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Bewerbung

Wen kümmert schon der Lebenslauf?

Die Empörung über Tricksereien im Lebenslauf ist groß - und scheinheilig. Denn geprüft wird selten. Und im Job zählen Kreativität und Flexibilität sowieso mehr als formale Qualifikation.

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Eine Kolumne von
Montag, 05.09.2016   09:38 Uhr

Bernhard ist Managing Partner in einer renommierten Anwaltskanzlei, er geht lieber Golfen als Kitesurfen, bevorzugt gepflegte Weine statt neumodischer Cocktails und ist auch sonst ein Mensch, der in sich ruht und anderen Menschen zunächst nur gute Absichten unterstellt. Bis vor Kurzem trug er in Kanzlei den Spitznamen "Bernhardiner".

Seit die SPD-Bundestagsabgeordnete Petra Hinz mit einem gefälschten Lebenslauf für Aufregung sorgte, hat Bernhards Urvertrauen in die Welt und in die Juristerei im Speziellen jedoch Risse bekommen. Mehr aus Daffke ließ er die Angaben sämtlicher Anwälte der Kanzlei überprüfen - und wurde prompt fündig. Ein schneidiger Mittdreißiger hatte sein Staatsexamen leider doch nicht mit "voll befriedigend" absolviert, sondern mit "ausreichend", einem ziemlich knappen "ausreichend" obendrein.

Bernhard seufzte tief, denn der Mann war fachlich luzide und stark in der Akquise. Dann warf er den schneidigen Mittdreißiger raus und vergatterte ihn zur Rückzahlung einer stattlichen sechsstelligen Gehaltssumme. Der Bernhardiner zeigte jetzt Zähne.

Fremdsprachen? Fließend!

Schummeleien im Lebenslauf sind in der Arbeitswelt nicht ungewöhnlich - nur kommen sie selten ans Licht. Hier mal eine Fremdsprache mehr, da eine zusätzliche Projektverantwortung, vielleicht noch die Abschlussnote etwas pimpen - wer schaut da schon so genau hin? Mantramäßig kommt meist der beliebte Personalersatz, wer schummele, "der schadet sich am meisten selbst". Das ist natürlich Unfug, oder wenigstens unvollständig. Richtig müsste es heißen: "Wer schummelt, schadet sich am meisten selbst - WENN wir es herausfinden."

Dabei konzentrierte sich der Aufschrei um Petra Hinz auf Tricksereien mit formalen Qualifikationen. Das Problem geht aber viel tiefer: über die Bewertung von Leistung hinaus zur eigentlichen Erbringung von Leistung.

Zahlreiche akademische Ghostwriter haben sich fest am Markt etabliert und verdienen gutes Geld mit gestressten oder faulen Studierenden. Wie formuliert es doch der Anbieter "acadoo" so treuherzig? "Wenn Sie wenig Zeit haben und trotzdem akademisch weiterkommen möchten, nehmen unsere Ghostwriter Ihnen auch die komplette Erstellung Ihrer Abschlussarbeit ab." Allerdings, so acadoo weiter, könne es nicht schaden, sich dennoch ein wenig in die Materie einzuarbeiten: "Schließlich steht am Ende Ihr Name auf dem Deckblatt" und, schlimmer noch, "das Thema kann zum Beispiel in einer Prüfung zur Sprache kommen". Ein Schelm, wer Arges dabei denkt.

Akademische Ghostwriter rütteln einerseits an der Grundidee des Studiums: Fast noch wichtiger als der Inhalt einer Arbeit ist ja gerade die Fähigkeit, sich über einen längeren Zeitraum mit einer Fragestellung zu beschäftigen und am Ende neues Wissen geschaffen zu haben. Eine Fähigkeit, die auch später im Arbeitsleben an der ein oder anderen Stelle hilfreich sein soll.

Ideen zählen mehr als Noten

Andererseits sind die Ghostwriter-Anbieter nur das Symptom einer Zeit, in der sich die Frage nach dem Sinn formaler Qualifikationen tatsächlich immer mal wieder stellt. Ist nicht alles Wissen jederzeit und für jeden verfügbar? Kommt es heute nicht vielmehr auf geistige Flexibilität, Kreativität und Beweglichkeit an, als auf das Anwenden vor jahrelang gelernter Rezepte und Formeln? Sagt die erfolgreiche Gründung eines Start-ups nicht mehr über den Bewerber als irgendeine Note im Abi- oder Master-Zeugnis? Peter Thiel, Paypal-Gründer und Tech-Milliardär, fördert gar seit 2011 jedes Jahr 20 junge Leute, die ihr Studium schmeißen und lieber eine eigene Firma gründen. Auch Bill Gates, Steve Jobs oder Mark Zuckerberg reüssierten ohne formalen Abschluss.

Wieviel Qualifikation also braucht der Mensch? Fest steht: Künftig wird es mehr um Können gehen als um Wissen. Um Ausprobieren statt Abarbeiten. Ein Freibrief zum Schlendrian ist das natürlich nicht: Auch die Thiel-Stipendiaten müssen durch ein hartes Auswahlverfahren - wo allerdings Ideen mehr zählen als Noten.

Bernhard übrigens kam ebenfalls ins Grübeln; immerhin hatte der gefeuerte Mittdreißiger trotz mittelprächtigen Examens einen super Job gemacht. Seit Neuestem fährt Bernhard deshalb ein anderes Modell.

Die Bewerbungsunterlagen blättert er jetzt eher kursorisch durch. Stattdessen verpasst er allen ernstzunehmenden Bewerbern ein einwöchiges Assessment-Center, in dem sie juristische Fälle lösen, Akten durcharbeiten und fiktive Mandanten umgarnen müssen. Es ist ein hartes Programm, deutlich anstrengender, als einen Lebenslauf zu frisieren.

Gnadenlos zerlegt Bernhard ihre Lösungsansätze, viele geben nach der Woche auf und bewerben sich lieber in einer kleineren Kanzlei. Mit denen, die durchkommen, ist Bernhard mehr als zufrieden. Einen neuen Spitznamen hat er jetzt auch: Drill-Sergeant.

insgesamt 69 Beiträge
vox veritas 05.09.2016
1. Selten so gelacht
"Kommt es heute nicht vielmehr auf geistige Flexibilität, Kreativität und Beweglichkeit an, als auf das Anwenden vor Jahren gelernter Rezepte und Formeln?" Das haben sich die Ingenieure und Manager bei VW sicherlich [...]
"Kommt es heute nicht vielmehr auf geistige Flexibilität, Kreativität und Beweglichkeit an, als auf das Anwenden vor Jahren gelernter Rezepte und Formeln?" Das haben sich die Ingenieure und Manager bei VW sicherlich auch gedacht (und nicht nur in dieser Firma). Gibt es nicht bereits genug Verantwortlich, die überhaupt keine Ahnung haben und deshalb Beratungsfirmen ins Haus holen müssen. Ich halte den Artikel für eine Verneidlichung von ernsthaften Mängeln im Bildungssystem. Angefangen bei Sprüchen wie "In Mathe bin ich schlecht - brauch ich eh nicht".
themistokles 05.09.2016
2. Überprüfen der Angaben
Selbstverständlich werden in der Praxis die Angaben im Lebenslauf gelesen und geprüft: allerdings nur im Rahmen der Möglichkeiten des Personalverantwortlichen. Es ist nämlich ein feiner Grad zwischen Überprüfung der [...]
Selbstverständlich werden in der Praxis die Angaben im Lebenslauf gelesen und geprüft: allerdings nur im Rahmen der Möglichkeiten des Personalverantwortlichen. Es ist nämlich ein feiner Grad zwischen Überprüfung der Angaben und der Verletzung der Persönlichkeitsrechte des Bewerbers. Und selbstverständlich muss man sich auf einige Angaben im Lebenslauf oder beigelegten Dokumenten verlassen können. Einem vorgelegten Diplom einer namenhaften Universität vertraut man erstmal. Schließlich kann man nicht einfach mal so bei der Uni anrufen und nachfragen, ob der- oder diejenige wirklich ein Diplom oder Magister hat.
Fricklerzzz 05.09.2016
3. Lügen haben kurze Beine
Ich finde es kriminell in einer offiziellen Bewerbung zu lügen. Den Mitbewerbern entseht auch Schaden. Für mich ist das Betrug.
Ich finde es kriminell in einer offiziellen Bewerbung zu lügen. Den Mitbewerbern entseht auch Schaden. Für mich ist das Betrug.
wilam 05.09.2016
4. dass die Moralisten
sich nicht schämen! Sie sind es doch, die den Unterschied zwischen wahr und falsch garnicht bemerkt haben. Überhaupt die Titel! In den USA heißt es: was, der musste studieren!? Ich habe es von allein begriffen! (Zwar zählen [...]
sich nicht schämen! Sie sind es doch, die den Unterschied zwischen wahr und falsch garnicht bemerkt haben. Überhaupt die Titel! In den USA heißt es: was, der musste studieren!? Ich habe es von allein begriffen! (Zwar zählen die SChulen, aber nur weil es da um teure Gebühren geht. Der hat Geld - er gehört zu uns.)
curiosus_ 05.09.2016
5. Es spricht ja nichts dagegen ...
... die Befähigung eines Bewerbers mittels einer Methodik des Stellenausschreibers zu ermitteln. Es bleibt jedem selbst überlassen wie er seine Bewerber filtert. "Wen kümmert schon der Lebenslauf?" impliziert aber, [...]
... die Befähigung eines Bewerbers mittels einer Methodik des Stellenausschreibers zu ermitteln. Es bleibt jedem selbst überlassen wie er seine Bewerber filtert. "Wen kümmert schon der Lebenslauf?" impliziert aber, dass man da ruhig drauf los mogeln darf. Das ist sicher nicht so, weil viele eben doch der Lebenslauf kümmert. Spätestens dann kümmert das auch den Herrn Juristen wenn er einen Kollegen eingestellt hat der noch nie eine Jura-Fakultät von innen gesehen hat. Oder den Herren Mediziner der einen Chirurgen mit höchstem Abschluss Rettungssanitäter in den OP schickt. "Die Empörung über Tricksereien im Lebenslauf ist groß - und" sicher nicht "scheinheilig" weil "selten geprüft wird". Da sollte sich Herr Klaus Werle mal kundig machen - scheinheilig wäre sie wenn die Empörten selbst ihren Lebenslauf gepimpt hätten. Und nicht wenn sie nicht prüfen. Peinlich - Wortbedeutungen sollten einem Journalisten eigentlich geläufig sein.
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