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KarriereSPIEGEL

Lokführermangel

Personal fehlt - Bahn-Verspätungen weiter garantiert

Verspätungen, Zugausfälle: hinter den großen Problemen der Bahn steckt auch Personalmangel. Das Unternehmen will gegensteuern - und wirbt um Quereinsteiger.

Silas Stein/ DPA

Die Deutsche Bahn will über 20.000 neue Mitarbeiter einstellen, darunter allein rund 2000 Lokführer

Montag, 12.08.2019   17:09 Uhr

Wegen des massiven Personalmangels bei der Deutschen Bahn wird es voraussichtlich auch in Zukunft zu Zugausfällen und Verspätungen im laufenden Betrieb kommen. Das Unternehmen will allein in diesem Jahr 2000 neue Lokführer anstellen, bestätigte ein Sprecher dem SPIEGEL. "Wir stellen massiv ein, um unsere Kapazitäten zu erhöhen", sagte der Sprecher.

Zuletzt war es immer wieder zu teils langen Ausfällen von Verbindungen gekommen, weil das Personal fehlte. So mussten im vergangenen Herbst Pendler in Schleswig-Holstein für mehrere Wochen auf Busse umsteigen, die "Kieler Nachrichten" berichteten. Im Februar dieses Jahres traf es dann Berlin und Brandenburg: Dort fielen an einem Wochenende viele Regionalzüge aus, weil sich nach Berichten des "Tagesspiegels" zu viele Lokführer gleichzeitig krankgemeldet hatten.

"Die Bahn hat über Jahrzehnte hinweg Personal abgebaut. Das ist die Konsequenz", sagte Gerda Seibert von der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer dem SPIEGEL. Das Durchschnittsalter der Lokführer ist hoch - laut Unternehmen 46,4 Jahre - das Problem werde sich in den nächsten Jahren somit voraussichtlich noch verschlimmern. Deutschlandweit fehlten schon jetzt etwa 1500 Lokführer, nicht nur bei der Deutschen Bahn, sondern auch bei Mitbewerbern oder im öffentlichen Nahverkehr.

Doch die Rekrutierung von Nachwuchs gestaltet sich offenbar schwierig. Besonders der Schichtdienst schrecke junge Menschen davon ab, Lokführer zu werden, so Seibert. Auch die psychische Belastung sei wegen vieler Suizidversuche auf Bahnstrecken hoch. "Die Personaldecke ist so dünn, dass Ausfälle nicht mehr aufgefangen werden können", so Seibert. Das erkläre auch, warum Züge gestrichen würden, sobald sich mehrere Lokführer gleichzeitig krankmeldeten.

Um den Personalmangel auszugleichen, setzt die Bahn deswegen nun auch gezielt auf Quereinsteiger. "Wer bereits eine abgeschlossene Berufsausbildung hat, kann bei uns unkompliziert umlernen", so ein Unternehmenssprecher. Diese Umschulung dauert im Gegensatz zur dreijährigen Ausbildung nur zehn bis zwölf Monate.

Die Bahn werbe deswegen auch bei Unternehmen in anderen Branchen, die Arbeitsplätze abbauen. So suche die Deutschen Bahn mit ihren Angeboten zum Beispiel bei Ford nach neuen Kräften. Der Autokonzern baut am Kölner Standort einige Tausend Stellen ab. Auch bei der Ruhrkohle AG habe sich die Bahn mit ihren Jobmöglichkeiten schon den dortigen Mitarbeitern vorgestellt.

Der Fachkräftemangel mache sich auch bei der Bahn bemerkbar. Der unorthodoxe Wettbewerb um Fachkräfte führt auch zu neuen Werbemethoden. In den kommenden Wochen etwa werden DB-Mitarbeiter in Wohnwagen für mehrere Wochen durch Deutschland reisen. Sie sollen vor Ort für die Berufsmöglichkeiten bei der Deutschen Bahn werben - Interessierte können dort Bewerbungsgespräche führen und sollen eine direkte Rückmeldung erhalten.

Anmerkung: In einer früheren Version des Textes wurde das Durchschnittalter der Lokführer mit "mehr als 50" Jahre angegeben. Wir haben die Zahl korrigiert.

lmd/dpa

insgesamt 12 Beiträge
Ein Stein! 13.08.2019
1. Die "Work-Life-Balance" ist das Hauptproblem vieler Berufe
Bei Bahn, ÖPNV, Gesundheitswesen (insbesondere im Klinikbereich), Pflegeberufen, Polizei und Rettungsdiensten, Bäckereihandwerk und so weiter tätig zu sein bedeutet massive Beeinträchtigungen des Privatlebens.und die [...]
Bei Bahn, ÖPNV, Gesundheitswesen (insbesondere im Klinikbereich), Pflegeberufen, Polizei und Rettungsdiensten, Bäckereihandwerk und so weiter tätig zu sein bedeutet massive Beeinträchtigungen des Privatlebens.und die weitestgehende Aufgabe des Freundes-und Bekanntenkreises. Selbst ein Familienleben ist nur schwer aufrecht zu erhalten, wenn nur einer der Partner im Schichtdienst beschäftigt ist und der andere zwar berufstätig, jedoch Mo-Fr. Das wurde in den 80ern und 90ern noch bedingt ausgeglichen durch "Schmerzensgeld", derartige Tätigkeiten wurden vergleichsweise gut bezahlt. Nach der Privatisierungswelle ging das mächtig nach unten, hohe dreistellige Einkommenseinbußen für Berufseinsteiger waren die Folge. Entsprechend gering war die Motivation der Neueinsteiger, viele kündigten bereits im ersten Beschäftigungsjahr. Die Arbeitgeber haben immer noch nicht begriffen, dass die Einkommen signifikant steigen müssen. Ferner sind die Arbeitsbedingungen zwingend zu verbessern. Wer gnadenlos die tarifvertraglichen Möglichkeiten dieser Berufe, die noch unter denen des Arbeitszeitgesetzes liegen (10 Stunden Ruhezeit anstatt 11, 12 Sonntage im Jahr frei, geteilte Dienste, vorgeschriebener Urlaub zu jeder Jahreszeit [wenn Sie "Glück" haben, liegt Ihr Urlaub im Februar und im November] u.s.w.) ausnutzt, darf sich nicht wundern, wenn er kein Personal mehr bekommt, welches sich das bieten lässt. Und warten Sie mal ab, wie das erst wird, wenn die noch vorhandenen Altbeschäftigten (Bahn und Post haben noch verbeamtete Mitarbeiter) in Rente/Ruhestand gehen. Ich beobachte das mit Galgenhumor, wer nicht hören/sehen will muss eben spüren!
markus_wienken 13.08.2019
2.
Wenn es sich wenigstens um einen normalen Schichtdienst (Früh, Spät, Nacht) handeln würde. Die Realität sieht aber anders aus, ungefähr so: Mo. 09:35 Uhr Arbeitsbeginn, Di 16:55, Mi frei, Do 01:20, Fr. 05:10, und so [...]
Zitat von Ein Stein!Bei Bahn, ÖPNV, Gesundheitswesen (insbesondere im Klinikbereich), Pflegeberufen, Polizei und Rettungsdiensten, Bäckereihandwerk und so weiter tätig zu sein bedeutet massive Beeinträchtigungen des Privatlebens.und die weitestgehende Aufgabe des Freundes-und Bekanntenkreises. Selbst ein Familienleben ist nur schwer aufrecht zu erhalten, wenn nur einer der Partner im Schichtdienst beschäftigt ist und der andere zwar berufstätig, jedoch Mo-Fr. Das wurde in den 80ern und 90ern noch bedingt ausgeglichen durch "Schmerzensgeld", derartige Tätigkeiten wurden vergleichsweise gut bezahlt. Nach der Privatisierungswelle ging das mächtig nach unten, hohe dreistellige Einkommenseinbußen für Berufseinsteiger waren die Folge. Entsprechend gering war die Motivation der Neueinsteiger, viele kündigten bereits im ersten Beschäftigungsjahr. Die Arbeitgeber haben immer noch nicht begriffen, dass die Einkommen signifikant steigen müssen. Ferner sind die Arbeitsbedingungen zwingend zu verbessern. Wer gnadenlos die tarifvertraglichen Möglichkeiten dieser Berufe, die noch unter denen des Arbeitszeitgesetzes liegen (10 Stunden Ruhezeit anstatt 11, 12 Sonntage im Jahr frei, geteilte Dienste, vorgeschriebener Urlaub zu jeder Jahreszeit [wenn Sie "Glück" haben, liegt Ihr Urlaub im Februar und im November] u.s.w.) ausnutzt, darf sich nicht wundern, wenn er kein Personal mehr bekommt, welches sich das bieten lässt. Und warten Sie mal ab, wie das erst wird, wenn die noch vorhandenen Altbeschäftigten (Bahn und Post haben noch verbeamtete Mitarbeiter) in Rente/Ruhestand gehen. Ich beobachte das mit Galgenhumor, wer nicht hören/sehen will muss eben spüren!
Wenn es sich wenigstens um einen normalen Schichtdienst (Früh, Spät, Nacht) handeln würde. Die Realität sieht aber anders aus, ungefähr so: Mo. 09:35 Uhr Arbeitsbeginn, Di 16:55, Mi frei, Do 01:20, Fr. 05:10, und so weiter., vom Einspringen weil Kollegen ausfallen ganz zu schweigen. Also völlig willkürliche Arbeitszeiten, in der Regel nur sehr wenige Tage vorab bekannt. Da ist kaum Planung und Familienleben schon gar nicht möglich.
sammilch 13.08.2019
3.
Wer sich die Stellengesuche (und Anforderungen) bei DB durchliest merkt schnell, dass der Beruf aus der Zeit fällt. Vermutlich ist es wirklich günstiger und menschenfreundlicher diesen Beruf mit all seinen Belastungen an eine [...]
Wer sich die Stellengesuche (und Anforderungen) bei DB durchliest merkt schnell, dass der Beruf aus der Zeit fällt. Vermutlich ist es wirklich günstiger und menschenfreundlicher diesen Beruf mit all seinen Belastungen an eine "Maschine" abzugeben. Keiner sollte mehr solche Dienst schieben müssen. Die Bahn verlangt im übrigen für die Umschuldung einen Führerschein und einen PKW - vermutlich möchte sie, dass die zukünftigen Lokführer dann doch pünktlich zur Arbeit kommen - genau mein Humor.
Ein Stein! 13.08.2019
4. Nicht nur pünktlich, sondern
überhaupt hinkommen. Die Arbeitszeiten, die @markus_wienken so wunderbar aufgeführt hat (was ich in meinem Beitrag mit "gnadenloser Ausnutzung von Möglichkeiten" zusammengefasst habe), sollten alle, die im [...]
Zitat von sammilchWer sich die Stellengesuche (und Anforderungen) bei DB durchliest merkt schnell, dass der Beruf aus der Zeit fällt. Vermutlich ist es wirklich günstiger und menschenfreundlicher diesen Beruf mit all seinen Belastungen an eine "Maschine" abzugeben. Keiner sollte mehr solche Dienst schieben müssen. Die Bahn verlangt im übrigen für die Umschuldung einen Führerschein und einen PKW - vermutlich möchte sie, dass die zukünftigen Lokführer dann doch pünktlich zur Arbeit kommen - genau mein Humor.
überhaupt hinkommen. Die Arbeitszeiten, die @markus_wienken so wunderbar aufgeführt hat (was ich in meinem Beitrag mit "gnadenloser Ausnutzung von Möglichkeiten" zusammengefasst habe), sollten alle, die im SPON-Forum permanent herauströten, in der Stadt braucht "niemand ein Auto" mal studieren und dann, wie ich hier in einem anderen Thread schon einmal anmerkte, danach ihren Urlaub verbringen (nur die Hin- und Rückfahrten druchführen ohne dazwischen arbeiten zu müssen). Vielleicht würde dies den Horizont der "Niemand braucht"-Trompeten ein wenig erweitern.
burlei 13.08.2019
5. Am 31.12.1993 ...
... hatten die Deutsche Bundesbahn noch 320.000 Mitarbeiter, die Deutschen Reichsbahn noch 138.000, insges. also 458.000 Mitarbeiter. 20 Jahre später hatte die am 01.01.1994 entstandene Deutschen Bahn AG noch etwas über 170.000 [...]
... hatten die Deutsche Bundesbahn noch 320.000 Mitarbeiter, die Deutschen Reichsbahn noch 138.000, insges. also 458.000 Mitarbeiter. 20 Jahre später hatte die am 01.01.1994 entstandene Deutschen Bahn AG noch etwas über 170.000 MA weltweit, ein Verlust von fast 300.000 gut ausgebildete und motivierte MA alleine in Deutschland. Damit einher gingen zig Umstrukturierungen einschließlich der dazu gehörenden Verunsicherung und Demoralisierung der Mitarbeiter. Vor 30 Jahren empfahlen aktive Eisenbahner den Beruf des Eisenbahners noch als Alternative zu den typischen Berufen in der Wirtschaft, heute raten sie davon ab. Natürlich, die Bahn sucht händeringend Lokführer. Der Traum von autonom fahrenden Zügen, der auch verschiedentlich hier im Forum geträumt wird, ist möglich. Eine kurze U-Bahn-Linie in Nürnberg beweist das. In der Fläche, oder wenigstens an der Oberfläche zur Anwendung kommen wird dieser Traum wohl erst in 50 Jahren und mehr. Äußerliche Beeinflussungen kann man nie ausschließen, wenn man nicht jede Bahnlinie in Deutschland zur U-Bahn machen will. Was hält Menschen ab, Lokführer zu werden? Da wären zunächst die Dienstzeiten. Die Bahn fährt 24/7, also 24 Stunden am Tag, sieben Tage in der Woche, 365 Tage im Jahr. Dementsprechend ist Schichtarbeit zu leisten. Aber nicht in Schichten von 6 bis 14, 14 bis 22 und 22 bis 6 Uhr, sondern völlig unregelmäßig. Montags Beginn um 4:12 Uhr in Stadt "A", Feierabend 13:22 Uhr in Stadt "C", Dienstag von 14:17 Uhr in "B" bis 0:24 Uhr, diesmal in "D", Mittwoch frei, Donnerstag von 10:43 Uhr bis 20:17 Uhr, Freitag von 15:28 Uhr bis 21:12 Uhr, Samstag von 9:43 Uhr bis 20:51 Uhr und Sonntag von 6:04 Uhr 17:53 Uhr, Montag frei und Dienstag wieder andere Schichten usw. Die Bezahlung entspricht einer durchschnittlichen Bezahlung in der Wirtschaft ohne Schichtdienst und freiem Wochenende. Es gibt natürlich Zulagen, die im Monat einige hundert Euro ausmachen können. Fahrten von und zum Arbeitsort sind Sache des Lokführers (wie in der Wirtschaft), die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel eher die Ausnahme, denn der erste Zug, der von hier nach da fährt ist der Zug, zu dem der Lokführer grade im eigenen PKW fährt. Fährt ein Lokführer im Personenverkehr, hat er noch Glück, seine Ankunft zu Hause kann sich höchsten mal um 2 Stunden verschieben, wenn mal jemand wieder meint, sein anscheinend verpfuschtes Leben durch einen Sprung vor einen Zug beenden zu müssen. Davon gibt es jeden Tag mehrere.

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