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KarriereSPIEGEL

Alltag einer Bamf-Entscheiderin

"Ich trage die Verantwortung"

Sie hat mit Traumatisierten zu tun, mit vielen Hoffnungen und genauso vielen Ängsten: Eine Asylentscheiderin beim Bamf erzählt, was sie an ihrem Job mag - und wie aufgeregt sie bei ihrer ersten Anhörung war.

REUTERS

Bamf-Stelle in Berlin

Aufgezeichnet von
Mittwoch, 23.01.2019   09:39 Uhr
Zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist in vielen Berufen jede Menge Platz. In der Serie "Das anonyme Jobprotokoll" erzählen Menschen ganz subjektiv, was ihren Job prägt - ob Tierärztin, Staatsanwalt oder Betreuer im Jobcenter.

"Als Sonderbeauftragte höre ich besonders verletzliche Personen an, wie beispielsweise Vergewaltigungsopfer, Zwangsverheiratete, Kriegsflüchtlinge und Frauen, die vor Genitalverstümmelung geflüchtet sind. Viele haben große Angst vor dem Gespräch, gerade auch weil sie von schrecklichen Dingen, die sie erlebt haben, berichten müssen. Für sie geht es darum, ob sie in Deutschland bleiben dürfen oder nicht.

Ich gebe mir große Mühe, sensibel vorzugehen und das Gespräch für die Menschen so angenehm wie möglich zu gestalten. Wichtig ist, ihnen Zeit zu geben, damit sie sich öffnen können. Nichtsdestotrotz muss ich auch in diesen Fällen nachfragen, um den Sachverhalt vollständig aufzuklären.

Seit zweieinhalb Jahren arbeite ich als Entscheiderin beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Ich treffe mit meinen Kollegen die Entscheidung, ob ein Mensch, der einen Asylantrag stellt, Schutz in Deutschland erhält oder nicht. Im Durchschnitt führe ich an drei Tagen pro Woche, jeweils um 8 Uhr und um 11 Uhr, eine Anhörung durch. An den beiden anderen Tagen schreibe ich Bescheide und bereite die bevorstehenden Anhörungen vor.

Ich mag die Arbeit mit Menschen

Bei einer Anhörung sind in der Regel drei Personen anwesend: der Antragsteller, der seine Gründe für den Asylantrag vorträgt, der Entscheider, der die Anhörung durchführt und über den Antrag entscheidet, und ein Dolmetscher. Die Anhörung findet in der Muttersprache statt, da die meisten Antragsteller kein oder nicht ausreichend Deutsch sprechen. Zudem fühlen sich die Menschen in ihrer eigenen Sprache wesentlich sicherer und berichten bereitwilliger.

Grundsätzlich mag ich die Arbeit mit Menschen. Migration und Flucht sind zentrale Themen für unsere Gesellschaft, ich finde es spannend, hier mitzuarbeiten. Ich habe Verwaltungswissenschaften studiert und in einer anderen Behörde gearbeitet, was eine gute Voraussetzung für meinen jetzigen Beruf ist. 2015 dann las ich eine Stellenanzeige vom Bamf, bewarb mich und wurde eingestellt.

Seit Februar 2016 bin ich nun Entscheiderin. Vorher habe ich in einer mehrwöchigen Schulung alles über das Asylrecht und die Herausforderungen, die an den Beruf des Entscheiders gestellt werden, gelernt. Ich wurde mit den Vorgängen und Abläufen vertraut gemacht und den uns zur Verfügung stehenden Erkenntnismitteln.

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Das anonyme Job-Protokoll: So sieht der Alltag wirklich aus

An meine erste Anhörung, die ich allein durchführen musste, kann ich mich noch genau erinnern. Ich war sehr aufgeregt, das Herz schlug mir bis zum Hals und meine Hände schwitzten. Ein bisschen war es wie der erste Auftritt auf einer Bühne vor Publikum. Ich wusste: Ich trage die Verantwortung dafür, ob der Mensch, mit dem ich mich gleich unterhalte, in Deutschland Schutz erhält oder nicht. Der Fall war direkt sehr komplex, und ich musste schlussendlich gegen einen Schutzstatus entscheiden.

Bei der Entscheidung verlasse ich mich nicht auf mein Gefühl, sondern ich prüfe genau die Rechtslage und die Situation in den jeweiligen Herkunftsländern der Menschen. Hierfür haben wir eine Datenbank. In manchen Ländern haben wir auch Kollegen vor Ort, die zu besonders kritischen Fällen recherchieren können.

Entscheider wie ich werden in die Entgeltgruppe TVöD E 12 eingruppiert, dann erhält man 3400 Euro brutto. Man kann aber auch verbeamtet werden.

Die Asylantragsteller werden immer einzeln befragt, auch bei Eheleuten handhaben wir es so. So haben die Menschen die Möglichkeit, ganz offen auch über Vorfälle wie häusliche Gewalt oder sexuelle Übergriffe zu sprechen, was vor dem Partner vielleicht nicht möglich ist.

Lüge und Wahrheit

Manche Männer haben durch die Flucht einen großen Schuldenberg angehäuft und möchten nicht, dass ihre Frau davon erfährt. Deshalb verschicken wir zum Beispiel getrennte Briefe an beide Eheleute mit den Protokollen der Gespräche. Alle Geflüchteten haben nach der Anhörung die Möglichkeit, ihr Gesprächsprotokoll zu lesen und zu ergänzen.

Natürlich sind die Menschen verpflichtet, die Wahrheit zu sagen. Aber es kommt schon vor, dass ich angelogen werde. Dabei hilft es mir, so viele Hinweise wie möglich zu erhalten: Seit 2017 gibt es bei uns ein Computerprogramm, das arabische Dialekte erkennen und damit Hinweise auf die Herkunft eines Antragstellers geben kann. Außerdem können wir die Daten aus Mobiltelefonen auswerten. Dabei wird nicht auf persönliche Daten, sondern auf Geodaten zugegriffen: In welche Länder und in welchen Sprachen wurde kommuniziert?

So können wir die genaue Herkunft der Personen leichter feststellen. Diese IT-Werkzeuge sind aber nur ein Hilfsmittel - am Ende entscheidet immer der Mensch. Dazu beurteile ich die Angaben in der Anhörung: Wahrheitsgemäße Berichte sind konkret, detailliert und anschaulich.

Im Rahmen der Ausbildung zum Entscheider und in Fortbildungen werden wir intensiv darauf vorbereitet, die Glaubwürdigkeit einer Person zu beurteilen. Außerdem haben wir die Informationen von Partnerbehörden in anderen europäischen Ländern und Internetquellen, die wir auswerten. Auch Entscheidungen der Verwaltungsgerichte und des Europäischen Gerichtshofs beziehen wir mit ein.

Fortbildungen für besondere Fälle

Für Anhörungen gibt es kein Patentrezept. Natürlich wird man routinierter, aber jedes Gespräch ist individuell - so wie die Fluchtgeschichten der Menschen. Wenn ich mit Traumatisierten spreche, kommt es durchaus vor, dass sie anfangen zu schreien und zu weinen. Manche geraten dann auch in eine Art Trancezustand. Sie nehmen mich nicht mehr wahr und sind nicht mehr ansprechbar.

Dafür haben wir auch spezielle Fortbildungen - ich selbst wurde für Anhörungen mit Traumatisierten und Folteropfern geschult. Für solche Situationen habe ich eine kleine Sprühflasche in meiner Schublade, die mit Wasser und einem Duft gefüllt ist. Wenn ich sprühe, werden gleich mehrere Sinne angesprochen: Tastsinn, Geruchssinn und das Gehör. Dadurch kommen sie meist wieder zurück.

Unsere Außenstelle ist in der Nähe eines Flughafens. Ich habe es auch schon erlebt, dass sich Geflüchtete während der Anhörung auf einmal unter den Tisch warfen, weil die laut knatternden Rotoren der Hubschrauber Erinnerungen an einen Luftangriff weckten. Ich versuche ihnen dann zu vermitteln: Hier bist du in Sicherheit. Du brauchst keine Angst mehr zu haben. Das ist oft nicht so leicht.

Was mich mitnimmt

In manchen Anhörungen spielt es eine Rolle, ob ein männlicher Kollege oder eine weibliche Kollegin die Anhörung durchführt. Ich erinnere mich gut an einen Iraker, der aufgrund seiner Homosexualität Schutz in Deutschland suchte. Er war in seinem Heimatland geschlagen, verfolgt und vergewaltigt worden, von anderen Männern.

Aus diesem Grund hatten wir im Kollegium überlegt, dass es für ihn angenehmer sein könnte, seine Erlebnisse einer Frau zu erzählen. Im Gespräch öffnete er sich mir jedoch kaum. Als ich ihn fragte, was los sei, antwortete er nur zögerlich. Es kam schließlich heraus, dass ich ihn an seine Schwester erinnerte und dass er lieber mit einem Mann reden wollte. Seine Anhörung habe ich dann an einen männlichen Kollegen abgegeben.

Natürlich nehmen mich die Geschichten der Menschen auch schon mal mit. Ich bin schließlich auch ein Mensch. Allerdings muss ich meine Gefühle zurückhalten und mich auf die Fakten konzentrieren. Für mich ist das Drehkreuz an der Eingangstür wie eine Art Schranke zwischen der Arbeit und meinem Privatleben. Wenn ich durch die Schranke gehe, versuche ich, alles, was am Tag passiert ist, zurückzulassen. Bei uns im Kollegium gibt es ein gutes Klima, wir halten zusammen und unterstützen uns gegenseitig und können auch über die Fälle sprechen - das hilft auch.

Eine Anhörung mit Umarmung

Ich verbinde aber auch viele schöne Erinnerungen mit meinem Job. Gern erinnere ich mich an einen elfjährigen unbegleiteten Flüchtling aus Syrien, seine Familie war noch in Griechenland, er allein in Deutschland. Als er mich im Warteraum sah, lief er auf mich zu und sagte: 'Ich habe dich schon bei einem anderen Termin gesehen und mir so sehr gewünscht, dass ich zu dir kommen darf.' Dann umarmte er mich unvermittelt.

Er erzählte sehr ausführlich von seiner schrecklichen Reise nach Deutschland. Dabei behielt er sich seine kindliche Lebensfreude. Am Ende sagte er: 'Es war alles schlimm, was passiert ist. Aber jetzt bin ich hier, und alles wird besser. Ich möchte gern hier leben und zur Schule gehen.' Sein Asylantrag wurde bewilligt. Mittlerweile durfte er seine Mutter und seine Schwester nach Deutschland nachholen.

Dass die Bamf-Mitarbeiter hauptsächlich aufgrund der Vorfälle in Bremen in den Medien und der Öffentlichkeit pauschal unter Generalverdacht gestellt werden, macht mich traurig und wütend zugleich. Ich liebe meinen Beruf, den Kontakt zu den Menschen. Gerade in der jetzigen Zeit ist er sehr wichtig, und ich trage eine große Verantwortung.

Sicherlich sind in der Vergangenheit auch Fehler passiert. Es ist wichtig, diese Fehler auch offenzulegen, nach den Ursachen zu suchen und diese abzustellen. Grundsätzlich leisten ich und meine Kolleginnen und Kollegen hier jedoch viel und machen einen guten Job."

Im Video: Herr Werner entscheidet über Asyl (SPIEGEL TV 2015)

Foto: SPIEGEL TV

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