen. Oder PayPal. Letzteres ist auch eine Insellösung, aber wenigstes verbreitet. Ansonsten sehe ich bei Online ganz, ganz andere Probleme.
norgejenta 05.09.2019
2. Das ist in manch anderen Ländern
nicht anders. Bekannte von mir arbeitet in der Schweiz. Zum arbeiten gut, Verdienst gut, Freunde finden extrem schwer. Und in Norwegen ist dasselbe. Da haperts auch oft mit der Sprache, weil dort in jedem Tal ein anderer Dialekt [...]
nicht anders. Bekannte von mir arbeitet in der Schweiz. Zum arbeiten gut, Verdienst gut, Freunde finden extrem schwer. Und in Norwegen ist dasselbe. Da haperts auch oft mit der Sprache, weil dort in jedem Tal ein anderer Dialekt gesprochen wird.
jjgiphone 05.09.2019
3. Freundschaft oder Bekanntschaft?
Aber das geht Einheimischen doch auch so. In manchen Regionen, besonders in Norddeutschland, ist der Kontakt zu den neuen Mitmenschen oft nur über die örtlichen Vereine möglich. Es dauert eben, aber wenn Freundschaften [...]
Aber das geht Einheimischen doch auch so. In manchen Regionen, besonders in Norddeutschland, ist der Kontakt zu den neuen Mitmenschen oft nur über die örtlichen Vereine möglich. Es dauert eben, aber wenn Freundschaften entstehen sind sie auch haltbar. Unverbindliche Bekanntschaften sind im Rheinland oder in Bayern schneller möglich. Man feiert zusammen, am nächsten Tag kennt man sich nicht mehr. Eben alles unverbindlich.
Nellodee 05.09.2019
4. Tja.
Liebe Expats, ich verrate euch jetzt ein Geheimnis - I'll tell you a secret (I know you prefer to speak English...;-): Deutsche sind auch zu Deutschen nicht besonders freundlich. Das nimmt sogar zu, je weiter man in den Norden [...]
Liebe Expats, ich verrate euch jetzt ein Geheimnis - I'll tell you a secret (I know you prefer to speak English...;-): Deutsche sind auch zu Deutschen nicht besonders freundlich. Das nimmt sogar zu, je weiter man in den Norden kommt. Und ja, Deutsche schließen keine schnellen Freundschaften. Mit niemandem. Das dauert. Selbst Nachbarn nähern sich meist über Jahre an. Also, nicht den Mut verlieren: Ihr seid nicht allein. Aber wenn ihr schließlich einen deutschen Freund findet, dann behaltet ihr ihn auch. Lebenslang, durch Dick und Dünn.
lock_vogell 05.09.2019
5. hhm...
... interessant wäre hier eine regionale unterteilung... ich behaupte mal ganz frech im rheinland wird es signifikant einfacher sein leute kennenzulernen als sagen wir mal in berlin... wobei man in berlin ja zumindest recht [...]
... interessant wäre hier eine regionale unterteilung... ich behaupte mal ganz frech im rheinland wird es signifikant einfacher sein leute kennenzulernen als sagen wir mal in berlin... wobei man in berlin ja zumindest recht einfach kontakt zu anderen expats finden sollte. :P
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