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Autodesign

Der Tontechniker

Schöner, eleganter, sportlicher: Das Design eines Autos ist für viele Käufer genauso wichtig wie die Leistung. Neue Modelle werden erst einmal mit Ton geformt - dafür gibt es sogar einen eigenen Beruf.

Manuel Hauptmannl
Aus Oberursel berichtet Lara Jäkel
Donnerstag, 30.05.2019   12:54 Uhr

"Das ist der Moment, in dem die Oberfläche lebendig wird", sagt Johannes Collopy und streicht die glänzende rote Folie glatt. Kritisch betrachtet er, wie die handgeformte Skulptur das Licht reflektiert. Mit ein wenig Fantasie kann man bereits die Formen eines Autos erkennen, die sich unter der Folie abzeichnen. Hier, in einem unscheinbaren roten Backsteingebäude in Oberursel in der Nähe von Frankfurt, entstehen die neuen Designs des Autoherstellers Mazda.

Daran ist Collopy entscheidend beteiligt: Als "Clay Modeller" fertigt er Designentwürfe als lebensgroße Tonmodelle an. Anhand der Modelle entscheidet sich der Hersteller für eine Designvariante, die in Serienproduktion geht. Die handgefertigten Skulpturen haben einen wichtigen Vorzug gegenüber der Arbeit am Computer, sagt der 31-Jährige: "Man kann Veränderungen direkt sehen und das Modell immer wieder anpassen."

An einer halbfertigen Skulptur zeigt Collopy, wie ein neues Automodell entsteht. Mit geübten Handbewegungen trägt er den auf 60 Grad erhitzten Ton auf. Schon dabei müsse man genau darauf achten, wie man das Material verteilt, erklärt er, damit keine Luftblasen entstehen. Nachdem der Ton abgekühlt ist, arbeitet er mit einem groben Werkzeug die Umrisse des Autos heraus. Wie bei einem Käsehobel fallen Tonraspeln herunter, während das Modell langsam Form annimmt.

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Autodesign: Der Tonangeber

Dann ist Präzision gefragt: Mit einem dünnen, langen Werkzeug, das wie eine übergroße Rasierklinge aussieht, bearbeitet Collopy den Ton geschickt. Immer wieder überprüft er seine Arbeit mit der glänzenden Folie, bis das Modell der Vorlage gleicht und auch die kleinste Unebenheit verschwunden ist. "Mit der Zeit bekommt man ein Gefühl dafür, wie man den Ton formen muss, damit der gewünschte Effekt entsteht", erklärt er.

Clay Modeller arbeiten mit einem speziell für diesen Zweck entwickelten Ton, der sich besonders leicht verarbeiten lässt. Der Vorteil: Das Material könne problemlos neu aufgetragen und bearbeitet werden, um Fehler zu korrigieren, erklärt Collopy. Jeder Modellierer arbeite mit Dutzenden verschiedenen Werkzeugen in unterschiedlichen Größen und Formen - jedes einzelne mit einer speziellen Funktion.

Die handwerkliche Arbeit habe ihm schon immer viel Spaß gemacht, sagt Collopy: "Es ist toll, am Ende des Tages ein Ergebnis in der Hand zu halten." Das Talent ist dem Schweden mit australischen Wurzeln in die Wiege gelegt worden: Als er klein war, erinnert er sich, habe sein Großvater ein ganzes Haus aus Holz gebaut. Bis er die komplizierte Technik des Clay Modelling beherrschte, habe es dennoch mehrere Jahre gedauert.

Ein Beruf ohne klassische Ausbildung

Denn beim Modellieren müsse man viele Details beachten, betont Andreas Feussner, Leiter der Clay-Modelling-Abteilung in Frankfurt. Selbst Laien merkten unbewusst, wenn die Proportionen oder die Linienverläufe nicht stimmten, so der 43-Jährige. Deshalb sei ein gutes Vorstellungsvermögen als Clay Modeller besonders wichtig. Eine klassische Ausbildung gebe es für den Beruf nicht, sagt Feussner. Stattdessen erlerne man die Technik vor allem durch Übung.

Feussner ist gelernter Schreiner, Collopy hat Industriedesign studiert. "Der berufliche Hintergrund eines Modellierers formt seine Arbeit", sagt Collopy. So entwickle jeder Clay Modeller einen eigenen, wieder erkennbaren Stil. Dieser kreative Teil des Clay Modelling begeistere ihn besonders, erzählt der 31-Jährige. Zwar setzten die Modellierer in erster Linie die Entwürfe der Designer um, sie könnten aber auch eigene Gestaltungsideen einbringen.

Die Entwicklung eines neuen Modells funktioniere wie bei einem Ping-Pong-Spiel, erklärt Feussner. Designer und Modellierer arbeiteten zusammen daran, die Entwürfe umzusetzen und zu verbessern. Mazda sei in dieser Hinsicht einzigartig, sagt er, da das Clay Modelling einen hohen Stellwert hat: "Wir haben hier viel Zeit für die Produktion der Modelle - das ist wirklich Luxus." Von der ersten Idee bis zum fertigen Auto dauere es etwa zwei Jahre.

Bis zu drei Modelle werden im Designzentrum parallel bearbeitet - nur wenige werden auch für die Serienproduktion ausgewählt. Natürlich sei das auch manchmal frustrierend , sagt Collopy. Trotzdem könne er sich keinen besseren Job vorstellen: "Wenn man letztendlich ein Auto auf der Straße sieht, an dem man mitgearbeitet hat, ist das ein ganz besonderes Gefühl."

insgesamt 12 Beiträge
jenzer 30.05.2019
1.
Der Beruf wird leider auch langsam von der Digitalisierung gefressen, speziell VR wird diesem Handwerk leider über kurz oder lang der Sargnagel sein - insofern schön, dass SPON ihn mal beleuchtet! Es gibt übrigens eine Schule [...]
Der Beruf wird leider auch langsam von der Digitalisierung gefressen, speziell VR wird diesem Handwerk leider über kurz oder lang der Sargnagel sein - insofern schön, dass SPON ihn mal beleuchtet! Es gibt übrigens eine Schule in Selb, an der man das Handwerk erlernen kann.
oscar111 30.05.2019
2. Schöner? Eleganter? Sportlicher?
Der ein oder andere Bürger ist ja leider gezwungen, mal vor die Tür zu gehen. Da bleibt es nicht aus, dass man mitten im Autoverkehr steht und sofort einen guten Eindruck bekommt, wie ekelerregend agessiv das internationale [...]
Der ein oder andere Bürger ist ja leider gezwungen, mal vor die Tür zu gehen. Da bleibt es nicht aus, dass man mitten im Autoverkehr steht und sofort einen guten Eindruck bekommt, wie ekelerregend agessiv das internationale Design eigentlich sämtlicher Fahrzeugtypen heute ist. Allen voran die Nissan- Modelle und natürlich sämtliche SUV, hier besonders BMW und Mercedes. Gestern entdeckte ich den Schriftzug "Jaguar" auf einem Fahrzeug und dachte, ähm, Jaguar? Der sieht doch aus wie ein ganz normaler großer Mercedes oder BMW. Nichts, aber auch garnichts mehr übrig von der stilprägenden Eleganz die ich mit Jaguar verbinde. Ich bin einigermaßen ratlos, wie das Autodesign allgemein so verkommen konnte.
wdiwdi 30.05.2019
3. Und das soll Zukunft haben?
Ich bin mir sicher, andernorts werden diese Modelle schon 100% maßstabsgetreu ohne Beteiligung eines Clay-Modellers 3D-gedruckt oder aus einem Ton-Block gefräst, wenn man sie schon nicht am Bildschirm oder mit der VR-Brille [...]
Ich bin mir sicher, andernorts werden diese Modelle schon 100% maßstabsgetreu ohne Beteiligung eines Clay-Modellers 3D-gedruckt oder aus einem Ton-Block gefräst, wenn man sie schon nicht am Bildschirm oder mit der VR-Brille beurteilen mag.
tuscreen 30.05.2019
4.
Angesichts der Tatsache, dass es heute faktisch keine klassisch schönen neuen Autos mehr gibt, scheint dieses schöne Handwerk tatsächlich etwas vergebene Liebesmüh zu sein. Fairerweise muss man dazu sagen, dass Mazdas noch [...]
Angesichts der Tatsache, dass es heute faktisch keine klassisch schönen neuen Autos mehr gibt, scheint dieses schöne Handwerk tatsächlich etwas vergebene Liebesmüh zu sein. Fairerweise muss man dazu sagen, dass Mazdas noch zu den ansehnlicheren Autos gehören. Ins Auge springt auch das sehr elegante silberne Coupe im Hintergrund des obigen Fotos. Könnte ohne weiteres als Bentley, Aston Martin, neuer Bristol durchgehen. Genau deshalb wird es wahrscheinlich auch von Mazda nie produziert.........
Muttersprachler 30.05.2019
5. Produktionsmodellbauer
Als ich 1995 die Ausbildung zum Produktionsmodellbauer machte, war das Erstellen von Ziehmodellen Bestandteil der Lehre. Der eher seltene Ausbildungsberuf hatte drei Bereiche: Gießereimodellbau, Architekturmodellbau, [...]
Als ich 1995 die Ausbildung zum Produktionsmodellbauer machte, war das Erstellen von Ziehmodellen Bestandteil der Lehre. Der eher seltene Ausbildungsberuf hatte drei Bereiche: Gießereimodellbau, Architekturmodellbau, Designmodellbau In der Ausbildung lernte man, auf ein Zehntel Millimeter genau zu arbeiten. Als ich ausgelernt hatte, wurden leider viele Handarbeiten von CAD, Rapid Prototyping etc. abgelöst.

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