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KarriereSPIEGEL

Ärztin über schweren Behandlungsfehler

"Ich schäme mich immer noch"

Ava Keller war jung und als Ärztin unerfahren - trotzdem musste sie Schichten in der Klinik ganz allein übernehmen. Dann passierte ihr ein folgenschwerer Fehler.

Getty Images

Junge Ärztin (Symbolbild)

Montag, 24.09.2018   16:28 Uhr

Ava Keller (Name geändert) arbeitete unmittelbar nach dem Studium als Ärztin im Praktikum in einer Uniklinik. Auf Kellers Station erhielten Krebspatienten ihre Chemotherapie. Schon nach drei Monaten machte die junge Frau Schichten ganz allein - an einem Freitag vor 16 Jahren will sie wie üblich einer älteren Patientin eine Spritze setzen. Lesen Sie hier einen gekürzten Auszug aus dem Buch "Der Fehler, der mein Leben veränderte", für das Autorin Gina Bucher die wahren Geschichten ihrer Gesprächspartner aufzeichnete:

Die Chemotherapien werden üblicherweise über die Venen gegeben, aber es gibt auch Therapien, die in das Gehirnwasser hineingegeben werden. Dafür wird ein Stich hinten zwischen den Wirbeln gemacht, um eine Spritze ins Rückenmark zu setzen. Das habe ich getan, und das hat auch alles gut funktioniert.

Die Spritzen, die wir verabreichten, wurden jeweils in einem anderen Raum für alle Patienten zurechtgelegt. Bei der zweiten Spritze an jenem Freitag merkte ich plötzlich, dass etwas nicht stimmte: dass die erste Spritze, die ich bereits gegeben hatte, für die Vene bestimmt war und nicht fürs Gehirnwasser.

Zuerst konnte ich überhaupt nicht einschätzen, wie schlimm das ist: Welche Konsequenzen hatte dieser Fehler für die Patientin? Ich suchte sofort meinen Kollegen vom Nachtdienst, der zum Glück noch da war. Er war deutlich erfahrener und alarmierte alle: den Neurologen, den Chef der Klinik, den Oberarzt.

Niemand wusste, was passieren würde

Sie verlegten die Patientin sofort auf die neurochirurgische Intensivstation, wo sie ihr das Gehirnwasser spülten. Niemand wusste, ob das klappen würde. Die Frau war ungefähr 73 Jahre alt und nicht sterbenskrank. Ich hatte mich entschuldigt, hatte ihr gesagt: Ich habe etwas falsch gemacht. Wir sehen zu, dass wir das wieder hinkriegen.

Zu Beginn ging es ihr noch gut, dann aber begannen nach und nach die Lähmungen, die dieses Medikament verursachte. Das war das Bittere: In der ersten Woche, als nichts passierte, hoffte ich noch. Doch als die Fingerspitzen, dann die Hände taub wurden, die Zehenspitzen und dann die Füße, wusste ich, dass das nichts Gutes verhieß. Woche für Woche wurden die Lähmungen mehr. Sie konnte die Arme nicht mehr bewegen und wurde zum Schwerstpflegefall.

Der Chef der Klinik rief mich direkt danach an: "Frau Keller, das tut mir sehr leid, dass Ihnen das schon so früh passieren muss." Darüber war ich zuerst sehr irritiert. Aber im Prinzip hatte er nicht unrecht: Jedem passieren Fehler, das ist so. Und natürlich haben auch wir Ärzte eine Fehlerrate. Nur wird sie uns nicht zugestanden.

"Es bleibt ein Fehler, keine Frage"

Wenn ich davon erzähle, versteht das jeder: Spritzen verwechselt, beide lagen nebeneinander, beide sahen gleich aus. Das bleibt ein Fehler, keine Frage. Aber da denkt jeder, gerade die Kollegen: Zum Glück ist mir das nicht passiert. Und auch: Das kann einfach jedem passieren.

Das wusste offenbar auch mein damaliger Chef. Worüber er seufzte, war der Zeitpunkt: So jung, wie ich war, hatte ich noch keinen Ausgleich, den ich dagegensetzen konnte. Würde mir jetzt wieder ein solcher Fehler unterlaufen, wäre das immer noch sehr furchtbar. Ich könnte aber immerhin eine Liste machen mit Menschen, die ich gerettet habe.

Zwei Jahre lang besuchte ich einen Psychotherapeuten und diskutierte mit ihm die Schuldfrage: Wie komme ich mit der Schuld zurecht, wie kann ich damit leben? Ich schämte mich vor mir selbst so wahnsinnig.

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Die Scham ist immer noch da. Deswegen möchte ich auch öffentlich keine Namen nennen. Weil ich mich immer noch dafür schäme, dass ich jemanden derart stark geschädigt habe.

Zuerst lief ein zivilrechtliches Verfahren wegen Schadenersatz, den die Klägerin auch ziemlich zügig bekommen hat. Als Krankenhaus ist man für solche Fälle über die Haftpflicht versichert. Etwa ein Jahr später begann der Strafprozess.

Dagegen kann man sich nicht versichern. Dieser Prozess dauerte über sechs Jahre und versuchte herauszufinden, wo die Schuld lag und wie groß sie ist. Was hätte man vermeiden können? War meine Handlungsweise grob fahrlässig oder nur fahrlässig? Nach über sechs Jahren wurde ich wegen fahrlässiger Körperverletzung verurteilt.

Das Strafmaß war sehr überschaubar. Belastend war eher, wie langwierig ein solches Verfahren ist. Alle drei, vier Monate kam ich nach Hause und fand einen braunen Umschlag im Briefkasten. Wieder ein Gutachten, wofür irgendjemand meinen Fall aufgerollt hatte, der vorher nicht damit betraut war - manchmal waren auch Vorwürfe enthalten. An solchen Tagen fühlte ich mich meistens erst einmal mitgenommen.

"Ich war kurz davor, mir das Leben zu nehmen"

Anfangs ging es mir zu dieser Zeit katastrophal, da war ich kurz davor, mir das Leben zu nehmen. Das war schon heftig. Nach den ersten zwei Wochen Krankschreibung arbeitete ich wieder in der Uniklinik. Der Oberarzt meinte sinngemäß: "Schön, dass Sie wieder da sind. Wenn mir etwas passiert, hilft mir die Arbeit am besten, damit zurechtzukommen." Das empfand ich als sehr zynisch.

Diese Geschichte ging damals durch die Klinik, jeder wusste davon. Auch wenn ich heute mit Kollegen von damals telefoniere, begrüßen sie mich mit: "Ja, ja, ich weiß, wer Sie sind. " Das ist das, was bleibt.

Aber: Die Ärzte kennen das alle. Überhaupt sind mir seither so viele Geschichten zugetragen worden. Die meisten haben Glück gehabt: Entweder ist es nicht rausgekommen oder die Konsequenzen wogen weniger schwer als bei mir.

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Gina Bucher:
Der Fehler, der mein Leben veränderte

Von Bauchlandungen, Rückschlägen und zweiten Chancen

Piper Verlag; 256 Seiten; 22,00 Euro

Es hat mir keiner Vorwürfe gemacht, überhaupt nicht, zu keinem Zeitpunkt. Ich musste vor allen Dingen selbst damit klarkommen und für mich lernen, einen Fehler gemacht zu haben. Das zu lernen ist schwierig.

In den letzten Jahren ist mir aufgefallen, dass vor allem erstaunlich viele Männer deutlich besser mit Fehlern zurechtkommen. Viele sagen etwa, das sei nunmal Berufsrisiko. Sie sagen, wenn ich den Job mache, dann stirbt halt auch mal einer. Das sehe ich - und auch viele Kollegen und Kolleginnen - nicht so.

"Ich will am liebsten an der Kasse sitzen"

Ich kenne etliche Kollegen, die deswegen den Beruf gewechselt haben, weil sie sagen: Ich habe einen Fehler gemacht und komme damit überhaupt nicht klar. Ich will diese Verantwortung nicht mehr. Ich will am liebsten in einem Geschäft an der Kasse sitzen.

Seitdem das passiert ist, habe ich diese Leichtigkeit verloren, die ich immer hatte. Die Grundeinstellung "Ach, alles wird gut werden!". Ein solcher Spruch kommt mir nicht mehr über die Lippen.

Arbeit, Beruf, Karriere waren mir anfangs sehr wichtig. Durch diese Erfahrung aber habe ich realisiert, dass ich nicht nur darauf bauen kann, dass Familie und Freundschaft mindestens so wichtig sind. Wenn ich nicht so wahnsinnig viel Unterstützung von meiner Familie und von meinen Freunden bekommen hätte, weiß ich nicht, ob ich heute noch da wäre.

Im Video: Wenn Ärzte Fehler machen

Foto: SWR

lmd

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