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KarriereSPIEGEL

Studie

Jeder fünfte Arbeitnehmer empfindet "digitalen Stress"

Sie sollen die Arbeit erleichtern, belasten viele Beschäftigte aber auch: digitale Technologien. Was Mitarbeiter am meisten nervt, zeigt eine Umfrage.

Getty Images

Freitag, 30.08.2019   15:51 Uhr

Ständig poppen E-Mails auf, der Drucker streikt und schon wieder wurde ein neues System zur Datenverarbeitung eingeführt: Es sind viele Faktoren, die Arbeitnehmer durch die Digitalisierung ihres Arbeitsplatzes als belastend oder stressig empfinden. Zu diesem Ergebnis kommen die Universität Bayreuth , die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin und das Fraunhofer-Institut in einer Studie.

Demnach nimmt fast jeder fünfte Beschäftigte in mindestens einem von insgesamt zwölf von den Forschern ausgemachten Faktoren starken "digitalen Stress" wahr.

Die wichtigsten Ergebnisse im Überblick:

Als besonders belastend oder stressig empfinden die Befragten, dass durch digitale Technologien ihre Leistung überwacht werden kann. Sie fürchten außerdem, dass die zunehmende Nutzung ihre Privatsphäre verletzt. Stichwort: "Gläserne Person".

Weiterer Stressfaktor: wenn die digitale Technik hakt, instabil läuft oder ganz streikt (Faktor "Unzuverlässigkeit"). Zudem fühlten sich die Befragten belastet oder gestresst, wenn sie immer wieder bei ihrer Arbeit unterbrochen werden, zum Beispiel wenn ständig E-Mails aufpoppen und ihre Konzentration stören.

Was die Befragten der Studie zufolge dagegen wenig stresst: mangelnde Erfolgserlebnisse. Und wenn sie einerseits technische Probleme beheben und andererseits ihrer eigentlichen Tätigkeit nachgehen sollen und dazwischen hin- und hergerissen werden (Faktor "Unklarheit der Rolle"), wirkt das auch nicht besonders belastend.

Informationen zur Studie

Wer hat die Studie durchgeführt und finanziert?
Die Studie ist am Forschungs- und Entwicklungsprojekt "PräDiTec - Prävention für sicheres und gesundes Arbeiten mit digitalen Technologien" angesiedelt und wurde von elf Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern des Betriebswirtschaftlichen Forschungszentrum für Fragen der mittelständischen Wirtschaft an der Uni Bayreuth (BF/M-Bayreuth), der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin und des Fraunhofer-Instituts für Angewandte Informationstechnik FIT durchgeführt. Bei der Umsetzung waren zudem deren Unternehmenspartner AVS, IAS-Gruppe und Loewe beteiligt. Das Projekt wurde vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert.
Wie wurden die Daten erhoben?
Für die Studie wurden die Fragebögen von 5005 Erwerbstätige zwischen 18 und 67 Jahren ausgewertet. Die Erhebung erfolgte von Dezember 2018 bis Februar 2019 über einen Onlinefragebogen. Zwei Drittel der Befragten sind Wissensarbeitende, also Erwerbstätige, deren vornehmliche Tätigkeit im Verarbeiten von Informationen besteht.
Was war das Ziel der Untersuchung?
Die Studienmacher haben sich zum Ziel gesetzt, "das durch das Voranschreiten der Digitalisierung veränderte Belastungs- und Beanspruchungsprofil in Deutschland zu analysieren sowie Präventionsmaßnahmen zu entwickeln, um die Potenziale moderner Technologien und Medien für eine menschengerechte Gestaltung der Arbeit zu nutzen und Fehlbelastungen zu vermeiden."

Stress wird von Betriebsgröße und Führungsstil beeinflusst

Wie hoch der Stresspegel liegt, der durch digitale Technologien ausgelöst wird, hängt der Studie zufolge stark davon ab, wie groß ein Unternehmen ist - und wie es geführt wird.

Erwerbstätige in Unternehmen mit ausgeprägten Hierarchien und bürokratischen Strukturen zeigen sich weniger digital gestresst als Beschäftigte in innovativen Unternehmen, von denen Kreativität und Risikobereitschaft erwartet wird.

Mitarbeiter in Betrieben mit mehr als 250 Beschäftigten empfinden eher Stress und fühlen sich verunsichert, wenn digitale Technologien häufiger wechseln und sie sich umstellen müssen (Faktor "Unsicherheit") als Mitarbeiter in kleineren Betrieben. Sie fühlen sich auch öfter belastet, wenn Technologien nicht zuverlässig funktionieren oder ihre Leistung digital überwacht wird.

Ein weiteres Ergebnis der Studie: Beschäftigte, die am Arbeitsplatz unter sozialen Konflikten, hohen emotionalen Anforderungen oder einem hohen Arbeitspensum leiden, sind stärker von digitalem Stress betroffen. Die Betroffenen leiden dem Bericht zufolge unter Erschöpfung, fühlen sich stark gereizt und können krank werden.

Leidet der Angestellte, leidet der Chef

Der von den Angestellten empfundene Stress wirke sich auch für die Arbeitgeber negativ aus, sagt Studienautor Torsten Kühlmann, Professor an der Uni Bayreuth: "Erwerbstätige mit starkem digitalem Stress berichten häufiger, dass sie Probleme haben, von der Arbeit abzuschalten", sagt er.

Sie zeigten öfter schlechtere Leistungen und dächten öfter daran, die Arbeitsstelle oder gleich den ganzen den Beruf zu wechseln. "Sie sind außerdem unzufriedener mit ihrer Arbeitsstelle", sagt Kühlmann.

Was man gegen "digitalen Stress" tun kann? Laut Studienautor Nils Urbach, Professor am Fraunhofer-Institut, gibt es mehrere Strategien. Die Beschäftigten sollten zum Beispiel mehr Freiraum bekommen, wie sie ihre Arbeit gestalten. Hilfreich sei zudem "eine gute Beziehung zu Vorgesetzten".

sun

insgesamt 12 Beiträge
torflut 30.08.2019
1. noch etwas
Die Technik übernimmt zunehmend Entscheidungen und der eigene Entscheidungsspielraum sinkt. Damit wird die Arbeit entwertet und es geht zunehmend um Menge und weniger um Qualität oder Kreativität. Auch wenn der Arbeitsplatz [...]
Die Technik übernimmt zunehmend Entscheidungen und der eigene Entscheidungsspielraum sinkt. Damit wird die Arbeit entwertet und es geht zunehmend um Menge und weniger um Qualität oder Kreativität. Auch wenn der Arbeitsplatz noch ausreichend Fehlerfallen bereit hält, sinkt die Attraktivität der Aufgabe. Zukünftig sind solche Überlegungen jedoch nicht mehr nötig, denn digitale Lösungen werden massenhaft Arbeitsplätze am Computer vernichten. Dieser Prozess wird in Kürze Verwaltungen, Banken, Versicherungen usw. hart treffen.
Profdoc1 30.08.2019
2. @ #1
Die Banken, Versicherungen, etc. wird es nicht hart treffen, im Gegenteil...... Es wird die Mitarbeitenden treffen! Korrekt.
Die Banken, Versicherungen, etc. wird es nicht hart treffen, im Gegenteil...... Es wird die Mitarbeitenden treffen! Korrekt.
zeisig 30.08.2019
3. Zu schnell.
Technischer und digitaler Fortschritt ist etwas Gutes. Aber das geht alles zu schnell.
Technischer und digitaler Fortschritt ist etwas Gutes. Aber das geht alles zu schnell.
Periklas 30.08.2019
4. Was die KI noch lernen sollte
Das ein Computer seine eigene Leistungsfähigkeit nicht in Frage stellen soll, ist der Anspruch den wir selbst auf jedes Netzwerk und jeden Client übertragen haben. Ein Ausfall ist zu keinem Zeitpunkt tolerierbar. Eine [...]
Das ein Computer seine eigene Leistungsfähigkeit nicht in Frage stellen soll, ist der Anspruch den wir selbst auf jedes Netzwerk und jeden Client übertragen haben. Ein Ausfall ist zu keinem Zeitpunkt tolerierbar. Eine Leistungsüberwachung entsteht aus dem Anspruch selbst wohin gegen die Ungewissheit bei einem Ausfall der Systeme den Stress weiter erhöht. Da der Ausfall von einem System in einem persönlichen Verantwortungsbereich hineinreicht ist die Differenzierung zwischen einfachen Fehlverhalten einem selbst(keine Updates aufgespielt) oder der eigentliche Ursache nicht geklärt. Vereinfacht gesagt die gläserne Person sitzt hinter dem Bildschirm. Alle andere Faktoren wie Unzuverlässigkeit, Unterbrechungen, Überflutungen und Nichtverfügbarkeit sind relative Faktoren der Ich Wahrnehmung. Dem Fall entsprechend ein Twitter Beitrag von Donald Trump zur Veröffentlichung länger als fünf Stunden benötigen sollte liegt das nicht in der Verantwortung der Twitter IT.
emil_erpel8 31.08.2019
5.
"KI" sind von Menschen programmierte und/oder trainierte Algorithmen. Intelligenz und Selbstreflektion sind da soviel drin wie in Schimmelpilz oder Tapeten.
Zitat von PeriklasDas ein Computer seine eigene Leistungsfähigkeit nicht in Frage stellen soll, ist der Anspruch den wir selbst auf jedes Netzwerk und jeden Client übertragen haben. Ein Ausfall ist zu keinem Zeitpunkt tolerierbar. Eine Leistungsüberwachung entsteht aus dem Anspruch selbst wohin gegen die Ungewissheit bei einem Ausfall der Systeme den Stress weiter erhöht. Da der Ausfall von einem System in einem persönlichen Verantwortungsbereich hineinreicht ist die Differenzierung zwischen einfachen Fehlverhalten einem selbst(keine Updates aufgespielt) oder der eigentliche Ursache nicht geklärt. Vereinfacht gesagt die gläserne Person sitzt hinter dem Bildschirm. Alle andere Faktoren wie Unzuverlässigkeit, Unterbrechungen, Überflutungen und Nichtverfügbarkeit sind relative Faktoren der Ich Wahrnehmung. Dem Fall entsprechend ein Twitter Beitrag von Donald Trump zur Veröffentlichung länger als fünf Stunden benötigen sollte liegt das nicht in der Verantwortung der Twitter IT.
"KI" sind von Menschen programmierte und/oder trainierte Algorithmen. Intelligenz und Selbstreflektion sind da soviel drin wie in Schimmelpilz oder Tapeten.

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