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So geht Bluffen

"Menschen zu täuschen, ist eine Kunst"

Für sie ist täuschen das Gegenteil von enttäuschen: Andrea-Katja Blondeau ist Zauberkünstlerin. Wenn sie ihr Publikum besonders geschickt hinters Licht führt, gibt es Applaus. Ihren Lieblingstrick hat sie nach einem Traum entwickelt.

Marel Winter
Ein Interview von
Dienstag, 09.12.2014   12:13 Uhr

Zur Person

KarriereSPIEGEL: Ihr Publikum bezahlt Sie für Tricks und Bluffs. Was glauben Sie, warum wollen Menschen getäuscht werden?

Blondeau: Das ist ein Urbedürfnis der Menschen. Frauen, Männer, Junge, Alte: Sie alle lassen sich gern in eine magische Welt entführen, in der scheinbar alles möglich ist. Wir Zauberkünstler schaffen es, sie entstehen zu lassen. Es gibt den Satz: Zauberkünstler sind die einzigen ehrlichen Menschen - denn sie geben zu, dass sie täuschen.

KarriereSPIEGEL: Wie gelingt ein vollendeter Bluff?

Blondeau: Das Wichtigste ist nicht, was ich tue. Sondern was der Zuschauer sieht. Ich muss die Aufmerksamkeit des Publikums lenken und die Requisiten gut wählen, mein Timing und das Outfit müssen perfekt sein. Als Zauberkünstlerin brauche ich Kenntnisse über Psychologie, Schauspielerei, Tanz, Regie, Unterhaltung und Kommunikation. Wenn die Zuschauer Gänsehaut bekommen und mit offenem Mund staunen, dann weiß ich: Ich habe sie nicht ent-täuscht. Im Gegenteil, mein Bluff war richtig gut.

So geht Bluffen: Lernen von den Profis

KarriereSPIEGEL: Für welchen Trick bekommen Sie besonders viel Beifall?

Blondeau: Den Applaus bekomme ich nicht für einzelne Zauberstücke, sondern für den magischen Moment, den die Zuschauer durch mich erleben. Nehmen wir als Beispiel die schwebende Rose: Bei der Vorführung trage ich ein orientalisches Kleid, bewege mich zu mystischer Musik und lasse einen Schleier um mich herum tanzen. Ich spiele eine luftig-leichte Person, die eine Rose entdeckt, es entwickelt sich ein Liebestanz zwischen der Blume und mir, dieser Liebe wachsen sinnbildlich Flügel - bis die Rose zu schweben beginnt. Das ist der magische Moment.

KarriereSPIEGEL: Der aber schnell vorüberzieht.

Blondeau: Die Schönheit liegt genau in diesem Moment und seiner Vergänglichkeit. Es ist wie beim Verlieben: Das Gefühl von Schmetterlingen im Bauch ist wunderschön, aber nicht von langer Dauer. Wenn ich auf der Bühne als orientalische Tänzerin die schwebende Rose berühre, ist der magische Moment vorbei. Die Blume schwebt nicht mehr, ich halte sie in den Händen. Und werfe sie ins Publikum.

KarriereSPIEGEL: Ich muss einfach fragen: Wie machen Sie das mit der Rose und dem Schweben?

Blondeau: Diesen magischen Moment möchte ich Ihnen nicht zerstören. Es soll ein Zauber bleiben.

KarriereSPIEGEL: Wie lange brauchen Sie, bis ein perfekter Bluff einstudiert ist?

Blondeau: Das kann sich über Jahre hinziehen. Die Idee mit der Rose hatte ich im Traum. Auf einem Magierkongress habe ich dann tatsächlich solch eine Blume entdeckt. Es vergingen drei Jahre, bis ich das Kunststück mit der passenden Musik, dem Outfit und der Choreografie weiterentwickelt hatte. Aber wenn ich es schaffe, mein Publikum damit zu berühren, hat sich die Arbeit gelohnt.

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KarriereSPIEGEL: Wie schwierig ist es, den Menschen etwas vorzumachen?

Blondeau: Das hängt davon ab, wie leicht sie sich lenken lassen. Dabei nutze ich den Effekt, dass der Mensch nur einen Input auf einmal wahrnimmt. Stellen Sie sich einen Mann vor, der eine Treppe hinuntergeht. In einer Hand trägt er eine Tasse mit Tee, in der anderen ein Croissant und eine Zeitung, unter den Arm hat er noch eine Tasche geklemmt. Nimmt dieser Mann einen Schluck Tee, nehmen wir nur das Trinken wahr, dabei macht er zugleich noch viele andere Sachen, die wir in diesem Moment aber außer Acht lassen.

KarriereSPIEGEL: Ist es ein großer Unterschied, ob Sie vor Kindern oder Erwachsenen auftreten?

Blondeau: Ja, ich schneide mein Programm immer auf das Publikum zu. Kinder sind noch nicht so abgestumpft, sie nehmen verstärkt das Nonverbale und das Paraverbale wahr. Erwachsene kann man mit Worten sehr gut blenden. Die Kongruenz zwischen dem Gesagten und dem Sein ist jedoch bei beiden wichtig.

KarriereSPIEGEL: Alles in allem ist Bluffen für Sie also etwas Positives?

Blondeau: Menschen zu täuschen ist eine Kunst. Also ja, in meinem Beruf ist das etwas Positives. Aber im Alltag? Nein, da verzichte ich auf Bluffs.

insgesamt 1 Beitrag
gerd2006 09.12.2014
1. Sympathische Kunst
die übrigens, was Lenkung der Aufmerksamkeit angeht, sehr nah an unseren Politikern und Medien ist, welche uns auch zum Hinschauen auf A verleiten und dabei B machen. Andrea-Katja Blondeau ist zum Glück viel charmanter und es [...]
die übrigens, was Lenkung der Aufmerksamkeit angeht, sehr nah an unseren Politikern und Medien ist, welche uns auch zum Hinschauen auf A verleiten und dabei B machen. Andrea-Katja Blondeau ist zum Glück viel charmanter und es geht ihr um den künstlerischen Moment statt Macht und Geld.

Aus SPIEGEL JOB 2/2014

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