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Chance digitales Arbeiten

Die neue Landlust

Immer mehr Städter verlassen die Großstadt und ziehen raus in die Provinz. Wissenschaftler haben untersucht, was die Stadtflüchtigen antreibt - und wie der Neuanfang im Grünen am besten gelingt.

Getty Images

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Montag, 12.08.2019   09:10 Uhr

Reiner Klingholz kennt das Leben auf dem Land. 25 Jahre lang lebte der heutige Leiter des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung auf einem Resthof in Schleswig-Holstein, für die Arbeit pendelte er nach Hamburg. Nun hat Klingholz gemeinsam mit Kollegen ein Phänomen untersucht, das manche als Stadtflucht bezeichnen - immer mehr Menschen kehren der Großstadt den Rücken und ziehen hinaus in die Provinz.

Sie tun es dem Wissenschaftler gleich - und doch ist etwas neu: "Menschen sind schon immer von der Stadt aufs Land gezogen", sagt Klingholz. "Aber das hier ist anders." Denn die Menschen nehmen ihre Arbeit einfach raus mit aufs Land. Die Digitalisierung macht es möglich.

Für eine vom Wirtschaftsministerium geförderte Studie, die dem SPIEGEL exklusiv vorliegt, hat Klingholz 19 Projekte in der ostdeutschen Provinz identifiziert, für die sich Städter zusammengeschlossen haben. Gemeinsam haben sie sich für das Landleben entschieden.

Wer zieht aufs Land?

Es sind die Jungen, die Kreativen, die zurzeit die Stadt verlassen. Ein virtuelles Kennenlernen gehöre bei den meisten Projekten vorab dazu - so könne man genau abstimmen, welche Vorstellung die unterschiedlichen Parteien vom Leben auf dem Land hätten. "Sie ziehen in Klumpen raus aufs Land", so drückt Klingholz das aus. Wichtig sei ihnen, die Gesellschaft der Stadt mit hinaus zu tragen, Freunde, Bekannte oder Kollegen einfach mitzunehmen.

In der Stadt haben diese Menschen digital gearbeitet, etwa als Journalistin, Berater oder Projektleiterin. Sie sind nicht an einen Ort gebunden, um ihre Arbeit zu verrichten - oder ohnehin viel dafür unterwegs. Vom Landleben versprechen sie sich Entspannung, Ruhe und viel Platz für sich selbst und die Kinder.

Wohin zieht es die neuen Landbewohner?

Die Studie untersuchte ausschließlich Projekte in den ostdeutschen Bundesländern. Oft sind es alte, verlassene Gehöfte oder DDR-Bauten, die die Städter hier wieder herrichten. Gemeinschaftliches Leben steht im Vordergrund: Co-Working Spaces sind meist Teil des Konzepts, häufig tragen die neuen Landbewohner die urbane Infrastruktur in die Provinz, gründen Cafés, Restaurants oder Kitas.

"Eine unserer Erkenntnisse ist, dass Großstädter auch dann in der Nähe der Städte bleiben, wenn sie aufs Land ziehen", sagt Klingholz. Steigende Mieten und Verdichtung in den Metropolen treiben sie hinaus aufs Land, doch es lässt sich ein deutliches Muster erkennen: Rund um die Hauptstadt finden sich die meisten Projekte. Auch Leipzig und Umgebung ist bei den Digitalarbeitern beliebt. Pendeln gehört für viele gerade in der Anfangszeit noch dazu, zeigt die Studie.

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Karte: Co-Working Spaces Ostdeutschland

Woher kommt die neue Landlust?

Neu ist das Phänomen nicht: Schon immer zogen vor allem junge Familien raus aus der Stadt. Neu ist die Sehnsucht nach dem Leben auf dem Land in Verbindung mit der digitalen Arbeit.

"Die Städter, die hinaus ziehen, wollen das Beste aus beiden Welten vereinen", sagt Klingholz. Die Ruhe, der Platz, die grüne Landschaft, das alles bietet die Provinz von sich aus. Den Rest bringen die neuen Einwohner selbst mit.

Ist das die Trendwende?

Die Digitalarbeiter können die Landflucht statistisch kaum ins Gegenteil verkehren. "Das ist eine zarte Pflanze", sagt Klingholz. Die Arbeitsplätze aber entstünden weiterhin in den Städten - und dorthin zögen auch die Menschen weiterhin.

Trotzdem machten die neuen Landbewohner die Provinz attraktiver. Denn sie zeigten: Das, was lange keinen Wert hatte, ist plötzlich wieder attraktiv.

Wie viele der Projekte scheitern?

Auf diese Frage hat Klingholz eine klare Antwort: "Weniger, als man denken könnte." Meist seien die Teilnehmer gut vorbereitet und hätten sich sehr genau überlegt, worauf sie sich einlassen. Auch das ist laut der Studie der Digitalisierung geschuldet - Erfahrungsberichte anderer Stadtflüchtiger seien schließlich online verfügbar.

insgesamt 19 Beiträge
norgejenta 12.08.2019
1. Ja die Jungen und Kreativen..
die haben wir bei uns auch. Nur sind die gar nicht mehr so jung und kreativ, sondern sind aus München wegen der Preisexplosion aufs Land gezogen.. haben sich für die Familie ihr Häuschen hingestellt und pendeln eine Stunde in [...]
die haben wir bei uns auch. Nur sind die gar nicht mehr so jung und kreativ, sondern sind aus München wegen der Preisexplosion aufs Land gezogen.. haben sich für die Familie ihr Häuschen hingestellt und pendeln eine Stunde in die bayerische Hauptstadt. Ergebnis: hier bei uns am Ort (5000 Einwohner) sind die Grundstückspreise in den letzten 10 Jahren bis unter die Decke gegangen. Inzwischen nicht mehr finanzierbar. Dafür zahl ich exorbitante Miete und bei uns im Kindergarten.. naja is ne andere Geschichte.. Danke dafür...:)
Schartin Mulz 12.08.2019
2. Witzig,
dieses Bild zum Artikel. Vielleicht sollte man eine Umfrage machen;: Wer, der "aufs Land" gezogen ist, hat denn schon mal Kontakt mit Schweinen gehabt? Deises Bild vermittelt soch einen völlig falschen Eindruck. [...]
dieses Bild zum Artikel. Vielleicht sollte man eine Umfrage machen;: Wer, der "aufs Land" gezogen ist, hat denn schon mal Kontakt mit Schweinen gehabt? Deises Bild vermittelt soch einen völlig falschen Eindruck. "Auf dem LAnd", d.h. in sauberen,ordentlichen Wohnsiedlungen zu leben. Nicht im Schweinestall.
lofi 12.08.2019
3.
Der Artikel meint doch mit Land das nähere Umfeld grösserer Städte. Die sog. jungen kreativen ziehen doch nicht mitten in die Pampa. Dort bleiben die Probleme unverändert.
Der Artikel meint doch mit Land das nähere Umfeld grösserer Städte. Die sog. jungen kreativen ziehen doch nicht mitten in die Pampa. Dort bleiben die Probleme unverändert.
schutsch 12.08.2019
4. Familie in der Stadt?
Das war für uns schon 2000 nicht mehr denkbar, zumindest für Berlin und ähnlich "große" Orte. Wir kauften uns auf dem Land ein großes Haus, ganz günstig, und leben dort seit 16 Jaghren mit vier Kindern sehr [...]
Das war für uns schon 2000 nicht mehr denkbar, zumindest für Berlin und ähnlich "große" Orte. Wir kauften uns auf dem Land ein großes Haus, ganz günstig, und leben dort seit 16 Jaghren mit vier Kindern sehr glücklich, und vermissen die Stadt so gut wie gar nicht! Wenn wir doch mal in einer größeren Stadt zu Besuch sind, wollen wir nur weg. In Westberlin wuchs ich auf, doch die Stadt ist, wegen der Ausländer, für mich nur noch der reinste Alptraum. Wer ihn haben will, kann ja hingehen und für das Wohnen sein Vermögen verprassen. Auf dem Land sollte Familie, Schule und Kirche wieder zusammen kommen, wie es früher war und uns Deutsche groß machte. Arbeit ist sowieso immer genug da. Wenn ein Aldi in der Nähe ist und schnelles Internet, umso besser! Halleluja!
tiefenrausch1968 12.08.2019
5. Diskretion bitte
Erst schreibt die Zeitung, dann kommen die Massen und die Spekulanten. Lasst uns einfach endlich in Ruhe, hier auf dem Dorf im Nirgendwo. Ich fahr nur noch in die Stadt, wenn meine Mobilflat alle ist. Ostberlin wurde in den [...]
Erst schreibt die Zeitung, dann kommen die Massen und die Spekulanten. Lasst uns einfach endlich in Ruhe, hier auf dem Dorf im Nirgendwo. Ich fahr nur noch in die Stadt, wenn meine Mobilflat alle ist. Ostberlin wurde in den letzten Jahren erfolgreich kaputtglobalisiert und regiert. Da kann man nur noch die Beine in die Hand nehmen.
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