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Coworking auf dem Land

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Mitten in Brandenburg hat ein Berliner einen Platz zum Arbeiten für junge Kreative gegründet. Sie suchen das einfache Leben auf dem Lande, zwischen Gemüseacker und Digitalarbeit. Geht ihr Plan auf?

Westend61/ imago images

Altes Ölmühlen-Gelände in Wittenberge, auf dem sich im alten Speicher Co-Working-Arbeitsplätze befinden.

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Montag, 12.08.2019   13:09 Uhr

Frederik Fischer hat es eilig. Mit schnellen Schritten stapft der 38-Jährige auf das Backsteingebäude zu, hoch ragt es in den aschgrauen Himmel. Fischer tritt über Bauschutt hinweg. Neben der Tür verkündet ein Plakat in geschwungenen Lettern den "Summer of Pioneers", den Sommer der Pioniere. Fischer, so könnte man sagen, ist der Anführer der Exkursion - auch wenn er in seinen weißen Sneakers und dem lässig sitzenden Hemd kaum wie ein Abenteurer aussieht. Heute will Fischer die Expeditionsteilnehmer begrüßen. Sie sind gekommen, um Neues zu wagen - und um zu arbeiten.

Ein halbes Jahr lang wollen die Pioniere, wie sie sich selber nennen, den Traum vieler Großstädter verfolgen und auf dem Land leben. Weit weg von Lärm, Hektik und hohen Stickoxidwerten haben sie sich ein Gemeinschaftsbüro eingerichtet. Der "Coworking Space", wie Fischer das Büro nennt, liegt in einer ehemaligen Ölmühle in Wittenberge, ein Städtchen mitten in Brandenburg. "Es ist ein Abenteuer, wir sorgen für die Gesellschaft", sagt Fischer.

Lisa Duhm

Coworker Frederik Fischer: "Es ist ein Abenteuer, wir sorgen für die Gesellschaft"

Die Pioniere werden nicht nur in Wittenberge arbeiten, sondern auch hier leben. Die Stadt hat für sie ehemalige Arbeiterwohnungen renoviert und möbliert, aus Leerstand wird nun Wohnraum. Die Wohnungen liegen nur wenige Minuten vom Coworking Space entfernt - 150 Euro zahlen die neuen Bewohner für ein Zimmer in einer WG, 300 Euro für eine komplette Wohnung. Für ihren Arbeitsplatz müssen sie gar nichts zahlen, die Pacht für die Besitzer der Ölmühle übernimmt die Stadt.

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Fischer öffnet die Tür zum Coworking Space, der auf den ersten Blick auch in Berlin, Frankfurt oder München liegen könnte: Alte Dachbalken geben dem Raum ein rustikales Aussehen, in der Kaffeeküche serviert eine Espressomaschine feine Crema aus frisch gerösteten Bohnen. Die Inneneinrichtung hat ein Unternehmen übernommen, das auf die Ausstattung von Coworking Spaces spezialisiert ist.

20 Coworker kommen heute zum ersten Mal an ihrem neuen Arbeitsplatz zusammen. Sie wollen nicht nur einander kennenlernen, sondern auch die Bewohner des Ortes, der für das nächste halbe Jahr ihre Heimat sein soll. Das, was sie vorhaben, soll nicht nur ihnen selbst nützen - auch Wittenberge soll vom Coworking profitieren, so ihr Plan.

In ganz Deutschland ziehen zurzeit Projekte wie Fischers Menschen an. Sie nennen sich "Raumpioniere Oberlausitz", "ThinkFarm Eberswalde" oder "CoWorkLand". Sie wollen Menschen einen Platz zum Arbeiten geben, die nicht fest an einen Ort gebunden sind. Journalisten, Webdesigner, Illustratoren treffen in den Projekten aufeinander, sie schwärmen von freigesetzter Kreativität und loben Synergien.

Lisa Duhm

Adriana Osanu (links) mit Coworkern: "Berlin ist eine Blase"

Doch es geht um mehr. Die Stadtflüchtigen eint eine Sehnsucht: Sie wollen das entschleunigte Leben finden, hoffen auf einen Neuanfang zwischen Gemüseacker und Digitalarbeit. Und können dabei Regionen helfen, die gemeinhin als abgehängt gelten.

Auch auf Fischers Mitstreiter trifft das zu: Sie alle arbeiten in kreativen Berufen, die wenigsten haben eine Festanstellung - unter ihnen sind ein Hausboot-Berater, eine Journalistin, eine Filmemacherin. Die erste Etage der Wittenberger Ölmühle gehört nun ihnen. Draußen fließt in Sichtweite die Elbe vorbei, an dieser Stelle schmal und sanft, direkt am gegenüberliegenden Flussufer grenzt ein Naturschutzgebiet an.

In einer Ecke des Raumes sitzen Adriana Osanu, Architektin, und Vanessa Sadecky, Journalistin, auf einem antik anmutendem Stoffsofa mit Blumenmuster, die Laptops auf dem Schoß. "Berlin ist eine Blase", sagt Osanu, 33, nach dem Grund für ihren Umzug gefragt. Die Stadt sei ihr zuletzt zu laut, zu schnell, zu wild gewesen. Die Architektin ist gerade erst in Wittenberge angekommen. "Auf dem Weg mit der Bahn hierher habe ich mich gefühlt, als würde ich durch eine Schleuse fahren", sagt Osanu.

Dort turbobeschleunigtes Großstadtleben - hier die grüne Oase.

Doch ganz so einfach ist die Rechnung nicht. Osanus Mitstreiterin Sadecky lebt bereits seit einigen Tagen in Wittenberge und hat wichtige Erkenntnisse gewonnen. Zu Fuß brauche man eine Viertelstunde zum nächsten Supermarkt, das Fitnesscenter liege sogar eine halbe Stunde entfernt. Ein einziges Yogastudio gebe es im Ort, das sei nun gut ausgelastet. Einen Bioökohof habe sie auch schon entdeckt, vielleicht könne man da eine Kooperation aufbauen. Ein anderer Coworker wirft ein, dass man sich zum Mittag gut etwas beim Syrer bestellen könne, "der macht Sachen, die gibt's noch nicht mal in Berlin".

Das Leben in der Provinz reduziert die Ansprüche, doch erst einmal treten Bedürfnisse deutlicher hervor. Osanu und Sadecky sind es gewohnt, am Abend zwischen Kino, Kneipe, Sauna, Theater und Bodyworkout wählen zu können. In Wittenberge gibt es noch nicht mal eine Bar.

Lisa Duhm

Tisch im Coworking Space: Anleitungen für das einfache Leben

Die Kleinstadt liegt auf halber Strecke zwischen Hamburg und Berlin. Der ICE hält hier, wenn man die richtige Verbindung erwischt, ist man in weniger als einer Stunde in der Hauptstadt. "Sonst würde das hier nicht funktionieren", sagt Fischer. Ohne eine schnelle Verbindung zur Großstadt, ihrer echten Welt, wären wohl die wenigsten bereit gewesen, das Abenteuer als Pioniere zu wagen.

Wittenberge ist zumal politisch eine ungewöhnliche Stadt: Bei der Europawahl im Mai errang hier ausgerechnet die SPD das mit Abstand beste Ergebnis. Knapp 26 Prozent holte die Partei - im deutschen Durchschnitt ist Wittenberge eine sozialdemokratische Hochburg, wie Brandenburg überhaupt, wo seit 1990 die SPD dominiert und zurzeit eine rot-rote Landesregierung am Ruder ist. Am 1. September wird ein neuer Landtag gewählt - der AfD wird ein großer Erfolg vorhergesagt.

Doch auch Wittenberge leidet unter den typischen Problemen der Provinz. Seit den Siebzigerjahren ist die Bevölkerung um die Hälfte geschrumpft, heute leben hier um die 18.000 Menschen. Eine Forschergruppe wählte die Stadt einst aus, um an ihr die Probleme Ostdeutschlands zu studieren. Die "Zeit" titelte: "Zum Beispiel Wittenberge, eine kleine Stadt". Jeder im Ort kennt den Artikel.

Die Hoffnung des Bürgermeisters

Die Hoffnung, die Pioniere könnten das Image der Stadt aufbessern, für einen langfristigen Landboom sorgen - man liest sie in den Gesichtern der Besucher, die in den Coworking Space gekommen sind, und man hört sie in den Worten von Bürgermeister Oliver Hermann. "Wenn zehn der Pioniere am Ende der sechs Monate hier in Wittenberge bleiben, das wäre das Allerbeste", sagt Hermann. Aber auch über einen einzigen würde er sich freuen, fügt er dann schnell hinzu.

Auch die Bewohner Wittenberges sind hoffnungsvoll. Da ist die Fraktionsvorsitzende der SPD, eine ältere Dame mit elegantem Halstuch, die wissen will, wie das denn überhaupt funktioniert, diese kreative Digitalarbeit. "Computer sind ja nicht so meins." Sie will mit ihrer Ortsgruppe vorbeikommen, um sich alles ausführlich erklären zu lassen.

Da ist Rentnerin Marlies Kurzmann, die schon immer in Wittenberge lebt, und sich für ihre Stadt "frischen Wind" wünscht. Wittenberge, erklärt sie, sei eine Rentnerstadt - aber doch keine sterbende Stadt, hier könne sich noch etwas bewegen.

Und da ist Frank Wenzel, der in der Innenstadt eine Kaffeerösterei betreibt. "Wenn man an manchen Tagen aus dem Fenster guckt, da kriegt man schon Angst", sagt er. Die Straße vor seiner Rösterei sei dann leer, die Kundschaft bleibe aus. Nach der Wende sei die Stadt in ein Loch gefallen. "Alles blieb stehen." Nun hofft Wenzel, dass sich das ändert. Einen Kunden hat er schon hinzugewonnen - er beliefert den Coworking Space mit Kaffeebohnen.

Als Frederik Fischer das erste Mal per Facebook für sein Projekt warb, war die Resonanz überwältigend. Mehr als 60 Menschen bewarben sich für einen Platz im Coworking Space auf dem Land. Nun sind die 20 auserwählten Pioniere endlich da. Adriana Osanu, die Architektin, sagt: "Mal gucken, wie wir die Stadt auf den Kopf stellen. Oder sie uns".

insgesamt 23 Beiträge
MapleLeaf 12.08.2019
1. Nett, aber...
... eine Insellösung für Singles ohne Familie. Sobald Familie mit ns Bild kommt, funktioniert das ganze Konzept so nicht mehr. Grundsätzlich ist es aber richtig, dass in Zukunft so viel Arbeit wie möglich ins Home Offcie [...]
... eine Insellösung für Singles ohne Familie. Sobald Familie mit ns Bild kommt, funktioniert das ganze Konzept so nicht mehr. Grundsätzlich ist es aber richtig, dass in Zukunft so viel Arbeit wie möglich ins Home Offcie verlegt werden sollte. Die immensen Einsparungen in den verschidensetn Bereichen, vor allem durch dieses vollkommen sinnlose "Pendeln" wären so riesig, dass wir mit einem Schlag alle Abgasprobleme in den Städten los wären und Deutschland nur alleine dadurch fast schon die Klimaziele erreichen würde.
MG34 12.08.2019
2. Wunderbar!
Ich wünsche Euch gutes Gelingen! Bitte mehr von solchen Aktionen! Traut Euch!! :)
Ich wünsche Euch gutes Gelingen! Bitte mehr von solchen Aktionen! Traut Euch!! :)
ned divine 12.08.2019
3. theoretisch nett gedacht, wird sich aber in der Praxis
kaum bewähren. Die jungen hippen Co-Worker vermissen - wie ja schon selbst von ihnen - eingeräumt, bereits jetzt die Nähe von Bars, Restaurants oder sagen wir einfach eine umfangreiche flexible Abend- und Freizeitgestaltung. [...]
kaum bewähren. Die jungen hippen Co-Worker vermissen - wie ja schon selbst von ihnen - eingeräumt, bereits jetzt die Nähe von Bars, Restaurants oder sagen wir einfach eine umfangreiche flexible Abend- und Freizeitgestaltung. Und solange man ein Nerd oder Single ist, wird das sicher ganz gut damit arrangieren können, aber sicher, wenn dann ein Partner oder gar noch Kinder dazukommen, genauer gesagt wenn sich die Prioritäten dann verschieben..... Hmm, dann wäre es spannend, die "Pioniere" noch mal abzufragen.
blurps11 12.08.2019
4.
Mit Familie wird das für die meisten v.a. finanziell nicht funktionieren. Charakteristisch für diese "Jobs" ist doch, dass ein Single damit geradeso über die Runden kommt, aber Altersvorsorge, Rücklagen bilden [...]
Zitat von ned divinekaum bewähren. Die jungen hippen Co-Worker vermissen - wie ja schon selbst von ihnen - eingeräumt, bereits jetzt die Nähe von Bars, Restaurants oder sagen wir einfach eine umfangreiche flexible Abend- und Freizeitgestaltung. Und solange man ein Nerd oder Single ist, wird das sicher ganz gut damit arrangieren können, aber sicher, wenn dann ein Partner oder gar noch Kinder dazukommen, genauer gesagt wenn sich die Prioritäten dann verschieben..... Hmm, dann wäre es spannend, die "Pioniere" noch mal abzufragen.
Mit Familie wird das für die meisten v.a. finanziell nicht funktionieren. Charakteristisch für diese "Jobs" ist doch, dass ein Single damit geradeso über die Runden kommt, aber Altersvorsorge, Rücklagen bilden usw. sind nicht drin. Kinder schon gar nicht. Gibt natürlich auch Ausnahmen, aber die sind eben das: Ausnahmen.
hoeffertobias 12.08.2019
5. Wahnsinn!
"Ohne eine schnelle Verbindung zur Großstadt, ihrer echten Welt, wären wohl die wenigsten bereit gewesen, das Abenteuer als Pioniere zu wagen." Also das Landleben in Verbindung mit den Annehmlichkeiten der [...]
"Ohne eine schnelle Verbindung zur Großstadt, ihrer echten Welt, wären wohl die wenigsten bereit gewesen, das Abenteuer als Pioniere zu wagen." Also das Landleben in Verbindung mit den Annehmlichkeiten der Großstadt?Am besten mit einer Zweitwohnung in Berlin und Hamburg. Und das soll jetzt was sein? Klimaschutz? Dafür dann zu Fuß zum Yoga? Manmanmanmanmanmanmanmanman!
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