Schrift:
Ansicht Home:
KarriereSPIEGEL

Personalmangel bei Bademeistern

"Wir brauchen Leute - sonst wird es gefährlich"

An Deutschlands Beckenrändern fehlen mindestens 2500 ausgebildete Bademeister. Das führe dazu, dass Bäder geschlossen werden, sagt Verbandspräsident Peter Harzheim - die Folgen seien fatal.

Daniel Karmann/ DPA

Freibad in Bayern: "David Hasselhoff, der am Beckenrand langschwebt" - so sehen sich Bademeister nicht

Ein Interview von und
Samstag, 15.06.2019   12:33 Uhr

Seine Tochter war zwei Jahre alt, als sie das erste Mal vom Ein-Meter-Brett sprang. Peter Harzheim stand daneben und blieb cool. Als ihr Vater und als Bademeister des Schwimmbades wusste er, dass das Mädchen es allein zum Beckenrand schaffen würde.

Heute ist Harzheim 63 Jahre alt und Präsident des Bundesverbands Deutscher Schwimmmeister - und macht sich schon mehr Sorgen als früher. Darüber, dass es immer weniger Kinder gibt, die früh schwimmen lernen. Darüber, dass es dringend mehr Menschen braucht, die es ihnen beibringen möchten.

SPIEGEL ONLINE: Herr Harzheim, warum sind Sie Bademeister?

Harzheim: Ich werde eigentlich nicht so gerne Bademeister genannt. Der Begriff wertet den Beruf ab, nennen Sie mich lieber Schwimmmeister. Im Schwimmbad bin ich großgeworden, ich war immer gern im Wasser. Seit ich Schwimmmeister bin, weiß ich, dass es nichts Schöneres gibt, als Menschen zu helfen, Schwimmen zu lernen. Neulich traf ich eine Mutter wieder, die mal mit ihrem Säugling in meinem Babykurs war. Ich fragte: "Na, wie geht es Ihrem Sohn?" Sie sagte: "Schauen Sie mal, der steht neben mir!" Da stand ein 28 Jahre alter Mann, dem ich dem ich das Schwimmen beigebracht hatte. Das ist einfach ein wahnsinniges Gefühl.

SPIEGEL ONLINE: War Ihnen schon immer klar, dass Sie Schwimmmeister werden wollen?

Harzheim: Nein, ich bin gelernter Fernmeldehandwerker. Damals schloss ich Telefone an und machte Leitungen störungsfrei. Schweißen, löten, bohren, sägen. Doch dann gab es einen Einstellungstopp im öffentlichen Dienst. Ich wollte mir keine Sorgen um die Zukunft machen und fing dort an, wo ich ja eh immer gern war. Im Schwimmbad. Was ich in der ersten Ausbildung gelernt hatte, konnte ich dort gut gebrauchen: Wenn es im Keller des Bades darum ging, das Wasser zu kontrollieren, Pumpen oder Motoren zu reparieren, Filteranlagen zu säubern, dann war ich zur Stelle. Nach der dreijährigen Ausbildung zum Schwimmmeister konnte ich mich in den Tiefen des Gebäudes dann so richtig verausgaben.

SPIEGEL ONLINE: Aber oben, am Beckenrand, waren Sie auch unterwegs.

Harzheim: Natürlich. Wer nicht im Keller steht, gibt Kurse, organisiert Spielnachmittage, entwickelt Präventionskonzepte. Ein Schwimmmeister ist für die Wasseraufsicht und Sicherheit im gesamten Beckenbereich verantwortlich. Er ist Ersthelfer und Mut-Macher.

SPIEGEL ONLINE: Die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft hat kürzlich eine Petition zur Rettung der Schwimmbäder gestartet. Was ist da los?

Harzheim: Die DLRG hat recht: Zu viele Kinder können nicht mehr richtig schwimmen. Ein Grund dafür ist, dass viele Bäder geschlossen werden. Die Kampagne ist vielleicht etwas apokalyptisch, aber die Petition haben mittlerweile mehr als 100.000 Menschen unterschrieben. Das kann ich nur befürworten. Wenn die Zahlen zu Badeunfällen so wie zuletzt steigen, muss man dem entgegenwirken.

SPIEGEL ONLINE: Warum machen immer mehr Schwimmbäder zeitweise oder ganz dicht?

Harzheim: Das liegt am Personalmangel. Wenn nicht genügend Schwimmmeister da sind, müssen Badezeiten reduziert werden. In unserem Schwimmbad im Sauerland mussten wir zum Beispiel an einzelnen Tagen die Öffnungszeiten kürzen. Wenn das nicht mehr ausreicht, weil man die Betriebszeiten nicht mehr mit Fachkräften abdecken kann, werden Bäder eben tageweise oder im schlimmsten Fall sogar ganz geschlossen. Uns fehlen mindestens 2500 Fachkräfte deutschlandweit, Tendenz steigend. Wir brauchen schnell viele Leute. Sonst wird es gefährlich.

SPIEGEL ONLINE: Warum gefährlich?

Harzheim: Stellen Sie sich mal vor, was passiert, wenn immer weniger Schulen Schwimmunterricht anbieten können, weil es in den Bädern kein Personal dafür gibt. Kinder werden seltener früh ans Wasser gewöhnt. Sie gehen weniger selbstbewusst mit dem Element Wasser um und können in Notsituationen im Wasser keine Hilfe leisten, was zu Unfällen führen kann. Meine Tochter sprang schon mit zwei Jahren im Wasser herum. Heute lernen immer weniger Kinder, dass Schwimmen etwas anderes ist als Fußball, Tennis oder Golf. Es gibt viele Sportarten, die man machen kann, wenn man sie denn machen möchte - beim Schwimmen stellt sich die Frage nicht. Jeder muss schwimmen können, das gehört zum Leben.

SPIEGEL ONLINE: Dass Schwimmmeister fehlen, ist kein ganz neues Problem.

Harzheim: Stimmt, einen gewissen Mangel gab es schon immer, daher wird oft auf auch Rettungsschwimmer als preiswerte Saisonkräfte zurückgegriffen. Aber auch die sind weniger geworden - und sie können nicht alle Aufgaben der Fachkräfte ausführen.

SPIEGEL ONLINE: Warum wollen immer weniger Menschen im Schwimmbad arbeiten?

Harzheim: Vor 40, 50 Jahren war der Schwimmmeister im Dorf neben dem Bürgermeister und dem Pastor eine Respektsperson, zu der man aufgeschaut hat. Das ist heute nicht mehr so. Die breite Masse sieht den Schwimmmeister als den David Hasselhoff, der am Beckenrand mit seiner Boje entlangschwebt oder dem netten Mädchen hinterherschaut. Es müsste mehr Werbung für den Beruf geben, damit das Image nicht so schlecht ist, und mehr Ausbildungsplätze. Und eine bessere Bezahlung.

SPIEGEL ONLINE: Was verdienen Schwimmmeister?

Harzheim: In vielen privat geführten Betrieben, die Geld verdienen wollen, gehen die Mitarbeiter mit unter 2000 Euro brutto nach Hause - das ist nicht besonders attraktiv. Der überwiegende Teil der Schwimmbäder ist aber kommunal geführt. Da werden Fachkräfte nach Tarifvertrag bezahlt und verdienen mehr: etwa 2450 Euro brutto aufwärts.

SPIEGEL ONLINE: Was könnten die Schwimmmeister selbst tun, um die Personalnot in den Griff zu bekommen?

Harzheim: Eigentlich müssten wir mal wieder auf die Straße gehen. Leider ist unsere Organisation da nicht stark genug. Aber: Die Ausbildungsplätze an den Berufsschulen scheinen schon mehr zu werden. Und in manchen Betrieben, etwa in Bayern oder Baden-Württemberg, werden Schwimmmeister inzwischen auch über Tarif bezahlt. Es gibt einen Schimmer Hoffnung.

insgesamt 39 Beiträge
Gluehweintrinker 15.06.2019
1. Symptome eines sozial ausgehöhlten Landes
Die Wirtschaftslokomotive Europas, ein Gigant des Reichtums, kann sich keine öffentlichen Bäder mehr leisten, wie erbärmlich ist das? Analog zur ohnehin verrottenden Infrastuktur, von Verkehrswegen Straße und Schiene bis hin [...]
Die Wirtschaftslokomotive Europas, ein Gigant des Reichtums, kann sich keine öffentlichen Bäder mehr leisten, wie erbärmlich ist das? Analog zur ohnehin verrottenden Infrastuktur, von Verkehrswegen Straße und Schiene bis hin zu Schulen, liegt nun auch das Bäderwesen am Boden. Wir sind wirklich die Größten. Wer soll es denn tun, wenn es eine Saisonarbeit zwischen Mai und September ist und im Winterhalbjahr das Elend droht? Ein Land, das öbszönen Reichtum beschützt und am unteren Ende der Gesellschaft den Kahlschlag betreibt, darf sich nicht wundern, wenn eine Bevölkerung zu extremen politischen Ansichten neigt. Der Spitzensteuersatz von 1982 muss wieder her, reiche Personen und Unternehmen müssen an der Finanzierung des Gemeinwesens beteiligt werden oder das Gemeinwesen zerbricht.
Mister Stone 15.06.2019
2.
Viele öffentliche Schwimmbäder werden geschlossen, weil die meisten Kommunen kein Geld mehr haben (das sie zuschießen müssten, um den Betrieb zu gewährleisten). Der Betrieb kostet viel Geld (dazu gehören ganz besonders auch [...]
Viele öffentliche Schwimmbäder werden geschlossen, weil die meisten Kommunen kein Geld mehr haben (das sie zuschießen müssten, um den Betrieb zu gewährleisten). Der Betrieb kostet viel Geld (dazu gehören ganz besonders auch die Personalkosten für Schwimmeister, Hausmeister und sonstige Kräfte), und wenn man soziale Eintrittspreise gewährleisten will, muss die öffentliche Hand eben viel Geld zuschießen. Es ist das Geld, das den verarmten Kommunen fehlt. Fachkräfte wären genügend vorhanden, wenn der verantwortungsvolle Beruf besser bezahlt würde. Das würde er, wenn die Kommunen mehr Geld hätten. Wenn ich jetzt ausführen würde, warum die Kommunen - nach meiner Beurteilung - immer weniger Geld für öffentliche Schwimmbäder zur Verfügung haben, dann würde der Beitrag wahrscheinlich gelöscht.
Charlie Whiting 15.06.2019
3. Einen Sch(w)immer Hoffnung
Man muss sich halt von der Vorstellung verabschieden, dass bestimmte wichtige öffentliche Einrichtungen kostendeckend arbeiten könnten. Müssen sie auch nicht, wir zahlen schließlich genug Steuern. Und bei etwas mehr [...]
Man muss sich halt von der Vorstellung verabschieden, dass bestimmte wichtige öffentliche Einrichtungen kostendeckend arbeiten könnten. Müssen sie auch nicht, wir zahlen schließlich genug Steuern. Und bei etwas mehr Steuergerechtigkeit wäre das erst recht kein Problem. Wird leider drauf gepfiffen.
krautrockfreak 15.06.2019
4. Wir haben doch Millionen von Arbeitslosen und H4ler - immer noch!
Irgendwie passt das alles nicht zusammen, einerseits Millionen von Menschen, die wir alimentieren müssen, andererseits hunderttausende von freien Stellen, und nicht nur für Gelernte, auch viele Aushilfskräfte sind gesucht. Das [...]
Irgendwie passt das alles nicht zusammen, einerseits Millionen von Menschen, die wir alimentieren müssen, andererseits hunderttausende von freien Stellen, und nicht nur für Gelernte, auch viele Aushilfskräfte sind gesucht. Das passt zum Artikel, da läuft einiges schief bei uns...
Duffy73 15.06.2019
5. ...die Elter...
... könnten doch auch auf ihre Kinder aufpassen. Oder darf man die nicht in die Pflicht nehmen? Am See gehts...
... könnten doch auch auf ihre Kinder aufpassen. Oder darf man die nicht in die Pflicht nehmen? Am See gehts...

Verwandte Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP