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KarriereSPIEGEL

Carpe noctem

Lichtscheue Gestalten

Damit morgens die Zeitung im Briefkasten liegt und auf dem Markt frisches Obst angeboten wird, müssen andere nachts schuften. Sechs Nachtarbeiter, von der Schiffsköchin bis zum Schlaflaboranten, erzählen vom regelmäßigen Kampf mit dem Schlaf - und warum sie es dennoch besser haben als die Kollegen von der Tagschicht.

Protokolle: , Mercedes Lauenstein und
Dienstag, 12.04.2011   11:54 Uhr

Corbis

Wachmann im Schichtdienst: Nachtschaffende betonen die Vorteile

Es gibt Jobs, die kommen mit einem eigenen Krankheitsbild: Wer unregelmäßig nachts arbeitet, den erwischt irgendwann das Schichtarbeitersyndrom. Mal tags eingeteilt, mal spät, mal nachts, alles im wöchentlichen Wechsel - da bleibt der Schlaf auf der Strecke. Wenn draußen das Leben tobt, müssen die Nachtjobber so tun, als wäre es Zeit, ins Bett zu gehen.

Kein Wunder, dass sie bei all dem zusätzlichen Stress mehr Lohn bekommen, 25 Prozent des Zuschlags sind steuerfrei, nach Feiertagen auch mal mehr. Oder es gibt bezahlte Freizeit zum Ausgleich.

Doch die Anspannung bei Nacht, selbst wenn der Dienst regelmäßig verläuft, nimmt viele Nachtschufter auf Dauer mit. Die Zeiten liegen oft sogar für ausgeprägte Eulen zu spät. Sozialkontakte brechen weg, Lebenspartner vermissen das gemeinsame Einschlafen.

In Deutschland müssen drei Millionen Menschen dauernd oder zumindest regelmäßig nachts ihr Geld verdienen. KarriereSPIEGEL befragte einige von ihnen nach ihren Erfahrungen, Gefühlen und Wünschen. Vom Kistenpacker in der Großmarkthalle bis zum Schlafforscher, vom Flughafenreiniger bis zur Astronomin.

Nachtarbeit hat auch Vorzüge, ist nicht immer Belastung

Mit einem überraschenden Ergebnis: Oft fühlen die Nachtarbeiter sich wohl mit ihrem Job oder haben sich eingerichtet. Sie sehen die Vorteile: den höheren Lohn, die Ruhe bei der nächtlichen Arbeit oder auch, dass sie immer für ihre Kinder da sein können, wenn die nachmittags aus der Schule kommen. Manchen kommt das späte Arbeiten, so es denn einen regelmäßigen Rhythmus gibt, entgegen. Andere machen das Beste aus einer Situation, die sie vielleicht nicht so leicht ändern können: Als ungelernter Arbeiter 1700 Euro netto, das muss man woanders erstmal finden.

Viele, die Probleme mit der Nachtschicht haben, wollen nicht öffentlich darüber sprechen. Eine Polizistin, die KarriereSPIEGEL fragte, tut es anonym - weil es so viele Kolleginnen in der gleichen Lage gibt, dass sie nichts befürchten muss. Anfragen bei Gewerkschaften ergaben immer das gleiche Bild: Ja, natürlich sind Fälle von massiven Problemen mit der Nachtarbeit bekannt. Aber die Betroffenen fürchten Repressionen, wenn sie in den Medien auftauchen.

Trotzdem haben die Schiffsköchin und die Busfahrerin, der Zeitungsdrucker und der Rettungsfahrer und all die anderen Spannendes zu berichten: Von einer fremden Welt, in der es nur elektrisches Licht gibt. Von großer Verantwortung, wenn man der einzige ist, der die Stellung hält. Und von ihren Tricks, mit denen sie leichter die Nacht zum Tage machen.

insgesamt 11 Beiträge
Tuennemann 12.04.2011
1. Respekt
Ich habe Respekt vor diesen Nachtschichtlern. Aus vielfältigen Gründen haben diese sich für Berufe entschieden, die sehr ungünstige Arbeitszeiten, und den daraus resultierenden sozialen Einschränkungen, entschieden [...]
Zitat von sysopDamit morgens die Zeitung im Briefkasten liegt und auf dem Markt frisches Obst angeboten wird, müssen andere nachts schuften. Sechs Nachtarbeiter, von der Schiffsköchin bis zum Schlaflaboranten, erzählen vom regelmäßigen Kampf mit dem Schlaf - und warum sie trotzdem weiter Nachtschichten schieben. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,756309,00.html
Ich habe Respekt vor diesen Nachtschichtlern. Aus vielfältigen Gründen haben diese sich für Berufe entschieden, die sehr ungünstige Arbeitszeiten, und den daraus resultierenden sozialen Einschränkungen, entschieden haben. Sofern die Angaben in diesem Artikel stimmen sollten, kann ich es nicht nachvollziehen, dass ein ungelernter Warenverpacker, noch dazu ohne einen Schulabschluss, mehr verdient, als ein Facharbeiter. Zitat: Dann geht's los: Ware aus den Lastern laden, in der Halle aufbauen. Und je nach dem, wie viel Obst und Gemüse der Kunde schließlich einkauft, packe ich die Ware dann wieder auf die Euro-Paletten, fahre sie mit dem Gabelstapler zu seinem Sprinter und schleppe alles hinein. Bis Mittags. Zitat Ende Zitat 2: Ich habe keinen Schulabschluss, weil ich in der Schule immer zu viel Mist gebaut habe. Eine Ausbildung habe ich auch nicht. Als ich vor einiger Zeit einen neuen Job suchte, bot mir mein Freund diesen an. Mir blieb nichts anderes übrig als zuzugreifen, es war ein Notfall. Ich hatte keine Lust auf Arbeitslosigkeit, denn ich arbeite gern. Hier verdiene ich 1700 Euro netto, das passt. Zitat Ende Was erwartet dieser junge Mann, der für seine Ausbildungsverhältnisse, ein mehr als fürstliches Gehalt verdient ?
Tuennemann 12.04.2011
2. Nachtrag
Es könnte sein, dass dieser Klischee-Erfüllungs-Quotient, Brutto mit Netto verwechselt hat. Dann wäre die Relation wieder hergestellt und Nachsicht vonnöten ...
Es könnte sein, dass dieser Klischee-Erfüllungs-Quotient, Brutto mit Netto verwechselt hat. Dann wäre die Relation wieder hergestellt und Nachsicht vonnöten ...
KirschCola 13.04.2011
3. Gutmenschensprech
---Zitat--- Angst, dass mir nachts was passieren könnte, habe ich nicht. Klar fahren oft Betrunkene mit, aber die wollen auch nur nach Hause. Problematischer sind Jugendliche in Gruppen. Einer von denen hat sich mal vor mir [...]
---Zitat--- Angst, dass mir nachts was passieren könnte, habe ich nicht. Klar fahren oft Betrunkene mit, aber die wollen auch nur nach Hause. Problematischer sind Jugendliche in Gruppen. Einer von denen hat sich mal vor mir aufgebäumt, geschrien und mit der Faust auf die Kasse gehauen, als er mir seinen Fahrschein zeigen sollte. ---Zitatende--- "Jugendliche" - so nennt man politisch korrekt die Kulturbereicherer heutzutage also.
Analystik 13.04.2011
4. Warum gutes Gehalt für einen Ungebildeten?
Warum soll ein ungelernter guter Arbeiter weniger verdienen als ein gelernter guter Arbeiter? Insbesondere nach jahrelanger Arbeit wird es keinen Unterschied in der Arbeitsleistung mehr geben...
Warum soll ein ungelernter guter Arbeiter weniger verdienen als ein gelernter guter Arbeiter? Insbesondere nach jahrelanger Arbeit wird es keinen Unterschied in der Arbeitsleistung mehr geben...
Tuennemann 13.04.2011
5. Im Ansatz ...
... richtig, aber für das "Kistenschleppen" 1.700 € Netto ?
Zitat von AnalystikWarum soll ein ungelernter guter Arbeiter weniger verdienen als ein gelernter guter Arbeiter? Insbesondere nach jahrelanger Arbeit wird es keinen Unterschied in der Arbeitsleistung mehr geben...
... richtig, aber für das "Kistenschleppen" 1.700 € Netto ?

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